Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 6 Der Israelit ms und zu immer treueren Erfüllung der Thora. Es war ein Eiland abseits des großen Weltstrudels. Da wurden nun von Westeuropa aus — hauptsächlich seitens der Alliance Israelite Universelle — in Palästina Schulen gegründet, und es bestand die Gefahr, daß durch diese Schulen die harmonische, einheitlich geschlossene Welt des alten Iischuw allmählich mit unjüoischen Geistesströmungen infiziert werde. Die Befürchtungen waren berechtigt, da die meisten Lehrer dieser Schulen weder in Theorie noch in Praxis thoratreu waren und ihr Beispiel nur ungünstig aus die jüdische Seele der ihnen anvertrauten Kinder wirken mutzte. Hätte es damals bereits eine organisierte Eesamtorthodorie gegeben und sie hätte mit einem Schulwerk nach Palästina kominen wollen, dann wäre schon ein Modus gesunden worden, der mit Zustimmung der leuchtenden geistigen Vertreter der palästinensischen Iudenheit dieses ermöglicht hätte. Das war damals. Inzwischen hat sich aber das Bild vollständig verändert. Durch die zionistische Bewegung in Verbindung mit den politischen Umwälzungen in Osteuropa ist von dort eine thorafremde Masse eingewandert. Dieser neue Iischuw dürste heute an Zahl dem alten Iischuw ungefähr gleich sein. Von dem Zahlengewicht des neuen Iischuw gehen starke geistige Wirkungen aps. Darum genügt nicht mehr die sich auf sich selber zurückziehende Abwehr. Ein Blick in das Tagesgetriebe des alten Iischuw, in seine Familien, in das Denken und Tun seiner Heranwachsenden und seiner herangewachsenen Jugend, überzeugt von der Unzulänglichkeit der bisherigen Methoden bei der jetzigen Gestaltung der Wirklichkeit. Der alte Iischuw bemüht sich, als seine Umgangssprache den jiddischen Jargon zu erhalten und dem Hebräischen, der Umgangssprache des neuen Iischuw, den Eingang zu verwehren. Er kann aber sein Wollen nicht mehr durchsetzen. ' Der „Kol Iisroel", das Pretzorgan des alten Iischuw, erscheint in hebräischer Sprache und nicht im Jargon. Die hebräischen Tageszeitungen, die von der Intelligenz des neuen Iischuw redigiert werden, werden in zahlreichen Familien des alten Iischuw gelesen. Zahlreiche Werke der Weltliteratur sind heute ins Hebräische übertragen worden und strahlen häufig der Thora widersprechende Anschauungen aus. Auch spricht die Jugend zum Teil bereits hebräisch, da man auf die Schulung der Töchter weniger acht gibt und nichts dabei findet, sie hebräisch lernen zu lassen. Nur der Junge mutz innerhalb der vier Ellen der Halacha bleiben! Selbstverständlich lernen die Kinder auch auf der Stratze das Hebräische als Umgangssprache. Das Netz lockert sich, und es lätzt sich nicht hindern. Heute konsequent zu sein, verlangt außer dem Verbot des Schulbesuches ein Verbot jeglicher hebräischen Lektüre außerhalb des Rahmens des Thora-Schrifttums, und es müßte das Hebbräischsprechen, der Besuch von Kinos und noch manches, was sich heute auch bei den orthodoxen Kreisen eingeführt hat, auf den Inder gesetzt werden. Eine vernünftige Pädagogik verlangt nach anderen Mitteln als nach denen eines Verbotes, wenn dessen Beachtung normaler Weise nicht erreichbar ist. Der Glanz der Welt außerhalb des alten Iischuw blendet, darum muß die Jugend diesen Glanz bewerten lernen. Noch vor zwei Menschenaltern interessierte es die Jugend des alten Iischuw garnicht, was außerhalb ihres Milieu vorging. denn hier war Jakob und drüben war Esau. Diese Begriffe verwischen sich, seitdem auch in Palästina die Hälfte der Juden zwischen Jakobs und Esaus Denken steht, mit ihrem gefühlsmäßigen Denken noch bei Jakob, mit ihrem bewußten Denken aber bei Esau. Die Stunde ist auch in Jerusalem gekommen, daß Jakob Esau nicht mehr aus dem Wege gehen kann, sondern