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Der Israelit · 1930-02-06 · Heft 6 (6.2.1930) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 6 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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6. Februar 1930 Der Israelit Blätter Nr. 3 Seite 3 obwohl hierbei von einem Verzicht auf die politischen Grundlagen des Zionismus keine Rede ist. Die Aguda hat im wesentlichen an der Balfour- Deklaration nichts auszusetzen, im Gegenteil, sie ist vielleicht mit Ausnahme einiger extremer Fanatiker gleich uns allen mit der Deklaration zufrieden und wäre gewiß froh, bald eine jüdische Majorität in Palästina zu sehen. Aber sie ist gegen das Majorisieren der jüdischen Religion. Die Linie ihrer. Opposition gegen den Zionismus bewegt sich in kulturellen Fragen im Bereich geistiger Differenzen. Ich hatte auf mener Reise eine ganze Reihe von Unterredungen mit Rabbinern, Jeschiwoh- Leiternl und Jeschiwoh-Menschen, in denen ich über die Ideologie der Aguda Klarheit und den Eindruck von der Möglichkeit einer Verständigung gewann. Kurz gesagt, ist die agudistische Ideologie folgende: Thora und die jüdische Religion haben die Priorität vor Israel, denn ohne Thora und jüdische Tradition gibt es kein jüdisches Volk und keine Notwendigkeit für die Existenz desselben. Juden sind geborew, um ein eigenartiges Volk nach den Vorschriften der Thora zu sein. Hören sie auf, zu sein, was sie nach dem Willen der Thora sein sollen, so sollen sie nicht sein, verlieren ihre Daseinsberechtigung. Eine der drei Fragen, für die sich das jüdische Individuum und die jüdische Gesamtheit opfern muß, ist Abgötterei, darunter ist nicht nur direkter Religiormwechsel gemeint, auch die Aenderung eines Schuhriemens mit der Tendenz der Entfremdung von der Religion ist Abgötterei und verlangt dieselben Konsequenzen. Es liegt also die wesentliche Bedeutung in der Seele des Juden, nicht in seinem Körper. Kann die Seele der Juden ihr Leben führen, so mag auch sein materielles Leben gedeihen, sonst hat dieses keinen Wert. Auch Palästina ist eine ideelle Frage; es wurde, so heißt es, den jüdischen Menschen gegeben, daß sie sich dort entsprechend den Sinai-Forderungen, geistig ausleben können, nicht aber, um nur ein physisches Leben dort zu führen. Hierfür gebe es andere und vielleicht bessere Landstriche. Selbstverständlich ist ein ideelles Leben ohne materielle Grundlage undenkbar, deshalb müßte Palästina ein fruchtbares Land sein, da bequemere materielle Bedingungen auch dem Ideellen mehr Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Die Nationalisten und Zionisten aber haben das Verhältnis verkehrt, den ganzen Inhalt des Judentums verdreht, indem sie Thora und die ganze jüdische Geschichte unrichtig auffassen, mit der Behauptung, daß der Hauptwerk der Juden in ihrer materiellen Existenz läge, nicht in ihrer ideellen. Das, was den Juden ausmache, sei seine Abstammung: sein physisches Dasein; seine Seele mag eine barbarische sein, seine Gesinnung religionsfremd, er bleibt ein Mitglied der jüdischen Nation. Einem solchen Nationalismus aber steht die Orthodoxie ablehnend gegenüber. In dieser Form etwa haben es mir meine Gesprächspartner erklärt. Daraufhin verwies ich sie auf den Ausspruch: Auch wenn ein Mann aus Israel sündigt, bleibe er ein Mann aus Israel, der doch auf die Abstammung großen Wert lege. Das gestand man mir zu und wies es weit von sich, die Bedeutung dieses Wortes zu unterschätzen. Im Gegenteil, sie seien im Wesen viel stärkere Nationalisten als dre sogenannten Nationalisten. Aber, der Wert des jüdischen Stammes liege nach ihrem Standpunkt in seinem engen Zusammenhang mit der jüdischen Seele. Das Blut, das in ihren Adern strömt, komme aus einer heiligen Quelle und besäße die-Möglichkeit der Heiligkeit, wenn auch die Handlung unheilig sei. Das ist der Sinn des obigen Ausspruches, weil auch ein augenblicklich schlechter Jude einmal den Weg zum wahren Judentum zurückfinden könne. Ganz anders aber verhält es sich, wenn der Rasfennationalismus zu einer Ideologie, zu einer Theorie würde. Soweit diese Theorie die jüdische Religion negiert, negiert sie auch die Heiligkeit des Quelles des jüdischen Blutes, den spezifischen Inhalt der jüdischen Abstammung