Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1930)
- Date
- 1930-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1V. Januar 1930 Der I s r a e l i t Schweiz. Fünsiagmvoche in den Vereinigten StaateiL . ' Zürich, 9. Jan. . . Mindestens 270 Industriebetriebe der 7- Vereinigten Maaten mit. ungefähr 213 000 Angestellten arbeiten nach einem Fü'nftagewochenplan. Die amtliche Stall st ik -umfaßt die F 0 r d - Wgrke, .nicht aber die Bauarbeiter, so daß, wenn man auch, diese, einbezieht, die Zahl der nach dom Fünftagewochenplan Arbeitenden auf 400 000 -geschätzt werden kann." Nur etwg. 2,6 Prozent der Industriearbeiter der. Bereinigten - Staaten arbeiten nach, dem neuen System, davon allerdings vier Fünftel in den Ford-Werken. Alle möglichen Betriebe haben schon die Fünftagewoche eingesührt, aber ihre Mehrzahl gehört doch den sogenannten nichtkontinuierlichen, das heißt nicht mit einem ununterbrochenen Arbeitsprozeß arbeitenden Industrien an. Die Fünftagewoche kann ohne weiteres überall eingesührt werden/ wo der Arbeitsprozeß kein fixes Zeitelement enthält. Aber bei Industrien, die auf einem kontinuierlichen Arbeitsprozeß beruhen, muß - man bei Einführung der Fünftagewoche wählen zwischen dem Ausfall der Produktion von einem oder zwei Tagen in dev Woche und der Notwendigkeit der Einstellung einer Ablösungs- ' schicht. lieber die Wirkung der Fünftagewoche auf die Produktion läßt sich nach den Berichten der Betriebe, die ihn eingeführt haben, noch nichts Endgültiges sägen. 6,4 Prozent von ihnen stellten fest, daß die Produktion/ durch die.Einführung-der Fünftagewoche „wesentlich geringer" geworden sei; 25,4 Prozent sprechen von einer „verhältnismäßig geringeren" Produktion, 49 Prozent von einer unveränderten und 19,2 Prozent von einer gesteigerten Produktion. Dabei konnte aber der Einfluß anderer Faktoren nicht ausgeschlossen werden. Der Klagemauer-Konflikl vor dem Völkerbundrak. Genf, 14. Jan. ' Bekanntlich hatte die britische Regierung bei der letzten Tagung; der Mandatskommission den Vorschlag gemacht, zur teilweisen Ausführung von Artikel 14 des Mandates, einstweilen eme Sonderkommission für dre St I a g e m a ue r einzusetzen, um die bestehenden Konflikte aus der Welt zu "schaffen. Die Mandatskommission hatte gegen diese Form des Vorgehens juristische Bedenken geltend gemacht, weil der Artikel 14 nur eine einheitliche Kommission für alle heiligen Stättten kenne. Sie hat die endgültige Entscheidung'dem Völkerbundsrat anheim gestellt. Diesem lag nun heute ein abgeänderter englischer Vorschlag vor, d er, 0 h n e Beziehung zu Artikel 14. die Einsetzung einer d re i g l i e d r i gen Sonderkommission vorschlägt)- die nach Prüfung des Materials und Anhörung der Beteiligten die Rechte der Araber und der Juden an die Klagemauer und die daran anstoßenden Flächen endgültig festsetzen soll. Der Vorschlag wurde angen0mmen. Der Kommission soll ein hervorragender Jurist angehören und alle drei Mitglieder sollen nichtbritischer Nationalität sein. Tagung des Verbandes der israelitischen Religionslehrer und Kantoren in der Schweiz. . - Basel, 10. Jan. Zweimal im Jahre versammeln sich die Rabbiner, Religionslehrer und. Kankoren der Schweiz, um zu beraten, wie der Unterricht in der Religionsschule befruchtet, wie der Gottesdienst - in der Synagoge schöner und würdiger