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Der Israelit · 1930-01-16 · Heft 3 (16.1.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 3 (16.1.1930)
Date
1930-01-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ST Der Jsraelit ml iVjUsiüi m Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märkyrergefchichle nach Wilnaer Akten. Von S. Schachnorvitz. (Fortsetzung). IX. In der Besdinstube des Rabbi Jonathan war große Beratung. Abraham, der junge Ger, mußte im Vorzimmer lange warten. Als er schließlich. vorgelassen wurde, mußte er Rabbi Jonathan erft aus tiefem Sinnen wecken. Dicht und stark ergraut umrahmte der Bart ein schönes, vor Erregung gerötetes Gesicht und fiel unten in voller Rundung bis auf die Brust, die Augen waren wie hilfesuchend irgendwohin gerichtet. Als er den Eintretenden endlich gewahrte, versuchte er, sich zu erheben; er mußte sich mit der Rechten an die Tischkante stützen. Er sank zurück wie vom eigenen Gewicht herabgedrückt. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er dem Eintretenden mit einem Schalom die Hand entgegenbot. Vielleicht hatte das Wort Schalom in diesem Augenblicke für den Rabbi einen anderen, bitteren Klang. Abraham ahnte 'freit Grund der Erregung und glaubte, zur Unrechten Zeit gekommen zu sein. Die letzte Schrift Rabbi Jakobs war inzwischen erschienen. In Emdens Lehrhause war vor zehn seiner Anhänger der Bann gegen Jonathan ausgesprochen worden. Man sprach nun von einem Gegen banne des Vesdin Rabbi Jonathans, von einer geplanten Ausweisung Jakob Emdens aus Hamburg-Altona. Gewiß waren die Dajanim und Vorsteher zur Beratung da, als er vorhin im Vorzimmer wartete und erregte unzusammenhängende Worte zu ihm drangen; vielleicht waren auch schon Bann und Ausweisung beschlossen. Sie gingen alle so sichtlich erregt, so nieidergeschlagen von dannen. Rabbi Jonathan ließ sich nichts merken. Schon hatte er seine vollkommene Ruhe wieder, schon saß, wie immer, das sonnige Lächeln auf den Lippen und aus dem Auge strahlten Geist und Güte. Wie es dem bielverehrten Rabbi Halberstamm in Amsterdam gehe und dem verdienten« Chacham Elias, erkundigte er sich, als der Gast seinen Wohnort nannte. Abraham erwartete die Frage/ wie diese Männer zu der Altonaer Streitsache ständen. Die Frage kam nicht. Der Rabbi schien überhaupt nichts davon sprechen zu wollen. Abraham pirschte sich leise und vorsichtig heran. „Man ist in Amsterdam sehr betrübt über die Vorgänge iw Altona," sagte er unsicher. „Eines der vielen Golusleiden, wir müssen' es tragen, bis der Heilige, gelobt sei Er, hilft und die Wahrheit an den Tag kommen läßt," sagte Rabbi Jonathan ruhig wie ein Gebet. „Wie konnte es so weit kommen?", entfuhr es Abraham. Rabbi Jonathan antwortete mit einem Bibelsatz, ohne eine Silbe anzufügen: „Er führt die Weisen hinter die Erkenntnis und ihre Einsicht trübt er ..." „Ein Weiser?!" „Der Weisesten einer in Israel. Aber, geplagt von Jugend auf, hat er den Frieden nicht in sich und gönnt und gibt ihn auch anderen nicht." War das alles? Mehr war aus Rabbi Jonathan über feinen Gegner nicht heraus zu bringen. „Die in Amsterdam meinen, wenn nur einmal die beiden großen Lehrer zusammenkämen, von Mann zu Mann sich aussprechen könnten. Wie es Hillel und Schamai, Raw und Schemuel, Rawa und Abaje taten ..." Rabbi Jonathan seufzte tief: „Der Satan tanzt zwischen uns". „Den wollen wir verdrängen". „Wir ließen nichts unversucht. Allerwegs stawd Satan wieder und vereitelte unser Tun. Vielleicht einmal später, wenn der böse Geist, der Rabbi Jakob — er betonte das R a b b i — beherrscht, gewichen, daß seine Augen wieder sehen, sein Herz begreift und ihm wieder Heilung geworden. Gott, mein Zeuge, i ch wollte ihm auch jetzt den Weg nicht abschneiden. Aber meine Freunde im Rate überstimmten mich, sie sagen, es gehe nicht um mich und um sie, es gehe um die Ehre der heiligen Thora ..." Run wußte Abraham, daß das Schlimmste beschlossen war und geschehen wird. Er wollte gehen, aber Rabbi Jonathan hielt ihn zurück. Wohin seine Wege jetzt führten, wollte er wissen. Ob er ihm im« etwas helfen könne? Er habe von ihm und seiner Geschichte gehört. Ein Ger Z e d e k. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, die die Trübnis der Zeit Lichtstrahlen bringen. Wie das alles kam, möchte er erzählen. Abraham erzählte, wobei ihm einfiet, daß Rabbi Jakob, ganz von der eigenen Sache beherrscht, sein, Abrahams, Profelytenschickfal gar nicht zur Kenntnis nahm. Abraham erzählte, er überging den „Grafen", Hub an mit dem Vorfall an der Kathedrale in Wilna, den Folgen, erzählte vom Zusammentreffen mit Menachem Leib in Paris, dem er alles dankte, und dem Schlußakte in Amsterdam. Als er den Namen Rabbi Elie in Wilna nannte, erhob sich Rabbi Jonathan in voller Höhe, mit der Hand an den, Tisch gelehnt. „Mich zieht es wieder dorthin, in seine Nähe," schloß Abggham. „Es ist mir, als fei mein Bekenntnis zum Gotte Israels nicht vollkommen, so lange ich es nicht da bekunde und verkünde, wo ich einst, weit hinter Licht, fremden Kulten gedient habe; da, wo mich Gott zu seinem Dienste gerufen hatte ..." „Und die Gefahren? Habt Ihr es wohl bedacht?" „Wer wird im Juden Abraham den Priester Valentin von damals noch suchen?" „Gott segne Euer Kommen und Gehen, daß Ihr überall hin den Frieden verpflanzet, den Israel heute, ach, so nötig braucht," gab ihm Rabbi Jonathan den Segen zum Abschied. Am anderen Tage war schon stadtbekannt, daß der Bann über Rabbi Jakob ausgesprochen war. Auch war seine Austreibung aus der Stadt beim Magistrat bewirkt. Wer noch ferner das Haus oder die Gebetsversammlungen Emdens betrat, war ebenfalls dem Banne verfallen. Aufgeregte Gruppen besprachen auf der Straße laut die Vorgänge, nahmen für und wider das Rabbinat Stellung. In einzelnen Bethäusern kam es zu Streitigkeiten und Tätlichkeiten. Hamburg und Altona standen in Flammen. Abraham sah den ersten Schritt zu seiner Mission gescheitert. Gern wäre er noch einmal zu Rabbi Jakob hingegangen, aber der Bann war da und sperrte den Weg zum Lehrhause Emdens. Wehen Herzens schiffte er sich in Hamburg nach Marseille ein, um von dort nach Paris zu gelangen. Ein unstillbarer Drang trieb ihn zur Stadt, wo er zuerst das volle Licht der Wahrheit erblickt hatte, zurück. X/ In Paris lebte Menachem Leib hinter der Schankbank ein Leben der höheren Erwartung. Es war ihm zu Ohren gekommen, der Gaon von Wilna sei auf Reisen, habe für -ein Jahr „Golus" auf sich genommen, wandere ungekannt in verschlissenem Gewände als Wanderarmer oder Sendbote durch die Lande, nächtige in den, Lehrhäusern, sich von trockenem