Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 4 Der Israelit 23. Januar.1930 Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuer, gefallen. Dankenswerter Weife folgte Herr Dr. Breuer der Einladung. Der geschätzte Redner wußte in glanzvoller Rede die Erwartungen zu übertreffen, die man hegte. Mit gespannter Aufmerksamkeit und wachsender Begeisterung folgte eine nach mehreren Hunderten zählende Zuhörerschaft seiner nach Inhalt und Form packenden Rede. Herr Oberrabbiner Dr. AI t m a n n , Trier, wandte sich in herzlichen Worten darauf an dir Versammlung und wußte in zündender Rede jeden Rheinländer zur eifrigen Mitarbeit an den Zielen des Vereins aufzufordern, Der Vorsitzende, Herr Nathan Kahn, hatte in großangelegter Rede zur Eröffnung der Sitzung einen Tätigkeitsbericht gegeben, der sich nicht nur auf die ziffernmäßigen Leistungen beschränkte. Der Rendant, Herr Grünsfeld, bat um eifrige Mitarbeit in materieller und ideeller Beziehung, besonders, um den Weiterdruck der Diukim al Hathauroh zu ermöglichen. Ein ausführlicher Bericht wird noch im Vercinsorgan „Jüdischer Volksfreund" erscheinen. Tagung des Schochtim-Vereins. Aurich, 15. Jan. Der Verein der Schochtim in den Landrabbinatsbezirken Emden und Oldenburg hielt feine letzte Versammlung in Aurich ab. Der Vorsitzende der Synagogengemeinde, Herr van Dyk, begrüßte die Erschienenen, betonte die hohe Bedeutung der Schechitah für das religiöse Leben und der Bestand der jüdischen Gemeinden und wünschte dem Verein reichen Erfolg bei seinen Beratungen. Es dankten ihm der Vorsitzende, Herr Lachmann, und der Schriftführer, Herr Wolfs, ein Kind der Auricher Gemeinde, die immer ein Hort der Schechitah und der religiösen Institutionen gewesen sei. — Herr Lachmann gab feiner Freude über den zahlreichen Besuch der Versammlung. Ausdruck und verlas die Eingänge, die von dem Interesse zeugten, das die Gründung und Wirksamkeit des Vereins in weiten Kreisen Deutschlands ausgelöst hätte. Es wurde beschlossen, an den Bayrischen Schochtim-Verband, der an dem gleichen Tage in Kitzingen eine Tagung abhielt, ein Begrüßungstelegramm zu senden. Im Vordergründe der Verhandlungen standen wiederum Fragen der Organisation und der Gründung eines Reichsverbandes, auf welche auch die eingegangenen Schreiben Bezug genommen hatten. Ferner wurde über eine weitere Ausgestaltung der Vereinsversammlungen beraten und eingehend über aktuelle Schächtfragen und Einzelheiten der Schechitah gesprochen. Die nächste Versammlung soll in Papenburg stattfinden. Vorftehsr-Bund der Jüdischen Gemeinden Nordwest-Deulschlands. Oldenburg, 20. Jan. Die 3. Tagung des Vorsteherbundes der Jüdischen Gemeinden Nordwest-Doulschländs fand am Sonntag, den 19. Januar, in Oldenburg, statt und : wurde im großen Saal des Hotel „Graf Anton Günther", in Anwesenheit von 35 Gemeindevertreter aus d§n Bezirken Ostfriesland, Oldenburg, Reg.-Bez. Stade und Bremen eröffnet. Nachdem der Vorsitzende, Herr Mar Mcrrkreich - Bremen, in feinen Begrüßungsworten auf die mißliche Wirtschaftslage . des jüdischen Mittelstandes, ihre Auswirkung auf die Gemeinden und die dadurch bedingte Notwendigkeit zur baldigen Schaffung des Reichsverbandes der Jüdischen Gemeinden hingewiesen hatte, gedachte er insbesondere der katastrophalen Lage der jüdischen Landesgemeinde Oldenburg, wo genau vor 100 Jahren Samson Raphael Hirsch sein erstes rabbinisches Amt angetreten, wo er segensreich gewirkt und seine „19 Briefe über Judentum" und das epochale Werk „Chorew, Versuche über Jisroels Pflichten in der Zerstreuung" geschrieben hatte. Der Tätigkeitsbericht behandelte interne und gemeinsame Angelegenheiten der B indesgemeinden, wobei auch die Wirksamkeit der großen jüdischen Verbände und Organisationen gestreift und deren tatkräftige Unterstützung anempsohlen wurde. An der Generaldebatte beteiligten sich Vertreter aus allen Bezirken. Nach der Rechnungsablage und Entlastungserteiiung genehmigte die Versamm? lung den Voranschlag für 1930 und nahm die