Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1930)
- Date
- 1930-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 5 Der Israelit 30. Januar 1930 Thora metaphysische Vorgänge des Lebens der Volksseele Israels und der anderen Völkergenien der Erde gespiegelt zu sehen; ja, die ganze Gesetzeserfüllung ist für diese, die Goldbergsche Schule eine mystische Einigung zwischen Gottheit und Menschheit, und die Schlüsse, welche diese Richtung aus dem Gesetzesleben der Thora zieht, überschreiten weit die Grenzen alles dessen, was menschlicher Vernunsterkenntnis jemals auch nur von fern zugänglich werden kann. Obgleich man sich, da die Golddergianer Mut zu öffentlichem Bekenntnis der Einheit des Pentateuchs besitzen und somit unserem Standpunkte von allen Nichtorthodoxen am nächsten stehen und immer näher kommen müssen, nicht dem vielfach über sie ausgesprochenen Verdikte anschließen kann, so darf doch nicht vergessen werden, daß mehr als die Beziehungen Gottes zu den Menschen von Gott wissen zu wollen ein nicht nur unnötiges, sondern zugleich dem wahren Gottesglauben abträgliches Streben ist. Wer mit Goldberg die ganze pentateuchische Gotteslehre für die Erfassung rein kosmischer Zusammenhänge cmswertet, geht auch mit ihm aller Gottsskirdschaft, aller im edelsten Sinne rein menschliche Beziehungen zu Gott völlig verlustig. In Goldbergs Lehre ist bei allem tiefgründigem Weitblicke kein Raum für den ewigen Vater und Belehrer der Menschheit. Auch Mose, — darauf weist Hirsch in seiner Symbolauslegung der Zizith (Hi. 322 oben) oder deutlicher in der zur Stiftshütte in der „Allgemeinen Orientierung (in 371) hin, — auch Mose hat, als er um „Erkenntnis der Wege Gottes" bat, sofort hinzugefügt: „Ich will sie erkennen, damit ich in xxax ]yaV so werde, wie ich Dein Wohlgefallen erwerben kann." Erkenntnis also, die nicht diesem Ziele zuführt, hat er nicht erbeten; darauf lautete die Antwort:mni 'X n n juni „Gott, Gott ist gnädig und barmherzig". Es ist bezeichnend, daß in Goldbergs System diese Offenbarung von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes keinen Platz findet. Wem Gott die bloß biologische, dynamische, unpersönliche, metaphysische Weltenkraftquelle geworden, dem ist Er nicht mehr Vater und Herr. Deshalb behält Hirsch Recht, wenn er selbst in Stiftshütte und Bundeslade, selbst in Kerubim und Menora nur Sinnbilder dessemsieht, was Gott für uns ist und was wir erkennen und wissen müssen, um Ihm wohlgefällig zu sein. Denn nur diesem und keinem weltanschaulichen Ideale dient ein Gedanke wie der, den Hirsch aus der kerubimgeschmückten Gestalt des Deckels der Bundeslade abliest und mit dem er seiner Symbolik sozusagen das von allem Anderen umhegte Ärcanum einfügt (lil 402): „Durch die Hut des göttlichen Gesetzes wird der Hüter sein eigener und der gött- Aus dem Siddur. Von Rabbiner Dr. kaah in hindenburg. Sämtliche Uebersetzungen, soweit ich sie gesehen habe, übersetzen den die Einleitung des Maariwgebetes bildenden und auch sonst in das Gebetbuch aufgenommenen Pfalmenvers (78, 38) ’hot i>2 -v>jr . . . j-y -,22' mm rr-m „und nicht läßt er seinen ganzen Grimm erwachen." Meines Erachtens ist diese Uebersetzung nicht die richtige, denn im Hebräischen dient xi in Verbindung mit zum Ausdruck einer absoluten Verneinung (Gesenius, hebr. Gram. § 152) z. B. pn °?2» V?2sn „ihr sollt non keinem Baume des Gartens essen" (1. M. 3, 1), So nffyn tb „du sollst keinerlei Werk verrichten" (2. M. 20, 10), bor\ Np' inaa '2 „denn im Tode nimmt er nichts mit" (Ps. 49, 18), DvDn nrm h tn „es gibt nichts neues unter der Sonne" (Koh. 1, 9). Die Beispiele brauchen nicht gehäuft zu werden, aus denen hervorgeht, daß durch die Negation wenn sie mit *"73 verbunden wird, eine absolute Verneinung entsteht. Obwohl natürlich nicht daran zu zweifeln ist, daß diejenigen, welche übersetzten „seinen ganzen Grimm", diese elementare hebräische Sprachregel kannten und sicherlich ihren Grund hatten, warum sie hier nicht nach dieser Regel verfuhren, so glaube ich dennoch, daß keine zwingende Veranlassung vorliegt und daß auch das besitzanzeigende Fürwort „sein Grimm" nicht nötigt, anzunehmen, daß unser Satz eine Ausnahme von dem allgemeinen hebräischen Sprachgebrauch bildet und r lichen Herrlichkeit Kerub; seine Hut des göttlichen a Gesetzes wird zu feiner eignen Hut und zugleich - zum Träger der göttlichen Herrlichkeit auf e Erden." t Die Einzigartigkeit Israels beruht auf der s Einzigartigkeit der Thora. Von ihr lehrt Hirsch :, (G l 81): „Warum kein Symbol der Thora? 