gestaltet und wie religiöses Leben und religiöses Wissen in. die Herzen der ihnen anoertrauten Jugend am besten eingeimpft werden kann. Die' Mitglieder des Verbandes find sich bewußt, welch schwere und" verantwortungsvolle,' Aufgabe ihnen obliegt. Sie wissen, daß die Jugend, die Zukunft des schweizerischen Judentums, ihnen anvertraut ist,. und sie scheuen weder materielle Opfer noch Müht und Plage, wenn es sich um das Wohl der Eesamtjudenheit handelt. Aus allen Gauen der Schweiz kamen die „Schomrei Mischmereth Hakodesch", die Hüter und Wächter des heiligen Dienstes, herbeigeeilt nach Zürich, -, wo ihre diesjährige Hauptversammlung am 25. Dezember , im..„Blauen..Saal der Kausläuten" .stattgefunden hat. Dank der geschickten und flotten Leitung des Verbandspräsidenten, Herrn M. Rosenthal, St. Gallen, ° konnten die geschäftlichen Traktanden in kurzer Zeit bewältigt werden. Nach Verlesung des Protokolls durch Lehrer I. Kurzweil, wurden der Tätigkeitsbericht' des Präsidenten, Kassa-und Revisorenbericht ohne. Widerspruch genehmigt. Die Aufnahme drei neuer Mitglieder, der Herren M. Ruda und.I. Katzenstein, Zürich, und Ph ^.Singer, Liestal,, erfolgte einstimmig. Es folgt das Referat von Lehrer M. Amtmann. über die „Gründung eines Pensionsfonds". -In seinem logisch ausgebauten und klar durchdachten Referate zeigt Herr Antmann die großen - Schwierigkeiten, die sich der Gründung eines Pensionfonds entgegenstellen und gibt Mittel und Wege an, die der Verband zu ergreifen hat,. um zum Ziele zu gelangen. Es setzt eine rege Diskussion ein, in der mit Genugtuung hervorgehoben wird, mit welch rührigem' Eifer die Kollegen, die die Vergünstigung der ^Pensionsberechtigung bereits haben, für die Interessen der Kollegeeii eintreten, die sie noch nicht besitzen. In der anschließenden öffentlichen Versammlung begrüßt der Präsident di e erschienenen Gäste und offiziellen Delegierten, u. a. die Herren Dr. Martin Bloch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde und Vertreter des Schweizer Jsr. Gemeindebundes, Rabbiner Kornsein und M. Spiro, Vertreter des Vorstandes und der Schulpflege der Jsr. Religionsgesellschaft Zürich und Lehrer Dr. Eoldmann, Köln, der die 'Grüße der deutschen Kollegen überbringt. Es folgt der Vortrag von Rabbiner Dr. Schlesinger, St. Gallen, über „Die jüdische Predigt in ihrer geschichtlichen Entwicklung". In packender Weise und gewählten Ausdrücken schildert der Referent die Entstehung und Werdegang der jüdischen Predigt von Moses und den Propheten bis in die neueste >Zeit. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den inhalt- und gedankenreichen Ausführungen des Redners und zollte ihm reichen Beifall. Hierauf ergriff Herr Dr. Martin Bloch das Wort, um im Namen der Jsr. Kultusgemeinde Zürich und. des Schweizerischen Gemeindebundes die Lehrertagung zu begrüßen. Er'versichert, daß der Gemeindebund mit großem Interesse die Verhandlungen der Lehrerkonserenz verfolgt, und bereit ist, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, die Bestrebungen des Lehrer- und Kantoren-Verbandes zu fördern. Er weist darauf hin, daß die Synagogen und Schulen nur tote Steinmassen sind, und die Rabbiner, Lehrer und Kantoren es sind, die Leben in sie hineintragen, die die Seelen der Synagogen und Schulen bilden. Bereits im Jahre 1902 habe er in der Presse