in ihrem Zusammenhang mit der Thora. Folglich bedeute diese Theorie Religionsabkehr, Abgötterei. Derjenige, der sich dieser Theorie ganz hingäbe, schließe sich aus der jüdischen Nation selbst aus. Wer, so sagte man, in Anlehnung an ein Wort der Weisen, sagt: ich habe nichts wie Nationalismus, der habe auch den Nationalismus nicht. Deshalb könne ein Jude, der auf dem Standpunkt der alten Tradition stehe, die Hand dem Zionismus nicht bieten, solange wenigstens nicht, als dieser den Gedanken aufoktroyieren will, daß Palästina lediglich die Stätte für einen modernen Nationalismus fei, nicht aber das heilige Land nach der Definition der Thora und der alten Schriften und wie es von Moses an durch alle Generationen hindurch ausgefaßt wurde. Weiter sagten mir meine agudistischen Gewährsmänner, es sei jedenfalls ein unerhörter Gewaltakt, neue Götter zu schaffen, von denen unsere Ahnen nichts gewußt, das Verhältnis umzukehren und diejenigen als Leugner zu brandmarken, die bei dem alten jüdischen Gott bleiben und die neuen Götter anzunehmen sich weigern. Man hat z. B. ein neues Schlagwort gegeben: Belebung der Sprache. Einer hat diesem Schlagwort den Wert eines Dogmas gegeben, berufen, die alte Religion abzulösen. Das fei doch sicher die größte Leugnung, die man sich denken könne. Hätten doch wenigstens die Prediger und Propagatoren dieser Idee eine gewisse Scheu gehabt, den Faden allzu straff anzuziehen, aber im Gegenteil, sie sind rücksichtslos und terrorisieren jeden, der ihren neuen Glaubensartikel nicht annimmt. Sollte einer sagen, Hebräisch sei nicht die Hauptgrundlage eines jüdischen Palästina, man wird euch verbrennen mit dem Flammenhauch ihrer Phrase und euch als Bundisten verschreien. Aber, natürlich, wenn sie erklären, jüdische Religion sei kein wesentliches Moment, habe überhaupt keine Beziehung zum Ausbau einer jüdischen Heimstätte — sind sie natürlich keine Volksverräter, sind sie natürlich die hundertprozentigen jüdischen Patrioten. Wenn aber die Zionisten von der Welt Anerkennung der Ehrlichkeit wünschen — ohne diese ist ein Erfolg unmöglich —, wo ist ihre eigene Ehrlichkeit? Ruft alle früheren Generationen seit Zerstörung des Tempels, die weintenund beteten für die Wiederbelebung Palästinas, die den Erlösungstermin bis heute aufrechterhalten haben, aus ihren Gräbern und fragt sie, was für den Wiederaufbau Palästinas wichtiger sei, jüdische Religion oder hebräische Sprache, — sie werden euch anschauen wie entschiedene Feinde Israels. Vor allem werden sie den Ausdruck „Hebräisch" gar nicht verstehen, sie haben stets nur von einer heiligen Sprache gewußt, das Wort „Hebräisch" haben sie nie vernommen, was aber die Frage nach der Religion beträfe — was fei denn das für eine wilde Frage? Wozu denn sollen Juden nach Palästina zurück, wenn nicht, um auch die mit dem heiligen Boden zusammenhängenden Gebote zu erfüllen und der Religion mehr gerecht zu werden? Ohne dies, wozu das Exil unterbrechen? Falls die Religion keine Rolle spielt, kann man sich den Völkern assimilieren, wenn einem das Exil zu eng ist. — Nun, man kann jene Generationen nicht aus den Gräbern rufen, aber auch der verbissenste Religionlsfeind wird zugestehen, falls er nur ein Atom von Wahrheitsliebe hat, daß jene diese Antwort erteilen werden. Ich habe natürlich nicht geschwiegen und habe opponiert, wo ich ihre Behauptungen nicht für richtig fand. In bezug auf „Hebräisch" erwiderte ich, die. Bezugnahme auf vergangene Generationen sei nicht ganz stichhaltig, denn jene Generationen feien bildungfeindlich gewesen. Die Aguda hat aber bisher sich bildungsfreundlich erwiesen, auch abgesehen von ihren Politikern in Deutschland, die jede Gegnerschaft gegen weltliche Bildung aufgegeben haben; auch ihre starken Anhänger in Polen und Litauen gründen Bildungsstätten und Leiter von Jeschiwoth, solcher, die ausschließlich für Thorastudium bestimmt sind, erklärten mir mit ---- Stolz, daß diese ihre Jünger allgemeines Wissen besitzen. Es sind also Konzessionen an die Zeitnotwendigkeit gemacht; warum verhält man sich so gegen Hebräisch in Palästina? Vielleicht, weil Freidenker dies der ganzen Religion vorziehen? Nun, Freidenker legen auch großes Gewicht aufs Essen; sollten vielleicht fromme Juden ewiges Fasten proklamieren? Und