Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Israelit 6. Februar 1930' Seite 8 Nr. 6 Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung ist eine verzweifelte, die im Lande herrschende Wirtschaftskrisis trifft besonders schwer die Juden, die aus den bisher von ihnen eingenommenen Positionen in Handel und Industrie — sei es in Gesellschaften privaten Charakters, die durch die Regierungsfaktoren kontrolliert werden, sei es in staatlichen Monopolzweigen, in den vom Staate eingerichteten Kartellen und in etatsmäßigen Experimenten zur Hebung von Industrie und Handel — systematisch hinausgestoßen werden." Bei der Beratung des Textes der im Sejm zu verlesende Deklaration hat — wie die Zeitung „Moment" mitteilt — der Vorsitzende des Klubs eine schärfere Tonart im Sinne einer konsequenten Opposition vorgeschlagen, die aber nicht die Billigung der Mehrheit der Klubmitglieder gefunden hat. Die ostgalizischen Deputierten, die schon bisher gegen Grünebaum konsequente Oppositionspolitik aufgetreten waren, und ein Teil der bisherigen Anhängerschaft Grünebaums gaben ihrer Meinung dahin Ausdruck, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung eine so verzweifelte sei, daß man der jetzigen Regierung etwas Kredit geben müsse, in der Erwartung, daß sie gegenüber den jüdischen Postulaten vielleicht doch ein Entgegenkommen zeigen würde. Vudgetkommission des polnischen Sejm lehnt alle jüdischen Anträge ab. Warschau, 23. Jan. Die Budgetkommission des polnischen Sejm hat alle Anträge des jüdischen Parlamentsklubs betreffend Subventionierung der jüdischen religiösen und erzieherischen Einrichtungen durch den Staat abgelehnt. Abg. Rosmarin führte in der Debatte über das Handelsbudget aus, die Regierung glaubte, daß wenn sie den Handel abwürgt, sie die Juden trifft. Aber sie hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, denn durch die Vernichtung des Handels wurde die polnische Industrie geschädigt, der die nötige Absatzorganifation fehlt. Tausende Juden wurden an den Bettelstab gebracht durch Monopole, Staatssyndikate und antijüdische Kreditpolitik. Dies hat die gesamte wirtschaftliche Entwicklung unterbunden. (ITA.) Eine wichtige Rabbinerversammlung. Warschau, 2. Febr. Unter dem Vorsitz des berühmten „Chofez Chajim" wurde in Warschau eine Beratung der prominentesten Chassidimrabbis und beamteten Rabbiner abgehalten mit dem Ziele, eine vereinigte Front des gesamten religiösen Judentums in Polen zu schaffen. An der Beratung nahmen u. a. teil der Rabbi von Gura Kaloarja (Gerer Rebbe), der Ram von Krakau, Rabbi Joseph Menachem Kornitzer, der Tarnopoler Raw als Vertrauensmann des Beizer Rebbe, Rabbi Schapiro aus Pietrkow, der Rabbi von Opschinow, der Jeschiwaleiter von Baronowiczi, Rabbi Elchanan Wassermann, der Rabbi von Sokolow, die Vertreter des Zentralkomitees der Agudas Jisroel, Rabbi Isaak Meir Lewin und der frühere Senator Mendelsohn. Hauptpunkte der Tagesordnung bildeten die Organisation der Jüdischen Gemeinde, die Schaffung eines religiösen Oberrates und der neue Erlaß des Kultusministeriums, der bei Anstellung von Rabbinern den Nachweis eines hohen Bildungszensus verlangt. Beschlüsse wurden nicht angenommen, man kam überein, eine große Konferenz der religiösen Führer Polens zur Entscheidung über diese Fragen einzuberufen. Eine Abordnung von sechs Personen begab sich zum „Alexandrer Rebbe", um ihn zu der Konferenz einzuladen, zu der u. a. auch der Belzer Rebbe, der Bobower Rebbe, der Sochaczower Rebbe, Rabbi Chajim Oser Grodzenski aus Wilna u. a. erwartet werden. Litauen. Die Slabodkaer Ieschiwa in Rot. Kowno, 29. Jan. Die Ieschiwa „Knesses Jisrael" in Slabodko, die altberühmte Pflanzstätte der Thora, aus der alle Rabbiner des Oftends, sofern sie nicht noch aus der alten Wolosch i n e r Schule stammen, hervorgegangen sind, die auch jetzt noch in 400 Bachurim wertvollste Zukunftssaat hütet, ist in größter materieller Not. Die Krisis hat ein Stadium, erreicht, das den weiteren Bestand der Ieschiwa erüstlich'gefährdet. In einem Aufruf in hebräischer und jiddischer Sprache wenden sich über hundert Rabbiner, also die Rabbiner sämtlicher Gemeinden Litauens