5 Aus demselben Gründe, warum kein Symbol r für Gott! runan Djrv»xn rh '2. . ." „Bild, Sym- 1 bol, jedes Zeichen umschränkt, begrenzt den Be- - griff des zu Bezeichnenden ..." Nicht so Gott, 3 und nicht so seine Lehre. Die Frage, weshalb 1 das Fest der Gesetzgebung der Symbole ent- 3 behrt, mit denen die anderen Feste so reichlich ) bedacht sind, ist für Hirsch durch diese Betrach- 1 tung beantwortet. Die Thora ist ebenso einzig-; artig wie Gott selbst und wie sein Volk. Viel- - leicht ist dies der Nebensinn des Wortes xiPTip : in Krp*n*o xin -p-,2 „Gott, die Thora und - Israel find einzigartig." In der gleichen Betrach- - tung führt Hirsch den Nachweis, daß nicht nur > Symbole, sondern auch Namen so für den Be- - griff Thora wie für den Begriff Gott.unzurei- , chend sind. Da werden die Unzulänglichkeiten - aufgezeigt, die in den Namen Theologie und Kul- , tus einbegriffen sind und selbst der Name Relii gion als abwegige Bezeichnung des Judentums ' dargetan. Dies alles, weil alle diese Namen Gott > in seinen Tempel sperren, Seine Herrschaft über : das Leben zu leugnen scheinen und ihm das - Gebieten über Aeußeres, Leibliches, Wirkliches, 1 Familiäres völlig absprechen, ja, eine unjüdische - Scheidewand Zwischen Religiösem und Nationa- - lern errichten wollen. Hätten Nord au und 1 Andere diese Partien der Hirschischen Festbetrach-; tungen gelesen, — wie wäre er zu dem Fehlurteil : gelangt, Hirsch habe dem Judentums alles Na- ' tionale iveijmen unb es in eine reine Religions- . gessllschaft.umwandeln wollen. Nein! Den Namen „Religionsgesellschaft" haben äußere Verhältnisse seiner Gemeinde aufgenötigt. Zu einer Nation wollte er uns erziehen, zu einer Nation freilich des Gesetzesgshorsams und der Gottestreue. Wochenrundschau. Reform in Polen? Schon bei der letzten Internationalen liberalen Konferenz in Berlin hörte man von einer „polnischen Delegation". Kenner des Ostens lachfagen will, daß Gott seinen Grimm nicht ganz, sondern nur zum Teil erwachen läßt. Vielmehr wird hier wie an vielen anderen Stellen der Schrift auf die unendliche Langmut Gottes hmgewiesen, der, wenn es sein heiliger Wille ist, mit uns nicht nach unseren Sünden, sondern nach seiner Barmherzigkeit verfährt. Es dürfte daher zu übersetzen sein „und nicht läßt er seinen Grimm erwachen." Bemerkungen zu den Aufsätzen von Dr. <£. <£. Unfere n-npn rmi* mit Hilfe menschlicher Ueberlegungen auszudeuten, ist so schwer, daß auch der Gutgesinnte, der sich seinen Reflexionen überläßt, oft in Gefahr kommt, seine eigenen Gedanken an. die Stelle der göttlichen Ueberlieferung zu setzen. Daß derartiges dem Dr. C. C. in seinen Ausführungen oft geschehen ist, darauf hat an dieser Stelle schon Herr stuö. phil. W. L. mit eindringlicher Klarheit hingewiesen. Aber eins hat er nicht gezeigt. Daß nämlich solche Ueberlegungen sich unversehens im Fahrwasser einer Religionsphilosophie befinden, die anerkanntermaßen den Fundamental-Wahrheiten unserer Religion, wie sie uns durch unsere übermittelt worden ist, also der jahrtausendalten Idee des Judentums, einfach widerspricht. Herr stud. W. L. hat schon bewiesen, wie des Verfassers Gedanken mit dem jüdischen Grundsatz der göttlichen Allmacht in Konflikt komrneu. Hier sei noch an eine ganze Reihe von Auffassungen aus der Aufsatzserie des Verfassers kurz erinnert, die — wie wir leicht beweisen können — garnichts anderes sind als ein anderer Ausdruck einer neuerdings in Mode gekommenen jüdischen Religionsphilosophie, die an den Grundwahrheiten des Judentums rüttelt (indem sie kühnlich gegen die unbezweifelbare 1 ten. Für die deutsche Exportpflanze der reli- ) giösen Reform waren Rußland, Polen und Lis tauen nie ein günstiger Boden. In diesen Ländern der Extreme gab und gibt es eine große c Masse von Altfrommen, und dieser gegenüber ) eine dünne Oberschicht von Freigeistern, die sich? zwar von