Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1930)
- Date
- 1930-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450605--76660-2534249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MRWMMU Seite 4. Nr. 5 Der Israelit 30. Januar 1930 Twtihfißu<6en; FR A N K f II R T-A-n-GEG 8:18*9 CIGARRE liche fügen. Aber man ist geneigt, zu glauben, daß die verschiedenen Fehler der Administration, die Langsamkeit der erlaubten jüdischen Infiltration und der allgemeine Mangel der Begeisterung unter einigen der Beamten die Araber in die Versuchung geführt hat, zu glauben, daß sie d e n n i ch t a l l z u f e st e n En t s ch l u ß, das j ü d i s ch-n a t i o n a l e H e i m a u f z u b a u e n, aus der Welt schaffen könnten. Es sollte leicht sein, einige dieser Fehler wieder gut zu machen. Laßt uns annehmen, das wäre geschehen. Dann bleibt die ernstere Schwierigkeit: können wir die Selbstregierung auf 150 Jahre aufschieben oder im anderen Fall, kann man Bedingungen schaffen, unter denen die arabische Majorität i eine beträchtliche jüdische Ansiedlung dulden und anständig behandeln wird? Man weiß, daß man gar nicht zu viel sagen kann über den ungeheuren Gewinn, den die Araber aus einer Entwicklung ihres Landes durch die Juden ziehen werden. Man weiß, wie klug und menschlich die jüdischen Arbeitergewerkschafterr und die medizinische Hilfe der Juden gewirkt haben. Sie heben den ganzen Lebensstandard der arabischen Massen. Es ist gut zu wissen, daß selbst während des letzten August einige arabische Dörfer ihre Freundschaft bewiesen und Juden beherbergten. Es ist wahrscheinlich, daß der Zündstoff unter den Arabern aus Parteigeist hervorging und aus Verhetzung und Verdächtigung, die absichtlich von einer Elique von Notabeln, die eine sachverständige Verwaltung wohl unter Kontrolle gehalten hätte, ins Werk gesetzt waren. Die Mordtaten wenigstens waren nicht unvermeidlich. Aber wenn ich mir dies vor Augen halte, so frage ich mich selbst, ob von einer Rasse erwartet werden kann, still zu sitzen und zu lächeln, während ein anderer langsam ihr Gebiet überflutet, mit der Hoffnung, eventl. die herrschende Mehrheit im Lande zu werden. Das Schlimmste ist nicht, daß die Vetterin> (Juden und Araber) sich in Religion und Sprache unterscheiden, vielmehr daß sie verschieden geartet sind in ihrem Lebenstempo, in dem ganzen Jahrhundert, dem sie angehören. Die Juden bringen mit sich eine neue Zivilisation, vorteilhaft, gewiß, aber nichtsdestoweniger aufreizend und unruheschafsend. Ich wiederhole die Frage: Man kann die Araber 10,20,30 Jahre unter Kontrolle stellen und einem Zwang aussetzen, aber können wir ihnen ein Jahrhundert und mehr die Errungenschaften der demokratischen Freiheit vorenthalten? Abgesehen von der Frage unserer Pflicht und unseres Könnens, genügt es, festzustellen, daß wir nach aller menschlichen Wahrscheinlichkeit diese unendlich lange Dauer von Jahren eine solche Politik nicht verfolgne können. Ich will versuchen, mit einer praktischen Anregung zu schließen. Würde es nicht klug sein, unter diesen schwierigen Umständen irgend eine endgültige Grenze für die jüdische Einwanderung festzulegen, sie auf einen bestimmten Prozentsatz — weniger als 50. Proz. — der ganzen Bevölkerung festzulegen? Das könnte nur auf Initiative der Jewish Agency selbst geschehen. Es hätte nur dann Sinn, so etwas zu tun, wenn es zu einem auf r i<f>tige<jT un 5 dauernden Freundschaftsvertrag mit den arabischen Gemeinschaften führen würde. Ich meine natürlich eine verhältnismäßig hohe Ziffer, nicht weniger als 33 Proz., nicht mehr als 45 Proz. Wenig oder nichts würde hieÄurch geopfert werden; denn die Aussichten, solche Ziffern während der wahrscheinlichen Dauer des Mandates zu überschreiten, liegen ziemlich fern. Sie würde natürlich nicht Anwendung finden auf Studenten, Pilger oder andere vorübergehende Besucher, sondern nur auf dauernde Ansiedler. Innerhalb dieser bescheidenen Grenze könnte die Atmosphäre eines kulturellen Herdes geschaffen werden. Der jüdische Gedanke würde sein Heim haben. Eine kompakte Bevölkerung