Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4 Der Israelit grunö solcher Spezialbetrachtung aus einem der Gesetze herausgelesen haben, — dann haben wir eben irrig gelesen, unvollständig beobachtet und unzulängliche Schlüsse gezogen, und in solchem Falle hat nicht das Gesetz, auch nicht die scheinbar unbedeutsamste seiner Teilvorschristen, unserer Deutung zu weichen, sondern unsere Deutung dem Gesetze, und eine neue Auslegung, ein neues Symbol ist zu suchen, in welches ohne Vergewaltigung alle Anordnungen des zu symbolisierenden Gebotes sich fügen. Ein „Faktum wie Himmel und Erde" nennt Hirsch in den Neunzehn Briefen die Thora und ihre Gebote. Wie sich nun zu Hirschs Zeiten im außer jüdischen Kreise die Art der Betrachtung von Himmel und Erde, das ist: die Einstellung zu Len Erscheinungen der Natur grundstürzend gewandelt hat, so vollzog auch im Kreise der innerjüdischen Anschauung der Thoragesetze Hirsch die entscheidende Neuordnung. Vor hundert Jahren hat ja auch die später viel berüchtigte „Naturphilosophie" ihre Blütezeit erlebt. Da galt, um aus den ärgsten Fehlschlägen Beispiele zu geben, Sauerstoff als „Luft in ihrem An-fich-fein", Wasserstoff als „Luft in ihrem Fürsich-sein" und Stickstoff als „Luft in ihrem An- und-für-sich-sein". Widersprach diesem törichten Schema irgendeine der Einzelerscheinungen der Naturstoffe, so wurde diese Ausnahme geleugnet, ignoriert oder noch abwegiger, „gedeutet". Auch in die Betrachtung der Völkergeschichte trug man, unter Vorantritt Hegels, solche vorher gefertigten, oft ganz luftigen Begriffe und preßte in sie, selbst aufkosten klarer Tatsachen, die Kapitel der Historie. Auf diesem letzteren Gebiete ist die Gelehrtenwelt noch heute nicht ganz von ihren Irrwegen zurückgekommen. Der steife Begriff der Entwicklung aus der Horde zum Volke, aus dem Fetischglauben zum Monotheismus wird heute noch von einer gewissen Zunft künstlich ausrechterhalten und jedes Dokument unseres hl. Schrifttums, auf das er sich richt anwenden läßt und das ihm widerspricht, für unecht oder gefälscht erklärt, um die Theorie unserer Hordenabstammung weiterhin zu stützen. Die wahre Wissenschaft aber begann schon vor einem Menschenalter, diesen Irrlehren den Rücken zu kehren und nicht Deutungen auf gefälschte Tatsachen zu pfropfen, sondern! nur noch Tatsachen sprechen zu lassen und ihnen alle Deutungen getreu anzupassen. Es wurde seither minder eifrig über das Warum und Wozu von Naturerscheinungen gegrübelt und desto eifriger ihr Wie und Wieviel beobachtet und jeder zu ziehende Schluß aus Tatsachen und wieder Tatsachen fest gegründet. Die heutige Naturwissenschaft und Geschichte ist ärmer 23. Januar 1930 an Hypothesen, aber reicher an Beobachtung und vorsichtiger, darum wahrer als die der Schellingschen Zeit. Wenige haben im Taumel der Hypothesen der letzteren klareren Kopf behalten und sind treuer in den von Kant der menschlichen' Erkenntnis gesteckten Grenzen verblieben, als unser Samson Raphael Hirsch. Aus sei nee Kritik einer Rezension des naturphilosophischen und historischen Buches „Isis7 von Radenhausen, jetzt am Schlüsse der Ges. Schr. Band l, ersehen wir, daß er zu denen gehörte, die „Himmel und Erde als Faktum" hinnehmen, das nur dem ganz gewissenhaften Beobachter Ge he im,niste seiner Bedeutung zuraunt. Darum blieb er auch gegen das andere Faktum, in der richtigen, beobachtenden Einstellung, das wi-r Gottes Wort nennen und das seinen lebengestaltenden Sinn gleichfalls nur dem offenbart, der es mit Hingabe feiner ganzen Seele in allen seinen Einzelheiten erforscht und mit diesen jede seiner Schlußfolgö^ rungen in Einklang bringt oder, wo ihm dies nicht gelingt, sich der Schlußfolgerung ganz enthält. Dies bekennt Hirsch mit den, Worten (in, 225): „Die geistreichste Erfindung wird zurückzuweisen sein, sobald sie mit einer dieser wesentlichen Beziehungen des Symbols in Widerspruch steht, — und nur diejenige Annahme wird sich rechtfertigen lassen, nach welcher aller diese Beziehungen des Symbols in ungezwungener harmonischer Erklärung ihre Berechtigung finden und sich, wie die einfachen Konsequenzen aus einem einzigen höheren Gedanken