Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1930)
- Date
- 1930-01-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450605--76666-2534255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Nr. 5 Der Israelit 30. Januar 1930 kam. „Na, Leibke, wie ists?" fragte er ganz vertraut und gemütlich. „Ist der Hecht am Ende schonim Netze?" Stumm und verständnislos sah Menachem Leib hinweg, um nicht in die gräßlichen Züge zu schauen. „Nicht?", sagte der Pole gut aufgelegt, „auch gut!" Und er hielt das Glas hin. „Fülle es nur gut, wirst nicht mehr lange Tee ausschenken." Mit einem grinsenden Lächeln ging der rote Satan von dannen. Nun wickelte sich alles weitere rasch wie an einem Schnürchen ab. Am folgenden Morgen kamen uniformierte Männer, fragten Menachem Leib, ob er der Wirt sei und baten ihn, nicht einmal unfreundlich, ihnen auf die Präfektur zu folgen. Er ging ruhig wie er sonst um diese Zeit ins nahe Bethaus ging, nahm auch den Beutel mit Gebetmantel und Gebetriemen mit. Auf dem Rückwege vom Amte wollte er zum Beten gehen. Beile und die Kinder merkten es nicht einmal, daß der Vater diesmal in Begleitung von zwei Männern, die rote Kragen und Messingknöpfe am blauen Rocke hatten, zum Beten ging. Daß es so lange dauerte, bis er wiederkam, fiel nicht sehr auf. Wieder echt Menachem Leib! Schlägt sich im Bethause mit Jemand über einen Talmudsatz herum. Oder sucht nach dem fremden Wanderer aus Wilna, nach dem er sich schon seit Wochen die Augen ausgeguckt. Inzwischen kann sich seine Beilke für ihn, fürs Haus, für die Wirtschaft, für die Kinder zu Tode plagen! „So ist mein Menachem Leib!" dachte sie — laut genug, daß es Älle im Hause hören konnten — mit Bitterkeit und Stolz zugleich. Aber es wurde diesmal spät und später. Um was es ging, erfuhr die abgehärmte Frau erst am frühen Abend, als ein ganzer Trupp breitschultriger, betreßter, zum Teil.bewaffneter Männer ins Haus stürzte, als gälte es, Feuer zu löschen. Die Stube war voller Gäste. Zwei Lanzenträger postierten sich vor der Türe, daß keiner hinaus konnte. Andere beamtete Männer gingen von Tisch zu Tisch, wo die Gäste bei Tee und Schnaps und Würfeln faßen. „Ausweispapiere!" befahl eine harte Stimme. Erschrocken standen die Leute vom Spiele auf, stöberten in ihren Taschen herum, brachten vergilbte Blätter, Briefe, gestempelte Bogen hervor. Andere stotterten etwas, man lasse sie nur hinaus, ihre Papiere zu holen. Irgend Jemand warte ihrer draußen. Die Beamten blieben taub. Es wurde gesondert. Nur wenige durften durch die Hintertüre mit einem Zettel den Posten passieren. Ein paar Dutzend Menschen waren abseits geschoben und standen gefesselt, des Abtransports bereit. Dann trat der Führer an den Ausschank, von wo Beile schlotternd und zähneklappernd, bleich vor Schreck, wie bei Hereinbruch eines Erdbebens, den Vorgang, verfolgte, und rief scharf und kurz: „Das Lokal ist von der Präfektur aus g e - schloffen. Bei Uebertretung schwerer Kerker und Ausweisung! Offen bleibt nur die Hintertüre und Stiege zur Dachwohnung der Familie!" Starke Männer klapperten mit hartem Zugriff an Fenster und Türe. Am kleinen Erkerfenster, wo seit Jahren Flaschen und Teegläser die Kunden lockten, waren bald die Läden festgeschlossen, das Schild abgerissen, die schwere Türe, nachdem die Gefangenen zu zweien hinausgetreten waren, fest geschlossen und mit Amtssiegel belegt. Tot und öbrlag die kleine, schmale Gasse. Das Jammern einer Frau um den Mann, das Weinen von Kindern um den Vater und Ernährer drangen nicht auf die