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Der Israelit · 1930-02-06 · Heft 6 (6.2.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 6 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 6 Der Israelit 6. Februar 1930 Kunsthandlung Julius Giessen Am Opernplatz - Ecke Boekenh. Laodstr. 2 Das Fachgescfiält iür mahnte Einrahmung Die Kunslhandiang Des guten Geschmacks Bemerkungen, die wir in der öffentlichen Diskussion der Schächtfrage leider vermißt haben, die aber jetzt, nachdem wir uns an einem verhängnisvollen Wendepunkt des ganzen Kampfes um die Schechita befinden, nicht mehr verschwiegen werden dürfen. Wenn aus fremden Zonen ein unbeteiligter Beobachter nach Deutschland käme und dort von einer gesetzlichen Bestimmung Kenntnis erhielte, wonach die Schlachttiere vor der Schlachtung b et ä u b t werden müssen, so wäre er zweifellos des Glaubens, daß man im humanen Bayern jedes Tier, bevor es geschlachtet wird, chloroformiere oder mit einem ähnlichen Narkotikum, wie es bei Operationen von Menschen geschieht, in den Zustand der Empfindungslosigkeit versetze. Wie würde er staunen, wenn man ihm sagte, daß hier ein elender Wortbetrug vorliegt! Man hat das Verfahren, ein Tier entweder mit einer Keule durch wiederholte Hiebe auf den Kopf totzuschlagen oder ihm in liebenswürdigerer Weise einen Bolzen durch den zertrümmerten Schädel in das Gehirn, zu treiben, mit der Etikette „Betäubung" überklebt und verlangt nun von dem ältesten Kulturvolk Europas, den Juden, daß sie sich dieser barbarischen Tötungsweise anfchließen und ihr eigenes vom Schöpfer der Menschen- und der Tierseele ihnen offenbartes Verfahren — das dem Keulenfchlag und dem Bolzenschuß ebenso überlegen ist, wie die Linse eines modernen Fernrohrs den Brillengläsern unserer Urgroßmütter — preiszugeben! Hier gibt es für einen ehrlichen Menschen nur ein Entweder—oder. Entweder man nennt Betäubung, was der schlichte Menschenverstand unter Betäubung versteht, dann wird — trotz allem Gerede von Betäubung — kein einziges Schlachttier „vor der Blutentziehung betäubt", vielmehr werden die Tiere erschlagen oder erschossen. Oder aber man versteht unter Betäubung eine möglichst schmerzlose Tötung des Tieres, dann i st der Schachtakt, der, wie alle autoritativen physiologischen Gutachten beweisen, zur sofortigen Blutleere des Gehirnes und damit zur Empfindungslosigkeit führt, die höchste und ideal st e Form der Betäubung eines Tieres. Trotzdem will man nun die Juden, die sich auch auf diesem Gebiete als 'n ■’Vd wi* als Werkzeuge göttlicher Wahrheit und Sittlichkeit fühlen dürfen, unter ein empörendes Ausnahmegesetz stellen, das der offenbarten nö’ntf nixa» aller wissenschaftlichen Wahrheit zum Hohne, den Makel d er Tierquälerei aufdrücken soll! Das und nichts anderes ist Zweck und Sinn des ganzen Geredes von der „Betäubung", soweit die verantwortlichen Organisatoren der antisemitischen Anti-Schächt-Vewegung in Betracht kommen. Auf die wohlmeinenden, ganz und gar nicht antisemitischen Kreise der bayrischen Staatsregierung oder der sozialdemokratischen Partei aber*) hat die Tatsache verwirrend gewirkt, daß man sich von jüdischer Seite überhaupt auf eine Diskussion der ganzen V etäubungsfrage ernst Haft eingelassen hat. Das klingt durch alle Reden durch, die von dieser Seite gehalten wurden; nie und nimmer *) Einzig und allein die Bayrische Volks- Partei hat, getreu den guten Traditionen ihrer Muttervartei, des Zentrums, furchtlos und energisch die Sache der - religiösen Gewk'senssreiheit vertreten und sich dadurch den wärmsten Dank aller religiösen Menschen verdient. Wir können uns in dieser Hinsicht den kritischen Standpunkt