Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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•••- .• r Seite 4 Nr. 4 Der Israelit 23. Januar 1930 Kunsthandlung Julius Giessen dm Opernplalz - Ecke Bockenb. Landsfr. 2 Das Fachgeschäft lär vornehme Emrahmung Die Kanslhaniiluna des pulen Geschmacks könnte, weil sie bei den Arabern die Vorstellumy erweckt, -als sei die gesamte Orthodoxie (gleich dem Misrachi) in das zionistische Lager eingerückt und stehe gar der Desperado-Politik der Jabotinsky und Genossen duldsam gegenüber. In diesem Sinne ist die offene Erklärung Dr. Kohns begrüßenswert, und sie wird die Weiterentwicklung der Dinge in günstigem Sinne beeinflussen. Die Lommifston zur Lösung der Magemauersrage. Das Wort vom Brunnen, den man zudeckt, n a ch d e m das Kind hineingefallen war, läge nahe bei der aus Genf kommenden, in jüngster Nummer veröffentlichten Nachricht von der Bildung der Klagemauerkommission durch den Völkerbundsrat, dürfte man damit rechnen, daß die Gefahr nunmehr wirklich behoben wird-. Daß der Streit um die Klagemauer sich im Hangen und Bangen langwieriger Verhandlungen bis zu dem Abgrund vertiefte, aus dem alles Unheil für Palästina und seine Menschen erwachsen ist, ist jedermann klar. Um das zu erkennen!, braucht man nicht erst den Bericht der Untersuchungskommission abzuwarten. Der Völkerbund hat auch nicht gewartet und die Einsetzung der Kommission einstimmig beschlossen. Daß Henderson dieser Kommission, der kein Engländer angehören wird, zugestimmt, ja, sie in dieser Form angeregt hat, beweist, daß England allein die Verantwortung für die Entwicklung in Palästina nicht tragen möchte. Ein Ruhmeszeugnis für die britische Mandatspolitik und die Palästinaregierung ist dieser Beschluß gerade nicht. Um so mehr muß man den guten Willen Englands, den sichtbaren Gefahrenherd in Palästina zu beseitigen!, anerkennen. Ob dieser Weg zum Ziele führt? Wir wollen in der Stimmenthaltung des moslemitischen Persers in Genf bei der Beschlußfassung kein böses Omen erblicken. Würde übrigens die moslemitische Welt die Kommission a priori negieren und ihre Arbeiten und Beschlüsse sabotieren, so wäre damit auf alle Fälle eine Klarheit geschaffen, die den Arabern gewiß nicht zugute käme. Dafür sind wohl die Araber zu klug. Im übrigen! wird man abwarten müssen, wer und von welcher Geistersart die drei Männer der Kommission si nd und wie sie ihre Arbeit anpacken. Der finnisch e Berichterstatter üer Mandatssitzung, P r o c o p?, sagte in seiner dem Beschlüsse vorangegangen m Rede u. ä.: „Im Bewußtsein der Wichtigkeit des Problems, das zu lösen ist, und der Schwierigkeiten, die zu, bewältigen sind, hat die Kommission Gelegenheit genommen, zu erklären, daß sie bereit ist, jeden eingebrachten Vorschlag, der, ohne den Bestimmungen des Mandates zu widersprechen, darauf hinausgeht, eine Beilegung der zwischen Juden und Mohammedanern hinsichtlich der Klagemauer bestehenden Differenzen herbeizusühren, die erregten Gemüter zu beruhigen und Frieden und Ordnung in Palästina sicherzustellen, daraufhin §u prüfen,, ob seine Annahme dem Rat zu empfehlen sei. Ich schlage vor, daß der Rat von den Beschlüssen der Kommission über diesen Gegenstand Kenntnis nehmen möge." Es wird gewiß an Vorschlägen und Denkschriften nicht fehlen. Beide Parteien werden ihre Sache zu vertreten undzu begründen haben. Wir möchten aber heute noch einmal daraus Hinweisen, daß von jüdischer Seite weniger der nationale als vielmehr der religiöse Anspruch auf den Platz r/o r d er T e m p e l m a u e r vor der Kommission erhoben werden muß. Nicht gelegentliche Demonstrationszüge mit Fahnen und Liedern!, — die so kindisch sind, wie die hohe Meinung/ die die Feinde von ihnen haben, oder zu haben angebeir — verkünden unser altes Recht auf diese unsere Heiligenstätte. Die Tatsache, daß seit vielen Jahrhunderten Juden und Jüdinnen alter, schlichter Art vor der Mauer beten, dorthin ihre Hoffnungen und Tränen tragen, d>aß alte. Rabbis „in jeder Stunde der Nacht sich schon allein mit ihren Gebeten bei der Mauer fanden," diese Tatsache verbrieft und versiegelt unsere Rechte auf die Gebetsstätte vor der Mauer mehr als alle Dokumente, die wir vorlegen könnten. Mit solchem Rechtsraub ist