Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1930)
- Date
- 1930-01-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Januar 1930 De r Jsr a e l i t Nr. 3 Seite 5 gensatz zu seinem Vorredner vün ,einem subjektiven relixgiösen . Erlebnis ausging, bejahte vom liberalen Stano -Punkt aus ebenfalls den Wert der jüdischen Schule und ging aus die Notwendigkeit einer Reform des Religions Unterrichts ein. Die Diskussion, stellte in gewisser Beziehung dann einen Zusammenhang mit den 'früheren Themenkreisen insofern her, als auf die Frage, der Erfassung weiterer Kreise von jungen jüdischen Menschen auch von dieser kulturellen Seite her eingegangen wurde, und die noch' unerfüllten Aufgaben der Arbeit der Ju gendbünde in dieser Richtung nochmals besprochen wurden Die' Tagung wurde mit dankbarem Hinweis ^auf die Unterstützung durch den Herrn Reichsminister des Innern -eröffnet. Die Vertreter der Orts- und LaNdesausschüssä des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände gaben kurze Berichte über den Stand der Arbeit in ihren Orten, Im Verlauf der Tagung wurden in einer Sonderarbeits gemeinschaft die Aufgaben der jüdischen Jugendbünde soweit sie geeignet sind, proletarische .Menschen jüdisch be wutzt zu machen, diskutiert. - Bund gefetzeslreuer israelitischer Gemeinden. Würzburg, 9, Jan. Am 22. Dezember hielt der Bund gesetzestreuer Js raelitischer Gemeinden Bayerns im Sitzüngssaale . dev Israelitischen /Kultusgemeinde hier feine diesjährige Ge neralversammlung ab. Der, wie immer,, interessante Rechen schaftsbericht des 1. Vorsitzenden,- Bezirksrabbiner S t ein Schweinfurt, gab ein Bild von der -mannigfachen Be tätigung des Bundes im .abgelaufenen Jahre. Es ist wieder gelungen Zeinen geeigneten Sofer zu gewinnen der die bayerischen Landgemeinden besucht; einer Reihe von Meingemeinden wurden Subventionen zur Reparatur von Mikwoaus gewährt. Durch Eingaben bei den Ministerien wurde. erreicht, daß sowohl beim jur. Stäatskonkurs als auch neuerdings bei den LehramtprüfungeN 'der Schabbos freigehalten wird. Gemeinsam mit -dem Verband bayerischer Israelitischer Gemeinden wurden wegen der Hetze anläßlich des Manauer Knabenmordes Schritte unternommen, die zu einem befriedigenden Ergebnis führten. Redner berichtet sodann ausführlich über den gegenwärtigen Stand der Schechitaangelegenheit. Nachdem er noch Kenntnis gegeben hatte von einer- Anfrage des Reichsministeriums des Innern über die Beziehungen des Bundes zum Halberstadter Verband und die vom Bund erteilte Antwort verlesen hatte, wandte er sich der Behandlung jener Frage zu, die den Bund seit feiner Gründung vielleicht am meisten beschäftigt hat und, wenn auch manch einzelne Fortschritte zu verzeichnen sind, noch immer einer befriedigenden Lösung harrt: die Fürsorge für lehrerlose Kleingemeinden. Der. Verband bayr. Jsr. Gemeinden plant nunmehr Maßnahmen in^ dieser Sache zu treffen und es ist zutreffen und es-ist zu hoffen, baß feine Bemühungen bald zu positiven Ergebnissen führen werden. Die lebhafte Diskussion, an welcher sich die Herren: Bezirksrabbiner Dr. W e i n b erg- Neamarkt, W e i ch f e l b a u m - Dettelbach, Seminardirektor. S t o l l- Würzbürg,. Friedrich Pfe' uffer - Würzburg, Hauptlehrer Kiffin ger -Urspringen, Sa a.l h eil et* Würzburg, Pfeufser - Giebelstadt, Bezirksrahbiner