Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 6 Der Israelit 6. Februar 1930 ein thorawidriges Leben führen. Selbstredend befürworteten wir auch die Gründung von besonderen Talmudthora-Schulen. Der Schuldirektor, sonst ein renommierter Pädagoge, ließ es sich wieder nicht nehmen, in einer geharnischten I a r g o n rede gegen das Bestreben der „Rabbonim" demagogisch zu eifern. (Schluß folgt.) Korrespondenzen « ßacDriebteit Deutsches Reich. Der Zwölf Millionen-Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde. Berlin, 2. Febr. Die Repräsentantenversammlung hatte sich am Donnerstag, den 30. Jan., mit dem Etat zu befassen. Die Verhandlung wurde mit einer langen Rede Georg Äo» reskis ein geleitet, in der er ein Gesamtbild der Leistungen und Aufgaben der Gemeinde gab. Der Etat balanciert mit rund 12 Millionen Mark, gegen 11 Millionen im vorigen Jahre. 27 Prozent entfallen aus die Wohlsahrtsäusgaben. Steuererhöhung soll möglichst vermieden werden, die Mehrausgaben durch Sparsamkeit aus anderen Gebieten ausgeglichen werden. Es gibt gute unbelastete Reserven für Zeiten der Not. Die Vermögenslage der Gemeinde ist im Ganzen günstig. Wegen der ungünstigen Lage auf dem Geldmärkte werden zurzeit die Kreditmöglichkeiten nicht ausgenutzt, aus welchem Grunde der Bau der neuen konservativen Synag o g e noch verschoben wurde. Er schildert im einzelnen das soziale und Wohlfahrtswerk der Gemeinde, die Stellung der Gemeinde zum Landesverband und ihre Pflichten gegen das Weltjudentum. Für den kommenden Wahlkampf wünscht er Einheit und Frieden auf der Basis der gegenseitigen Toleranz. In der Generaldebatte bekennt sich R. A. Stern im Namen der Liberalen Fraktion zur Einheit des Judentums, was ihn bestimmt, die Förderung auch aüßerdeutscher jüdischer Bestrebungen zu billigen. Er präzisiert dann die liberalen Wünsche auf dem Gebiete der Erziehung und des Gottesdienstes. Den Ausbau höherer Schulen lehnen die Liberalen ab; die jüdische Volksschule möge, der Not gehorchend, zunächst erhalten bleiben. Die Bedürfnisse der Gesetzestreuen seien zu befriedigen. Er bekennt sich im Namen seiner Fraktion zum Etat. Dr. Klee von der Volkspartei tritt dagegen entschieden für die jüdische höhere Schule ein und polemisiert gegen die Resormgemeinde, die immer mit Austritt drohe. Die kleinen Synagogenvereine müßten gefördert, alle Bestrebungen zum Aufbau Palästinas unterstützt werden. Mit den gemäßigten Liberalen vom Schlage Baeck ließe sich Zusammenarbeiten, nicht aber mit denen, die den Sabbat und die hebräische Sprache abschafsen wollen (und dennoch hält er den Austritt der Reformgemeinde für ein Unglück? Die Red.).' Der E.-V. sei nicht unparteiisch genug, daß ihm die ganze Abwehrarbeit überlassen werden könnte. Er wendet sich scharf gegen die Verdächtigung der Vaterlandstreue bei einem bestimmten Teile der Mitglieder. Dr. Klee kündigt eine Forderung seiner Fraktion auf Beteiligung der Gemeinde am Keren Hajessod an. Seine Partei bekennt sich in allen Fällen zur Einheitsgemeinde. Nach Bewilligung von Subventionen und Wahlen wird die weitere Debatte vertagt. „Sabbat — Judentum — Menschheit". Berlin, 31. Jan. Mit diesem Thema beruft der Weltverband der Schomre Schabbos, Deutsche Landeszentrale, am Sonntag, den 16. Februar, vormittags 11 Uhr pünktlich, in Berlin, im Bachsaal, Lützowstr. 76, am Magdeburger Platz, eine große Jüdische Kundgebung ein. Redner sind prominente jüdische Persönlichkeiten aus dem Berliner und dem öffentlich-jüdischen Leben Deutschlands. Die Kundgebung will die ganze Größe des Sabbätgedankens vor der breitesten Oeffentlichkeit Berlins und der Presse in einer Weise herausarbeiten, die den religiösen, sittlichen und wirtschaftlichen Wert dieses Grundpfeilers jüdischer Weltanschauung nachdrücklich vor Augen führt. An die jüdisch interessierten Kreise Berlins ergeht schon jetzt der Ausruf, die Kundgebung durch einen wirklichen Massenbesuch zu dem zu stempeln, was sie werden soll: Eine „Jüdische Aktion", die für das älteste jüdische Kulturgut und damit für das gesamte Judentum selbst werben