das Judentum in der Seele getroffen, die jüdische Seele, die Religion, muß sprechen und ihr Recht fordern. Sie wird gehört werdeini! Auswirkungen des Selbständigkeiksgedankens. Es gehört zu den merkwürdigsten Fügungen der geschichtlichen Entwicklung, daß durch die Zerschlagung der alten ungarischen Monarchie und die Aufteilung ihres Gebietes unter eine ganze Reihe neuer Staaten die geistigen Faktoren, die dem alten jüdischen Ungarn ihr besonderes Gepräge verliehen hatten, nunmehr in den verschiedensten politischen Neugebilden wirksam werden und so einen weit mannigfaltigeren Ausdruck erlangen, als es früher der Fall sein konnte. Zuerst war es ^.Tschechoslowakei, in der die von den Gedaulim Ungarns durchgeführte Konzeption der orthodoxen Gemeinde-Autonomie feine verfassungsrnäßige Verwirklichung fand. Auch in R u man i e n ist es, wie unseren Lesern bekannt/ von Transsylvanien aus mit HÜfe der dort von Ungarn übernommenen orthodoxen Organe gelungen, dem Selbständigkeitsgedanken für das ganze Gebiet des rumänischen Staates grundsätzlichen Durchbruch zu verschaffen. Nun reiht /sich als neues Land, - in dem es den Bekennerin« des geschichtlichen Judentums vergönnt fein wird, ihre religiösen Grundsätze in einem selbständigen ' Gemeindeleb enzu entfalten, das Königreich I ugoslavien an. Auch dort ist es natürlich nicht ohne Kampf gelungen, der Idee der Souveränität der Thora einen verfassungsmäßigen Ausdruck zu sichern. Das neue Judengesetz in Jugoslavien, das selbstverständlich im Sinne des dort herrschenden toleranten und judenfveundlichen Geistes den Bekennern der jüdischen! Religion volle Freiheit und volle staatsrechtliche Parität mit den anderen Konfessionen gewährt, wurde von einer speziellen Kommission unter Vorsitz des Justiz- und-Kultusministers ausgearb eitet. Von jüdischer Seite war der Landesrabbiner Dr. I. Alkalay, eine konservativ gesinnte und allseitig beliebte Persönlichkeit, sowie ferner- Vertreter der Orthodoxen (Oberrabbiner Grün in Mol) und der „Nichtorthodoxen" (Dr. Poper und' Dr. Kohn) zu-gezogen. Dank der Unterstützung des Ministers, dessen Gerechtigkeitsgefühl jede Majorisierung in Gewiffensfragein! ablehnte, gelang es den orthodoxen Vertretern-, alle Versuche zu einer zwangsweisen Unifikation zu vereiteln und die vollkommene Gleichberechtigung einer orthodoxen und einer nichtorthodoxen Gemeindeorganisation im Gesetze zu verainikern. Bemerkenswert ist, daß die orthodoxe Organisation zwar die ihre religiöse Tendenz widerspiegelnde Bezeichnung trägt, der weit zahlreichere allgemeine Gemeindebund jedoch -lediglich als Gememdeverband bezeichnet wird, nicht aber als neolog. Der zweite heiß umstrittene Punkt war die Frage des Austritts aus der Einzelgemeinde. Hier hat die Orthodoxie nicht das erreicht, was sie wollte, »nämsich die Möglichkeit selbständiger Gemeindebildung bei 10 Mitgliedern sind die sofortige Befreiung von den Gemeindelasten. Doch wurde immerhin durchgesetzt, daß 20 Mitglieder einer Gemeinde aus religiösen Gründen eineselbständige Kehillo bilden können, wobei sie allerdings 5 Jahre noch den Steuersatz des alten Budgetjahres an die Muttergemeinde zu ent-- richten Haben. Der einzige Punkt, in dem die Orthodoxie volle Autonomie nicht erlangt hat, ist die Festlegung des Vorsitzes der beiden leitenden Kleines Feuilleton. Eine lehrreiche Episode aus Jerusalem. Wir finden in Nr. 1504 des „Palestine Bulletin11 unter der Ueberfchrift „Chajim Mi ch y e l Sal o m o n Jacob Adelowicz" eine kleine, dem Leben nacherzählte Geschichte, die eine gute Illustration für die bekannten Beschwerden gegen die Tätigkeit des zionistischen Hilssgelderausschusses bildet. Der Berichterstatter erzählt von einem Flüchtling Chajim Michael Salomon Jacob Adelowicz, der in den Paar Monaten seit den Pogromen sich völlig gewandelt hatte und in den Zustand: vollendeter Hilflosigkeit herabgesunken war. Der Berichterstatter fragte ihn, als er ihn ihm Dezember traf, wie es ihm gehe und was er denn treibe. Die Antwort lautete: „Vor 40 Jahren, es war das Jahr, in dem kein Regen fiel, kam ich nach Jerusalem. Ich kannte den ganzen Talmud auswendig, aber es varen so viel Gelehrte hier, daß ich keinen Lebensunterhalt finden konnte. Meine Frau war krank und konnte