darauf hingewiesen, daß die elementarste soziale Pflicht der jüdischen Gemeinden es sei, für die Ruhegehälter ihrer 'Beamten zu sorgen. Auch Herr Spiro, Vertreter des Vorstandes der Jsr. Religionsgesellschaft, äußert freundliche Worte der Anerkennung und der Sympathie für die Bestrebungen und Ziele des Verbandes. Das gemeinsame Mittagsmahl, gewürzt mit einer geist- und humorvollen Ansprache des Kollegen Neub e r g e r - Lengnau, wurde in der Pension „I v r i a" eingenommen. Präzise 2,30 Uhr begann die Nachmittagssitzung. Der Andrang der Gäste war so groß, daß der „Blaue- Saal" als viel zu klein sich erwies. Kollegc! Rüd a, Lehrer der Jsr. Religionsgesellschaft Zürich, hielt ein formvollendetes, schönes und gedankenreiches/ Referatüher „Apologetik im Religionsunterricht". In vollkommen freier Rede zeigt er die Gefahren, die dem Kinde durch die nichtjüdische Schule, durch Umgang mit nichtjüdischen Kameraden drohen. Der jüdische Lehrer kommt sehr oft in die Lage, Apologetik gegen das Christentum zu treiben. Ein bedeutend schwierigeres Kapitel jedoch bilde, die Apologetik gegen die wissenschaftlichen Hypothesen. Die beste Apologetik sei noch immer dem Kinde eine gute und gründliche jüdische Bildung zu geben. In der darausfolgenden Debatte beteiligten sich u. a. die Herren Rabbiner Dr. Litttmann/ Zürich, Prediger Messinger, Bern, Lehrer Antmann und Blumenberg, Zürich. Mit dem gemeinsamen Minchagebet /and die schön und harmonisch verlaufene Konferenz ihren, Abschluß. , Palästina. Schutzmaßnahmen und Schadenersatz. > Jerusalem, 6. Jan. Der Kommandant der palästinensischen Polizeimacht, Major Saunders, hat sich nach London begeben, um die Rekrutierung weiterer 200 britischer Polizisten zu überwachen, durch die evtl, die gegenwärtige Stärke der britischen Polizei .in Palästina von 500 Mann auf 750 erhöht werden soll.; . Einer Meldung der Tel Awiwer Tageszeitung „Haarez" zufolge soll mit der Auszahlung der Entschädigungssummen für die während der Unruhen zu Schaden Gekommenen im Februar begonnen werden. Die meisten Gesuche um Entschädigung' sind bereits nachgeprüft worden. Nr. 3 Seite 7 Das Mitglied der zionistischen Palästina-Exekutive, Colonel K i s ch, informierte eine Deputation von Kaufleuten in Safed, daß aus den Mitteln des Palästinä-- Hilfsfonds 6000 Pfund für Anleihen an geschädigte Kaufleute bestimmt worden sind. Colonel Kisch und Dr. Herter waren während ihrer Anwesenheit in Hased von den Herren Hoofien, Mohl und Paaßman begleitet. Der Besuch galt dem Studium des gesamten Wiederausbaupproblems von Safed. Es sind Anstrengungen gemacht worden, für den Wiederaufbau die Teilnahme der Regierung zu gewinnen. Vorbeugungsmaßnahmen der palästinensischen Polizei im Safeddistrikt. . ' Jerusalem, 7. Jan. In der Umgebung von S a f e d ist als Folge des Banditenüberfalls auf die Polizeistation in Faradiah in der vorigen Woche jetzt eine Reihe neuer Polizei-« stationen fast ausschließlich durch britische Truppen besetzt, denen ein berittenes Detachement der transjordanischen Schutzmacht zur Seite steht. In der bei Safed gelegenen jüdischen Kolonie Meron, die durch das dort befindliche Grab des Rabbi Simeon Ben Jochai und durch die großen Prozessionsfeste am Lag B'Omer bekannt ist, sind mehrere Räume der Jeschiwa in Untorkunftsräume für die ’ dort stationierte Polizeiabteilung