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Der Israelit · 1930-01-30 · Heft 5 (30.1.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 5 (30.1.1930)
Date
1930-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5. Seite 3 \ ✓ 30. Januar 1930 Der I s rae l i t Namen' aüfweiseN. Sie werden aber in ihrem eigenen Namen zu sprechen haben. Einen jüdischen Liberalismus in Polenwerden sie nicht zu vertreten haben. Es bleibt bei dem jüdischen „Vatermörder". Der Oberste Gerichtshof der österreichischen Republik hat das Innsbrucker- Fehlurteil bestätigt,, und damit, nach Ansicht kompetenter Rechtsgelehrter, der österreichischen Gerichtsbarkeit einen Makel angeheftet, der nicht so bald reingewaschen werden kann. Auch eine Begnadigung, mit der man rechnet, kann die schwere Schuld, die die österreichsichen Gerichte auf sich geladen haben, nicht wieder gut machen. Das „ Recht" muß zu feinem Rechte kommen, und wer Augen und Ohren hat, zu sehen und Horen, weiß ganz genau — wüßte er es nicht, der Gang der Verhandlungen würde ihn darüber belehrt haben — daß Philipp Halsmann seinen Vater nicht ermordet hat, daß er zu feinem Vater stand, wie normaler Weise ein Sohn zu seinem Vater steht und daß er sich nach dem Unglück in den Bergen nicht anders benommen hat, als sich jeder andere Mensch, der durch Zeinen plötzlichen, seinen Nächsten betreffendenUnglücksfall in panische Verwirrung versetzt wird, benehmen würde. Daß man in zweiter Instanz aus dem „Morde im Affekt", da er sich nicht mehr halten ließ, einen „Totschlag mit Ueberlegung" gemacht hatte, war schon eine Annullierung des ersten Urteils, war die Erkenntnis der Unsinnigkeit der ganzen Anklage. Ohne Fundament und Tragbalken, brach das Gebäude in sich zusammen. Aber die erste Instanz durfte sich nicht ganz geirrt haben, der Dorfklatsch, der seine Orgien feierte, mußte aus seine Rechnung kommen und der Jude mußte — wenn auch nicht verbrannt werden, so doch für lange Jahre ins Gefängnis wandern. Daß ein Wiener Obergerichtshof eine solche Machenschaft als „Recht" nimmt und gelten läßt, war nicht zu erwarten. Um so schmerzlicher die Enttäuschung aller, die noch an einen Sieg des alten guten Geistes in Oesterreich glaubten. Vor wenigen Jahren starb in Armut und Einsamkeit ein Mann, der etwa zwei Jahrzehnte in einem österreichischen Gefängnis schmachtete, .— weil ein österreichisches Gericht ihn eines „Ritualmordes" für schuldig hielt. Alle Anstrengungen, der Vernunft zum Siege zu verhelfen, mißlangen. Man hatte nach Jahrzehnten einen Krüppel an Körper und Geist „begnadigt", damit er noch in Freiheit sterben konnte. Zu dem Falle Leopold Hilsner kommt nun der Fall P h i l i p p H a l s m a n n; zu dem „Ritualmörder" der „jüdische Vatermörder". Dennoch lebendigkeit kann das Naturgesetz besiegen", sagt wörtlich Dr. C. C. und „Völker sind Unternehmungen zur Aufhebung der Naturgesetze", schreibt wörtlich Goldberg. Nach diesen Proben scheint es nicht mehr zweifelhaft, welchen Geist die Gedanken von Dr. C. C. besitzen: einen vom gesetzestreuen Judentum abzulehnenden und in maßgeblichen Aeußerungen bereits abgelehnten Geist neuerungssüchtiger Religionsphilosophie, die mit den uralten Vorstellungen unserer Religion nicht im Einklang steht. Th. Schayer. Uleines Feuilleton. Russisches Elend. (Aus einem Privatbrief.) „Ich, der heute ip der Notlage bin, als Bittender vor Ihnen zu stehen, war lange Jahre Dajan, und mir oblag die religiöse Aufsicht im Schlachthofe zu. Ich konnte dabei meine Familie ernähren, ein ruhiges Leben führen, hatte Zeit, intensives Thorastudium zu pflegen und-auch meine wohlbegabten .Söhne auf den Wegen der Thora und Gottesfurcht zu erziehen- Nun kam das Unglück auf einmal, die Synagogen und Lehrhäüser schlossen sich, die Mikwabäder wurden verstopft. Seit Wochen ist es uns in der ganzen Gegend nicht mehr gestattet, im Schlachthof Großvieh, zu schach? ten. Die jüdische Bevölkerung hat keinen Bissen Fleisch mehr, und mir und vielen anderen ist der letzte Nährungszweig abgefchnitten. Ich, wie meine Söhne haben kein Handwerk gelernt und von Geschäften verstehen wir nichts. Wir hatten die „heilige Arbeit" verrichtet und wollen wir hoffen, daß es nicht so lange wie damals dauert- bis Halsmann die Freiheit bekommt-. Und, worauf