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Der Israelit · 1930-01-23 · Heft 4 (23.1.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 4 (23.1.1930)
Date
1930-01-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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23. Januar 1930 Der Israelit Nr. 4 Seite 5 rabbinischen Behörden in der Handdes Landesoberrabbiners, der sowohl im orthodoxen wie im nichtorthodoxen Rabbinerrat präsidiert. Dieser Punkt bietet so lange kemen Grund zur Beanstandung, wie ein Mann vom Schlage Dr. Alkalays Landes--Oberrabbiner ist. Es könnte aber zu schweren 'Gefahren für die Orthodoxie führen^ wenn die. Nichtorthodoxen Kraft ihrer Mehrheit eines Tages einen radikalen' Neologen mit der Würde des Oberrabbineramtes bekleideten. Immerhin darf das jugoslavifche Judengesetz von der Orthodoxie der ganzen Welt mit großer Befriedigung begrüßt und es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß in dem neu geschaffenen Rahmen, in dem sich leben läßt, in ver Tat ein kräftiges religiöses Leben- und eine Rückkehr der Jugend zum wahren Thorastudium sich vollziehen wird. Höchste Beachtung verdient in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Dinge in Ungarn selbst. Wenn man die friedlichen und gegenseitige Achtung atmenden Reden liest, die. anläßlich der Wahl F r a n kls ins Oberhaus von dem neugewählten Führer der Orthodoxie und von einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des n e o l o - gen Lagers gehalten« wurden, so sieht man, wie recht Rabbiner Hirsch hatte, wenn er auf religiösem Gebiete nt' der Scheidung des Nichtzusammengehörigen nicht nur ein Postulat der Wahrheit, sondern auch die beste Gewähr des Friedens erblickte. Weil in Ungarn — im Gegensatz zu Deutschland — der sogenannte Austritt nicht individuell zersplitterte, sondern durch einien großen Akt der orthodoxen Gesamtheit fast einmütig vollzogen und die gewonnene Position Jahrzehnte hindurch festgehalten und gestärkt wurde, hat man auch auf neologer Seite endlich Verständnis für die religiösen Lebensnotwendigkeiten orthodoxer GemeinschaftsbildiMg gewonnen und seinen Frieden mit den Tatsachen geschlossen. So ist die Bahn frei, für gemeinsame politische und gesellschaftliche Arbeit auf paritätischer Grundlage, ohne daß eine nervöse Angst vor innerer Angleichung die Gemüter der treuesten Bekenner der Thora zu beherrschen brauchte. Bei etwas mehr Einsicht und gutem Willen könnte es dahin auch in Erez Jisroel, Slovakei und sogar Deutschland kommen. Großbritannien und das Palästina-Mandat. Von Henry Noel Vrailsford. (Fortsetzung.) Man muß die Tatsache kühl ins Auge fassen, daß eine Lösung auf diesen Linien vollkommen in Uebereinstimmung stände mit der ganzen Entwicklungstendenz des britischen Imperialismus feit dem Kriege. Ganz unmerklich hat sich ein ungeheurer Wechsel in der Haltung der ganzen Nation gegenüber territorialer Ausdehnung in Ueberfee vollzogen. Der direkte Erwerb und die Annexion von Landgebieten ist außer Mode gekommen, so daß sie heute fast undenkbar erscheint. Ebensowenig begünstigt die öffentliche Meinung die verschleierte Uebernahme irgend welcher direkten Verantwortung für die Administration in Ländern von geringer Zivilisation. Unsere Haltung hat sich wenig geändert, wo es sich um ganz wilde oder rückständige Völker handelt, wie z. .B. im tropischen Afrika. Aber die Geschichte unserer Beziehungen mit Aegypten und Irak spricht ihre eigene Sprache. Wir begannen, damit, Irak zu verwalten nach dem indischen Muster, als oh es ein Land wäre, das immer unter unserer Flagge bleiben würde.. Die Kostspieligkeit dieses Systems und die Ruhelosigkeit der Bewohner zwang uns, es aufzugeben. Wir experimentierten mit Kontrollmethoden, die fortschreitend lockerer wurden, und nun« sind wir, lange bevor ein solcher Wechsel ins Auge gefaßt war, entschlössen, die effektive Unabhängigkeit dieses Staates anzuerkennen, indem wir feine Zulassung zum