Straße hinaus. Türe und Fenster waren gut verschlossen ... (Fortsetzung folgt.) Eine ostjüdische Feier in Westdeutschland. Die Jüdische orthodoxe Betgemeinschaft Hagen hatte zu Sonntag, den 19. Teweth, zur Feier des EhinUch einer Sefer Thora geladen, welche sie durch einen Preßburger Sofer aus Mitteln der Gemeinschaft, dank der unermüdlichen Bestrebungen ihres Schachet, D. Laub er, hatte schreiben lassen. Der Einladung war eine außerordentlich große Anzahl von Freunden gefolgt, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hagen, Vertreter der verschiedenen ostjüdischen Kibuzim Westdeutschlands, so daß dem feierlichen Akt des Chinuch ca. 500 Personen beiwohnten, und sich an dem daran anschließenden Festessen ca. 350 Gäste beteiligten. Soll der Berichterstatter seinen Eindruck in einem Satz zusammenfassen, so möchte er sagen: Das Fest war eine treffliche Illustration des Begriffes .-m» 'pv nnvv Mochten ihm, der erziehungsgemäß gewohnt ist, die Dinge zunächst mit westlichem Maßstab zu messen, das Durcheinander, die starke Lebendigkeit, die unermüdliche Lustigkeit und Ausdauer der trefflichen Gelsenkirchener Musikkapelle „L'sosaun ulsimcho" anfangs etwas chaotisch erscheinen, so war er bald, und nicht nur er, sondern auch Teilnehmer mit weit mehr innerer Verbundenheit mit westlichen Gebräuchen und Formen, von der Freudigkeit ganz mitergriffen, von jener wunderbaren Fähigkeit des echten Ostjuden mitgepackt, die Not des Alltags über der Freude an den Dingen, der Ewigkeit ganz zu vergessen. Nachdem die Sefer Thora fertig geschrieben und unter einem großen Traubaldachin mit ihren drei Schwestern, den drei andern Sifre Thora der ostjüdischen Betgemeinschast, postiert worden war, wurden die Weihereden gehalten. Rabbiner Dr. Wolf- Köln brauchte nur wenige Sätze zu sprechen, um das Publikum — in diesem Fall wohl besser und volksttimlicher mit der „Oilom" bezeichnet, in vollkommene Ruhe gebannt zu haben, ein Erziehungserfolg, der ihm selbst wahrscheinlich ziemlich erstaunlich schien. Anknüpfend an das Wort „Und nun schreibet mir dieses Lied", sprach er über das Lebenslied des jüdischen Volkes, über Sch'ma Jisroel, in wunderbarer Eindringlichkeit, selber ergriffen und darum alle ergreifend. Da den Lesern dieser Zeitung hoffentlich die Rede noch in irgendeiner Weise zugängig gemacht werden wird, beschränke ich mich auf diese Feststellung. Charakteristisch war, daß vor seiner Rede ostjüdische Freunde in Hagen den Berichterstatter auf „die Weiherede des Herrn Rabbiner aus Köln" hinwiesen, während sie nach seiner Rede in großem Stolz von „der Drösche unseres Row" sprachen. Im Anschluß hieran sprach Prediger und Lehrer Abt-Hagen, der zum Thema „Ein Baum des Lebens ist sie denen, die sich an ihr halten, und die, welche sich stützen,, sind beglückt" treffende Ausführungen über die Begriffe Leben und Glück machte. Er forderte die ostjüdischen Brüder seiner Gemeinde auf, ihr Leben, auf Verinnerlichung gerichtet, weiterzuleben, um so glücklich in des Wortes höchstem Sinne zu sein, und dafür zu sorgen, daß auch ihre Kinder in dieser Weise glücklich werden und glücklich bleiben. In diesem Sinne feierte er die Stunde des Chinuch als eine Stunde des Lebens und des Glückes. Rabbiner Dr. Norden- Elberfeld, der Rabbiner der Nachbargemeinde, führte aus, daß ihm nach den Ausführungen seiner beiden Vorredner zu sagen kaum etwas übrig bliebe. Er beschränkte sich auf eine geistvolle Auslegung des Targumwortes zu Bereschis Kap. 50 V. 19 unter Hinweis auf eine ähnliche ausfallende