soll. Jubiläum in der V. I. A. in München. München, 20. Jan. Die Vereinigung jüdischer Akademiker an der Universität München feiert in diesem Semester 25 jähriges Be st ehe n. Sie wurde 1904 als zweite VIA ins Leben gerufen, und hat in den 25 Jahren ihrer Tätigkeit viele nennenswerte Leistungen aufzuweifen. Nachdem die Vereinigung mehrere Jahre lang darunter litt, daß sehr wenig Bundesbrüder nach München zum Studium kamen, hat sie in den letzten Semestern wieder eine reiche Tätigkeit entfalten können. So bestanden und bestehen noch mehrere obligatorische a’iiy'ip, und regelmäßig werden teils öffentliche, teils interne Vortrags¬ und Diskussionsabende veranstaltet, die sich großer Beliebtheit erfreuen und daher stets stark besucht sind. Zu ihrem 25 jährigen Stiftungsfest hatte die VIA an einen sehr großen Kreis, von Freunden und Gönnern Einladungen zu einem akademischen Festabend im Regina Palast-Hotel ergehen lassen, denen auch zahlreiche Interessierte folgten. Der große Saal war voll besetzt, als der Festabend mit drei vom Jüdischen Kammerorchester meisterhaft gespielten Musikstücken eröffnet wurde. Der derzeitige Präsident der VIA, Hermann Mandelbaum, begrüßte die erschienenen Gäste, insbesondere die Delegierten des Bundesvereinigungen Hamburg, Würzburg, Erlangen und Heidelberg und des Bundespräsidiums, und dankte dem Festredner des Abends, Rabbiner Dr. Klein- Nürnberg, für die Bereitwilligkeit, mit der er der Aufforderung der VIA Folge geleistet hat. Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu richtete sodann namens der alten Herren der Vereinigung einige herzliche Worte der Begrüßung an die Versammlung; er erinnerte daran, daß gerade in diesen Tagen man daran gehen will, uns in Bayern endgültig die nv'nv zu untersagen und uns damit eines unserer höchsten Heiligtümer zu berauben. Um so wichtiger und dringender sei es, konsequent festzuhalten an dem Erbe unserer Väter und, im besonderen, an den Traditionen des BIA. Der Redner schloß mit einem Thaurowort seines verewigten Vaters, Rabbiner Dr. H. Ehrentreu der der Münchner VIA lange Jahre als Ehrenmitglied angehört hatte. Darauf begrüßte Josef Stern- Berlin im Auftrag des Bundespräsidiums die Versammlung. Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer überbrachte die Grüße der Jüdischen Kultusgemeinde und des Landesverbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Er nahm auf die Worte Dr. Ernst Ehrentreus Bezug und erklärte der mit stürmischen Bravo-Rufen und lang anhaltendem Beifall dankenden Versammlung, daß die gesamte, auch liberale Judenheit einig sei mit den Geetzestreuen im Kampf um die Erhaltung alter heiliger Tradition, die man aus was für Gründen immer rauben wolle. Schließlich sprach noch Justizrat Dr. Feuchtwanger im Auftrag des Synagogenvereins Ohel Jakob, den mit der DIA besonders innige Bande der Zusammenarbeit verbinden.. Daraus ergriff Rabbiner Dr. Klein- Nürnberg das Wort zu seinem Festoortrag: Kulturjudentum und Chasidismus. Der Redner ging davon aus, daß es irrig sei, zu behaupten, Chassidismus und Kulturjudentum wären konträre Gegensätze; vielmehr sei es wohl möglich, eine Synthese zwischen den beiden Weltanschauungen herzustellen. Nachdem er nun das Wesen des Chassidismus an Hand von meist selbsterlebten, hochinteressanten kleinen Episoden und Anekdoten schlaglichtartig beleuchtet hatte, ging er dazu über, die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Strömungen festzustellen. Er wies nach, daß diese Unterschiede lediglich in der Betonung lägen; der Chassidismus betont vieles besonders stark, was im rabbinischen Schrifttum zwar vorhanden ist, aber nicht als wesentlich hingestellt wird. So hat der Chassidismus die drei Punkte: .nipn /rnvo und rniv, die Ehrfurcht vor dem Rebbe, als Hauptgebote in den Mittelpunkt des Lebens gerückt. Er ist hierzu fähig und.ermächtigt, weil er noch seine Anhänger dazu zu erziehen imstande ist, dort das Gefühl und nur das Gefühl sprechen zu lassen, wo wir kälteren Westeuropäer schon nur mehr mit Verstandesmitteln operieren können. Wir müssen daher aus