in Stadt und Land, an die Oeffentlichkeit im In- und Auslande, insbesondere aber an die früheren Schüler von Slabodko, die auf die ganze Welt verteilt sind und in Amerika, nicht zuletzt infolge der aus der Slabodkaer Schule erhaltenen Bildung zu einer guten Lebensstellung gebracht haben, die alte Mutter nicht zu vergessen und zu verlassen. Es steht höchstes und heiligstes Gut auf dem Spiele; eine Quelle, die, nachdem sie ein Jahrhundert die jüdische Welt geistig ernährt hat, durch rein äußere Umstände bedroht ist, muß gerettet und dem Judentum der Zukunft erhalten bleiben! Wir wollen gerne hoffen, daß der Appell nicht unbeachtet bleibt. Zuschriften mit Geldspenden richte man an die Ieschiwa „Knesseth Jisrael" in Kaunas-Slabodka. England. Jabotinsky vor der Shaw-Kommission. London, 26. Jan. Freitag nachmittag wurde Jabotinsky vor der Palästina-llntersuchungskommission in London vernommen. Wie die ITA erfährt, dürste Jabotinsky der letzte von der Kommission einzuvernehmende Zeuge sein. Der bekannte englische Orientpolitiker und Arabien-Kenner, John Philby, der kurz nach den Unruhen in Palästina weilte und in einer öffentlichen in „New Pork Times" geführten Diskussion mit Dr. I. L. Magnes den arabischen Standpunkt vertrat, aber anerkannte, daß „keine Lösung als durchführbar angesehen werden kann, die eine Aufhebung der Balfourdeklaration voraussetzt", wird nicht mehr — wie ursprünglich erwartet wurde — von der Kommission einvernommen werden. Die ITA erfährt weiter, daß der erste Teil des Kommissionsberichtes, der die Ursachen der Unruhen darlegt, fertiggestellt ist, und daß der ganze Bericht in ungefähr drei Wochen abgeschlossen sein wird. Die Vernehmung Jabotinskys durch die Shaw-Kommission währte volle vier Stunden. Jabotinsky erklärte Pressevertretern, die Vernehmung habe einen freundschaftlichen Charakter getragen, er wurde nur selten durch ein Mitglied der Kommission unterbrochen. Er fühle sich nicht berechtigt, über den Inhalt der in einer vertraulichen Sitzung stattgefundenen Vernehmung etwas verlauten zu lassen. Jabotinsky teilte weiter mit, daß er am 7. oder 14. Februar eine Reise nach Südafrika antritt. Die Sicherheit der jüdischen Kolonien vor dem Unterhaus. London, 24. Jan. In der Sitzung des Unterhauses am 22. Januar fragte das Parlamentsmitglied, Mavor Sir Archibald Sinclair, den Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond S h i e l s, ob er Informationen habe über die 16 oder 17 Kolonien in Palästina, die während der Unruhen gemäß dem amtlichen Verteidigungsplan mit Waffen versehen worden sind, ob diese Kolonien ihre Verteidigungmittel noch besitzen und ob der Unterstaatssekretär in der Lage sek, bekannt zu geben, welche Mittel zur Verteidigung der Kolonien in der Zukunft und für die Sicherung von Recht und Ordnung in Palästina überhaupt ergriffen werden würden. In seiner Antwort erklärte Unterstaatssekretär Dr!' Shiels, daß gegenwärtig detaillierte Vorschläge für die Verteidigung der jüdischen Kolonien in Palästina geprüft werden. Bis zu einer endgültigen Regelung werden vorübergehende Notmaßnahmen getroffen. So 'soll jetzt der Bau von Straßen in Angriff genommen werden,' um die Verbindung mit serab liegenden Kolonien herzustellen. Nach Mitteilungen des High Commissioner, fügte Dr. Shiels hinzu, haben die in Frage stehenden jüdischen Kolonien bis auf fünf ihre Waffen behalten- und verwahren sie in versiegelten Depots. Was die fünf Kolonien betrifft, die ihre ursprüngliche Bewaffnung nicht mehr haben, so ist in einer (Ekron) die Zahl der Waffen von 10 auf 6 herabgesetzt worden. Drei Kolonien — Hulda, Ärtuff und Kastiniah — sind evakuiert worden. Aus einer dieser drei Kolonien sind die Waffen in eine benachbarte Kolonie (Katra) überführt worden, aus den beiden anderen Kolonien sind die Waffen in das Polizeihauptquartier wieder eingeliefert worden. In der fünften Kolonie (Eezer) ist eine Bewaffnung überflüssig geworden, weil sich dort gegenwärtig eine Truppenstation befindet. Äm 27. Januar trifft der Generalinspektor der Polizei in Ceylon, H. L. Dalbiggin, in Palästina ein, um im Aufträge des Staatssekretärs für die Kolonien bei der