was Palästina selbst betrifft: hat denn nicht die Aguda den früheren Standpunkt verlassen? Wie lange ist es denn her, daß Zionsfreunde die Zustimmung von Rabbinern für die Ausübung des Gebotes der Palästinasiedlung einholen mußten? Heute würden die Frömmsten gerne zugreifen, wenn man ihnen die unbehinderte Möglichkeit zur Besiedlung Palästinas geben würde. Darum ist meiner Ansicht nach für die Aguda keine Berechtigung vorhanden, nicht Anteil zu nehmen an kollektiver Mitarbeit an dem Ausbau Palästinas, trotz ihrer Bedenken gegen die Zionisten. Mit Passivität und Veto wird die Orthodoxie nichts erreichen, sie kann die Arbeit stören, aber nicht aufhalten. Dabei wird sie sich mehr schaden; so bekommen die Freidenker in Palästina die Oberhand, während die Orthodoxie bei Mitarbeit diese gewinnen könnte. Also das Interesse des Zionismus verlangt, daß man damit aufhöre, die Aguda zu ignorieren, gegen sie zu hetzen. Man muß manche ihrer Forderungen anerkennen, aus denen heraus sie außerhalb des Zionismus verbleiben. Eine ihrer Forderungen ist, daß das Erziehungsbudget aus dem zionistischen Budget verschwinde, daß die Keren-Hajessod-Gelder nur politischen und kolonisatorischen Zwecken dienen, während für den Chinuch jede Richtung besondere Fonds schaffen, besondere Anstalten errichten soll. Unter dieser Voraussetzung wäre ein Uebereinkommen zwischen der Aguda und zionistischer Organisation möglich — so versicherten mir einstimmig große Rabbinen und Jeschiwoh-Leiter." Aus der Bewegung. Hf ::T! L: ■: Berlin. Am 27. Januar sprach in der hiesigen Ortsgruppe Herr Dr. Moses Auerbach über „Geschichte und Bedeutung der Kauthel maarowi". Im Anschluß an den fesselnden Vortrag, der starken Beifall auslöste, wurde auf Antrag von Dr. N. Weiß folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammlung gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die bevorstehenden Verhandlungen der Völkerbundtommission zu einer Klärung der Rechtslage der Kauthel maarowi führen werde, die von Dauer ist und den Frieden mit dem arabischen Volke wieder herstellt, ohne die Rechte des jüdischen Volkes auf den letzten Rest seines Heiligtums zu schmälern. Die Versammlung erwartet, datz die Verhandlungen der Kommission mit allen jüdischen Organisationen Palästinas gemeinsam geführt werden, und ist der Ileberzeugung, datz gerade im jetzigen Augenblick alles vermieden werden mutz, was irgendwie geeignet ist, die gemeinsame Verteidigung der jüdischen, im Mandat verankerten Rechte, zu erschweren." Hannover. Am Sonntag, den 19. Jan. 1930, abends 6 Uhr, fand im Bethause, Escherstr. 16, die autzerordentliche Generalversammlung der Agudas Iisroel-Orts- und Iugendgruppe Hannover statt. In der einleitenden Rede sagte der Vorsitzende, datz ein Teil des Vorstandes infolge starker geschäftlicher Belastung nicht mehr in der Lage sei, sich der Arbeit wie bisher zu widmen. Zur Tagesordnung übergehend erstattete der Vorsitzende den Bericht über die Tätigkeit des Vereins. Er hob ganz besonders hervor, datz der Zuspruch und das Interesse für die Aguda trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens, überaus zufriedenstellend ist. Besonders hervorgehoben wurde der Schiur des Herrn Landrabbiners Dr. Freund in Chauwas Halwowaus. Der Bericht endete mit der Bitte an die älteren Mitglieder, doch auch an den Schiurim teilzunehmen. Der Kassierer erstattete dann den Kassenbericht, wonach der Verein ein Aktiv-Saldo von RM. 341.13 hat. Zu Punkt 3 der Tagesordnung entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Besonders lebhaft beteiligten sich die jugendlichen Mitglieder. Es wurde beschlossen, die Paragraphen 4, 5 und 8 unserer Statuten abzuändern, ferner, einen neuen Paragraphen aufzunehmen. Nach erfolgter Entlastung ging man zur Wahl eines neuen Vorstandes über, die die Wahl folgender Herren .ergab: Löbenstein, I. Tager, M. Klein, Joelsohn, Simon Sommerfeld, Levisohn, B. Orbach in Hannover. Auf Antrag wurde ferner ein Bücherrevisor gewühlt. Im Punkt 6 der Tagesordnung wurde seitens der Mitglieder dem neuen Vorstand ans Herz gelegt, besonders auf die Tinaukaus schel Beth Rabbon zu achten. Ferner wurde dem neuen Vorstand nahegelegt, auf Mitglieder- '1 f; r ■i!»

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