Dr. H ä - n o v e r - Würzburg, Bezirksrabbiner Dr. Wohlgegen» u t h-Kitzin gen, Hirn heim er - Höchberg, beteiligten, beschäftigte sich in der Haupttsache, mit der Lag^ ber Kleingemeinden und den Wegen, die möglich sind, um ihrer Not zu steuern. Es wurde beschlossen, in dieser Angelegenheit eine. Anfrage an den Verband bayr. Jsr. Gemeinden zu richten. Wenn über die von ihm geplanten ten Maßnahmen Klarheit besteht, dann kann der Bund 'auch seinerseits darübev schlüssig werden, welche weiteren Schritte er unternehmen will. Um einem vorliegenden Bedürfnis abzuhelfen, wurde beschlossen, daß der Bund eine Zentralstelle eiNrichtet für Vermittlung von. Aushilfskräften für die Gemeinden während des Urlaubs ihrer Beamten. — Der Vorsitzende bat ferner, die Anwesenden, insbesondere die Herren Rabbiner, ihre Kräfte der Werbung für den Weltverband der Sabbatfreünde zur Verfügung zu stellen. Am Nachmittag des gleichen Tages, versammelte der „Bundestag" eine stattliche Schar im Saale des Bahnhof- Hotels. Mit herzlichen Worten begrüßte der Vorsitzende die Erschienenen und würdigte insbesondere die Bedeutung Würzburgs für das . bayerische Judentum im allgemeinen und für den Bund im besonderen. Nach einer gleichermaßen herzlichen Begrüßung des Vertreters der Jsr. Kultusgemeinde Würzburg, Herrn Hermann Enge I, folgten die beiden Referate. Berlin. Dom Z.-D. .geht eine Aufforderung, an Eltern, Lehrer und Schulbehörden, der H a k e n k r e u z p r o p a g a n d a entgegenzuarbeiten. — Das Reichsgericht fällte ein - Urteil, wonach die wegen ihrer jüdischen Zugehörigkeit. aus dem A l p e n v e r e i n ausge- .. fchlossene Mitglieder wieder in ihre Rechte und Ehren einzusetzen find. Darmstadt. Der Kaufmann Richard K ahn, der in Darmstadt von einem Nationalsozialisten im Laufe einer Auseinandersetzung mit der Schußwaffe angegriffen wurde, ist nun. seinen Verletzungen erlegen. Saarbrücken. In einer Festversammlung des Ost jüdischen Vereins drangen Nation also zia listen ein und überfielen die Festteilnehmer, sodaß das Ueberfallkommando alarmiert werden mußte. Mehrere Personen wurden schwer verletzt. Leip- , zig. Das Reichsgerich t hat am Dienstag das Urteil des Kölner Schöffengerichts gegen den preußischen Landtagsabgeorneten, Dr. Robert L e y, der wegen Vergehens gegen die Religion und Aufreizung zum Klassenhaß zu Mk, 1009 Geldstrafe verurteilt wurde, bestätigt. London. Wie dre ITA erfährt, befaßt sich Lord Balfour gegenwärtig intensiv mit der Niederschrift seiner Autobiographie, die er in kurzer Zeit zu beenden hofft. Der Gesundheilszustand des greisen Staatsmannes und Philosophen hat sich in der letzten Zeit stark gebessert. Saloniki. Die griechische Regierung hat die Enteignung eines Teils des jüdischen Friedhofs in Saloniki zur Errichtung von Wohnstätten für eine Gruppe griechischer Flüchtlinge aus Adrianopel angeordnet. Der Friedhof von Saloniki hat für die orientalische 'Judenschaft eine ähnliche Bedeutung wie der Prager Judenfriedhof für die westliche Judenheit. Drei jüdische Senatoren und Abgeordnete, die die Affäre im Parlament zur Rede bringen wollen, haben die Zurücknahme der Enteignungsorder bis zum Zusammentritt des Parlaments am 14. Januar gefordert. Wien. In den H e/ mwehren 'macht sich eine Strömung "gegen oen Antisemit rsmus bemerkbar. Mehrere Hakenkreuzl e r mußten aus ihren Ehrenstellen ausscheiden. — Die Wiener jüdische Wochenschrift „Die Wahrheit", die im. Einvernehmen mit der „Union" die Abwehr des Antisemitismus verfolgt und außerdem die Interessen der KultusbeamtKN vertritt, erscheint seit dem 1. Januar in vergrößertem Umfang. 