unseres Münchener Korrespondenten nicht zu eigen machen. hätte sich im bayrischen Landtag eine Mehrheit für den, schmählichen Gewissenszwang des Schächtverbots gefunden, wenn nicht zahlreiche Abgeordnete ihr Gewissen mit dem Vertrauen auf die angebliche „religionsgesetzliche Zulässigkeit" eines chemischen oder physikalischen Betäubungsverfahrens eingelullt hätten. Wir aber meinen: selbst wenn es eines Tages gelingen sollte, ein Betäubungsverfahren zu finden, das, frei von gesundheitlichen, technischen, wirtschaftlichen Bedenken, Empfindungslosigkeit herbeiführt, ohne die von der Halacha geforderte volle Vitalität des Tieres im Moment des Schächtschnitts zu beeinträchtigen, selbst dann würde die Anwendung eines solchen Betäubungsverfahrens von uns abzulehnen fein, solange es ein Ausnahmegesetz gegen die Juden darstellt. Nicht um der Ehre der Juden willen. Wir sind es im Golus vielfältig gewohnt, unsre eigene menschliche Ehre um höherer religiöser oder sittlicher Zwecke willen zum Opfer zu bringen und wissen uns frei von allem jüdifch-„völkischen" Chauvinismus. Aber hier ist es nicht sowohl die Ehre der jüdischen Menschen oder der jüdischen Nation, die auf dem Spiele steht, als vielmehr die Ehre Gottes, für die unsre Väter tausend Tode erlitten haben. Die Schechita bildet einen integrierenden Bestandteil jenes großen, von Gott offenbarten SystemsderjüdischenSpeisegefetze, die allesamt sich aufbauen auf dem göttlichen Wissen um das tiefe Geheimnis des Zusammenhanges zwischen Körper und Seele. Nur aus diesem Wissen um die den Menschen bis auf den heutigen Tag verschleierten Zusammenhänge lassen sich unsere Speifegesetze und läßt sich das Gebot der Schechita erklären. Zu dulden oder gar aktiv daran mitzuwirken, daß dieser von Gott offenbarten Religionsvorschrift der Makel der Tierquälerei angeheftet wird, auf diese Weise in dem Bewußtsein, unserer eigenen Kinder und Kindeskinder, vor den Augen der ganzen Welt Gott und seine Thora herabzusetzen, bedeutet uns Verrat an der religiösen Wahrheit. Denn! diese Degradation der Schechita bedeutet schließlich entweder eine Verleugnung des göttlichen Charakters dieser Institution oder eine Lästerung des Gesetzgebers. Wir wissen nicht, ob diese Gesichtspunkte von den berufenen Vertretern des Judentums in Bayern der Regierung und den Parteien in voller Eindringlichkeit vor Augen geführt worden sind, wifen noch viel weniger, ob man damit bei areligiös oder irreligiös eingestellten Politikern, größeren Erfolg erzielt hätte als mit der Vertröstung auf die höchst unwahrscheinlichen Ergebnisse des Suchens nach einer halachisch zulässigen Betäubungsmethode. Aber jetzt, nachdem das Unglück einmal geschehen -und der bayrische Staat sich durch die gesetzliche Statuierung schweren Gewissenszwanges gegenüber einer ganzen Religionsgemeinchaft entehrt hat, wäre es wohl an der Zeit, die Wahrheit, wie sie der gläubige Jude empfindet, offen und unverhüllt auszusprechen. Auch unsre rabbinischen Führer sollen ja nicht bloß juristische Interpreten der Halacha sein, sondern die Schützer der religiösen Ehre des Judentums. Sollte es nicht gelingen, die rrrn, bevor sie Wirklichkeit wird, in letzter Stunde doch noch abzuwenden, so wird, wie wir zuversichtlich hoffen, das religiöse Ehrgefühl der bayrischen Juden und die gewissenhafte Treue der Mehrheit zum Gotnesgesetze sich um so glänzender bewähren, und die Zahl derer gering bleiben, die, dem schändlichen Zwange weichend, in Haus und Küche der keberlieferung die Treue brechen und so das Band zerreißen, das sie mit Vergangenheit und Zukunft ihrer Gemeinschaft verknüpft. Dann wird auch in dieser Not das alte Wahrheitswort