Textstelle in Bereschis Kap. 30, Vers 2, und nahm seine Erklärung zum Anlaß, dieVeranstalter des Festes aufzufordern, bei aller Würdigung fremder Kulturen und Religionsanfchauungen, ihre Eigenart zu bewahren und zu betätigen. Nun folgten — und dies war wohl den westlichen Westlern vollkommen ungewohnt, und selbst von den „östlichen Westlern" in dieser Schönheit und eindrucksvollen Art kaum je so empfunden — die 7 Hakofaus unter Voranführung der neuen Sefer Thora. Die Kapelle spielte einen aufwirbelnden östlichen Semer, das Publikum bildete Spalier, und unter Gesang und Tanz und Händeklatschen erfolgten die Rundgünge. Die Simcho schel Mizwo war auf ihrem Höhepunkt angelangt. Kein Mißton störte sie, die Freude war ungekünstelt und echt und drang auch in das Herz derer, die bis dahin neugierig zum Schauspiel gekommen waren. In diesem Augenblick wurde auch ihnen das Schauspiel zum Erlebnis und zum Symbol, das sie, wenn auch nicht voll begriffen, so doch erahnten. Mit Verrichtung des Maariw-Gebetes fand die offizielle Feier ihren würdigsten Abschluß. Eine Stunde darauf begann alsdann das große Festesten. Die Musikkapelle, ein trefflicher Chor unter Leitung des Kantor Gradmann-Köln waren unermüdlich, Sologesänge des jungen Gradmann und eines anderen Künstlers, dessen Name der Berichterstatter leider vergessen hat, erfreuten das Ohr. Die Begrüßungsansprache an die Gaste hielt Hermann Goldschmidt -Hagen, ein orthodoxer Westjude, der als Vertreter der Ostjuden der Hagener Gemeinderepräsentanz angehort, und sich um die Organisierung des ostjüdischen Kreises Hägens seit je große Verdienste erworben, und die dortige Talmud Thora des Keren Hatorah gegründet hat, und darum in diesem Gremium der geeignetste Sprecher war, der asten zum Herzen und allen aus dem Herzen sprechen konxtte. Seine Rede gipfelte in dem Wunsch, daß nicht nur im frohen Feiern, sondern auch in ernsten Lebensfragen der Osten und Westen sich finden mögen, daß aus der Verbindung östlicher Kultur mit westlicher Zivilisation sich die rechte Mischung ergebe. Namens der Ostjüdischen Exekutive schilderte ein Elberfelder Herr, an die anwesenden Westjuden sich, wendend, die schwere Lage des nach dem Westen verschlagenen Ostjuden, sein ' schweres materielles und geistiges Ringen. „Für unfern materiellen Kampf brauchen wir Eure Förderung, für unfern geistigen Kampf Euer Verstehen und Eure Würdigung. Wir reichen Euch heute in Liebe die Hand, ergreift sie und haltet sie fest. Wir sprechen zu Euch Worte der Brüderlichkeit und der Liebe, laßt uns ein Echo bei Euch finden." Den aufrichtigen Gefühlen des Westjuden für ostjüdische Art und ostjüdisches Wesen gab alsdann der Berichterstatter Ausdruck, dem es wichtiger erschien, in dieser Stunde statt einer vorbereiteten Festrede, die die Beziehungen des Keren Hatorah zu einem solchen Fest der Thora beleuchten sollte, die Brücke weiter zu befestigen, die der Voredner geschlagen hatte. Im Anschluß an ihn gab ein Vertreter des HageNer Gemeindevorstandes dem Dankesgefühl der Verwaltung Ausdruck, die sich mit ihren ostjüdischen Brüdern freut. „Daß wir gut miteinander leben, sehen Sie daran, daß so Viele aus unserm Kreis zu Ihnen gekommen sind, um dieses Ihr Fest als ein eigenes mitzufeiern." Als der Berichterstatter genau. um Mitternacht den Festeskreis und Hagen verließ, war man noch mitten im Feiern, mitten in höchster Freudigkeit und Frohsein. Kann er vom weiteren Verlauf des Festes nicht mehr berichten, so konnte er den Festeskreis verlassen in dem Bewußtsein, daß