Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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23. Januar 1930 Der Israelit Bestimmungen ist nach Hirsch: Der leiseste Anschein einer jedem, Auswirkung aus der Nachtseite der menschlichen Beziehungen soll gemieden werden. Jüdisches Gericht ist keine dünkte, rachsüchtige Feme, jüdisches Opfer kein vernichtendes Hinmorden von Tieren vor der Gier einer blindwaltenden, den Willen auflöfendM« Trieb- und Naturmacht. Jüdisches Gericht ist Herrschaft des frei erziehenden Gotteswillens, jüdisches Opfer Tatbild reinsten, klarsten und hellsten Kindessinnes vor Gott dem Vater, selbst wenn es Opfer der Schuld oder der Sühne ist. Darum ist auch Mila am Tage zu vollziehen. So spricht es Hirsch (Hl 300) aus: „Die Mila ist kein Huldigungsopfer, das jenen dunklen, vom Wahne vergötterten Gewalten darzubringen wäre, die aus der Nachtseite des menschlichem' Daseins in das eigenste leibliche Wesen des Menschen hineimreichen und ihn dort in ihren mächtigen Fesseln gefangen halten. Sie hat nichts mit der gesundheitlichen Fürsorge für das menschliche Dasein zu tun; sie hat aber auch nichts mit den dunklen Gewalten des gebundenen Naturlebem>s zu schaffen, die keine absolute Macht über den freien Menschen haben, vielmehr durch ihre Gebundenheit tief unter dem vom freien Gotteshauche belebten Menschen stehen. Sie weist mit Entschiedenheit auf den Einen, freien, persönlichen Gott hin, dessen Gesetz eben die Notwemdigkeit bildet, in deren Fesseln sich die gebundenen Naturgewalten bewegen und von dessen Persönlichkeit und Freiheit eben das persönliche, freie Walten und Schaffen des wachen Menschen ein Abglanz ist." (Schluß folgt.) tvochenrundschau. Agudas Jisroel und das politische Palästina-Problem. Unsere Leser finden in der heutigen Nummer der Aguda-Blätter eine bedeutsame Aeußerung des Präsidenten der politischen Exekutive der Agudas Jisroel, Herrn Dr. Pinchas K o h n , die in der . Form eines Interviews mit einem Vertreter der Jüdischen Preßzentrale in Zürich Aufklärung über die Stellung der Aguda-Exekutive zu den unmittelbar aktuellem« Problemen der Palästina-Politik geben will. Wir sehen voraus, daß diese Veröffentlichung Anlaß zu Minder wünschenswerten, lückenlosen Breite und Tiefe behandeln können, und uns sozusagen mehr aus. kurze, zum weiteren Nachdenken über die zur Besprechung gelangenden Themata anregende Andeutungen und Winke beschränken müssen. Und doch glauben wir es als heilige Pflicht erachten zu müssen, gewissen, sozusagen in weiten Kreisen eingewurzelten unrichtigen Meinungen und Anschauungen entgegenzutreten. Es ist eine allgemein verbreitete Meinung, wonach S. R. Hi.sch der eigentliche Urheber des tri oy »"r-P.inzipes in dem heute darunter verstandenen Sinne wäre. e» w*8 pviiiv wn navl> irm 'ennp Und so wird nur diese vermeintliche Tatsache von manchen als Grund zu Lobeserhebungen, von manchen wieder als Grund zu berechtigten Vorwürfen betrachtet. Und doch ist diese Meinung eine durch und durch nur richtige. Hirsch hat so wenig dieses Prinzip erfunden, wie denn auch das orthodoxe Judentum überhaupt seine „Erfindung" nicht erst Hirsch zu verdanken hat. Denn auch letzteres wollten nämlich gewisse neologe Kreise in Deutschland Hirsch in die Schuhe schieben. Ja, Hirsch selber steht nicht an, in seinem zweiten Senk schreiben all Rabbiner Bamberger zu bekennen, daß die heutzutage allgemein beliebte Auslegung des Satzes N"i vs rrn ns1 im Sinne einer Synthese zwischen Thora und weltlicher Kultur, keinesfalls als die einzig richtige feststeht. Und wenn Hi.sch dennoch die einer solchen Auslegung entsprechende Devise sich zu eigen gemacht hat, so folgt er eben hiermit nur einer jahrtau send alten Richtung im Judentums. Denn wenn s'.ch Hirsch in seinen beiden Streitschriften wider Dr. Hetz bezüglich der Berechtigung seines. Thora und soziales Wissen verbindenden Erziehungsprinzipes