Wiederwahl der bisherigen Mitglieder -des Verwaltungs-Ausschusses vor. lieber das Thema „Hebung des Gottesdienstes" referierte Herr Jacob W o l f f - Vegesack. In der Debatte trat immer wieder der Wunsch zutage, Mittel und Wege zu finden, die Jugend für die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst zu interessieren; ferner wurde angeregt, die Gemeinden möchten sich nicht nur mit Schochtim gegenseitig aushelfen, vielmehr feien auch die Rabbiner und Kantoren zu veranlassen, gastweise in andern Gemeinden zu fungieren, um dadurch den Besuch des Gottesdienstes heben zu -helfen. — Das Referat „Austritte aus den Gemeinden" behandelte Herr S. Auerh an n-Delmenhorst mit großer Sachlichkeit; allein in der Landesgemeinde Oldenburg feien seit 1924 insgesamt 26 Austritte aus den Gemeinden (in Oldenburg identisch mit Austritt aus dem Judentum) vorgekommen. Ern nationalsozialistischer Innen- und Bildungs- Minister. Weimar, 14. Jan. Die Rechtsparteien in Thüringen haben sich über die Bildung einer rechtsradikalen Regierung mit den Nationalsozialisten geeinigt. In der Regierung verwaltet die beiden wichtigsten Ressorts das Ministerium des Innern unb das der Volksbildung, der Nationalsozialist Dr. Frick aus München, der einer der Führer des Hitler-Putsches in München im Jahre 1923 gewesen und wegen dieser Teilnahme zu einer Festungsstrass verurteilt worden war. Die Nationalsozialisten haben außerdem einen Staatsratposten in der Regierung, der vom Handlungsgehilfen Willy Marfchler besetzt ist. Zum ersten Male wird in Deutschland ein Nationalsozialist ein Ministeramt bekleiden. Das „Berliner Tageblatt" bezeichnet es als beschämend, daß sich die bürgerlichen Parteien dem nationalsozialistischen Diktat gebeugt und einen Mann wie Frick als Polizei- und Kultusminister hingenommen haben. Der Regierungskoalition gehören außer Landbund, Deülschnalionalen, Winschaftspartei und Nationalsozialisten auch die Partei Stresemanns, die Deutsche Volkspartei, an. Polen. Jüdische Politik in Polen. Warschau, 15. Jan. Wie eine Erlösung wird es bis tief hinein in die zionistischen Kreise empfunden, daß Grünbaum endlich entschlossen ist, die Konsequenzen aus dem Zusammenbruch seiner Politik zu ziehen und sein Amt als Fraktionsvorsitzender niederzulegen. An seiner Stelle soll Hartglas gewählt werden. Vizepräsidenten werden F a r r st e i n und Rosmarin fein. Grünbaum wird sich ganz auf die Opposition gegen die Kollegen zurückziehen. Daß die Demission Grünbaums durch feine Angriffe auf die Orthodoxie und die Religion bedingt fei, kann man leider nicht sagen .Inzwischen hat sich aber auch die Agudath Harabbanim zu einer Tat emporgeschwungen. Sie tritt mit einer öffentlichen Kundgebung gegen die Schulen der Zentralen S ch u lorganisation auf und erklärt es als iwn iiv'rr für Eltern, die treu zu Gott und der Thora halten, ihre Söhne und Töchter in die Schulen zu schicken, wo die Kinder die jüdische Religion und dem Elternhaus völlig entfremdet werden. Der Aufruf bewegt sich in so kräftigen und dringenden Worten, daß seine Wirkung nicht ausbleiben kann. An Kuriositäten fehlt es hier nicht. Auf einem Bankett zu Ehren Nahum Sokolows waren auch einige Rabbiner anwesend, deren einer ihn mit ehrenden Worten als „Freund der Thora und Rabbinen" begrüßte.- Das Organ der polnischen Orthodoxie, das „Jüdische Tagblatt", erinnert den impulsiven Herrn Rabbiner an eine große Reihe von Aussätzen, Reden und Handlungen Sokolows, in denen alles andere eher denn eine Liebe zur Thora und Tradition zum Ausdruck kommt. Der Zionismus, wie ihn Sokolow vertritt, heißt es da, hat eine klare Linie. Es ist das Bestreben, so sagte einst Sokolory, jüdische a»i* zu schaffen. Solche Verherrlichungen von rabbimscher Seite sind wohl dazu angetan, die Jugend zu verwirren, und wenn irgendwo, gilt hier das Wort: naa p« vvn v'r? oipaa Das Reglement in. .Sachen der polnischen G e - meinderabbiner schwebt immer noch wie ein Damoklesschwert über dem polnischen Judentum, ohne daß etwas