ihm furchtlos entgegentretten muß! Dazu aber bedarfs der Schule. Saly Geis- Tel Awiw. Personalien. Schöllkrippen, 29. Jan. Am 19. Januar verschied in Fulda, wo. er bei seiner verheirateten Tochter längere Jahre weilte, im gesegneten Alter von 86 Jahren Jos. Strauß aus Schöllkrippen. Die äußerst zahlreiche Beteiligung, auch aus seiner Heimatgemeinde, bei der Beerdigung legte Zeugnis ab, welcher Beliebtheit und Achtung sich der Verstorbene erfreute. Herr Rabbiner Dr. Cahn rühmte in seiner Trauerrede die Verdienste und Tugenden desselben. Er hob insbesondere seine Wohltätigkeit, tiefe Religiösität und sein Streben hervor, dem Geiste der Thora gerecht zu werden. In diesem Sinne erzog Jos. Strauß s. A. seine Kinder und hatte er die Genugtuung, daß auch sie seinem Beispiele Folge leisteten. Mit seiner ihm vor 15 Jahren im Tode vorausgegangenen Gemahlin führte er ein Haus auf echtjüdischem Boden stehend, in welchem die vielen Armen der Umgegend und au? der Ferne stets freundliche Aufnahme und Unterstützung fanden. In seiner Heimat gehörte der Verblichene zu jenem Kreis von Menschen, die durch reelles Geschäftsgebahren nicht nur bei den eigenen Glaubensgenossen, sondern auch bei den nichtjüdischen Bewohnern im höchsten Ansehen stehen. Dieser Verehrung gab auch das hier erscheinende Lokalblatt beredten Ausdruck, maxm- Heldenbergen, 27. Jan. Heute nachmittag bewegte sich ein Trauerzug in selten gesehenem Umfange durch unseren Ort nach dem jüdischen Friedhofe. Es galt, die sterblichen Ueberreste des ersten Vorstehers der Israelitischen Gemeinde zu Heldenbergen, .Max S p e i e r s, zur letzten Ruhestätte zu tragen. Nicht nur seine Angehörigen, sondern die ganze Kehilloh hat in dem Hinscheiden dieses Mannes einen großen Verlust erlitten, und welcher Hochachtung und Wertschätzung der Verblichene sich bei der Mitwelt erfreute, bezeugte die große Teilnahme bei seiner Beerdigung. Am Grabe entwarf Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld-Gießen in trefflichen Worten ein Lebensbild des Verstorbenen, ihn als Führer, Gatte, Vater, Jude, Mensch und Bürger schildernd und der Trauer und dem Schmerze des ihres Führers beraubten Gemeinde Ausdruck verleihend. Lehrer Höxter dankte dem Dahingeschiedenen für seine treuen Dienste. Möge Gott die trauernden Hinterbliebenen trösten! n"axm- Fulda, 3. Febr. Am «ntn jray wurde Emanuel Stern zur nmap gebracht. Die Nachricht von seinem Heimgange hatte sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt verbreitet: so war es nicht zu verwundern, daß dem allgemein beliebten und geschätzten Mann, der fast 40 Jahre dem Vorstande der Gemeinde angehört hatte, eine unabsehbare Menge das Geleite gab. Da die Nähe des 'p na® einen norm nicht zuließ, wird während. der rmv eine Trauerfeier in der Synagoge stattfinden. Griesheim b. Darmstadt, 2. Febr. Am vergangenen Freitag wurde das Mitglied unserer Gemeinde, Leopold R o s e n b e r g, im 67. Jahre zur ewigen Ruhe bestattet. Ein ungeheurer Leichenzug, wie man ihn noch selten hier gesehen haben dürste, bewegte sich durch unfern Ort. Aus nah und fern war ein großer Kreis von Freunden und Bekannten herbeigeeilt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, ein Beweis dafür, welcher Beliebtheit und Wertschätzung er sich überall erfreute. An der Bahre entwarf Herr Rabbiner Dr. M e r z b a ch aus Darmstadt ein Lebensbild, wie der Verblichene seiner Familie und seinen Mitmenschen gegenüber war. Um ihn trauert eine fromme, treue Gattin, die den Schmerz in ihrer wahren Frömmigkeit mit seltener Gottergebenheit erträgt, sdwie fünf wohlerzogene Kinder, die ermessen können, was sie in dem Vater verloren haben. Er bekleidete ferner 21 Jahre das Amt eines israelitischen Gemeindevorstandes und