ein höherer Grad voN Simcho schel Mizwo nicht mehr erreicht werden konnte, und in dem heißen Wünschen, daß diese Simcho schel Mizwo den Ostjuden Hägens immer erhalten bleiben, seinen Westjuden zu erstrebenswertestem Gut werden möge. W. S. I. (Die berufliche Amschichlung in der jüdischen Bevölkerung Polens.) Nas November-Heft der vom Verband Ort herausgegebenen Zeitschrift „Wirtschaft und Leben" veröffentlicht auf Grund der Arbeiten von Dr. Jakob Lestschinsky Mitteilungen über die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der jugendlichen jüdischen Arbeiter in Polen. 54,4 Proz. der, jugendlichen Arbeiter sind im Bekleidungssach, 14,6 Proz, im Lederfach, und 7,4 Proz. in der Textilbranche beschäftigt; dagegen nur 2,5 Proz. in der Metallbearbeitung, 4,9 Proz. in der Holzbearbeitung, 1,2 Proz. im Baugewerbe und 0,5 Proz. im Druckereigewerbe. Bezeichnend für die geänderte Beziehung des jüdischen Mittelstandes zur Werktätigfeit ist die Tatsache, daß mehr als ein Drittel (36,8 Proz.) aller jugendlichen Arbeiter der nichtproletarischen Schicht entstammt. Die Ergebnisse der Untersuchung erweisen die Abkehr der jüdischen Jugend Polens von den herkömmlichen „jüdischen" Berufen. So ergriffen z. V. von den Kindern der Bekleidungsarbeiter nur 14,7 Proz. den Beruf ihrer Väter, dagegen blieben 50 Proz. der Kinder der in der Ernährungsmittelbranche tätigen Arbeiter, 43,2 Proz. der Kinder von Textilarbeitern und 43,8 Proz. der Kinder von Bürstenmachern im väterlichen Berufe. Ein trostloses Bild entrollen die Angaben über die Arbeits¬ und Lohnverhältnisse der Jugendlichen. Es werden im Durchschnitt täglich 8—9 Stunden, in der Provinz sogar 10 und mehr Stunden gearbeitet. In der Textilbranche arbeiten die Jugendlichen täglich elf und mehr Stunden. Dabei beträgt der Wochenlohn der Jugendlichen im Durchschnitt nicht mehr als 12 Zloty (ca. 6 Mark.) Arbeiter im Alter von 17 bis 20 Jahren erhalten einen Wochenlohn bis zu 15 Zloty. Schneiderarbeiter (54,4 Proz. sämtlicher Arbeiter) beziehen einen Wochenlohn von ca. 10,8 Zloty. Ueberraschend günstig..sind die Ergebnisse der Untersuchung der kulturellen Verhältnisse unter den jugendlichen Arbeitern, unter denen es nur 7 Proz. Analphabeten gibt. Lese- und schreibekundig sind in Jiddisch 83 Proz.. in Polnisch 69,1 Proz., in Hebräisch 13 Proz., in anderen Sprachen 23,8 Proz. Bemerkenswert ist die positive religiöse Einstellung der Jugendlichen. Von den Arbeitern unter 14 Jahren verrichten 82,6 Proz., von den Arbeitern im Alter von 15 und 16 Jahren 70,5 Proz,, von den Arbeitern im Alter von 17 bis 20 Jahren 49 Proz. die täglichen rituellen Gebete. Die Freude am Backen, die wohl den meisten Hausfrauen innewohnt, wird erhöht, wenn man Zutaten verwende^ die ein Mißlingen der kleinen Kunstwerke häuslicher Backkunst ausschließen. Zu diesen gehört echtes Palmin, bei dessen Verwendung man nie. Gefahr läuft, den Geschmack des Backwerkes durch das so unangenehme Vorschmecken des Fettes beeinträchtigt zu.sehen. Palmin ist nämlich völlig stet von störendem Eigengeschmack, fast unbegrenzt haltbar und außerordentlich ergiebig, deshalb auch das im Gebrauch sparsamste Koch-, Brat- und Backfett. Verantwortlich für den .allgemeinen Detl und das. Feuilleton S. Sch achitowitz, Frankfurt o. M.; Inserate i. V : §'. Schächnowitz, ebenda. — .Für. die pädagogische Benage: Levrer.L Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Ottenbach). — Verlag Israelit", G. m. b.H..Frankfurt a. M. — Druck:.Hermon Verlag und Druckerei, Frankfurt a. M.