Wesentliches geschieht, um die Gefahr abzuwenden oder zu mildern. Vom Rabbineroerbande war zudem: die Bildung einer Kommission beschlossen. Die Kommission ist aber nicht zusammengetreten, ist vielleicht auch. noch garnicht gebildet. Eine weitere Verzögerung kann dazu führen, daß die Sache der'Rabbiner vom grünen Tisch des Ministeriums aus über ihren Kopf hinweg geregelt wird. Die geistige Gefahr besteht' bekanntlich in dem zum großen Teil aus Laienmitgliedern bestehenden O verrate. Die Rabbiner sollten die Sache in die Hand nehmen, bevor es zu spät ist. Das kaschruthwefen in Polen. Warschau, 15. Jan. Unter dem Namen „A d a ß I i s r o e l" wurde ein großer Verband ins Leben gerufen, mit der Aufgabe, die Herstellung und Vermittlung ritueller Nahrungsmittel auf korporativer Grundlage zu fördern, wie auch fönst das. Kaschruthleben zu überwachen. Der Verein tritt mit einem Aufrufe an die Oesfentlichkeit hervor. England. Kundgebung der Jüdischen AriedensAefellfchaft in England. L o n d o n, 16. Jan. Die Jüdische Frieden sgesellschaft von Großbritannien und Irland (Präsident Chief- Rabbi Dr. I. H. Hertz, Vizepräsidenten Dr. Claude G. Montefiore, Sir Herbert Samuel, Lionel de Rothschild und Rev. Morris Joseph, Geschäftsführender Vorsitzender Sir Meyer Spielmann) hat im Zusammenhang mit der bevorstehenden Flottenkonferenz eine Kundgebung erlassen, in der die Jüdische Friedensgesellschaft ihrer großen Genugtuung über die zwischen dem Premierminister und dem Präsidenten Hoover gepflogenen Verhandlungen, deren Ergebnis die Fünfmächte-Flottenkonferenz in diesem Monat ist, Ausdruck gibt. Vom Büro des Oberrabbinats ist ein Friedensgebet veröffentlicht worden, das in den. englischen Synagogen, jeden Sonnabend, vom 18. Januar angefangen — solange die Flottenkonferenz tagt — im Vormittagsgottesdienst nach dem Gebet für den König gesprochen werden: wird. Sitzung der Anglo-Iewish Association. L o n d o n, 13. Jan. Vor dem Joint Foreign Committee der Anglo-Jewish Association gab Lucien Wolf am 12. Januar seinen üblichen Bericht über die Lage der Juden im Auslande. Das neue Anwachsen des Antisemitismus auf dem Kontinent gibt weiter Anlaß zu Besorgnis, sagte er. Es ist eine große Enttäuschung, zu sehen, daß trotz all dem, was durch den Völkerbund und die Wachsamkeit der Regierungen geschehen ist, die durch den Krieg neu entfachten Leidenschaften noch weiter wirksam sind und von Zeit zu Zeit in bedrohlichen Formen zum Ausdruck kommen. Aber er möchte die Oeffentlichkeit warnen, sich der Meinung hinzugeben, hgß Recht und Ordnung zusammengebrochen sind, und die Lage der Juden schlechter sei als vor dem Kriege. Diese Auffassung liegt nahe, weil man jetzt häufig von Zusammenstößen: und kleineren Ausbrüchen der . Gewalttätigkeit hört. In. Wahrheit aber ist die Lage der Juden in Osteuropa dank den Minderheitenverträgen trotz dieser Geschehnisse gegenüber der Vorkriegszeit besser. Im Laufe der Jahre haben Regierungen, die sich zuerst energisch weigerten^ die Mrnderheitsoerträge anzuerkennen und sie in Kraft zu setzen, eingesehen, daß es unmöglich ist, um die Verträge herumzukommen, und sie tun ihr Bestesum sich, durch Erhaltung von Gesetz und Ordnung den Minderheitsverträgen anzupassen. Auf die Verhältnisse in Rumänien übergehend, sagte Lucien Wolf, daß die Ereignisse in diesem Lande einige Besorgnis verursacht haben. „Die klare Sicht," fuhr er fort, „ist uns etwas getrübt durch die politischen Parteigegensätze innerhalb des rumänischen Judentums,, die eine erhebliche Uneinigkeit erzeugt haben. Aber im Ganzen ist durch die gegenwärtige Regierung, seit, siezur Macht gekommen ist, die Ruhe erhalten worden. Esist für die neue Regierung in Rumänien schwierig, alles auf einmal zu leisten, aber das Joint Foreign Committee hat das Zeugnis einer ansehnlichen Zahl in der Oesfentlichkeit geschätzter rumänischer Juden, auf deren unparteiliches Urteil man sich verlassen kann, und die über die Situation in Rumänien nicht durchwegs befriedigt sind.