es am meisten ankommt, daß mit Halsmann auch das Recht von den Fesseln, die ihm eine bis in die Gerichtssäle dringende engherzige antisemitische Politik aufgelegt hat, befreit wird. Großbritannien und das Palästina-Mandat. Bon Henry Noel Vrailssorv. lSchluß.) Zu meinem Bedauernbin ich, obgleich ich andere Teile der ehemaligen Türkei kenne, niemals in Palästina gewesen. Die Eindrücke, die ich mir von der Wirksamkeit des Mandates gebildet, sind nur auf Lektüre und auf Gespräche mit Zionisten und anderen Reisenden zurückzuführMi. Mir scheint, daß dieses romantische Unternehmen, das wir begannen-, wenn es realisierbar sein sollte, mit Begeisterung und Bravour in großem Maßstabe sofort nach dem Kriege, als die Dinge in Fluß waren, hätte durchgeführt werden müssen. In jenen Tagen glaubten die Menschen noch daran, unübersteigbar scheinende Hindernisse nehmen zu können. Die Welt fühlte sich unter unseren Händen an, als ob die Dinge in Fluß geraten wären. Wir hatten eine Illusion der Allmacht. So war es zu Haus, wo sogar die Konservativen von großen-Aufbauplänen träumten, die sie sofort aufgaben als die Temperatur wieder auf den normalen Stand herabsank, so ist es auch mit Palästina gewesen. Am Anfang waren wir als Nation aufrichtig und sogar enthusiastisch für diese Idee. Mir hatten jedoch auch einen vorübergehenden Grund sie zu fördern, der nicht mehr dasselbe Gewicht besitzt. Wir wünschten die Unterstützung der Juden in der ganzen Welt für die Sache der Alliierten zu gewinnen. Es würde immer noch gut sein, die jüdische Sympathie zu besitzen, aber die Menschen sind nun einmal so häßlich beschaffen, daß dasjenige, was ihnen in Kriegszeiten wertvoll scheint, im Frieden weniger geschätzt wird. Ich habe versucht, mir die britische Verwaltung in Palästina vorzustellen, wie sie jedes Jahr ein; wenig mehr sich entfernte von der Größe und dem Fieber der Kriegszeit, jedes Jahr mehr sich beeinflussen laßt von der Feindseligkeit der umgebenden arabischen Welt. Der Durchschnittsmensch ist kein Schöpfer, er glaubt an die Dinge wie sie sind. Es erfordert einen großen Glauben, einen eisernen Willen und eine Leidenschaft für den Aufbau, um diesen Aufbau zu vollenden. Wir sandten nach Palästina keine Menschen von diesem Kaliber. Durchschnittsmenschen haben, gemäß den politischen uns mit der Thora beschäftigt. Wir sind nunmehr auf die Straße gesetzt. Unsere Not ist unbeschreiblich, es fehlt am täglichen Brote. Dazu kommen noch Steuerschikanen. Da wir nicht zahlen konnten, wurde uns aller Hausrat aus der Wohnung getragen. Es wird uns nun gedroht, daß uns auch die Wohnung genommen wird. Was könnte uns aber noch die leere Whonung nützen, wenn kein Brot im Haufe, kein Holz und keine Kohle für den strengen Winter da ist? Dabei gibt es keine Stelle und keinen Menschen, wo man sein Herz ausschütten, Rat oder Hilfe erhalten könnte. Jeder hat seine eigene Not. Mein Fall ist der Fäll von Tausenden. Wer hätte diesen geistigen und materiellen Niedergang ahnen können, da Körper und Seele gleich verkommen?" Es folgt eine flehentliche Bitte um Hilfe, damit wenigstens der bittersten Not des Tages gesteuert wird. (Walfischfang und Tierschutz.) Einem Artikel von Dr. phil. zool. E. Jakob—Huchting, der in einer Reihe von Provinzblättern erschienen ist, entnehmen wir über den Walfischfang: „ . . . Die Grundsätze der Arbeitsteilung und der Fließarbeit beherrschen den Betrieb. Drei bis sechs kleinere Fangschiffe von etwa 200 Tonnen schwärmen auf der Suche nach den Walen aus und beschießen sie aus zehn Meter Entfernung mit 67 Kilogramm schweren Harpunen aus modernsten am Vordersteven aufmontierten Rohrrücklaufgeschützen. Die Harpune, die eine im Tierkörper krepierende Granate an der Spitze trägt, nimmt eine 1000 Meter lange Leine mit sich. Nur wenn das Geschoß in den Brustraum dringt und durch die teuflische Wirkung der Granate das Herz öder große Schlagadern zerrissen werden, bleibt der Wal auf dem Anschuß. Meistens abes müssen bei größeren Exemplaren zwei oder drei solcher Mordwerkzeuge verschossen werden. Der Traditionen, versucht, unparteiisch zu handeln und das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, so wie sie es zwischen Moslems und Hindus in Indien getan hatten. Aber dieses Werk