würde unter natürlichen Bedingungen leben und eine ganze Zahl von auswärtigen Besuchern würde die.Anregung eines Kontaktes mit Zion genießen!. Unter einem dauerhaften Freundschaftsvertrag würde jüdische Fähigkeit und jüdischer Reichtum selbst in der Politik einen Einfluß erlangen, der außer allem Verhältnis steht zu der Zahl der jüdischen Bevölkerung. Und wenn gefragt wird, welcher Grund vorhanden sei auf Freundschaft zu hoffen, selbst unter dieser freiwilligen Beschränkung der Zahl, so antworte ich, daß die Furcht verschwinden würde, die Furcht, die heute das Gemüt der Araber quält, daß sie von Tausenden von Fremden überwältigt werden sollten. Solange diese Furcht herrscht, ist schwer an eine dauernde Versöhnung der beiden Rassen zu glauben. Ohne diese Versöhnung aber, muß das erhabene Ideal ein zweifelhaftes Abenteuer bleiben. Korrespondenzen « Itacbricftten. Deutsches Reich. Das Gesetz über die Betäubung der Schlachtliere in Bayern. München, 27. Jan. „Alea jacta est!" Die Würfel sind gefallen. Der Bayerische Staat, der Hort aller Reaktion in Deutschland, kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die verstiegensten Ansprüche der Tierschützler in die Praxis umgesetzt zu haben. Die obligatorische Betäubung der Schlachttiere ist zwar noch nicht endgiltig beschlossen, aber es ist leider anzunehmen, daß die Vollsitzung des Bayerischen Landtages am nächsten Mittwoch nur eine Bestätigung der Beschlüsse des Ausschusses bringen wird, die praktisch aus das Verbot des Schächtens hinauslausen, nachdem es trotz jahrelanger Bemühungen nicht gelungen ist, eine befriedigende Methode der Betäubung ausfindig zu machen. Damit stellt sich der Staat Bayern rühmlich an die Seite der russischen Sowjets, bei denen bekanntlich auch Gewissensfreiheit herrscht, soweit sie sich nämlich mit den gegenwärtigen Staatsgesetzen verträgt, denn alle Redner im Ausschuß des Bayerischen Landtags haben immer wieder erklärt, daß sie sich von jedem Antisemitismus frei wissen, daß aber „selbstverständlich" die religiösen Vorschriften dem Fortschritt der Kultur und der Wissenschaft nachzustehen hättten. Und wenn auch einzig und allein die Bayerische Volkspartei sich, getreu ihren religiösen Prinzipien, dem Gesetze widersetzte und dagegen stimmte, so hat doch leider auch kein Angehöriger dieser Partei den Mut gehabt,! zu sagen, daß religiöse Gebote den gerade modernen Anschauungen vorangehen, und daß ewige Gesetze wichtiger sind, als Ideen über einen „Tierschutz", von dem. noch keineswegs sicher ist, ob er seinen Zweck erreicht. Denn das Erschießen eines Tieres „Betäubung" zu nennen, ist eine elende Heuchelei und die jetzt üblichen Mittel dieser „Betäubung" der Schlachttiere durch Kopsschlag oder Schußmaske sind an sich keineswegs unfehlbar, und es ist schon oft genug vorgekommen, daß ein Tier trotz Kopsschlag oder anderer Mittel „unbetäubt" blieb. Auch ist es selbstverständlich ganz unbeachtet geblieben, daß der Schächtschnitt selbst die Betäubung, das heißt die Bewußtlosigkeit in schnellster und sicherster Art. herbeiführt, und um die Heuchelei auf die Spitze zu treiben, hat man noch ausdrücklich in das Gesetz hineingeschrieben, daß der Schächtschnitt „vorläufig" noch gestattet bleibt. Dieser Sah, daß das Schächten an und für sich, also wohlverstanden, nach vorheriger Betäubung „noch" erlaubt bleibt, enthüllt deutlich die ganze Tücke dieser Art von Gesetzgebung. Selbst wenn es noch gelingen sollte, eine zulässige Art der Betäubung ausfindig zu machen, so -wird der Kamps gegen das Schächten an und für sich, also gegen den Schächtschnitt, mit vereinten Kräften weittergehen, selbstredend nur aus Gründen der Humanität, der Sittlichkeit und des Fortschrittes, obwohl alle Physiologen erklärt haben, daß der Schächtschnitt die vollkommenste Blutentziehung sei, der die schnellste Empfindungslosigkeit des Tieres gewährleistet. Aber der Redner.der Sozialdemokratie, ein Jurist, berief sich auf die Schlachthoftierärzte, die sämtlich Gegner des Schächtens seien. Daß diese Fachleute nur deshalb. Gegner sind, weil die