ich aufs neue bewähren: - •dt>3?rn dipsj hvnw' iiniip ms» Vd „Jede Mizwa, für die Israel sein Leben einsetzt, bleibt ihm dauernd erhalten." lVochenrundschau. Liberaler Vorfrühling. Eine internationale Liberale Konferenz wird im Juni ds. Js. wieder stattstnden, auf der das liberale Maximum an Religion zum zweiten Male mit Posaunen und Schalmeien verkündet werden soll. Solange sich der Abfall offen als das gab, was er ist, hatte man eine klare Linie, seitdem sich aber der Abfall als Re - l i g i ö s i t ä t gibt, legt sich dichter Nebel über die Dinge, unter dem sich alles zu verwirren und zu verschieben droht. Damit entsteht eine neue Gefahrzone für das wahre Judentum, vor der es die Augen nicht verschließen darf. Der „Weltverband für liberales Judentum" spürt — wir haben erst Schewat begonnen — Vorfrühlingsluft. Am 27. Januar gab es in Berlin den ersten Auftakt zur Junikonferenz mit einer groß und gut aufgezogenen öffentlichen Versammlung im früheren Preußischen Herrenhause. So ziemlich alle Belange und Postulats des liberalen Judentums fanden dabei ihren mehr oder weniger glücklichen Dolmetsch und ihren lauten und überlauten Ausdruck. Die aus der ersten liberalen Heeresschau wohl bekannte englische Miß Lilly M o n t a g u e ritt ihr Steckenpferd: Das Recht der Frau in Gemeinde und Synagoge, ihr Recht auf die K a n z e l. Für ihre eigene Person dokumentierte sie dieses Recht und die Beredsamkeit ihres Geschlechtes mit einer Predigt im Tempel der Reformgemeinde. Ihr Landsmann und Gesinnungsgenosse Dr. Israel Mattuck nennt den Liberalismus eine „jüdischreligiöse Renaissance" und weiß, daß Gottes Siegelbild die „Wahrheit", seine Grundforderung die „Freiheit" ist. Weiß aber nicht, oder will nicht wissen, daß ivriin unwandelbar und vom Windstoß einer von Menschen ausgedachten „Renaissance" unberührt bleibt, weiß eben so wenig, daß jüdische Freiheit •nmrfvnrT nicht nur gottgegeben, sondern auch ewig Gottgebundenes ist. Aus Laienmund, dem des Herrn Direktor Dr. K l e e m a n n ,‘ kam das Hohelied der E i n - h e i t s g e m e i n d e. Er fordert u. a. Abhaltung religiöser Feierstunden auch an Sonntagen. Einer Gemeinde vom Geiste echter Toleranz zieme es, neben den Kaschruthbestrebungen der strengsten Konservativen auch den Sonintagsgottesdienst der Reformgememde — Hut ab! — zu unterstützen. Wenn der Frankfurter Dr. Seligmann mit dem „Schema"- undv'^8 rrin'N-Ruf der Gemeinde am Ausgang des Versöhnungstages in dieses Lied einstimmt, so mutet das — wenigstens uns — wie eine Mahnung und ein Weckruf Elijahus auf der Karmelhöhe an:.'»» *7? D'S'yon 'in? wnvis vr>8 „Entscheidet euch!, ob ihr zu Gott oder zum Baal haltet!" S o war das im Nebel der religiösen und liberalen Phrasen gewiß nicht gemeint.' Noch weniger möchten wir hierin den Prediger Dr. Lehmann mißverstehen, der in den fünfzig Jahren seit Geiger und Holdheim keine neue Strophe zu dem alten Liede von den „Propheten der Menschheitsidee" hintzugelernt hat. Zwei prominente Laienmitglieder, die wünschten, das Judentum „aus einer Festtagsspeise der Satten zu einem Regulator und Prüfstein des täglichen Lebens" zu machen, möchten wir aber gern beim Wort nehmen. Das ist wörtlich — vielleicht aber leider nur „wörtlich" — das gleiche, was wir immer wollten und wollen, was S. R. Hirsch in allen Tonarten gelehrt hat und was schon vor ihm zu allen Zeiten, bis zurück zum Sinai mit seinen ntpya als Lebensessenz des Judentums uns empfohlen wird. Dann aber darf es nicht so sein, wie der Generalsekretär der Liberalen Vereinigung es auf der Versammlung wünschte, daß „das religiöse Leben an öte1 Fra-

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