'Paris. Don den Auswanderungsgesellschaften werden berufslose Emigranten dringend vor der Ausreise nach Brasilien gewarnt. Kowno. Nach einem Bericht der. ITA. werden fast allabendlich die Jünger der S l a b o d k a e r I e s ch i w a von antisemitischen Burschen belästigt und auf dem Heimwege mit Steinen' beworfen.^ Interventionen bei den Behörden blieben bis jetzt erfolglos. Jerusalem. Auf der Vereinigungskonferenz der palästinensischen Arbeiter in Tel Awiw ' wurde ei te Begrüßung Geo/ge Landsborys verlesen, in der es u. a. heißt: „Ich erwarte dÄf°Tag, wo Juden und Araber in Palästina in friedlicher Zusammenarbeit eine neue, große Kultur schaffen." — Das oberste Gericht wird demnächst darüber zu'befinden haben, ob weibliche Rechtsanwälte vor Gericht zugelassen werden., Frau G^inzberg, Schwiegertochter von Achad Haam, kämpft um dieses Recht der Frauen . Sie hat ihr Studium als Rechtsanwältin beendet, doch wird ihr auf Grund eines angeblichen Gesetzes der Zutritt zum Gericht verweigert. Nswyork. Es hat sich hier ein amerikanisches Komitee gebildet zur Untersuchung der jüdischen Lage in R u ß l a n d. Vorsihendes des Komitees ist Carl Sherman n. Als Mitglieder gehören ihm u. a. an: Stephan S. Wrse, D. Perlm a n n und Gedalja B u b l i ck. Tel Awiw Der S chäch terstreik in Tel Awiw dauert mi und führt zu Zwischenfällen. Sieben Personen wurden verhaftet. Der Streik kommt bekanntlich daher, weil 'die jüdischen Metzger sich weigern, .das Vieh im arabischen Schlachthof zu Jaffa schlachten zu lassen, in Tel Awiw aber keine genügenden Einrichtungen dafür vorhanden sind. Moskau. Die strengen Fröste haben in Beßarabien gewaltige Schäden im Weinbau der jüdischen Bauern angerichtet. Die JEA in Paris plant Hilfsmaßnahmen. Prag. Herr - R a ts h e sky wurde zum amerikanischen Gesandten für die T s ch e ch yf l o v a k e i ernannt. Sein Vorgänger, Dvis E i n st ein, ebenfalls Jude, scheidet aus dem diplomatischen Dienste'aus. Ratshensky ist eine im öffentlichen jüdischen Leben.Amerikas bekannte Persönlichkeit. EINE VORZÜGLICHE CIGARRE G-M-HOLZ F R A N K P 11 B T —A * 81 <5 E G 8:18 *9 Bezirksrabb. Dr. Hanover- Würzburg schildert in seinem Vortrage „Das tradition e l le Judent u m i m R a h m e n f e i n e r Umg e b u n g" die schwere Situation der Gegenwart, die sich für den traditionellen Juden aus der Problemhaftigkeit des jüdischen Menschen durch sein Leben in anders gearteter Umgebung ergibt. Dem Gefühle der Depression in unserer Mitte ist zweierlei entgegenzustellen: einmal das grandiose Bild der jüdischen Geschichte, das erweist, daß es infolgeschwerer äußerer Verfolgungen und ernster geistiger Kämpfe eigentlich nie leicht gewesen ist ein guter Jude zu sein; dann aber das Bild der Gedankenwelt des Judentums, für die die heutige Zeit empfänglicher ist als die Zeit unserer Väter, nachdem der philosophische Materialismus überwunden ist. Um die werbende Kraft des Judentums in seiner Gesamtheitt zu erhöhen, ist notwendig, die sittliche Kraft des Einzelnen zu