war auch ein musterhafter Führer seiner Gemeinde dadurch, daß er, durchdrungen von einem wahren Frömmigkeitsgefühl, zu jeder Zeit ihr als erster im Gotteshause mit leuchtendem Beispiel voranging. Außerdem stand er auch einige Jahre an der Spitze der hiesigen ncmp man Der Verstorbene, der noch vor mehreren Wochen seinem Alter entsprechend noch rüstig war, wurde plötzlich auf das .Krankenlager geworfen, auf dem er einer tückischen Krankheit erlag. — Möge ra die Anverwandten trösten. n"axan Vermischtes. Darmstadk, 2. Febr, Einen festlichen Ehrenabend beging die hiesige min n»Vn man am msi snip naw rai» durch den ano auf f'l'in 'oa, die nach 4% jährigem Lernen unter Leitung des Herrn Rabbiners Dr. M e r z - b a ch beendet wurde. In angeregter Weise lauschten die zahlreich Erschienenen den geistvollen Ausführungen des Herrn Rabbiners beim Lernen der letzten niNv und den trefflichen halachifchen und agadifchen Deutungen, die er daran knüpfte. Die nnn-» gestaltete sich ferner durch die gleichzeitige Jahrzeit für unseren vor 6 Jahren Heimgegangenen an Dr. Moses Marx!ra zu einer wehmutsvollen Gedenkstunde um den unvergeßlichen Führer der hiesigen Israelitischen Religionsgesellschaft, der leider allzufrüh i'a' ’xna von uns scheiden mußte. In tiefempfundenen Worten zeigte Rabbiner Dr. M e r z - b a ch, daß das erfolgreiche Wirken des n~n -Vereins und somit auch die rar bes Abends der unermüdlichen Tätigkeit und dem Verdienst des verewigten p’nx zu danken fei, der stets das idealste mnpns mit mran naiv zu vereinen verstand und — deshalb in Stadt und Land so verdienstvoll für Erhaltung von mm und nnns wirkte. Ein einfaches Festmahl, begleitet von trefflichen ran nnm der Herren Rabbiner Wassermann, Eisenheimer und Dimant vereinigte die Festteilnehmer noch mehrere Stunden in angeregter Unterhaltung. Berlin, 27. Jan. Die Schüler der Kultus- und Schächtschule des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden schreiben uns: Die auf Initiative der verewigten Rabbiner Dr. Löwenthal Wr und Bruno Galewski am 15. August 1927 gegründete Kultus- und Schächtschule des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden hat nach 2% jähriger Lehrtätigkeit am 1. Januar ds. Js. ihren ersten Lehrgang abgeschlossen. Die Schüler sind sowohl in den jüdischen als auch in den profanen Disziplinen auf das gründlichste für ihren zukünftigen Beruf als Kultusbeamte vorbereitet worden und haben sämtlich ihre Prüfung mit bestem Erfolg bestanden. An dieser Stelle sei besonders dem Lehrerkollegium, den Herren: Rabb. Dr. Singermann, Leiter der Anstalt, Dr. Freimann, Dr. Bleichrode, Dr. Jacobovits, sowie Herrn Oberkantor Ahlbeck und Herrn Lehrer Hopp, die sich bei aufopfernder Tätigkeit uneigennützigerweise für den Lehrgang zur Verfügung stellten und sich das Wohl der einzelnen Schüler angelegen sein ließen, tiefgefühlter Dank ausgesprochen. Nicht minder verdient die Bereitwilligkeit und Liebe, mit der Herr M. S. Melamid, »niv der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, es verstand, seine 6, Februar 1936 snmVn in dem schwierigen und verantwottungsreichen Fach der Schechita auf das gewissehhafteste auszubilden, volle Anerkennung. Altona, 29. Jan. Für die in traditionellem Geiste geführte öffentliche Volksschule der Gemeinde Altona soll zum Beginn des neuen Schuljahres (1, April) eine jüngere Lehrerin gesucht, die nach modernen Grundsätzen auch im Hebräischen unterrichten kann und befähigt ist, den Schwimm- und Turnunterricht zu erteilen. Die Anstellung erfolgt vorläufig auf Privatdienstvertrag. Näheres im Inseratenteile. Basel, 30. Jan. Vor kurzem hatte der vom Baseler Raw fra gegründete „Schweizer thoratreue Zentralverein" im Baseler Beshamidrasch Zusammenkunft und gemeinsames