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Der Israelit · 1930-01-30 · Heft 5 (30.1.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 5 (30.1.1930)
Date
1930-01-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Jsr aelit ßr. 5 1930 rvrm -'TH! mm W-’A W*A Wraham Sohn Abrahams. Line HeldG»- und Märlyrergeschichle nach Wilnaer Akten. Von S. Schach nomitz. (Fortsetzung). Das .war Mieder ein böser Spuk, schlimmer, Äks.der erste. Was wollte der rote Satan von ihm? Wie war das Ganze? Er mußte sich den Zusammenhang Strich für Strich in-Erinnerung rufen. And dann.war ja alles so einfach. Junge Menschen kamen ZU ihm — er kannte sie nicht —, um aus jüdischen Schriften zu lernen. Durfte er es ihnen versagen? War er nur dazu da, Tee und Schnaps auszufchenken, nicht aus „dem Born, den Fürsten gegraben?" War nicht die Lehre Mosis Erbteil aller? Wer durfte ums Vätererbe gebracht werden? Aber es waren ja keine Juden! . . . Das hatte er nicht genügend dedacht. Valentin wurde, erinnerte er sich, der eine genannt, vonPvtocki und G r a f wußte er nichts. Was wollte aber Efau, der Rote im /Haarmantel, jetzt von ihm? Er sollte Valentin, der fein Freund und Schüler war, der, wie er auch hreß und was «er von.Haus aus war, ein jüdisches Herz in der Brust Hatte, dem Henker ausliefern? Er wußte ja in Wahrheit nicht, wo sich dieser Valentin, oder wie er sonst hieß, aüfhielt. Und w enn ers wüßte! Er erschrak vor solchen Gedanken. „Herr im Himmel, bringe mich nicht in Versuchung! . . ." Aber wenn der Rote seine Drohung wahrmachte? Was konnte dieser ihm eigentlich tun? Man war ja nicht in Polen, es war Paris, ein anderes Land. Aber, sprach er nicht von Präfektur?' Was hatte er mit der Präfektur zu tun? Er hatte die Lizenz zum Betrieb seiner Gasthalle bezahlt und erneuerte sie jedes Jahr gegen schweres Geld. Was konnte ihm die Polizei anhaben? Spione, Agenten, hatte der Mann gesagt, verkehren in seinem Lokale. Was wußte er, Menachem Leib, davoiu? Konnte er seine Gäste auf Herz und Nieren prüfen? Er gab ihnen den Tee, sie ihm die Münze, was gingen sie ihn weiter an? Aber wie eine Titusmücke faß und fraß es in seinem Gehirn, wich nicht davon, bohrte und hämmerte. Er verstand zum ersten Mal Zusammenhänge im Talmud nicht. - Es war Gewitter im Anzuge, die schwarze Wolke wuchs und wuchs. : Er hätte gern mit jemand darüber ' gesprochen. Seine. Frau, abgehetzt und verärgert, verstand die ganze Geschichte nicht. „Echte Menachum Leib-Geschäfte!" zeterte sie. „Setzt sich mit Kunden ins Nebenzimmer zu seinen Büchern hinein, statt diese beim Schanktische zu bedienen, damit sie einem was einbringen! Und hinterher noch Scherereien!" „Was konnte passieren?" fragte sie aber andererseits. „Die Geschäfte taugten nichts, die Angst noch viel weniger!" entschied sie mit mehr Bitterkeit in der S t i mm e als in den Au g e n, in denen doch unverkennbar auch der Stolz leuchtete auf einen Mann, der über den Schanktisch doch höher hinaus konnte.; Sie wollte auf ihre Weise ihn mit den Vorwürfen eigentlich beruhigen. Er begab sich zum Rabbiner und erinnerte sich dabei, daß in dessen Haus zum ersten Mal das Wort H o l l a n d gefallen »war. Der alte sephardische Rabbi erschrak nicht wenig. Aus solchen Dingen komme immer Unheil, Er möge nur ja vorsichtig sein, wußte aber keineswegs zu sagen und zu raten, was er tun und w i e er vorsichtig sein solle. Menachem. Leib sah wieder nach der Türe aus, wartete auf ein Wunder. Das Wunder hieß: Rabbi E l i e. Der Gaon war auf Wanderschaft, gen Westen. Käme er jetzt herein, das Haus würde sich mit Licht füllen. Er, Menachem Leib, würde sich gar nichts anmerken lasten, würde nur emsaugen das Licht aus dem heiligen Antlitz und alle Sorge und Gefahr würden schwinden. X. An einem Abend kam er. Zu jung das Gesicht für den Gaon aus Wilna, aber jüdisch und gelehrt sah er aus. Ein schlanker Mann in langem gutem Oberrocke, mit vollem dichtem Vlondbarte, der das feine Gesicht bis zu den Augen umwallte und unten in breiten Wellen das Kinn hinabfloß. Ein fremder Jude, kam von weither, das sah man ihm an. Menachem Leib bot ihm S ch a - k o m. Der Fremde ergriff die Hand, ließ sie nicht los und zog Menachem Leib ins Nebenstübchen, als kennte er sich hier gut aus. „Kennt Ihr mich nicht mehr?" Menachem Leib sah ihm prüfend ins Gesicht. Er Hatte noch nie dieses blonde Bartviereck gesehen, aber die Augen waren ihm nicht ganz fremd, Stimme und Tonfall erinnerten an etwas Fernliegendes ... „Der Meister erkennt den Schüler nicht mehr. Wer sollte