Organisation der Polizei mitzuwirken. Türkei Awangstürkisierung der Juden. Konstantinopel, 29. Jan. Die türkische Regierung hat einen Gesetzentwurf über- Erziehung in die Nationalversammlung eingeb rächte der zweifellos zum Gesetz erhoben werden wird. Danach werden alle Kinder türkischer Staatszugehörigkeit, auch Juden, gezwungen sein, im Alter von 7—12 Jahren türkische Elementarschulen zu besuchen. Es wird ihnen nicht erlaubt sein, eigene Minoritätsschulen zu besuchen, und auch der Besuch solcher Schulen, die von ausländischen Stellen eingerichtet sind, wird ihnen verboten sein. Die nichtmohammedanischen Minoritäten protestieren gegen die Verfügung auf Grund der im Vertrag von Lausanne garantierten Rechte hinsichtlich der Anwendung von Minoritätssprachen und des Rechts der Minoritäten auf Erziehung. Man erwartet, daß auch die ausländischen Missionen und andere am Erziehungswerk in der Türkei beteiligte Institutionen der Verfügung Widerstand entgegensetzen werden. Mit der jetzt milgeteilten Gesetzesvorlage der türkischen Regierung wird, sobald sie zum Gesetz erhoben wird, eine Entwicklung abgeschlossen sein, deren Anfänge im Jahre 1924 liegen und die die Türkisierung der hauptsächlich in Konstantinopel ansässigen Minoritätten durch das Schulwesen zum Ziele hat. Soweit es sich um die jüdische Minorität handelt, sind die Stationen der Entwicklung die folgenden: Im Jahre 1924 wurden die Konstantinopeler Schulen der Alliance Jsraelite Universelle geschlossen. 1926 kam von der Zentralregierung in Angora die Instruktion an die Konstantinopeler Behörden, daß die Elementarerziehung von nun an nur in türkischen Schulen und in türkischer Sprache gegeben wersoll. Im August des gleichen Jahres verzichteten die türkischen Juden in feierlicher Erklärung aus die ihnen im Vertrag von Lausanne gewährten Minderheitsrechte,, wofür sie damals von Louis Marshall scharf angegriffen wurden. Im November 1928 gab die türkische Regierung die Erlaubnis -für eine neue in Konstantinopel gebildete Organisation zur Förderung der jüdischen Erziehung und zur Einrichtung jüdischer Schulen und Handwerkerschulen. Im letzten Monat wurde die Verwendung der hebräischen Sprache in den Schulen als Unterrichtssprache verboten. (ITA.) Amerika. Die Kampagne des Joint Distribution Committee und Jewish Agency. N ew y o r k, 19. Jan. In einer gemeinsamen Konferenz von Vertretern des Joint Distribution Committee und Vertretern der Jewish Agency wurde ein Abkommen getroffen, demzufolge im Jahre 1930 in einer gemeinschaftlichen Kampagne 6 Millionen Dollar aufgebracht werden sollen. Dieses Abkommen unterliegt, wie der ITA. mitgeteilt wird, noch der formalen Bestätigung durch das. Executive Committee Joint, das in kürzester Zeit hierüber Entscheidung zu treffen haben wird. Von den aufzubringenden 6 Millionen Dollar sollen''3^/2 Millionen dem Joint für die durch, ihn kaufend zu leistende Wiederaufbauarbeit zur Verfügung stehen; 272 Millionen sollen der Jewish Agency . > zur Verwendung im Rahmen' ihres im vergangenen Soyi- , mer in Zürich angenommenen Aktionsprogramms' übergeben werden. r; Auf Grund dieser' Vereinbarung werden sich zum ersten Mal diejenigen Kreise, die bisher zu dem Hilfswerk des Joint beigetragen haben, und die Kreise, die innerhalb und außerhalb des Rahmens der zionistischem Organisation für Palästina tätig gewesen sind, in der- Organisation meiner großen einheitlichen'" Sammelkam-- pagne für beide Zwecke vereinigen. Die gesamte Ueberwachung und Leitung der 6 Millionen Dollar-Kampagne soll in die Hände eines Komitees, das sich aus den Her-- ren Paul Baerwald, David Bresler, Richter William M. Lewis und Morris Rothenberg zusammensetzt, gelegt werden. Diesem engeren Komitee wird ein breiteres- Advifory Committee zur Seite stehen, dem prominente. Führer, des amerikanischen Judentums angehören werden.' Die Abmachung ist nach vorangegangenen Beratungen mit der Zionistischen Organisation von Amerika, Hadassah und Misrachi -getroffen - worden, die ihre volle Mitwir-^! kung an der Kampagne zugesichert haben. Hexr Felir^M. Warbusrg hat anläßlich des Zustandekommens des Abkommens eine Kundgebung erlassen.