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Der Israelit · 1930-01-23 · Heft 4 (23.1.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 4 (23.1.1930)
Date
1930-01-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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W*ir& MP VMM Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Aiärlyrergefchichte nach Wilnaer Akten. Von S. SchachnorviH. (Fortsetzung). ,„E r wollte den Gaon täuschen!" lachte Me- 'Nychem Leib. ^Er täuschte ihn nicht. Rabbi Elie schaute ihm nicht.einmal ins Gesicht, gab ihm . die fiebenzig Fragen in nur sieben zusammengezogen zurück und beantwortete sie alle mit e i n e m kurzen Worte. 'Dann sagte er ihm auf den Kopf geradeheraus, daß er ihn durchblickt und wohl wisse, wer er.sei und wozu er komme. Draußen aber nahmen.ihn die Besdindiener in Empfang und führten ihn in die Kahalstube. Er wird om; den (Empfang zeitlebens denken." Menachem Leib hatte seitdem etwas Suchendes im Auge. Der Blick war stets auf die Türe .gerichtet, und er trübte sich, so oft einer von den Kunden eintrat. Kam ein armer, fremder Jude herein, schnellte der Wirt von seinem Platze auf, als käme der Bote der Erlösung. Jeder arme Wanderer kannte es sein, zumindest Vorbote. Die Fremden hatten es gut in diesen Tagen -in der Gaststube Menachem Leibs. Wie einmal Menachem Leib abends Ausguck nach der Türe hielt, traten zwei fremde Gestalten ins Schankhaus. Er hatte sie hier noch nie gesehen. Es waren ihrer Kleidung und Sprache nach Polen, keine Juden. Enttäuscht wanderten des Wirtes Augen wieder zum Buche hin. Aber die beiden Männer fanden an den Tischen keinen rechten Anschluß, spähten lange herum, als erwarteten sie hier Jemand und machten sich schließlich-an den Hauswirt heran. Ob nicht in seinem Lokale Studenten aus Wilna verkehrten, Priester oder auch ohne Priesterrock. Einer groß und schlank, der andere kleiner, von gedrungener Gestalt. Es kamen und gehen hier so viele Menschen aus und ein. Wie sollte er es wissen, ob sie aus Wilna oder Warschau oder sonstwoher kamen? Er sei keine Polizei und führe keine Matrikel, frage nicht nach Paß, sehe den Kunden nicht einmal ins Gesicht. Wenn sie zahlen, schenke er ihnen den Tee ein, ob sie aus Wilnch oder aus den schwarzen Bergen jenseits des Sambatjon kommen. -n -; .jj r Irgend eine dunkle Ahnung ließ Menachem Leib^.mehr Worte'gebrauchen,, als sie ihm sonst außerhalb der Lernstunde lagen. Der eine, der das Wort führte, ein. stämmiger Schlychziz mit rotem, rohem Gesichte und lauernden Luchsaugen, grinste höhnisch. Es wäre schon besser- Herr Wirt und Frau Wirtin würden ihr Gedächtnis etwas mehr anstrengen. Hieß nicht der eine Valentin Potocki und der andere — na, am anderen liege ihm schon weit weniger. Menachem Leib konnte mit gutem Gewissen beschwören, den Namen Potockihier nie gehört zu haben. Wenn er nicht irre, sei es der Name einer hohen Grafenfamilie in Wilna. Was hätte fein bescheidenes Haus mit dem Grafen zu. tunt?; Nun, wenns darauf ankäme — meinte der Rote — so hätte man schon manchen echten und zweifelhaften Grafen und Fürsten in einer Judenbude -.suchen können. So viel konnte er, obwohl erst seit einigen Tagen'in Paris, schon in Erfahrung bringen. Es werde, wie . ihm scheine, hier um größere Dinge gewürfelt, als um das Gläschen LiLör nur . .. . Darum möge sich die Pariser Polizei kümmern,. Er müsse wißen, was mit Valentin, dem jungen Graf Potocki, hier vor sich gegangen fei. Ob es stimme, daß er hier verkehrte, daß er hier von der Kirche abspenstig gemacht wurde, durch wen, und wo er sich jetzt aufhalte? Nun erschrak Menachem Leib, daß seine Glieder ins Zittern kamen,. Auch seine Lippen bebten: „Ich kümmere mich um unsere Gäste nicht, ich sehe sie nicht und kenne sie nicht." „Auch d i e nicht, die im Hinterstübchen mit Euch alte Judenbücher studierten?" Menachem Leib sank ganz in sich zusammen, er hörte fast seine eigene Stimme nicht. „Es waren zwei Studenten da, die beimir Hebräisch lernten. Von Grafen und ähnlichem weiß ich nichts." „So sind wir doch um einen Schritt weiter. Genügt mir fürs erste," sagte d-er Mann befriedigt und ging. Was war das für ein, Spuk am hellichten Tage? Menachem Leib spie dreimal aus und nahm sich einen Fasttag vor, wie nach einem bösen Traume. An irgend einer Ecke am Horizonte zog eine Wolke heran, noch ganz winzig, wie Handballen groß, aber sie wuchs und wuchs, sie brachte Gewitter ... Wenn jetzt die Türe aufginge und ein Mann mit Pack und Stecken, müde des langen Weges und lechzend nach Speis und Trank, ins Haus träte, e r wäre es und allen Aengsten und Vängen wäre ein Ende gemacht. . . Aber statt seiner kam nächsten Tag wieder der Rote mit dem harten Gesichte ms Haus. Er kam allein. Und nun war es