mich sonst noch kennen? Aeußerlich wie innerlich ein anderer. Gott fei es gedankt! ..." „Ihr seid . . .?" „Der, den sie früher Valentin nannten, und jetzt Abraham heißt, Abraham Sohn Abrahams." „Valentin Potocki, der Graf?!" Wie des Juden Stimme Zitterte! „Auch das wißt Ihr? Nun lasten wir den Grafen, auch den Valentin. Ich bin Euer Freund und Schüler Abraham, Jude wie Ihr. Es hat sich nichts geändert in diesem Stübchen. Ich komme von Holland, reise weiter in die Welt, wollte aber erst meinen Meister und dieses Stübchen, das mir der Weg zur Wahrheit geworden, begrüßen..." Etwas lähmte Menachem Leibs Sprache. Er wollte was sagen, einen Warnungsruf ausstoßen, und hatte kein Wort in der Kehle. ' Er brachte Speise und Trank und richtete dem Fremden in der großen Schankstube, nachdem die Gäs'te gegangen waren, ein Bett. Vorher erzählte Abraham von seinen Erlebnissen von dem Tage an, da er Paris verlassen hatte, vom Leben der Juden in Amsterdam, den Streitigkeiten in Altona. Menachem Leib blieb wortkarg, gedrückt und zerstreut, hörte mit halbem Ohre und getrübtem Sinne zu. Vor der Seele stand ihm der rote Esau im Haarmantel. Warum fand Menachem Leib in dieser Nacht keinen Schlaf? Die Titusmücke hämmerte wieder in seinem armen Gehirn, als hätte sie, wie es km Talmud heißt, eiserne Krallen mit Nägeln wie Spieße. „Herr im Himmel, bringe mich nicht in Versuchung!" : Dort lauern Luchsaugen und trachten nach feinem Leben. Und hier „Um Himmels willen! Menachem Leib!" schrie er sich an. „Ist es so weit gekommen mit Dir! Ein Moster! ..." Er lernte auswendig, da er sich fürchtete, Licht zu machen. Es steht geschrieben: „Will Dich Jemand töten, so komme ihm zuvor und schlage ihn ^ot." Er? Will e r ihm was zuleide tun? Die Gefahr drohte von dritter Seite, und es, steht wiederum geschrieben: „Es ist verboten, sich zu retten mit dem Blute anderer." „Weißt Du, daß Dein Blut röter ist, als das des Anderen?" fragt der Talmud in solchem Falle. „Und es lebe Dein Bruder mitDir " , heißt es in der Schrift. Und es lehrt daher Rabbi Akiba: „Sind zwei in der Wüste und haben nur ein wenig Wasser, ausreichend, einem das Leben zu erhalten; wenn sie aber das Wasser teilen, Heide sterben müßten, so trinke der eine und lebe, anstatt daß zwei Menschen sterben." Wer aber sprach hier von zwei und e inem? „Moster!" schlug er sich mit den Fäusten in die Schläfe, „der Du solchen Gedanken nur für eine Minute Raum in Deinem Herzen gewähren kannst. Ein Master, der jüdisches Leben und Eigentum preisgibt, hat keinen Anteil an der kommenden Welt, man stößt ihn hinab und holt ihn nicht herauf ..." Wenns sich aber von selber machte! Sagen wir, sie kämen morgen und träfen ihn hier . . . „Und Du hättest ihn nicht gewarnt . . . Sein Blut fällt auf Dich, Master! ..." Er sprang aus dem Bette, als drohte ein Unglück, lief in die Schankstube, als gelte es, tausend Hindernisse aus dem Wege zu räumen, rüttelte den Fremden aus dem Schlafe, als loderten Flammen rings um ihn herum. „Steht auf, rasch, fliTchtet, man sucht Euch hier. Geht von dannen, wenn Euch das Leben lieb ist." „Ist Jemand da?" „Zur Stunde nicht, aber sie waren da und kommen ganz gewiß wieder. Rettet Euch!" Abraham richtete sich auf, begriff nur langsam. „Wer erkennt in mir den früheren? . . ." „Bei mir erkennen sie Euch gleich. Gehet!" Abraham machte sich unwillig ohne große Eile fertig, nahm Ranzen und Stecken, blieb aber unentschlossen stehen. „Man sucht mich bei Euch? Hat man etwa auch Euch in Verdacht?" „Ich glaube, ja, aber denkt an Euch, gehet, verlieret keine Zeit." „Und fürchtet Ihr nicht für Euch selbst?" „Ich weiß es nicht, gehet!" „Meister, kommt mit mir, mit oder ohne Weib und Kinder — die konnten Nachkommen. Ich habe noch genug in der Börse, um Euch über die Grenze, in Sicherheit zu bringen." Menachem Leib überlegte eine Weile. „Mir wird nichts.. widerfahren," sagte er, „man sucht Euch, gehet und verlieret keine Zeit. Die Haustüre ist offen." Noch einen letzten Versuch machte Abraham: „Ueberlegt es Euch, Freundlich bleibe noch in Paris und bin m den nächsten Tagen zu treffen ..." , Menachem Leib fiel ihm hastig und erschrocken ins Wort: „Sprecht es um Gottes willen nicht aus. Ich will, ich darf nicht wissen, wo Ihr seid. Gehet!" Und Abraham ging. Frei aufatmend begab sich Menachem Leib wieder auf sein Lager. „Herr im Himmel, bringe mich nicht in Versuchung!" Die große Eile war nicht vonnöten. Es vergingen ejn paar Tage, bis der rote Pole wieder.

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