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Der Israelit · 1930-02-06 · Heft 6 (6.2.1930) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 6 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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6. Februar 193Ö dernisse auf dem Entwicklungswege zur Weltreligion seien die Orthodoxen und die Zionisten in der Gemeinde. Mit den letzteren rechnet er besonders scharf ab. Ließe sich das Ideal der Weltreligion nicht in der Einheitsgemeinde erreichen, dann eben gegen sie. Für ihn hat der Liberalismus die Pflicht, „dem neuzeitlichen .Judentum eine konkrete Form zu geben, die sich von der Heutigen so weit unterscheidet, wie die heutige vom alten Opfer-Judentum". — Goetz wird mit dem Gang der Breslauer Tagung nicht ganz zufrieden sein. (Siehe Wochenrundschau.) Hundert Jahre Württembergische Israelitische Religionsgemeinschaft. Stuttgart, 27. Jan. Die erste Tagung der am 8. Dezember 1929 gewählten Israelitischen Landesversammlung fand am 26. Januar, vormittags, im Sitzungssaale des Würtlembergischen Wirtschaftsministeriums statt. Sie wurde durch Stadtrabbiner Dr. R i e g e r - Stuttgart feierlich eröffnet. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten der Landesversammlung hielt der Präsident des Israelitischen Oberrates, Regierungsrat Dr. Nördlinger, eine Ansprache, in der er nach einem geschichtlichen Rückblick auf die jetzt beinahe 100 Jahre bestehende Organisation der Württembergischen Israelitischen Religionsgemeinschaft besonders ihre Entwicklung während der letzten sechs Jahre nach der Einführung der neuen Verfassung darstellte. Er verpflichtete hieraus die neu gewählten Abgeordneten in der satzungsgemäß vorgeschriebenen Form. Nachdem der Alterspräsident Dr. G u m p - Ulm, unterstützt von seinem Schriftführer, Hermann Kahn- Vaisingen, die Leitung Übernommen hat, erklärte der Präsident des Oberrates, Dr. Nördlinger, daß er sich zu seinem aufrichtigen Bedauern gezwungen sehe, eine etwa auf ihn fallende Wiederwahl zum Präsidenten ablehnen zu müssen, er lege auch das Amt als rechtskundiges Mitglied des Oberrates nieder. Sein Stellvertreter im Oberrat, Louis Hirsch, sprach ihm sodann im Namen des Oberrates und der Landesversammlung den Dank für seine bisherige ausgezeichnete Leitung aus und verlas eine Ehrenurkunde, in der beide Körperschaften dem Scheidenden ihre unauslöschliche Dankbarkeit bekundeten. Dr. Nördlinger dankte für die ihn überraschende Ehrung. Es wurde sodann die Wahl des Präsidenten der Israelitischen Landesversammlung vorgenommen, in der Dr. H a y u m - Tübingen mit 11 Stimmen, gegen 6 Stimmen, die auf Dr. Wolf- Stuttgart sielen, gewählt wurde. Der neugewählte Präsident übernahm hieraus die Leitung der Versammlung. Nach weiteren Wahlen wurde Punkt 12 der Tagesordnung, die Verabschiedung der Dienstordnung für die Rabbiner und Religionslehrer, behandelt. Rechtsanwalt Dr. Gunzen hauser - Stuttgart berichtete als Referent über die Grundsätze des der Landesversammlung vorgelegten Entwurfes. Der vorgelegte Entwurf wurde mit 14 gegen 5 Stimmen mit sprachlich-redaktionellen Aenderungen angenommen. Bei der Drucklegung sollen die der Dienstordnung beigegebenen Erlasse des Oberrates als Anhang gelten. Punkt 13 der Tagesordnung, ein Antrag der Gemeinde Stuttgart, betreffend die Aenderung des <S t e u ermaß st a b e s der Landesumlage, wurde als Material dem Finanzausschuß übertragen. Das gleiche geschah mit einem zweiten Anträge der Gemeinde Stuttgart, betreffend die Schaffung gehobener Stellen für Religionslehrer mit Konservatoriumsbildung. Nachmittags fand die interne Aussprache der Landesversammlung über die Wahlen zum Oberrat usw. statt. Zum rechtskundigen Mitglied des Oberrates wurde mit 15 von 19 abgegebenen Stimmen Ministerialrat Dr. Hirsch gewählt. Sodann wurde Ministerialrat Dr. Hirsch mit 16 Stimmen zum Präsidenten, Dr. Gunzenhauser mit 18 Stimmen zum Vizepräsidenten des Oberrates gewählt. Die Wahlen zu den Ausschüssen der Landesversammlung wurden vorgenommen. Ein Antrag der Gemeinde Oberdorf, betreffend den Rabbinatsbeitrag, wurde als Material dem Finanzausschuß überwiesen. Der Antrag des Württembergischen Hohenz. Landesverbandes des Jüdischen Frauenbundes auf Verleihung des passiven Wahlrechtes für die Vorsteherämter an die Frauen wurde auf Antrag Dr. Berlingers zurückgestellt, da