nicht arbeiten. Wovon lebte ich also? Ich begann Brot zu verkaufen. Ich verkaufte hier und dort, war niemals krank und kein Tag verging, an dem ich nicht Brot verkaufen konnte. Nicht einmal während des Krieges — bis dieses Jahr gekommen ist. Da haben die Araber alles zugrunde gerichtet, ich konnte nichts verkaufen ich tonnte nr'cht in ihre Häuser gehen und so war ich r u i n i e r't, jetzt bin ich ein Schnorrer. Ich bin kein Bettler, aber 'ich muß Kapital für' mein Geschäft habend Ich ging zu dem Hilfsfond und dort sägten sie mir zuerst, ich solle morgen kommen und als ich den anderen Tag kam, sagten sie, ich sollte morgen Unterkommen und als ich-wiederkam, sagten sie, ich sollte morgen wiederkommen.' Inzwischen litt mein Geschäft Not, meine Künden, sie waren 20, 30, 40 Jähre meine Kunden, verloren'sich rasch. Aber nun kam ich letzte Woche wieder und'j da wär .eine. Frauensperson -da. Nun/Sie wissen, wie .eine Fpau keinen Verstand hat. , Aber sie kam aüs Amerika, das ..ift^ ein Teil von Newyorh und'sie hielt einegroße Rede, sie glaubte, sie. spräche Jiddisch, aber was es war> was sie sagte, weiß nur Schemjißborach. Aber sie haben in Amerika sich in den Kopf gesetzt/ Geld in Form von Billeis zu geben. So gibt sie mir ein Billett, mit dem ich in eine Bäckerei gehen sollte. Ich gehe in die Bäckerei, dort bekam ich Brot und das verkaufe ich jetzt an meine Kunden. Wollen Sie vielleicht etwas kaufen?" Ich fragte ihn, wie alt er sei, woraus er mich anschaute und sagte: „Mit Gotttes Hilfe — bis 120 Jahr", und als ich ihn nach seinem Namen fragte, sagte er, er sei Chajim Michael Salomon Jacob Adel o.tj i cz. Man darf wohl fragen, ob ein solches Menschenschicksal nicht Anspruch auf Hilfe hat, auch wenn es nicht in das Schema der „unmittelbar von den Pogromen Geschädigten" gehört. (Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutsch'a'rd und Palästina.) Der „Industrie- und Handelszeitung" wird aus Haifa berichtet, daß die Furcht, die Besserung in der wirtschaftlichen Lage Palästinas würde durch die Unruhen, gestört werden, sich nicht bewahrheitet hat. Der letzte Monat ist für den Jmporthandel ein sehr günstiger gewesen. Insbesondere in Eisen und Holz sind seit langem nicht - dagewesene Umsätze erreicht worden. Der. Grund hierzu ist in Käufen der Verwaltung für den Bau des Haifaer Hafens zu suchen, der endlich, wenn auch' in beschränktem Umfang, begonnen hat. So unangenehm der arabische Boykott für die jüdische Geschäftswelt ist, große Folgen hat er für die ökonomische Lage der palästinensischen Juden nicht gehabt und wird sie auch nicht haben. Die jüdische, und die arabische Wirtschaft gehen in r Wirklichkeit nebeneinander her. Im Großhandel, wo stärkere -Berührungspunkte bestehen, ist keine nennenswerte! Unterbrechung der Beziehungen festzustellen. Gelitten hat durch den Wirtschaftskampf eigentlich nur die palästinensische Textilindustrie, Syrien und der -Irak haben unter dem Eindruck .der arabischen Propaganda eine-Reihe von Aufträgen annulliert. Die deutsche Textilindustrie, heißt es in dem Bericht weiter, hat seit Ende des Weltkrieges in Palästina an Terrain verloren. In der palästinensischen Einfuhrsta-- tistik behauptet Deutschland immer noch den zweiten Platz hinter England. Nach dem Ausweis der Zollverwaltung: hat England im Juli 1929 für 99 436, Deutschland für 64 320 Pfund importiert. Als Folge der Unruhen ist ein Aufleben des Baumarktes zu erwarten. Die beabsichtigteneue städtische Siedlungspolitik der Juden wird einestarke Baukonjunktur bringen. Bei Lieferung von; Baumaterial steht Deutschland als Lieferant von Kleineisen und Armaturen in vorderer Linie. Belgien beherrscht den Markt an Glas. Der Bau des Hafens im Verein milden Bauten der großen Petroleumsgesellschasten, die bereits durch Anlagevon Tanks das Fundament für den neuen großen Petro» lercmhafen des Mittleren Ostens legen, wirkt sich auf den palästinensischen. Arbeitsmarkt sehr günstig aus.- Augenblicklich gibt es im Lande keine jüdischen Arbeitslosem Das Bedürfnis nach Bauhandwerkern und anderen qualifnierten Arbeitern ist. zurzeit auffallend stark. Die ziö/ i i ischen Organe wie di Gewerkschaften Hallen das Land für einen Zustrom von zehntausend MenscheN für aufnahmefähig.