umgewandelt worden. Als weitere Sicherheitsmaßnahme wurden iy vielen Dörfern öffentliche Telefonanlagen eingerichtet. In Ejn Charod, der großen Keren Hajessod- Siedlung im Emek, ist Ende voriger Woche eine Tag und Nacht funktionierende Telefon-Zentralstation vollendet worden. Die Zionistische Palästina-Eexkutioe mußte für die Einrichtung der Telefonanlagen im östlichen Emek einen erheblichen Geldbeitrag leisten. Die neuen Maßnahmen haben auch schon zum ersten Erfolg geführt. Bei Meron wurden zwei Bandenführer, beide aus Safed stammend, ergriffen, von denen der eine als Teilnehmer des Ueberfalls auf Faradiah erkannt wurde. Als sich die Banditen entdeckt wußten, versuchten sie zu entkommen, indem sie von dem Dach einer Mühle herabsprangen, wurden aber von den Truppen, die das Tal umstellt hatten, eingefangen. Es wurden zwei Gewehre mit Munition und vier Bajonette gefunden, derer sie sich vor ihrer Verhaftung entledigt hatten. Personalien. Köln, 10. Jan. Am 15 .Januar d. I. begeht unser allverehrter Herr Rabbiner A. G i b e r m a n n, eine der markantesten Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Halacha in Deutschland, sein 25jähriges Amtsjubiläum als DajaN der Kölner Synagogengemeinde Adaß Jeschürun. Herr Rabbiner Gibermann wurde im Jahre 1877 in Baust, einem litauischen Städtchen, in welchem zu jener Zeit viele Gedaule hathauro gelebt haben, geboren und genoß dort seine erste jüdische Erziehung. Als ein kaum Zwanzigjähriger bekam er Hathoras haurooh von den berühmtesten litauischen Gäonim. Im Jahre 1902 Heiratete er die Tochter des Dorbianer Raws, Josef Alexander der eine berühmte Persönlichkeit unter den Rabbonim seiner Zeit war. Zu jener Zeit besaß unser Jubilar ein so großes Maß an jüdischem Wissen, daß er seinen Schwiegervater sehr oft in den schwierigsten Schaalaus und Dinei Thauro vertreten konnte. Rabbi Gawriel Feinberg ^7 in Memel berief ihn dann als mia ntniii nach Memel. Nach dem Tode des R. Feinberg b"*! bekleidete Herr Rabb. Eihermann allein die Stelle des verblichenen Gaon zur Zufriedenheit aller Baalebatinr und Eedaulei Hathauro, die dort waren. Rabbiner Dr. Emanuel C a r l e b a ch, der Heimgegangene Raw der Gemeinde Adaß Jefchurün, der zu jener Zelt Rabbiner in Memel war, veranlaßte ihn, als Dajan der Kölner Adaß Jefchurun mit ihm nach Köln, zu ziehen, als er im Jahre 1905 das Kölner Rabbonus annahm. Herr Rabb. Eibermann folgte dem Rufe der Gemeinde und hat in gemein amer Arbeit mit Herrn Rabb. Dr. Carlebach Außerordentliches für die Entwicklung der Adaß Jefchurun geleistet. Nichts wurde in der Kehillo getanf ohne vorerst einen Rat gehört zu haben, für Verbreitung der Thauro innerhalb der Gemeinde hat er sich mit aller Kraft und größter Energie eingesetzt. Der größte Teil der hiesigen Baalebatim, der größte Teil der herangewächsenen Eeneration gehört zu seinen Talmidim. Aber nicht nur in Thauro, sondern auch in Midaus ist Herr Rabb. Gibermann grötz^ Besonders. in ni» kommt ihm so leicht keiner gleich. Viele niaivni nil'NVi nnm nrn-m hat^r ausgearbeitet, . nie ließ er etwas veröffentlichen, und als Manches veröffentlicht werden mußte, ließ er es unter remdem Namen erscheinen. "Durch seine Bescheidenheit kam er öffentlich nicht sehr zur Geltung, aber Eingeweihte und Laumdim wußten und wissen, was sein Name für Köln bedeutet. - --