einem anderen Wege versuchen, ans Ziel zu Lassen Sie Ihre UHREN bei Neeser-LAPP, Allegasse Z reparieren. Sie gehen gut und die Preise sind billig. Alles unter Garantie kommen, ans gleiche Ziel, an das auch die Chassidim gelangen wollen: an die Erfüllung des göttlichen i'nn o'Vup- Die VIA hat den Weg der p« Tn rrr,n eingeschlagen und bisher erfolgreich beschritten; wenn sie ans Ziel kommen will, muß sie konsequent weitergehen und intensiv an sich Weiterarbeiten. Und daß ihr dies gelinge, ist der Wunsch, mit dem Dr. Klein seinen Vortrag schloß. Die Versammlung dankte dem verehrten Redner mit einem Beifall, der kein Ende finden wollte. Das Kammerorchester schloß sodann die eindrucksvolle Feier mit einem Bach'schen Klavierkonzert ab. Am nächsten Abend fanden sich alle in München anwesenden Bundesbrüder mit ihren Angehörigen und eine große Schar von Freunden der VIA zu einem Festkommers zusammen, der bis spät in die Nacht hinein währte und den Abschluß des Stiftungsfestes bildete. Das Arauemvahlrecht in der Hamburger Gemeinde. Hamburg, 31. Jan. Wie in meiner letzten Korrespendenz bereits angedeutet, hat sich der Sieg der konservativen Richtung im Hamburger Eemeindevorstand in Sachen des Frauenwahlrechtes als recht wenig dauerhaft erwiesen. Der Antrag, den Frauen das passive Wahlrecht für das Repräsentantenkollegium der Deutschen Israelitischen Gemeinde zu gewähren, ist schon nach 14 Tagen wiedergekehrt und mit sehr starker Mehrheit angenommen worden. Neue Gesichtspunktekonnten in der eingehenden Debatte natürlich nicht zutage treten. Die orthodoxen Mitglieder der Repräsentanz, Dr. jur. Spitzer, Dr. Lanzkron und Oberlehrer Schloß, wiesen darauf hin, welche weittragende Konsequenzen das Verhalten der liberalen, zionistischen und halb-konservativen Mehrheit in dieser Frage haben müsse.. Wenn das .Religionsgesetz nur solange existiert, wie seine Ergebnisse dem Einzelnen Zusagen, ist das Grundprinzip,, auf dem die Hamburger Einheitsgemeinde bisher aufgebaut war, vernichtet. Gerade in. dieser religionsgesetzlichen Frage besteht aber unter den orthodoxen Rabbinen der ganzen Welt nahezu ein consensus omnium, und ehrlicherweise kann man die abweichende Meinung einzelner Weniger gegenüber dieser Einstimmigkeit nicht im die Wagschale werfen, sonst wäre ja bei keinem Gericht in der Welt und in keiner juristischen Frage eine einheitliche Urteilshildung möglich. Schließlich wurden 12 Stimmen für und 5 Stimmen gegen den Antrag abgegeben.. Auch die zionistische Volkspartei, die gewöhnlich vorgibt, daß sie religiöse Bedenken respektiere, hat zu der Mehrheit gehört, die über das Gewissen der Orthodoxie schonungslos hinweggeschritten ist. Lediglich. Herr Michaelis von der Volkspartei enthielt sich der Abstimmung,, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte,, entgegen den offiziellen rabbinischen Gutachten für das Frauenwahlrecht zu votieren. Die Hauptversammlung bet Vereinigung für das liberale Judentum. Breslau, 4. Febr. Nach dem Berliner Auftakt und den großspurigen Ankündigungen in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" fiel, die Hauptversammlung der Liberalen Vereinigung am Samstag und Sonntag in Breslau reichlich mager aus.. Nach geschäftlichen Beratungen und Beschlüssen am Sams-- tag abend, sprach am Sonntag vormittag in einer öfsentolichen Versammlung Rabbiner Dr: SeLrgmann aus- Frankfurt a. M. über „Das Judentum als Weltreligion"... Alle verblaßten Ladenhüter über den Universalismus im. Judentum konnten dabei an den Mann gebracht werden.. Neu kam hinzu die These, daß das paulinische Christentum die Missionstätigkeit der Juden, die vorher auf der Basis der sieben noachidischen Gesetze stark betrieben wurde, lahmgelegt hätte. Eine zweite öffentliche Kundgebung hatte einen Vortrag von Rabbiner Dr. L a z a - rus aus Frankfurt a. M. über „Untergang und Erneuerung" im Mittelpunkte. Die Ankündigung der Breslauer Tagung in der „Jüdisch Liberalen Zeitung" durch George Goetz ist nicht ohne Reiz. Die Tagung stehe unter dem Zeichen: D a s- Judentum als Weltrelrgiom.. Die großen Hin-