heben;der traditionelle Jude müßte sittlich ein Elite- Mensch sein. Zur Verwurzelung,des traditionellen Judentums in seinen Kreisen bedarf es tiefen Eindringens in das jüdische Wissen, aber neben dem talmudischen Wissen, dem eigentlichen „Lernen" sollte die Kenntnis des Tnach mehr als in der Gegenwart in den Vordergrund gestellt werden mit Rücksicht auf seine Wirkung auf religiöse Gemütsbildung und es sollten auch die Religionsphilosophen nicht vergessen werden, weniger wegen ihrer Ergebnisse, als weil sie der Gegenwart beweisen, daß drei denkenden Juden aller Zeiten es niemals unterlassen haben, sich mit den geistigen Strömungen ihrer Zeit aus einander zu setzen. Diese Auseinandersetzung mit dem Wissen der Gegenwart hält Redner für eine dringende Notwendigkeit des traditionellen Judentums Md glaubt weiter, daß schon aus wirtschaftlichen Gründen — Sabbathaltung usw. — eine umfassende Organisation der thoratreuen Juden notwendig sei, die alles kleinlich Trennende in Auffassung und religiös-politischer lleberzeugung außer Acht lassend, alle positiven und werbenden Kräfte des traditionellen Judentums vereint und dann einen bedeutsamen religiösen Machtfaktor darstellen würde, wie wir Aehnliches in nichtjüdischen Kreisen beobachten. So könnte das traditionelle Judentum weite Kreise, die im Abbröckeln bergrifsen sind, wieder heranziehen und neue Kreise gewinnen. 'Demgegenüber sind, alle ^bisherigen Ornagisationen von geringerer Bedeutung für diese Entwicklung, weil sie , ihre Kräfte zum großen Teil im Kampfe zwischen den in Wirklichkeit Gleichgesinnten verbrauchen; trennen, anstatt zu vereinen, während die unerbittliche Wirklichkeit des Lebens über zerbrechende jüdische Menschen hinwegschreitet. Redner hofft, daß diese große ideale Gemeinschaft eines Tages kommen wird, weil sie kommen muß, und daß sie dann, vielleicht allerdings erst nach Generationen, gekrönt' sein wird von einer Einrichtung, welche die heute gefährdete Einheit des traditionellen . Judentums sicherstellen wird: eine Art Synhedrion, das von allen traditionellen Juden anerkannt wird. Im zweiten Referate: „D i e e t hifche und rellgiöse Bed e u tu n g d e r , Sp e ise g e s eh e" suchte Herr Präparandenlehrer Hirn he im er-Höchberg zu zeigen, welchen tiefen Sinn die jüdischen Speisegesetza geowinnen, wenn man sie. vom Standpunkt moderner wissenschaftlicher Anschauung übe/ Ethik und Religion aus betrachtet und wie nidderne Psychologie und Psychoanalyse uns in den Stand setzen, Beziehungen zwischen der Ausübung der Speisegesetze und der geistig-seelischen Entwicklung des Menschen zu erkennen. Er legte dar, wie die Speisegesehe geeignet sind, den Menschen ethisch zu erziehen, wie sie ihn davor bewahren im Verkehr mit den Tieren unethische, Eigenschaften zu erwerben, wie ihre Befolgung überhaupt eine Voraussetzung für unsere Entwicklung zum guten Menschen därstellt. Die Speisegesetze sind aber darüber hinaus sehr dazu angetan regigiös zu erheben, das Kreaturgefühl'im jüdischen Menschen wach zu halten, unser Leben heiligend zu durch-, dringen und den Weg zur religiösen Vollendung zu ebnen. Starker Beifall nach beiden Referaten und eine lebhafte Diskussion zeigte»,, welch tiefen Eindruck die Hörer empfangen hatten . Mit dem Schlußwortt des Vorsitzenden schloß die inhaltreiche Tagung.