Völkerbund als vollberechtigtes Mitglied vorschlagen. Unsere strategischen Interessen werden durch einen Bündnisvertrag gewahrt werden. In Aegypten kann man dieselbe Entwicklung feststellen. Wir begannen mit der Verkündung eines Protektorates. Wir. gaben es auf angesichts des Massenwiderstandes der Bevölkerung. Nach einer unhehaglichen Übergangsperiode, beb der Zwangsmaßregeln mit unangebrachten Fveundschäftsbezeugungen abwechselten, haben wir schließlich die usirkliche Unabhängigkeit bewilligt, die nur durch ein militärisches Bündnis eingscheränkt wird und durch die Beibehaltung einer Garnison zwar nicht in Kairo oder Alexandrien, wohl aber in dem Wüstenstrich am Kanal. ■ Man braucht nicht eingehend die verschiedenen Motive zu analysieren, die den groben Jmperalismus zerstörten oder schwächten, der vor 30 Jahren auf der Höhe seiner Geltung Island. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß es kostspielig und unangenehm ist, eine schwache, aber verhältnismäßig intelligente Bevölkerung zu mißachten und während dieser Generation hatder ganze Osten ein Selbstvertrauen erlangt, das ihm früher abging. Manche von uns haben einen ehrlichen Glauben an die Vorzüge der Selbstregierung und es überkommt uns ein neues Schamgefühl bei der Erinnerung an die Brutalitäten, die der Imperialismus von« Zeit zu Zeit mit sich bringt. Man hört heute selten mehr einen unverfälschten Ausdruck der naiven Heuchelei, mit der noch unsere Väter eine Ausbeutungspolitik mit einem Heiligenschein zu umgeben pflegten. Dieser Wechsel der Einstellung muß die nationale Auffassung des Palästina-Mandates beeinflussen. Man kann nicht von Empire und Imperialismus sprechen in Verbindung mit Palästina. Aber selbst das Mandat, wenn es verlängert werden sollte, steht im Widerspruch zu der neuen Tendenz, jede direkte Verantwortlichkeit für die Verwaltung eines von verhältnismäßig fortgeschrittenen Rassen« bewohnten Gebietes zu übernehmen. Die Aussicht, daß die Gewährung demokratischer Selbstregierung unendlich lange hinausgeschoben werden muß, ist bereits jetzt höchst widerwärtig und wird eines Tages unerträglich werden. Der Schluß aus diesem zusammenfassenden Ueberblick der Tendenzen der britischen öffentlichen Meinung ist unwillkommen und störend, aber man darf seine Augen nicht gegenüber diesen Tendenzen verschließen. Keine britische Partei und ihre verantwortlichen Staatsmänner wird eine frühzeitige Preisgabe des Mandates oder einen Widerruf seiner Bestimmungen ins Auge fassen. Aber ich glaube, es würde unklug sein, auf die Fortsetzung des Mandates über die ins Auge gefaßten 25 Jahre hinaus zu rechnen. Es würde sicherlich allgemein als Erleichterung empfunden! werden, wenn es etwas früher beendigt werden könnte ohne schwere Beeinträchtigung der jüdischen Interessen. Auf sehr verschiedenen Wegen werden die verschiedenen Gruppen, die die öffentliche Meinung bilden, zn demselben Ergebnis gelangen und der Realist, der das iüdjfche Heim belächelt und an die Strategie glaubt, wird sich in Uebereinstimmung befinden mit dem Idealisten, der Gewissensbisse empfindet wegen der dauernden oder lange fortgesetzten Ausübung eines Zwanges gegen eine widerstrebende Majorität. Auf diese Weise würde man also den Schluß ziehen müssen, daß, wenn diese Charakterisierung der öffemitlichen Meinung richtig ist, man schwerlich mehr als 15 Jahre — oder ein wenig länger — als die Periode anfehen kann, innerhalb deren das jüdische Heim aufgebaut sein muß. Palästina könnte dann, bei sanguinischer Schätzung nahezu eine Viertelmillion Juden beherbergen, also mehr oder weiniiger ein Viertel der Bevölkerung. Das weitere Wachstum könnte ohne den Schutz der Mandatarmacht nur sehr langsam vor sich gehen. Es wäre noch sehr gut, wenn diese Lage aufrecht erhalten werden könnte, aber keine Hoffnung würde darauf bestehen, daß das jüdische Element, so groß auch sein ökonomischer und kultureller Einfluß sein mag, jemals die politische