kein Spuk mehr. Ganz freundlich und ruhig sah er aus. Er ließ sich sein Glas füllen, zahlte und rückte vertraulich ganz nahe an Menachem Leib heran, nannte ihn bei Namen und sagte Du, wie zu einem alten Freunde. „Ich Habs mir überlegt," Hub der Pole an und seine scharfen Augen zwinkerten vielsagend, „werde Dich nicht bei der Präfektur anzeigen." „Präfektur?" wunderte sich Menachem Leib, „was hätte ich mit der Präfektur zu tun? Der Pole rückte noch näher, flüsterte ihm fast ins Ohr: „Wir wissen, es sind nicht ganz saubere Dinge, die hier vor sich gehen. Oder weißt DÜ es selber nicht,, wer bei Dir alles verkehrt, was hier alles ausgeheckt und ausgemacht wird? Das wird Dir wenig nützen; wenn die Ppäfektur einmal hinter ldas Geheimnis dieserpolnischen Judenbude kommt. Uber meine HaNd darauf, ich schweige wie das Grab — er hielt ihm die Hand entgegen — wenn . . ." Da Menachem Leib weder einschlug noch Antwort gab, tastete sich der Pole weiter an ihn heran: „Eigentlich sind wir Brüder, ich Pole,, Du aus Polen, warum soll ich Dein Verderben wollen, warum? Ich höre auch, hast oft genüg polnischen. Brüdern, Schutzdach und Brot geboten, da können wir ja Freunde sein?" Was wollte nur der geschwätzige Mensch von ihm? Hielt ihn vom Lernen ab und ängstigte ihn. Er wollte sein freund sein, am Ende wollte er ebenfalls Hebräisch 'lernen? Nein, etwas anderes saß in seinen Augen, im Tone seiner Rede. „Also, Bruder Leibke," ließ der Pole nicht locker, „ich tue. nichts, ich rede nichts, habe nichts, gesehen, nichts gehört. Was gehts auch mich an? Bin ich der Hüter der. Ordnung in Paris? Du sagst mir gleich, w o s i ch j e tz t d e r V a l e n t i n ij. nr. 4 11 1930 Potocki aufhält — mehr brauche ich nicht — und ich gehe." Also das wollte er. „Wie kann ichs wissen? Es sind gut drei Jahre her. Kannte nicht einmal seinen wahren Namen und Stand. Wie kann ich sagen, wo ein Mensch ist, dessen Namen ich nicht einmal kenne?" Des Polen Augen verfinsterten sich. Er zog sich nervös an den Ecken des buschigen Schnurrbartes. „Dann will ich ein wenig nachhelfen. Valentins Spuren führen nach Holland." „Dann wißt I h r es und ich nicht." „Wir wissen und wissen doch nichts. Ueber die holländische Grenze reicht unsere Macht und die Macht der Kurie nicht hinaus." „Und da soll meine Macht hinreichen?" „Die Macht der. Juden ist stärker und reicht weiter als die der Kirche und selbst des heiligen Vaters in Rom. Das kenne ich noch von, Polen her. Um es ganz kurz zu sagen: Du schreibst nach Holland an Valentin Potocki, sagst ihm natürlich, daß er hier längst vergessen und jede Spur von ihm verwischt ist. Dann bittest' Du ihn unter irgend einem Vorwände, herzukommen. Mehr wollen wir nicht, und Du hättest mit der Sache nicht mehr das geringste zu tun. Meine Hand darauf!" Menachem Leib sprang auf. „So! Auf Meinen alten Tagen ein Verräter, ein Angeber werden." Der Pole brach in ein höhnisches Gelächter aus, als hätte er einen guten Witz gehört. Die Gläser klirrten. „Eine Bude voller Spione, Agenten und Verräter, und er, der Vater des Ganzen, ist erbost und schreit, daß man ihn zum Verräter macht!" Er lachte und schlug mit den Fäusten aus den Tisch, als müßte, er sich Luft machen. Menachem Leib hatte das Gefühl, in der Aufregung und Uebereilung etwas Ungehöriges und Gefährliches gesagt zu haben. Er verbesserte sich, indem er sich zu einem ruhigen Tone zwang: „Wie kann ich an jemand schreiben, dessen Aufenthaltsort ich nicht kenne, dessen Namen ich nitÄ einmal richtig weiß?" In des Polen Augen loderte wieder ein böses Feuer auf. Aber er bewahrte Ruhe und sagte fast freundlich, väterlich mahnend: „Laß Dir Zeit, Leibke, überlege es Dir wohl. Ich rate Dir gut. Es kann, sonst,um Deinen eigenen Kragen gehen. Wisse, Mann-, die Kurie arbeitet von Wilna nach Paris ungehemmt. Wir suchen den Mann und wissen, daß Du um ihn weißt, so gib ihn uns heraus!" Da ihn Menachem LeiÜ verständnislos mit langen Blicken ansah, setzte der Pole erbarmungslos fort: „Tust Du es nicht, dann bist Du mitschuldig. Bist der eigentlich Schuldige. Weißt Du, was für einen Juden darauf steht, wenn er eine Christenseele von der Kirche abtrünnig macht, noch dazu einen Geistlichen von gräflichem Blute? Es ist ein ganz gerader Weg.. Die Präfektur sieht sich Deine Bude genauer an'uind liefert Dich an die kirchliche Gerichtsbarkeit aus. Dann wehe um Dich! Aber ich bin hergeschickt, den jungen Grafen Potocki zu suchen. Es geht mir nicht darum, daß ein Judenleib röstet, ich bin den Juden nicht übel gesinnt. 'Verschaffst Du mir aber den Gesuchten nicht, dann hast Du es nicht anders gewollt. Ueberlege es Di-r recht wohl. Ich komme in einigen Tagen wieder." (Fortsetzung folgt.)

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