auf glänzendste Namen emer jahrtau send langen Vergangenheit beruft (Ges. Schriften III. S. 481 u. 488), so wird es jeder Kenner der Geistesgeschichte des Judentums zugeben mü sen, dah Hirsch damit nicht Sand in die Augen des unwissenden chsrlei Diskussionen geben wird und möchten daher einige erläuternde Bemerkungen hinzufügen. Den Kern der Erklärung bildet zweifellos der Vorschlag, zur Lösung der bestehenden Schwierigkektein. ein neues White Paper herbeizuführen, das die Balfour-Erklärung „etwa im Sinne von Achad Haam" interpretieren soll. Was im einzelnen darunter zu verstehen ist, läßt sich Zunächst einmal nach der negativen Seite feststellen: Offene und unzweideutige Ablehnung des Gedankens eimes durch England zu errichtenden jüdischen Staatswesens in Palästina, Ablehnung der alten vom Zionismus selber längst aufgegebenen Formel, die Balfour-Erklärung bedeute, daß „Palästina so jüdisch werden soll, wie England englisch ist" . Man könnte fragen, welchen Wert eine derartige Feststellung, die ja nur die tatsächliche Entwicklung konstatiert, haben soll. Die Antwort darauf ist leicht zu geben. Sie zerstört die Atmosphäre der Zweideutigkeit,, die es den arabischen Hetzern immer wieder gestattet, ungeachtet der längst bekannten Feststellung des Churchill-Weißbuches mit der die arabischen Massen aufreizenden Vorstellung von einer drohenden Beherrschung durch die Juden, zu spielen. Nach der positiven Seite — wir sind so kühn, das auszusprechen — unterscheidet sich aber die vom Präsidenten der Aguda-Exekutive ausgestellte Forderung faktisch nur in der Form, nicht in der Sache von dem, was heute die wirkliche Politik Weizmanns selber ist. Weizmann hat in Jena zwar verwundert gefragt, was man sich denn unter einem kulturellen Heim vorstelle, „etwa ein Krankenhaus oder ein Museum?" Es liegt aber auf der Hand, daß diese seltsame Wendung nichts weiter als ein diplomatischer Schachzug war, um beruhigend nach der rechtsradikalen Seite des Zionismus zu wirken. In W i r k l i chk e i t weiß Herr Prof. Weizmann sicherlich recht gut, was die Vorbedingungen eines sogenannten kulturellen Heimes sind. Und die Orthodoxie, der das Väterwort .rrm prr n»,7 prr arr geläufig ist, weiß es noch viel bester. Die erste Vorbedmgung für das Erstehen eines solchen Heimes der Thora-Kultur in Erez Jisroel ist natürlich die freie Einwanderung im Rahmen der wirtschaftlichen Möglichkeiten und die feste ökonomische Fundierung der jüdischen Siedlungen — das, was man px air nennt. Das Zweite ist die unbedingte Sicherheit von Lebem- und Eigentum, das Dritte die Gewährung einer unbegrenzten inneren Autonomie für den Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft, in der sich der jüdische Geist individuell und in körperschaftlichen Gestaltungen frei ausleben kann. Die Gewährung einer parlamentarischen Vertretung der palästi- Publikums streuen wollte, sondern, datz seine Behaup tung von unleugenbaren geschichtlichen Tatsachen getragen und gedeckt wird.*) Und wenn es anderseits auch seststehl, datz sich zu jeglicher Zeit zugleich auch eine der jeweiligen autzerjüdischen Zellkultur gegenüber mehr oder minder mißtrauische Strömung geltend zu machen sich bestrebte, so ändert dies nicht im geringsten an der früher erwähnten historischen Tatsache. Dies beweist eben nur, datz ebensowenig wie für S. R. Hirsch, auch seinen Vorgängern der „Kulturkampf" für das Prinzip iri osr mm wie es heute verstanden wird, erspart geblieben ist. Der Kürze halber verweisen wir bloß aus einige merkwürdige Stellen in den Schriften des Maimonides: ■fr« »yvi m’itan’pni flisnpnn naan km ian iai 3 hv '"mm 'iai Tiiaiavnn ön niiiia mma ii>8 V:» in«»i 'iai min v'isv p’ '»an na iipnv D"iav amx iianv pa »’traa d/hr nana» pa lannb jw n p« 'iai *n"a t"’ 'a Vin t?np ,nprn r> 'iai Klingt dies nicht wie eine förmliche Verteidigung des profanen Studiums?! Man sehe auch im Mischnakommentar des