Kontrolle eines Palästinastaates erringen könnte. ' Dieser ganze Gedankengang hat auf zwei Annahmen beruht, die man skeptisch prüfen muß. Das Selbstbestimmungsrecht ist kein Dogma, das ohne weiteres und ohne Kritik hingenommen werdsni muß. Aber die ändere Annahme, daß die arabische Majorität notwendigerweise feindlich gesinnt bleiben müsse, ist die wichtigere der beiden Voraussetzungen. Für meinen Teil war ich immer etwas ketzerisch gesinnt hinsichtlich dieses angeblichen natürlichen „Rechtes auf Selbstbestimmung". Es war eine Entdeckung der Kriegsperiode, die sich wenig geeignet erwies, das uninteressierte politische Denken zu fördern. Die Alliierten benutzten es als Entschuldigung, um die österreichische Doppelmonarchie zu zerschlagen, die Bolschewisten haben es in ihrem ständigen Krieg mit der bürgerlichen Gesellschaft als ein unschätzbares Schlagwort empfunden., wenn man es auf die empfindlichen Teile des kapitalistischen Europa anwendet. Nimmt man es wörtlich, so muß es zu einer geradezu anarchistischen Gesellschaftsauffassung führen. Glauben wir wirklich, daß irgend welche Rassen, irgend ein Stamm öder ein Volk, weil es sich nun einmal auf einem besonderen Territorium niedergelassen hat, das Recht besitzt, damit zu machen, was es will? Glauben wir, daß Nomaden, die von der Jagd leben, weite Strecken des Landes monopolisieren dürfen, das unter dem Pflug reichlich tragen und eine hundertfach größere Leistung für die Menschheit hervorbringen könnte? Das würde ein antisozialer Unsinn sein. Auf der anderen Seite: Wenn wir die großen Interessen der Menschheit anrufen, um diejenigen der einzelnen Stämme zu überrennen, so können wir es nicht jedem Reiche oder jeder Gruppe von kapitalistischen Ausbeutern überlassen, im Namen der Menschheit zu handeln. Das Dogma von der Selbstbestimmung ist eine gute Waffe, um den Imperialismus anzugreifen, aber letzten Endes muß, wenn wir an irgend ein System von Rechten überhaupt - glauben, eine organisierte M e n s ch h e i t sich die Macht Vorbehalten, im Interesse der großen MMfchengesellschaft eine einzelne Rasse oder einen einzelnen Stamm zu beeinträchtigen. Man kann ohne Gewissensbedenken diesen Gedankengang vom sozialen Recht auf dem Fall Palästina anwenden. Der Völkerbund ist' die nächste Instanz, die die Autorität beanspruchen kann, das allgemeine Beste zu vertreten, auf alle Fälle in der alten Welt. Er sieht in Palästina ein Territorium vor sich, nachlässig bebaut und spärlich bevölkert in dem Händen einer Rasse, die, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, wenig Aussicht auf Fortschritt verheißt. Hat er nicht das Recht zu sagen: „Gebt Raum! Es ist Platz auf Eurem Territorium für andere, die seine Wüsten in Kulturboden verwandeln und seine Zivilisation Herstellen werden. Ihr dürft das nicht verhindern, aber ihr sollt in keiner Weise Not leiden in Euren bürgerlchem Rechten." Welche „Anderen" soll der Völkerbund Heranrufen? Er könnte die Finnen oder die Bulgaren auffordern, wenn sie heimatlos wären. Er hat die Juden gerufen, weil sie keinen Herd ihrer Kultur haben und weil sie mit ihrer leidenschaftlichen Liebe für dieses schöne, aber verlassene Land ihm gewiß in einer Weise dienen werden wie kein anderes Volk es könnte. In dieser Formel habe ich versucht, den „historischen- Anspruch" zu paraphrasieren, denn ich gestehe, daß es mir nicht genug zu sein scheint, bloß zu sagen, daß die Juden dieses Land im Besitze hatten vor den Arabern, sonst könnte man davon reden, daß England den Welschen zurückgegeben werden müßte. Die wahre Grundlage für die jüdischen Ansprüche auf Grund der internationalen Moral ist die, daß Palästina nach einem, es aufbauenden Volke verlangt, daß die Juden eines Heimes entbehren und daß hier die Stelle ist,-ain welcher sie und sie allein in Bereitschaft stehen, um ihren Reichtum, ihre Wissenschaft und ihre Hingebung in dieses Land zu senken.

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