verlangte eine ganz ändere Methode, um nicht den Status , quo aufrecht zu erhalten, sondern um ihn zu ä n - d ern , um die ganze Lebensgestaltung und den ganzen Lauf der Geschichte in Palästina zu verändern und den Begriff der Unparteilichkeit dahin zu modifizieren, daß vor allem einmal das Ideal des jüdischen Heimes gehegt und gepflegt wurde. Und dies, glaube ich, haben sie (die Beamten) mit halbem Herzen, murrend ohne eigene Ueberzeugüng, getan. Man braucht nicht von der Unzulänglichkeit der Administration' (um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen) zu sprechen, die die jüngsten Massakres möglich machte. Viel schlimmer ist, daß der Pöbel einigermaßen des Glaubens war, die Administration sei auf seiner Seite. Das ist nicht einmal überraschend, wenn man sich der Tatsache erinnert, daß der Großmufti von Jerusalem, der seine wahren Ansichten nie verborgen hat, begnadigt worden, war, nachdem er der Mitwisserschaft an den früheren Unruhen überführt woden war. Man braucht endlich auch nicht die Klagen zu wiederholen, die von zionistischer Seite Jahr für Jahr mit geringer oder gar keiner Wirkung über die Polizei vorgebracht worden sind, über den kleinen Anteil der Juden an der Beschäftigung bei öfsentlichMi Arbeiten und vor allem über die offenkundige Verletzung der ausdrücklichen Mandatsbestimmung, daß öffentliche unbebaute Ländereien für die Zwecke der jüdischen Kolonisation bereit gestellt werden sollten. Man kann rürch der Erfahrung des Zusammenbruchs nichts dagegen sagemi, daß die Einwanderung aus ökonomischen Gmunden begrenzt wird. Aber die von den Einwanderern verlangten Mmdestsummen (Lst. 250.— für gelernte Arbeiter, Lst. 500.— für Handwerker und Lst. 1000.— für Kapitalisten) scheinen mindestens bei der ersten und letzten Kategorie, außerordentlich hoch. Diese kritischen Bemerkungen zeigen, wenn man sie zusammenfaßt, daß die Administration, selbst wenn man die ökonomischen Rücksichten für Beschränkung der Einwanderung anerkennt, diese Einwanderung über Gebühr und unnötigerweise eingedämmt hat, besonders dadurch, daß sie den Erwerb von landwirtschaftlichem Boden kostspieliger gemacht hat, als es hätte sein müssen. Langsam und vorsichtig vorzugehen, ist gewöhnlich ein Mittel, um die Sicherheit zu erhöhen. I n diesem Falle war es umgekehrt. Der einzige Weg, um dis arabische Feindseligkeit zu überwinden, war, so schnell und entschlossen wie möglich ein fall accompli zu schaffen. Die Araber sind Fatalisten, sie werden sich in das Unvermeidalfo gepeinigte, harmlose Meeressäuger zieht oft stundenlang das Fangschiff mit sich herum und sucht durch tiefes Tauchen von seinen grausamen Peinigern loszukommen. In einem vonProfefför Hentschel berichteten Falle schleppte der so tierquälerisch gemarterte Riese das Schiff volle drei Tage lang!" Bekanntlich liegt der Walfang fast ausschließlich in den Händen der Norweger und ausgerechnet Norwegen, das systematisch die geschilderte unerhörte Tierquälerei gewerbsmäßig betreibt, verbietet das Schächten! («Duden und Araber in Palästina".) Im Philo-Berlag (Berlin SW 68) erschien eine 53 Seiten starke Broschüre von Dr. Alfred Wiener, der sich seit Jahren mit Palästina-Fragen beschäftigt, über „Juden- und Araber in Palästina. Zur Erkenntnis der jüngsten Vorgänge". Die Broschüre, die ein Bild der Klagemauer, sowie eine Skizze der baulichen Veränderungen im Klagemauerbereiche enthält, bringt eine umfangreiche Materialsammlung aus der hebräischen und arabischen Presse Palästinas, aus der europäischen Literatur, sowie aus den amtlichen Mitteilungen der englischen Regierung. Sie behandelt zuerst die Frage der Klagemauer und zeigt besonders, mit teilweise unbekanntem Material, die große Bedeutung der Westmauer, des Tempels und des Tempelbezirkes überhaupt im Islam auf. Sodann untersucht sie das Verhältnis der Juden zu den Arabern, bespricht eingehend die verschiedenen Parteien, wie die Revisionisten, den Brith Schalom. Sie behandelt weiter die Araberpolitik von Herzl bis Weizmann, die englische Palästina-Politik, besonders während des Krieges, gibt einen Ueberblick über, die arabischen, PropagLndametydden und über die Aufnahme der Ereignisse in Palästina im arabischen Ausland.

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