die Landesversammlung zurzeit nicht vollzählig war und eine so wichtige Aenderung der Verfassung nur' vor vollzähliger Landesversammlnng verhandelt werden sollte. Ein Antrag des Oberrates, die Dauer der Wirksamkeit des derzeitigen Oberrates mit dem 3. Februar zu beenden, D e r Bsrae l i t wurde angenommen. Darauf schloß Dr. H a y u in mit nochmaligen Dankesworten an den bisherigen Präsidenten der Landesversammlung die Tagung. Die Woche. Berlin. Am Sonntag, den 26. Januar, fand im Krankenhause der Jüdischen Gemeinde eine schlichte Feier anläßlich der Inbetriebnahme des neuen Röntgeninstituts statt. — Auf dem Berliner Sender wurde eine Aussprache über Beamtenfreiheit zwischen Ministerialdirektor Dr. B a d t und dem deulschnalionalen Abgeordneten Dr. Dernberg veranstaltet. In latenter Weise wurde dabei auch eine Charakteristik des jetzigen thüringischen Innenministers F r i ck gegeben, über dessen Person sich, wie es scheint, die Deutschnationalen mit dem Ministerialdirektor öinig snd. — Der „Bund entschiedener Schulresormer" veranstaltete im Friedrich Wilhelm-Gymnasium eine öffentliche Diskussion zwischen einem jungen Nationalsozialisten und einem Vertreter der jüdischen Jugend über „Die nationalsozialistische Idee". Kaum hatte der jüdische Redner das Wort genommen, als Pfiffe und Schreie ausbrachen und Stinkbomben auf das Podium flogen, sodaß die Sitzung aufgelöst werden mußte. Stinkbombe ist ein schlagendes nationalsozialistisches Argument! — Der Vorstand des Weltverbandes für das liberale Judentum hat, wie die ITA erfährt, beschlossen, die dritte Weltkonferenz des Liberalen Judentums für den 19. Juli 1930 und die folgenden Tage nach London einzuberufen. — Vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens werden zwei neue Friedhofsschändungen mitgeteilt, und zwar in Preußksch-Holland, einem kl.inen Städtchen Ostpreußens, und in Eeogensgmund bei Nürnberg. Dresden. Der Landtag lehnte nach längerer Aussprache mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Nationalsozialisten einen nationalsozialistischen Antrag auf Einführung des Numerus clausus für Juden an den sächsischen Hochschulen a b. Köln. Der Redakteur des „Westdeutschen Beobachters" wurde vom Schöffengericht Gegen Ritualmordhetze zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. München. Bei der vor einigen Tagen in H a ß l o ch (Rheinpfalz) stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde der Kaufmann Leo Loeb von allen bürgerlichen Parteieil einstimmig zum zweiten Ehrenbürgermeister gewählt. Herr Loeb gehört auch dem Synagogenrat zu Haßloch an. Men. Bundespräsident Miklas verlieh dem Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Professor Alois Pick, das große Ehrenzeichen der Republik für Verdienste um den österreichischen Staat. Prag. Das Bildungsministerium hat in einem Erlaß sämtlichen Schulanstalten in Karpato-Rußland bekannt gegeben, daß in Klassen mit mindestens acht jüdischen Schülern der Sabbat unterrichtsfrei bleibt. Kowno. Am 28. Januar brannte das I ü d i s ch e Kinde r h e i m in Kowno, die einzige. Waisenerziehungsanstalt in Litauen, ab. Ein Kind verbrannte und zwei 'wurden lebensgefährlich verletzt. Paris. Albert L o n d r e hielt im Rundfunk auf der Station des Eiffelturm einen Vortrag Über die wirtschaftliche Not der Juden in Osteuropa, der auf alle französischen Sender übertragen wurde. London. Anl Donnerstag, den 30. Januar, ist in London Lady Reading, die Gattin des Führers der englischen Liberalen und früheren Vizekönigs von Indien, Lord Reading (früher Sir Rufus Jsaacs), gestorben. Lady Reading war im jüdischen sozialen Leben Englands hervorragend tätig und genoß als die Gattin eines großen Engländers und Juden, wie als eigene ausgeprägte Persönlichkeit in weiten Kreisen große Verehrung. Konstantinopel. Ein jüdischer Arzt aus Prag, Dr. B. Feierabend, wurde an das Hygienische Institut nach Angora berufen und beauftragt, das Gesundheitswesen in der Türkei zu organisieren. Polen. Der Gefundheilsslatus der Juden. Berlin, 21. Jan. In der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden OSE gab der Referent, Dr. Wuhlmann, eine Schilderung der jetzigen wirtschaftlichen Lage der Juden und ihres Einflusses auf den Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung; der Ruin, den Nr. 6 Seite 't die Kriegs- und Nachkriegsjahre mit sich