Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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23. Januar 1930 Der Israelit Nr. 4 Seite 7 Die Durchfchnei'dung der großen Halsschlagadern hat eine so bedeutende, plötzliche Blutentziehung aus dem Hirnkreislauf zur Folge, daß alle Erscheinungen, die am geschlachteten Tier auf Schmerzensäußerung hindeuten könnten, nur reflektorisch entstanden, also nicht mehr von Bewußlseinserscheinungen begleitet sind. Wohl ist dies nicht unbestritten. Die hervorragendsten Physiologen Deutschlands und anderer Länder aber vertreten diesen Standpunkt, die Frage erscheint darum vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus nicht gelöst. Wir gestatten uns hierher auf unsere Eingaben an den Landtag vom 10. 5. 26 und 14. 5. 29 samt Beilage zu verweisen. 4. Wir berücksichtigen jedoch die Tatsache, daß weite Kreise des Volkes in der Betäubung vor dem Schlachten eine Forderung des Tierschutzes erblicken, und haben darum unter Aufwendung erheblicher Kosten uns bemüht, eine Betäubungsmethode ausfindig zu machen, die mit den religiösen Vorschriften vereinbar ist. Wir haben zu diesem Zweck seit einer Reihe von Jahren Versuche auf chemischem und elektrischem Wege angestellt, die ein von den religiösen Instanzen gebilligtes Ergebnis aber bisher nicht zur Folge gehabt haben. Die Versuche sind nicht abgeschlossen und werden mit Nachdruck fortgesetzt. Es kann aber nicht gesagt werden, zu welchem Zeitpunkt ein positives Ergebnis erwartet werden kann. 5. Wird der Entwurf zum Gesetz erhoben, so fallen neben der im Vordergrund stehenden ideellen Bedrückung erhebliche wirtschaftliche und soziale Nachteile ins Gewicht. Die nach dem jüdischen Religionsgesetz lebende Bevölkerung ist genötigt, soweit sie wirtschaftlich hierzu imstande ist, ihr Fleisch aus den deutschen Nachbarländern oder aus dem Ausland zu beziehen. Cs leidet dadurch die heimische Volkswirtschaft. Es leiden die bayrischen Kurorte, die von der strenggläubigen Bevölkerung insbesondere auch des Auslandes mit Vorliebe aufgesucht werden, und es leioet der Fremdenverkehr des Landes. Die jüdischen Metzger und Gastwirte werden mit den von ihnen abhängigen Gewerbetreibenden in ihrer wirtschaftlichen Existenz vernichtet und die Schächtbeamten fallen der jüdischen Allgemeinheit zur Last. 6. Es wird in der Begründung zunr Gesetzentwurf betont, daß die Schweiz und Norwegen ein Schächtverbot eingeführt haben. Die Schweiz ist ein kleines Land, in dem die jüdische Bevölkerung sich das Fleisch leicht außerhalb der Grenzen beschaffen kann. In Norwegen aber leben nur wenige Juden. In keinem anderen Staate der Welt, auch in keinen! deutschen Lande, besteht ein Schächtverbot. Von Gesetzgebungsakten in anderen Ländern fei hervorgehoben, daß in Preußen durch Beschluß des Landtages vom 21. 3. 28 unter Ablehnung entgegenstehender Anträge das rituelle Schlachten, wenn auch nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung hinaus, als zulässig anerkannt wurde, und daß neuerdings in Schottland die den Betäubungszwang anordnende Schlachthofbill vom 3. 6. 26 keine Anwendung findet bei den Schlachtungen der Juden und Mohammedaner durch religiöse, autorisierte Personen, soferne nur eine unnötige Quälerei mit der Schlachtung nicht verbunden ist. In England ist Ende Dezember 1928 ein Gesetzentwurf des nämlichen Inhalts im Unterhaus eingebracht worden. Es fei in diesem Zusammenhänge daran erinnert, daß nach Bayrischem Staatskirchenrecht (vgl. Z. 4 der ME. vom 29. 6. 1663, die Verhältnisse der Israelitischen Kultusgemeinden betreffend, Ministerialblatt für Kirchen- und Schulangelegenheiten 1865 Nr. 18 S. 218) bis zum Erlaß der neuen Verfassung dir Beschaffung ritualmäßigen Fleisches als Aufgabe und Merkmal einer Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern bezeichnet wurde, und daß die Gemeinde Gefahr lief, die Körperschaftsrechte zu verirren, wenn sie dieser Verpflichtung nicht genügte. 