konstruieren lasten." Dies sei, fährt er fort, die gleiche Methode, welche auch bei jeder som-stigen Auslegung, nämlich schriftlicher Aeußerungen, stattfinden müsse. Das große Vertrauen darauf, daß in der ganzen, auch in der geschichtlichen Wissenschaft, diese gewissenhafte und doch so schöpferische Selbstbescheidung heimisch sei oder werde, scheint auch der innere Anlaß zu jener optimistischen Unbesorgtheit geworden zu sein, mit der die spätere Hirsch'sche Schule sich und Andere der Pflicht tiefschürfender Widerlegungsschriften gegen die bibelkritischen Hypothesen der Neuzeit für enthoben hielt und noch heute hält. Hypothesen haben auch in heutiger Zeit sich der Symbolik bemächtigt. Sie haben sich insbesondere BiOXULTBA Oie stark schäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 50 Pf BI0X-MUNDWAS5ER Flasche 1.— und 2.— Ml. Gegen lockere Zähne. Prob e-Fläsche gratis. Max ESb A. Q., Dresden auf dem Gebiete der psychischen. Forschung heimisch gernacht. Der Psychoanalytiker sieht in mancher von uns sonst historisch oder äußerlich praktisch erklärten alltäglichen Handlung Sinnbilder, welche die Seele selber in einer dem Bewußtsein nicht bemerkbar werdenden bildnerischen Tätigkeit erzeugt hat, um diejenigen ihrer zartesten Regungen zu verschleiern oder anzudeuten, deren bewußter und öffentlicher Mitteilung sie sich schämen würde. Zu solchen Sinnbildern des Urböfe-r, gehören auch Tanz, Kuß und Handschlag. So hat die neuere Seelenforschung, wenn man es so nennen darf, eine Symbolik der Sünde geschaffen, ein System der Sinnbilder alles dessen, was der freie, bewußte Wille verabscheut und aus seiner Sphäre bannt: den Vatermordkomplex, den Oedipuskomplex und die anderen P2N rmvn nns*? unter der Schwelle des Bewußtseins lauernden Unlauterkeiten, die uns angeboren scheinen. Auch Freunde und Anhänger der psychoanalytischen Schule sehen mit Besorgnis ihrer Entwicklung entgegen!, weil sie nicht das Symbol aus allen seinen Begleitumständen und Nebenbeziehungen zu ergründen sucht, sondern oft seelische, noch öfter aber geschichtliche Zusammenhänge außer acht läßt, um nur ihre Hypothesen an den Sitten und Bräuchen, alter Völker und Religionen zu erproben. Darum mußte die an sich nicht ganz von der Hand zu weisende Aufgabe, in heidnischen, aber auch in biblischen Religionsgesetzen Spuren der erwähnten, nicht immer bewußten Seelentätigkeit des Symbolisierens nachzugehen, im Kreise der psychoanalytischen Schule teils ungelöst bleiben, teils Anlaß zu vollkommener Leugnung der Wirklichkeitswerte der Religion überhaupt werden, ja, zu völligem Atheismus. Wohl hat auch Samson Raphael Hirsch die verschwiegensten Bereiche des Seelenlebens in den Kreis seiner Symbolik einbezogen. Stellt er doch Mizwath Mrla an die Spitze seiner „Betrachtung eMzelner symbolischer Gesetze". Betrachten wir aber mit ihm die Grundbestimmungen dieser Mizwa, insbesondere die, daß sie bei Tag und nicht bei Nacht zu vollziehen ist (Hl 290 G). Mit akribischer Gewissenhaftigkeit wird da nachgewiesen, daß diese Bestimmung keine gesundheitliche Vorsicht, sondern von tiefer symbolischer Art ist. Die Nacht und der Tag werden nicht als Zeiten an sich, fordern in ihrer ursprünglichen Bedeutung für die menschliche Gesellschaft betrachtet. Alle sonstigen Bestimmungen des göttlichen Gesetzes, die Gerichtsbarkeit und der Tempeldienst, die ausdrücklich den Tag für ihre Vollziehung fordern, werden zum Vergleiche herangezogen. Die Absicht dieser den Tag bevorzugenden Lebt noch der Meister? Zum 27. Teweth. Von Rabbiner Ph. Fisher in Sarospatak. Es war am vergangenen 27. Teweth, da erschien zum vierzigsten Jahrzeitstage S. R. Kirschs eine ganze Anzahl verschiedener schöner Festartikel, worin in mannigfaltigster Weise die große, ja unsterbliche Bedeutung des überragenden Forschers und Lehrers, Denkers und Führers gefeiert worden war. Und all diese Ausführungen gipfelten darin, daß S. R. Hirsch noch keinesfalls der Vergangenheit angehört, daß er vielmehr auch heute.noch und in aller Zukunft hin uns manches, ja vieles zu sagen hat. Und nicht bloß in dem Lande, wo die Wiege des Meisters gestanden war und die Früchte