den religiösen Bräuchen emanzipierte, l aber auf den Kult der Nachäffung mit größter - Verachtung herabsah. Vollends dieZi 0 yi st e n, - die heute ein großes, alle Richtungen umfaffen- , des Kontingent im Osten ausmachen, lehnten die > religiöse Reform schon aus nationalen Gründen - ab. Soll es nun anders werden? ) Schon wiederholt lasen wir in letzterer Zeit - in der Berliner „Liberalen Zeitung" von neuen - Reformversuchen in Polen. Eine Frucht dieser - Versuche scheint der neugegründete „Verband > fortschrittlicher Rabbiner", der vorige Woche in » Krakau eine große Konferenz abhielt und - „wichtige Beschlüsse" annahm. Angestrebt wird ' „religiöse Ausbildung im liberalen Sinne". Etwas dunkel ist der Worte Sinn, aber eines : ist sicher, nämlich daß die in Deutschland : bankrotte Reform neue Gebiete in Polen sucht. Sie hält die Konjunktur für günstig. Polen, das heute ungefähr die Kämpfe und Lsi-; den durchlebt, wie das deutsche Judentum in der : Geburtsstunde der Emanzipation vor hundert Jahren, soll die Kurpfuscherei, an der das deutsche > Judentum damals beinahe zu Grunde gegangen wäre, nicht erspart bleiben. Man darf schon auf den gesunden Sinn der polnischen Judenheit vertrauen, daß sie aus den Schäden des Westens einiges gelernt hat. - Sollte dennoch in Polen wider Erwarten ein Reformversuch gelingen, so wäre es höchstens der Koalition zwischen Zionismus und Liberalismus zu danken, wie sie in Deutschland in letzterer Zeit immer und immer wieder von neuem angestrebt wird. Die Jubiläumsnummer der „Jüdischen Rundschau" zu Ehren der Internationalen Liberalen Konferenz ist noch in guter Erinnerung. Die I e w i s h A g e n c y hat Zionisten und Liberale auf dem Wege über Palästina auch weltanschaulich näher gebracht, woran — an sich geschmacklose — „Gegenerklärungen" eines radikal-liberalen Flügel nichts ändern werden. Aber wir glauben zu wissen, daß — in Polen wenigstens — auch die nationalgesinnten Kreise kein musikalisches Ohr für die Orgelklänge und Welthoffnungsschalmeien deutscher Resormsynagogen haben. Die zwei Dutzend- Tempelprediger, die sich in Krakau fanden, werden sich voraussichtlich noch öfters fiirden und stets — unter sich bleiben. Ganz gewiß wird auch die nächste Internationale Liberale Konferenz auf ihrer Präsenzliste ein paar polnische und jedem gesetzestreuen Juden wohlbekannte Tradition eine angebliche Ur-Tradition ausspielt), und die erst vor kurzem im „Israelit" eine ausführliche Widerlegung von Seiten des Herrn Oberrabbiners Carlebach erfahren hat: wir meinen die Goldbergsche Religionsphilosophie. Herr Rabbiner Dr. Wohlgemuth hat ebenfalls in einer sehr eingehenden'Darlegung diese Religionsphilosophie abgewiesen („Jeschurun", Heft 11/12, 1926), und seine Studie über dieselbe hat den Einsender veranlaßt, sich etwas eingehender mit dem merkwürdigen Werk Goldbergs zu beschäftigen, und diese Kenntnisnahme hat ihn zu dem zweifellosen Ergebnis kommen lassen: Aus vie-. len Stellen in den Aufsätzen des Herrn Dr. E. C. spricht ziemlich unverfälschter Goldbergianismus. Das sei in größter Kürze dargetan. Die Beschränkung der göttlichen Allmacht, aus die schon Herr stud. W. L. hingedeutet hat, ist ein ausdrücklicher Programmpunkt der neuen Lehre. Zur Rationalisierung des Wunders wird ganz analog der Darstellung des Herrn Dr. C. C. die Theorie eines organischen Volkes von Goldberg und seinen Anhängern herangezogen — eine Ähnlichkeit, die sich fast bis zur wörtlichen Gleichheit der Terminologie steigert: der „lebendige kollektive Volksorganismus", wie er von Herrn Dr. C. E. in seinem Aufsatz „Viele in der Hand der Wenigen" gefordert wird, um das „Wunder wieder zu erneuern", bildet ein Hauptthema der Goldbergfchen Religionspbilosophie, welche solche lebendigen Völker den nmns mH des ypn gleichsetzt und sie als Quelle der Wunder ansieht. „Naturgegebene Volksstruktur" heißt es bei Dw C. C. — „das Volk eine dynamische Struktur" heißt ech bei Goldberg. Auch der Gegensatz zwischen naturgewachsener und künstlicher Organisation spielt so bei Dr. CE. wie in einer Schrift des Goldberg-Anhänqsrs Unger über das „Problem der mythischen Realität" eine entscheidende Rolle. Und schließlich: „Nur jüdische Volks-