7. Es kann nicht angenommen werden, daß der Bayerische Staat, der sich den Schutz der Gewissensfreiheit stets in besonderem Maße hat angelegen sein lassen und den religiösen Bedürfnissen der Israelitischen Glaubensgemeinschaft jederzeit Rechnung getragen hat, heute einen solchen Eewissensdruck in seinem Lande ausübt und unter Androhung von Gefängnisstrafen die Befolgung religiöser Vorschriften der Sache nachverbietet. Es wird darum die Bitte gestellt, der Bayrische Landtag möge in dem Gesetz über das Schlachten von Tieren eine Ausnahme für das den Israelitischen Kultusgemeinden obliegende rituelle Schlachten zulassen. gez. Dr. Neumeyer. Bayrischer Schochtim-Verband. Kitzin gen a. M-, 14. Jan. Am 5. Januar fand hier im Sitzungssaals der Kultusgemeinde die 4. Jahresversammlung der Bayrischen Schochtim statt. Der Vorsitzende, Herr Neustädter. Bad Kissingen, eröffnete die Versammlung mit herzlichen Begrüßungsworten an die Kollegen und Gäste, sowie an Die Woche. Amberg. Vor dem Amtsgericht A m b e r g (Oberpfalz) war am 13. Januar Termin zur Verhandlung der Beleidigungsklage augefetzt, die die beiden Vorstände der Ortsgruppe Amberg des Zentraloereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Kaufmann Bloch und Studieiwsiesjor G o d I e w s k i, gegen den früheren Pfarrer Münchmeyer auf Borkum erhoben hatten. Da Münchmeyer Widerklage gegen die beiden Privatkläaer erhoben hat, wurde zum Zwecke der Beschaffung von weiterem Beweismaterial gegen Münchmeyer die Verhandlung ausgesetzt und auf unbestimmte Zeit vertagt. Memel. In Memel verstarb der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Sch. A b e l m a n n. Der Verstorbene stand viele Jahre an der Spitze der Judenheit im Memelgekiet und genoß in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung großes Ansehen. London Im Beisein prominenter Vertreter des englischen Judentums wurde in London durch Albert van den Ve-gh der Grundstein zu einem neuen Obdachlosenheim für durchreisende Juden gelegt. Die Baukosten für das neue Gebäude werden 35 009 Pfund betragen. Kowno. Der jü' ishe F iedhof des Städtchens T r a s ch k u n , Kreis Poniewesch, ist von bekannten H rligans geschändet worden. 19 Grabsteine wurden umgeworfen uüd zertrümmert, sodann die Gräber beschmutzt. Die jüdische Bevölkerung ist durch die Untätigkeit der Polizei, die dir Schuldigen kennt, aber nichts gegen sie unternimmt, sehr erbittert. — 65 jüdische Jünglinge und Mädchen wurden in Kowno bei dem Versuch, eine Straßendemoußration für AJhajfung der Todesstrafe bei po'i is hen Verbrechen zu veranstalten, von der Poli-ei verhaftet. Im Gefängnis wurden die Häftli 'ge fürck/e l'ch mißhandelt. Moskau. Das weißn siische Erziehungskommissar'at hat beschlossen, die Fakultät für semitische und hebräische Literatur an der Minsker Universität aufzulösen und an ihre Stelle eine „Fakultät für antireligiöse Propaganda" zu setzen. — „Emcß" belichtet, daß im Verlaufe des Dezember 21 Synagogen in Arbeiterklubs ufv. verwandelt worden sind, davon 5 in H o m e l und 3 in U m a n. 14 neuen Gesuchen um Beschlagnahme von Synagogen wurde vom Zentralerekuti Komitee der Sowjets im Laufe des gleichen Monats stattgegeben. — In Homel wurden mehrere Agitatoren, die dort vor 24 Jahren den fürchterlichen Pogrom ve schuldet hatten, jetzt erst erkannt und vor Gericht gestellt. Einer, Iwan Dawidoiv, wurde zum Tode, zwei seiner Gefährten zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Montreal. Im Laufe des letzten Halbjahres find 2037 jüdische Auswanderer nach Kanada ein gewandert. Jerusalem. Die in Haifa erscheinende arabische Zeitung „El Carmel" teilt mit, daß das britische Rote Kreuz durch seine Vertretung in Palästina Unterstützungsgelder an die durch die Unruhen geschädigten Araber verteilen läßt. — Bei der neuen Zusammensetzung der Arabischen Delegation für London, nach Aussöhnung der beiden arabischen Parteien, bleibt der G r o ß m u.f t l Führer der Delegation. Ob auch eine Delegation des W a a d l e u m i nach London geht, bedarf noch der Entscheidung. — Schwere Wolkenbrüche richteten in der Gegend von Gaza große Verwüstungen an. Lis abon. Die portugiesische Regierung hat den Lodzer Fabrikanten A. I. B r e s z n n s k i, der im jü üschen Wohlfahrts- > (leben in Polen eine Rolle gespielt, zum p o r t u- I giesischen Konsul für Lodz ernannt. I die Delegierten des preußischen Schochtim-Verbandes. Kultusvorstand U l l m a n n überbrachte die Grüße der Kitzinger Kultusgemeinde und wünschte der Versammlung ersprießliche Arbeit. Herr Bezirksrabbiner Dr. Wohlgemutst begrüßte im eigenen und auch im Namen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden die ansehnliche Versammlung und hob hervor, daß der Zusammenschluß der owniv eine unbedingte Notwendigkeit nach innen