Vorbereitungen zum Schächten nicht ganz in den mechanischen Betrieb eines modernen Schlachthofs passen, wußte er vermutlich nicht, oder wenn er es weiß (was wir nicht behaupten wollen), so war das nicht von Wichtigkeit, und außerdem muß man ja der Meinung weiter Kreise dieser Partei, die für naturgemäße Lebensweise, Vegetarismus und ähnliche Dinge schwärmen, Rechnung tragen'. Die Rednerin der Demokraten war immerhin so gütig, anzuerkennen, daß das Schächten ehemals aus sanitären- Gründen eingesührt sei, da aber bekanntlich die Wissenschaft inzwischen fortgeschritten sei, sw sei dieser sanitäre Standpunkt längst überholt, und da die Demokraten bekanntlich in religiösen Dingen stets auf den Fortschritt bedacht sind, so ist auch die Rücksicht darauf nicht erforderlich. Hauptsachverständiger der Regierung aber ist der sattsam bekannte Professor Müller, einer der Hauptschreier gegen die Schächtmethode, ein durchaus parteiischer Sachverständiger, der als deutscher Professor natürlich viel besser weiß, was in unseren religiösen Vorschriften steht, wie wir selbst, und der kühn behauptete, die elektrische Betäubung sei religiös durchaus zulässig. Der Minister war allerdiügs so vorsichtig, hinzuzufügen, daß die Juden nicht der gleichen Ansicht seien, wie der Herr Professor, aber nachdem man uns nun drei Jahre Zeit gelassen habe, müsse man zum Ende kommen und der antisemitischen Hetze den Willen tun. Ueber die Expektorationen des deutschnationalen Erlanger Professors und den nationalsozialistischen Vertreter ein Wort zu sagen, erübrigt sich. Der Verlegenheitsantrag der Bayerischen Volkspartei, der Regierung, die Möglichkeit zu geben, Ausnahmen zu gestatten, verfiel selbstverständlich ebenfalls der. Ablehnung; er würde auch schwerlich etwas genützt haben, da wir in diesem Falle lediglich der Willkür der Vollzugsbeamten ausgesrtzt gewesen wären, und bei jedem Wechsel der maßgebenden Beamten die Gefahr bestanden hätte, daß die Ausnahme nicht ferner zugelassen werde. Das Gesetz wird am 1. Oktober in Kraft treten, und wenn bis dahin nicht noch eine Betäubungsmethode erfunden wird, die den religiösen Vorschriften entspricht, so wird an diesem Tage — nicht etwa ein Schächtverbot eintreten — die Gewissensfreiheit und die Freiheit der Ausübung der Religion ist ja in Bayern garantiert — nein, es wird nur die. Betäubung der Schlachttiere vor dem Schlachten verlangt und dadurch das Schächten unmöglich gemacht, und es kann also von einer Beeinträchtigung der freien Religionsübung keine Rede sein. Das schlimmste an der ganzen Sache ist nun, daß das böse Beispiel leicht Schule machen kann, sowohl in Württemberg, wo die Reaktion ihre Herrschaft befestigt hat, wie in Thüringen, wo ein berüchtigter Nationalsozialist, ein früherer bayerischer Polizeibeamter , [ Erster Minister ist, möglicherweise" auch in - Oesterreich, wo man gewiß nur darauf wartet, das böse Beispiel dys mittelalterlichen Gewissenszwanges'!inachzu- -v: ahmen,.. Möchten unsere Brüder Mittel und Wege -finden, rlum das große Unglück zu verhindern, das drohend in-U! gefährliche Nähe gerückt ist. Zum drohenden Schächtverbot. Nürnberg, 26. Jan. Der Rat des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der Ständige Ausschuß der Tagung und die Bayerische Nabbinerkonferenz, die in Nürnberg zu, geschäftlicher Beratung versammelt sind, nehmen mit tiesenr Schmerz von dem Beschluß des Verfassungsäusschusses des Bayerischen Landtags Kenntnis, der den ausnahmslosen Betäubungszwang, beim' Schlachten der Tiere fordert und so das durch die Jahrtausende geheiligte religiöse Gebot des Schächtens der Tiere verhindert. Die berufenen Vertreter des bayerischen Judentums, legen hiermit Verwahrung ein gegen die Herabsetzung ihres Bekenntnisses, die. Beeinträchtigung der durch die Verfassung des Reiches und des Landes gewährleisteten religiösen Gewissensfreiheit und die dadurch begründete Verletzung der staatsbürgerlichen Rechte. Die jüdische Bekenntnisgemeinschaft erwartet, daß der Landtag eine eine Ausnahme von dem Vetäubungszwang für dasrituelle Schlachten zuläßt.