gebracht haben, machte sich besonders bei der Heranwachsenden Generation fühlbar. Infolge der schweren Erlebnisse wurde das Nervensystem angegriffen, sodaß der Körper viel an Widerstandskraft und Gleichgewicht verlor. Ein Heer niedergebrochener Menschen füllt das jüdische Ghetto in Polen. Die wirtschaftlichen Katastrophen nach dem Kriege, die fortdauernde Hinausstoßung der Juden aus ihren alten Berufen, der antijüdische wirtschafttliche Boykott stören fortdauernd den Aufbau der jüdischen Bevölkerung. Die Wohnverhältnisse haben sich gegenüber der Zeit vor dem Kriege stark verschlechtert. Die jüdische Masse wohnt in Löchern und in Winkeln. Eine unter den jüdischen Schulkindern angestellte Umfrage ergab, daß nur sehr selten ein Kind Über ein eigenes Bett verfügt; man schläft entweder auf dem Fußboden oder es teilen zwei und drei Personen ein Bett. Der enge schmutzige Flur dient den Kindern als Spielplatz. Die unhygienischen kleinen Werkstätten stören die physische Entwicklung der Lehrjungen und Lehrmädchen. Einerseits bringt die schwere wirtschaftliche Lage eine physische Degenerierung mit sich, andererseits kann man ein physisch herabgekommenes Geschlecht ökonomisch nicht wieder ausbauen. Aus diesem verzauberten Kreis muß man heraus. Die Rettung liegt in der Weckung der Kräfte der Massen für Selbsthilfe. Viel hat die von den glücklicheren jüdischen Brüdern in Amerika gekommene Unterstützung geholfen. Mit den Mitteln der amerikanischen Juden wurde nach dem Kriege die von OSE und TOZ geleitete Bewegung für gesundheitliche Selbsthilfe gestützt. Eine ganze Reihe Anstalten zur Fernhaltung von Krankheiten und zur physischen Erstarkung des Heranwachsenden Geschlechtes wurde geschaffen. TOZ verfügt jetzt über ein großes Netz solcher Anstalten, die ein Verdienst haben an der Verminderung der Sterblichkeit unter den Juden und an der Ausrottung verschiedener unter den Juden verbreiteter Infektionskrankheiten wie Fawus, Trachom, Tuberkulose usw. Infolge der schweren ökonomischen Lage im Lande ist die Gesellschaft TOZ nicht nur außerstande, ihr großes Hilfswerk zu kräftigen und auszudeh^n, sondern ihre Wirksamkeit ist sogar in dem bisherigen Rahmen bedroht. Es darf aber nicht geschehen, schloß der Redner, daß die Bewegung für Regeneration des jüdischen Volkskörpers unterbrochen werde, denn sie liegt im höheren Interesse der Erhaltung des Ausbaus des jüdischen Volkslebens in Polen. Die verzweifelte Wirtschaftslage der Juden in Polen. Berlin, 23. Jan. Der Voranschlag der jüdischen Gemeinde Berlin für das Jahr 1930 ist vom Gemeindevorstand der Repräsentantenversammlung zur Beschlußfassung zugegangen. Die Gesamtausgaben für 1930 betragen 11684 754 Reichsmark (Voranschlag für 1929: 11026 432 RM.). Die Steigerung gegenüber dem Vorjahre beträgt 658 322 RM., d. h. 6 Prozent. Für das Wohlfahrtswesen sind Ausgaben in Höhe von 3 606 398 RM. (Steigerung 289 000 RM.) vorgesehen. Die Verwaltung der Synagogen erfordert einen Mehraufwand von 70 400 RM. Verzweifelte Lage der polnischen Judenheit. Warschau, 17. Jan. Im Verlauf der Hauptaussprache über die vom Ministerpräsidenten Bartel im. Sejm verlesene Regierungserklärung ergriff der Sejmdeputierte Hartglas das Wort, um im Namen des jüdischen Parlamentsklubs eine Deklaration zu verlesen, in der es u. a. heißt: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Frage der Organisation der jüdischen Gemeinden, besonders der in den Grenzgebieten, die auf ein totes Geleis geschoben wurde, jetzt eine endgültige Regelung erfordert, damit endlich das Gebäude der jüdischen Selbstverwaltung fertiggestellt werde. Die Frage der Gemeindesteuern wurde nicht geregelt, die Budgets wurden nicht bestätigt, es fehlt eine Regelung betreffend Wahl von Rabbinern. In Kongreß-Polen selbst wurden Neuwahlen nicht ausgeschrieben, obwohl die Geltungsdauer der bisherigen Gemeindeverwaltungen überschritten ist. Der im Eemeindegesetz vorgesehene religiöse Rat ist noch nicht in Funktion. Sollte die Regierung des Herrn Härtel all das im Sinne der jüdischen Forderung zur Erledigung bringen, wird sie sich die Anerkennung der jüdischen Bevölkerung erringen. Wir betonen aber mit aller Entschiedenheit, daß die Frage der jüdischen Gemeinden das jüdische Problem in Polen nicht erschöpft, es gibt Probleme, die mehr wehe tun.

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