und außen sei. Alsdann erfolgte der Jah-esberichl durch den Vorsitzenden, Darunter verschiedenen Mitteilungen über die in nächster Zeit ins Leben zu rufenden Bezirkslernkonferenzen für Schochtim, die sicherlich dazu beitragen werden, das Wissen der o'vniV auf dem Gebiete der np'aai nv'NV zu vertiefen und zu vervollkommnen. Er gedachte auch der noch immer schwebenden Frage der Gleichstellung der Q’onw mit den Lehrern und regte an, Herrn Rabbiner Dr. Stein, Schweinsurt, sowie Herrn Engel, Würzburg, die auf der Aschaffenburger Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden besonders warm für die Bejahung eingetreten sind, den Dank der Versammlung auszusprechen. Beide Herren vertraten den Standpunkt, daß durch diese Gleichstellung die o'vmv und damit auch die nv'nv eine repräsentativere Stellung einnehmen werden. Um so mehr, als in der Tat mancher enw ein Wissen besitzt ,das dem des seminaristisch gebildeten Lehrer gleichkommt. Herr Neustädter berührte noch zum Schlüsse die Schächtfrage in Bayern, die noch immer wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der bayerischen Juden schwebt und sprach die Hoffnung aus, daß bald ein günstiger Ausgang herbeigeführt werden möge. Das Verwaltungsmitglied Lubinski, Schweinfurt, warf einen Rückblick über die Arbeit des Verbandes in den abgelaufenen drei Jahren seines Bestehens und führte aus, daß, wenn es dem noch jungen Verbände bisher noch nicht gelungen ist, feine Ziele,^ie er sich im Interesse des „heiligen Berufes" gesetzt hat, vollauf verwirklicht zu sehen und damit noch im Zustande der war, so wird er hoffentlich im nun eingetretenen vierten Jahre die Früchte des ’yaa vaa eher genießen dürfen, wenn er unbeirrt an seinem begonnenen Werk mit noch mehr Jntensivität Weiterarbeiten wird, dann ms Va a^iVn Ern?. Lubinski wies die auftauchende Ansicht liberaler Lehrerkreise, daß die nwnv degradierend für den Lehrer fei, mit trefflichen Worten zurück und fragte mit Recht: Der Vm pa, der kein Kinderlehrer war, aber ein Lehrer des Volkes im wahrsten Sinne des Wortes ia'av wpa' naiw "di pa ’nav 'a und im R.^rge höher als der «•«« stand, hat ihn etwa die .av'nv degradiert, wenn er am naa dt das rfn n *ia geschäch-o«vnn ia und das tet hat? Gegen solche eigenartige Ideologien inuß man zu Felde ziehen. Lubinski trat sehr warm für die Gründnug einer Gefamtorganisation der deutschen Schochtim ein. Alle a'vwo müssen an« ai>a an« B»«a Zusammengehen, wenn sie ihre Position verteidigen wollen. Der Reichsverband muß eine Art vi'in pap der Schochtim sein. Philippsohn-München führte bittere Klage über die mangelhafte Ausbildung vieler Schochtim. die meistens aus den sogenannten „Schochtim-Fabriken" hervorgehen und forderte, daß bei der Ausbildung ein gewisses Maß von jüdischem Wissen verlangt werden muß. Nachdem noch verschiedene Wünsche und Anträge zur Aussprache gekommen waren, wurde der einmütige Beschluß gefaßt, einen „Neichsverband der deutschen Schochtim" zu gründen und die wvniv durch Aufrufe in der jüdischen Presse aufzufordern, Bezirksverbände zu gründen. In die Verbandsleitung wurden außer den bisherigen noch die Herren Adler, Fürth i. B. und Philippsohn-München gewählt. Die Versammlung schloß mit den besten Wünschen und Hoffnung auf ein gedeihliches Zusammenarbeiten aller Schochtim Deutschlands, was zur schnelleren Realisierung ihrer gerechten Wünsche beitragen wird. Numerus claufus-Vefchluß außer Kraft. München, 16. Jan. Der „Asta" (Allgemeiner Studenten-Ausschuß) der Münchener Technischen Hochschule hat im vergangenen Sommer einen Antrag der nationalsozialistischen Studenten aus Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende angenommen, obwohl dieser Beschluß der Würzburger Studentenversassung widersprach. Der Senat der Technischen Hochschule hat nunmehr den Beschluß des „Asta" als unzulässig außer Kraft gesetzt. Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands. Köln, 20. Jan. Ain 12. Januar fand die alljährliche Mitgliederversammlung des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands statt. Seit Jahren haben sich diese Zusammenkünfte zu Familientagungen gestaltet. Die rührige Verwaltung sorgt für ein zugkräftiges Programm, indem sie stets einen prominenten Redner von auswärts ersucht, den Rheinländern einen Vortrag zu halten. Diesmal war I die Wahl auf den Distriktsrabbiner von Aschaffenburg^