Maimonides Ende nstpa x1?! lasiff pso ps nn iai v"i man' i»nv n» :nviv nain sl>l »y» Di’7! ia»»Jst dies nicht eine Rechtfertigung des griechischen Studiums, das h.itzt der ursprünglich von Griechen betriebenen verschiedenen Wissenszweige, weil eben viele seiner Zeitgenossen solches als verboten betrachten?! Aber noch merkwürdiger klingt jene Stelle im Kom. zu Aboth, 1. Kap., 5 §: la/nw »wm o'i'vnni D’api ’n'sn? pay '’dr ’aiy w i’B>V o s tixti nrPK irr nsma p’ nmaa in'va yiairV 0*3X8 iniv p«i ■'iai nr ipmi' 'iai miaan nav Ki-.n i'v.i ini'vrra nis'i vn»'i anx’i ini'i ion' iainrr niiaa Tiii-ao nn 'iai -'iai ia-jy ix» bin nVyaip psrn ix» Erinnert uns dies nicht lebhaft an die bitteren Kämpfe um die Einfiihrung einer in reiner Landessprache zu hal- *) Man s. auch „Von den Beziehungen der allgem. Bildungswesen usw. in Ges. Schr. II, bef. S. 451. Nr. 4 Seite 3 Wir geben hierdurch bekannt, daß wir untere Büros in unter eigenes Haus, BERLIN, Friedrich Eberfftraßo 2-3 verlegt haben Unfere Anfchrift lautet von jetzt ab: LEBENS VERSI CH ERUN GS- GESELLSCHAFT PHÖNIX Direktion für das Deutrehe Reich - Zweigniederlassung in Berlin BERLIN w. 9 FRIEDRICH EBERTSTRASSE 2-3 Telefon: Sa mmel-N ummer KURFÜRST 8464 Telegramm-Adrelle: Lebensphönix PoH [check-Konto: Berlin Nr. 224 56 Bankkonto: Darmfiädter & National- Bank, Depoliten-Kaf f e^Ber lin Kurfürftendamm 52 nensischen Bevölkerung, die jo doch unausbleiblich ist, müßte natürlich die hier genannten Vorbedingungen in geeigneter Form gewährleisten, denn auch ein kulturelles jüdisches Heim ist unmöglich, wenn zu befürchten steht, daß eine arabische Parlamentsmehrheit aus -nationalen Gründen die jüdische Einwanderung verbietet. Ausdrücklich betonen möchten wir, daß auch Herr Dr. Kohn an der unveränderten Aufrechterhaltung der Balfour-Erklärung selber sesthält, die ja die staatsrechtliche Grundtage für das kM Ausbau begriffene binationale palästinensische Staatswesen ist. Man könnte darüber im Zweifel sem, ob gerade, weil die programmatischen Forderungen der Agudas Jisroel sich von den gemäßigten Postulaten und noch viel gemäßigteren Erwartungen Weizmanns, des maßgebenden Kopfes der zio- -Niistischen Politik, kaum unterscheiden, ein Hervortreten in diesem Augenblick erforderlich war. Die Veramiassung dazu liegt, wie wir annehmen, in der Tat nicht in sachlichen Differenzen zwischen der agudistischen und der offiziellen zionistischen Politik, sondern in der Tatsache, daß die weitere Zurückhaltung der Aguda sehr leicht zu einer Schädigung der jüdischen Gesamtposition führen tenden Predigt auch srllens orthodoxer Rabbiner in orthodoxen Gemeinden?! Man vergl. S. R. H.. Ges. Schriften II, S. 443 und meine diesbezüglichen Ausführungen in dem Aussätze „Zur Würdigung der Wirlsamkeit Dr. I. Hildesheimers in Ungarn", Jejchurun 1928, S. 334 u. f.). Für den tiefer Blickenden steht aber auch die Tatsache fest/ daß die Gegnersl'a.t gegen autzerjüiische Kultur mehr eine seltener oder hänsiger sich äntz-rnde llebertreiöung gewisser Kreise gewesen ist, aber datz die e gentliche Opposition sich nicht gegen die positiven Elemente des allgemeinen Wissens, sondern gegen die philosophische Spekulation richtete, und daher die Worte Hi.schs in den Ges. Schriften Hl, S. 486 das Richtige treffen: „Der einseitigen nicht im Judentum wurzelnden flachen Spekulation waren die Rabbiner feind, feind einem Streben, das mit vermessenem Dünkel nur die Offenbarung Gottes in der Natur und Geschichte als Basis des Spekulation hinnimmt, daraus das Gebäude der Erkenntnis absolut und mit dem dort allein gewonnenen Matze der Erkenntnis.das Judentum kritisierend mitztt und verstümmelt. Da hat sich von jeher der Hochmut erzeugt, der mit Knabenhändeu das Gotteshsiligtum stürmen zu können wähnt."(Fortsetzung folgt.) TongesgasseZSffl \ WYxren nurbe/ ■/* I U OL 6 ir Zeit 95 tteänassa AlteUhrenu.Schmudc werden umqetauschl’oder ümgearbelhaL