seiner aufopferungsvollen und gottgefegneten Wirlfamkeit am meisten in die Augen fallen, erklangen solche feierfeierlichen Hochgesänge, sondern auch aus dem Blätterwalds des tiefsten Ostens ertönte mit vollen Klängen der Widerhall. Aber schon zum Pessachfeste ertönte in der eheinaligen Kaiserstadt an der Donau gleichsam wie ein Protest gegen diese Anerkennung des Meisters. Ja, es wurde dem Geiste desselben geradezu der Weg alles Fleisches gewiesen. Und auch in dem inzwischen verflossenen Zeiträume, wurden einige schrille Mitztöne hörbar, die wir nicht alle einzeln auszählen wollen. Daher darf es den Eingeweihten nicht wundernehmen, so ich, der unbedeutende Epigone, nach den feierlichst verklungenen Festakkorden zum vorjährigen vierzigsten Sterbetage, nunmehr schon zum einundvier - zigsten Jahrzeitstage, mit etwas bangem Gemüts gleichsam die zagende Frage aus der Mitte der großen Hi.fch-Eemeinde vernehme: m ->3« -ran? Lebt n o ch der Meister?! Hierauf meine Antwort in aller Oesfentlichkeit ... Ein tiefsinniger Ausspruch im Talmud*) lautet: Unser Vater Jakob ist nicht gestorben. „Wie seine Nachkommen am Leben sind, so ist auch er noch am Leben!"d-»m isrrna D”na sin rpr Und die geistige Saat, die der Meister während seiner halbjahrhundertlangen, selten reichen literarischen Tätigkeit, so segensvoll ausgestreut hat, kann auch, mit dem ü b e l st e n Willen und mit den s k e p 1 i s ch st e n Brillengläsern gesehen, noch immer nicht, oder vielleicht heute erst recht nicht in eine finstere Bibliothekskammer zu anderen verstaubten Folianten gewiesen werden. Nicht ich stellte dieses fest, dem man vielleicht Einseitigkeit, Mangel an kritischem Blick vorwerfen könnte. Sondern ich will viel mehr die Worte eines Mannes zitieren, dem man vielleicht eben das Gegenteil: einen allzuscharfen kritischen Maßstab zuschreiben könnte. Ich meine die Worte Dr. I. Wohlgemuts in einem der letzten Hefte des Jefchurun (1929, S. 336) „W enn er (Hirsch) doch bahnbrechend gewirkt, wenn er noch jetzt in seinen Schriften lebt und immer wieder von neuem Seelen schafft für das thoratreue Judentum, so ist es die geradezu prophetichse Glaubensüberzeugung, die ihn beherrscht, de-' ren Glut sich keiner entziehen kann, der ergriffen sein will von dem Geist des überlieferten Judentums, möge er der Form, indie S. R. Hirsch seine Ideen gekleidet und den Einzelheiten-in seinen 'T *n rpiyn Ausführungen noch so kritisch qeqenüberst e h e n." Fürwahr, der Meister lebt noch! Ja, denken wir uns einmal weg die führende Gestalt des Meisters von den Blättern der Geschichte des neuzeitlichen Judentums, dann gäbe es keine gesetzestreue Juden heit im Westen! Dann gäbe es in den großen westlichen Zentren bloß große Massen von religiös Indifferenten und einige aus den östlichen Ghettis dahin versprengte fromme deren in Westen Heranwachsende neue Generation ebenfalls rettungslos das Lager der Indifferenten vermehren würde; da doch das Ideal einer harmonischen Verbindung von min und k"t keinen Gefolgschaft sich erringenden und erzwingenden Künder gehabt hätte! Ja, denken wir uns einmal den Mann hinweg, oder richtiger nicht den Mann, sondern das große Prinzip, das nach einer herrlichen Kette großer Namen von Saadia Gaon bis Chachan Bernays, sich diesen Mann zum Fortträger und Fortpslanzer erkoren hat — und wir haben die E r i st e z m ö g I i ch k e i t des traditionellen Judentums in den kultivierten Ländern erschüttert! Und wir können abermals das herrliche Schauspiel wie vor hundert Jahren erleben, daß die modern gebildeten Kinder altjüdisch frommer Eltern, so dieselben überhaupt noch „religiöse Bedürfnisse" hegen würden, in Hellen Scharen den Orgeltempeln zuströmten, aber die Gebetstätten der frommen Eltern im weiten Bogen umkreisten! Dies will man doch gewiß nicht — daher mutz der Meister weiterleben! _ Aber dieser unserer Ueberzeugung zu Trotze halten wir es bei dieser Gelegenheit dennoch für angezeigt, auf manche seit jeher gegen S. R. Hirschs Lehre und Lebenswerk erhobene Einwände einzugehen. Wir sind uns wohl -bewußt, daß wir hierorts, schon aus ökonomischen Gründen, die anzuschneidenden Fragen nicht in