Brote und Wasser ernährend, und verschwinde, sobald er Grund hat, zu befürchten, daß er erkannt werde. In vielen Städten, so in Berlin, hätte man erst nach seinem Verlassen der Stadt erfahren, welchen Gast man beherbergte. Andere erzählten, er hätte dort eine mathematische Aufgabe mit einem Federstriche gelöst, an der alle Professoren vergebens ihren Scharfsinn erprobten. Als ihm darauf die Universität durch eine Deputation Orden und Ehrendiplom überreichen wollte, war fein Zimmer leer, und keiner wußte, wohin er gegangen war. Moses D e s s a u e r und seine Freunde, wußten andere zu berichten, wollten sich an ihn herandrängen, er wies sie ab und wanderte, ohne sie anzuschauen, weiter, mit Bündel auf der Schulter und Stecken in der Hand, gen W e st e n. Menachem Leib zitterte vor innerer Unruhe und Erregung und — Hoffnung. Paris lag westlich von Berlin. Der Weg war, wenn er an seine eigene Wanderung dachte, weit, endlos weit. Aber konnte nicht dem Gaon, der Engel zu Wegebegleitern hatte und den Besuch des Propheten Etiahu erhielt, konnte er nicht, — wie Vater Jakob auf dem Wege nach Haran, — das Wunder des „Erdespringens" erleben? Wenn er so eines Tages mir nichts, dir nichts .in sein Haus träte, mit Stecken und Zwerchsack! Er würde ihn sofort erkennen, ob er ihn auch nie von Angesicht gesehen hatte. Würde sich aber nichts merken lassen. Würde ihm nur wie jedem anderen jüdischen Wandergaste die Hand entgegenstrecken. „Woher ein Jud?" „So aus aller Welt, gehe in alle Welt, meine Brüder zu suchen". Er aber, Menachem Leib, wußte Bescheid, zwinkerte nur seiner Beile, seinen Kindern zu. „Weib, Kinder, es ist erreicht. Die Schechina in« unserem Hause, feiert ein Fest, singet, jubelt, aber innerlich nur! Laßt Euch nichts anmerken, um Gottes Millen nichts anmerken. Wie ging es mit Monoach? Sieht den Engel und schon ist dieser mit der Wolke zum Himmel aufgestiegen . . ." Dann würde er den« Gast an der Hand nehmen, ihn rasch an den Tischen und Stühlen der Trinkenden und Spielenden vorbei führen, 'ins andere Gemach hinein. Speis und Trank sind zur Stelle, auch eine G e m o r o , mit Bemerkungen, die er im Namen von« Rabbi Elie gehört, am Rande. Nur nicht merken lassen; daß es nicht so geht, wie in Berlin. ' In Berlin, so hatte man in Menachem Leibs Gastwirtschaft erzählt, war es ein Freund und Schüler des Desiauers, Solomon Mai man, der ihn erkannt, ihm die Professoren und den Dessaner auf den Hals lud-. Salomon Maimon hatte den Gaon in gutem Gedächtnis, von Wilna her. O, hatte er ihn in Erinnerung! Kindeskindern werde dieser Maimon verbieten, noch einmal nach Wilna zu gehen. Was hat auch ein Kurzrock ohne Bart und Peoth in Wilna beim Gaon zu suchen? „Ans Licht heftet sich immer Schatten," berichtete ein Wilnaer. „Maimon kam nach Wilma und sagte, er sei Oberrabbiner von Padua in Italien, er müsse dort in öffentlicher Disputation mit dem Bischof viele Fragen der Religion, ich glaube siebenzig, beantworten und sei geradewegs gekommen, um die Ansicht des Gaon über die einzelnen Punkte zu hören. In Wahrheit aber war es nicht der Bischof in Padua, sondern die um den Dessauer in Berlin, die auf die Ansichten des Gaon warteten, um daraus Gewinn für ihre Sache zu ziehen«. (Fortsetzung folgt.)

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