Lernen. Nachdem der bekannte Leiter der Chewras Schaß, Herr M. Schwarz in Bafel, die Gäste im Namen des Vorstandes in einer kurzen, mit Thoraworten geschmückten Ansprache begrüßt hatte, hielt der Leiter der Ieschiwa in Montreux, Herr E. B o t s ch k o, einen tiefgründigen halachifchen Vortrag über eine Sugja in Traktat „Kcttubot". Zuerst gedachte er in warmen Worten des Begründers der Schweizer Lern-Vereinigung und teilte feine Erinnerungen mit, wie dieses „Lernen" innerhalb der Chewras Schaß ihn eigentlich auf die Idee brachte, eine Ieschiwa in der Schweiz zu grünoen, um den Nachwuchs für die Thora zu sichern. Darauf folgte das Lernen. Mit. einem Schlußwort und der Bitte, der Ieschiwa in Montreux zu gedenken, schloß Herr Botschko seinen inhaltsreichen Vortrag. Die Aussprache der Freunde, die nicht minder interessant zu werden versprach, wurde leider durch die zu kurz bemessene Zeit verhindert. Die feine dem Feste zugrunde liegende Idee hat auch diesmal ihr Ziel vollauf erreicht. Der gemeinsame Aufmarsch der zerstreuten Thorafreunde der Schweiz hat den Mut und die Lust der Anteilnehmer gestärkt. Der Eindruck war erfrischend und erfreuend zugleich. Mit neubelebter Liebe zur Thora im Herzen ging es froh und mutvoll nach Haufe. Die Woche. Trauerfeier für Franz Rofenzweig V'f. Eine angekündigte Trauerfeier für Franz Rosenzweig zog am Sonntag vormittag eine fo überaus große Gemeinde von Verehrern des Heimgegangenen in die Frankfurt-Loge, daß sich auch die Nebenräume dem Publikum öffnen mußten. Warum in Erwartung des großen Andranges nicht auch der kleine Saal mit Stühlen versehen war, ist das Geheimnis der Regie. Im Mittelpunkte der Trauerfeier stand eine gutdurchdachte und sprachlich feingeschliffene Rede von Rabbiner Dr. Baeck, Berlin. In Franz Rosenzweigs geistigem Ringen sieht er den Niederschlag eines neuen Denkens in einer Generation, die den Messiasersatz des früheren Liberalismus ablehnt, die die Religion sucht und wiederfindet, die nicht von einem Volke erfunden, sondern die sich einmal am Sinai ein Volk geschaffen hat. Rosenzweigs Persönlichkeit und Wesen bestand aus Schaffen und Leiden. Er lebte und lehrte wie ein Bote des Ewigen zum Unendlichen. Mit stimmungsvoller Trauermusik wurde die Feier eingeleitet und beschlossen. Herr Fleischmann- Naumow sang mit bewährter Kunst ein deutsches Lied. Martin V u b e r rezitierte die Stellen aus I e - sajas vom leidenden Knechte Gottes. Das große Verständnis für die Bedeutung Franz Ro- . senzweigs und die Trauer um den großen Verlust zeigte sich deutlich in der gewaltigen Beteiligung. Sitzung der Gemeindevertretung am 5. Februar. (Vorbericht.) Hauptstück des über dreistündigen Abends: das P h il a n t r o p i n, alles Andere blasse Umrahmung. Resultat: Die seinerzeit von der Gemeindevertretung beschlossene, vom Vorstand dann abgelehnte Uebernahme des Gesamtschulwerks auf die Gemeinde wird heute mit 16 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Die vom Vorstand beschlossene Kürzung des Zuchusses an das Philantropin _ (Gesamtzuschuß Mark 360.000) um die Ausgaben des Oberbaus .wird a b g e - lehnt. Der Oberbau bleibt mithin erhalten. Der Vorstand hatte die weitere Subventionierung der Volksfchule von der Schaffung eines besonderen Volksschulrats und eines eigenen Leiters abhängig gemacht. Auch das wird ab gelehnt. Im Uebrigen wird den jüdischen Jugendvereinen das i zweite Obergeschoß des Hauses Gervinusstrahe mietfrei zur Verfügung gestellt, übernimmt die Gemeinde Bürgschaft für einen Kredit der Religionsschule in Höhe von Mk. 15.000, die innerhalb, von 3 Jahren zurückgezahlt werden sollen, und hält Herr Rabbiner Dr. Hofmann Sonntag Abend in der Frankfurtloge einen Vortrag: „Vom Sinn der Einheitsgemeinde".