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Der Israelit · 1930-01-16 · Heft 3 (16.1.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 3 (16.1.1930)
Date
1930-01-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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16. Januar 1930 Der Israelit Nr. 3 Seite 3 . Nun mußte im Zeitalter des Mandates, da Palästina unter dem Schutze der größten' europäischen, Macht steht, die gesamte Bevölkerung die heilige Stadt räumen. Lange Monate vergingen, und keiner rührt einen Finger, die Regierung nicht, auch nicht die zionistischen Instanzen, und am wenigsten das Hilfskomitee, um die Hebronitenl zu chrem Erbe zurückzuführen. Zu einer Zeit, da fortdauernd neue kostspielige Experimente für den Ausbau gemacht werden, ist keine Zeit, keine Kraft und kein Geld vorhanden, um die heiligste Stätte des alten Jischuw wieder aufzurichten, ihren Menschen wieder auf die Beine zu helfen. Alte Institutionen, 'iw denen jüdisches Vermögen investiert ist, alte Heiligtümer, Gräberfelder, m denen heilige Märtyrer ruhen, find schutzlos ihrem Schicksal überlassen. Wann wird die zionistische Organisation und das allgemeine Hilfskomitee diese Fragen und Klagen beantworten? Wir schließen uns dieser Frage an und erwarten von den Männern des Misrachi, daß sie nunmehr ihre Beschwerden und Anklagen nicht gegen diejenigen erheben, die für die Interessen des alten Jischuw eintreten, sondern sie m i t uns an die richtige Adresse richten. „Aechtung" Unter diesem Titel schreibt das Organ des Verbandes ostj irdischer Organisationen t nDeutschl o-w d „Die jüdische Welt" u. a.: „Die Jüdische Gemeinde Hannover versperrt den Ostjuden ihre Tore, bedauert, sie nicht ausweisen und nach Polen zurückjagen zu können, und verfolgt sie mit Schmähungen, während die Gemeinde Köln die Herabwürdigungen brieflich erledigt. Die Chewra Kadischa in Dresden weist 26 Ostjuden, die ihr beitreten und bei jüdischen Liebeswerken helfen wollen, zurück, weil sie Ost. juden sind. In Leipzig drohen prominente Liberale mit dem Austritt aus der Gemeinde, falls man den Ostjuden die Gleichberechtigung gewähre. In Duisburg werden die Ostjuden bei Wohlfahrtsgründungen geschloffen boykottiert, und die einstmals heilige Kehillah Mainz, Die „Tochter Zions", in der früher wie es in ihrem Memorbuch heißt- - „alle Juden im Leben verbunden waren und im Tode nicht getrennt werden", verweigert in. ihrem kürzlich erlassenen Statut den Ostjuden alle Rechte. Seit Jahrzehnten sieht das offizielle deutsche Judentum diesem Treiben mit verschränkten Armen zu. Wann wird an Stelle der Aechtung Achtung treten?" Wir sind nicht iw der Lage, diese Angaben im Einzelnen nachzuprüfen. Daß eine Tendenz des Ausschlusses und der Aechtung hie und da herrscht, steht außer Zweifel. Wo aber in einer Kultusgemeinde Juden ausländischer Abstammung um ihre Rechte gebracht werden, soll man wenigstens wissen, daß solches Verfahren nicht nur eine Lieblosigkeit, sondern auch einen krassen Verstoß gegen das formale Recht bedeutet. Das einem Fez so verwegen schief aus dem eäigen Kopf sitzen, als käme er direkt aus der Türkenschlacht. Er zerbricht sich die Zunge, gebrochenes Deutsch zu sprechen. Dabei sagt er so konsequent „mir", wo „mich" 'hingehört, daß er in den dringenden Verdacht kommt, mit Spreewasser ... Was. machts? Die Illusion ist da . . . Nach China, eine Treppe höher! Und unten, ganz unten ist Europa. Und dicht daneben Bayern ... * Sonntag Nachmittag, schon ein Mertel vor viere, ist Ine Adaß-Synagoge in der Artilleriestraße genug gefüllt, um ohne Gefahr für sein Inkognito in einer Ecke unterzutauchen. Der Gottesdienst ist einfach, schlicht und erhebend. Viel östlicher Einschlag in Aufmachung, Melodie und. Ritus, und dennoch erinnert vieles an Frankfurt. Wir wallen ein Wegestück zu Fuß in den frühen Abend von Berlin-Nord hinein. Endlos dehnen sich die Straßen in sonntäglicher Geruhigkeit. Eine Seitenstraße trägt die Aufschrift I o h a n n i s st r a ß e. Ich kann es mir nicht versagen, bei diesem Namen, der mir schon so oft aus der Feder geflossen ist, ein paar Minuten zu verharren. Die Straße ist in Abenddunkel gehüllt. Mitten in der Straßenfront der stattliche Bau mit dem barocken Portal. Der Tempel "cher Reform gemeinde. Er ist hell beleuchtet und viele Menschen fluten durch das offene Tor. Was gibts? . Man hatte heute mit Rücksicht auf das Lichtfest, — „W eihnucka h" sagt der Berliner Witz, — das „Hochamt" von vormittags auf nachmittags fünf Uhr verlegt. Gehen wir weiter. . Im lokalen Teile eines Montagsblattes lese ich am kommenden Morgen, einen Bericht über die Feier. Orgel brauste, gemischte Chöre sangen deutsche Lieder. Opernkräfte trugen Arien aus „Messias" und „Elias" vor. Männlein und Weiblein nebeneinander füllen die Rechen, Hüte hatten nurdie letzteren auf. Und von der Kanzel vor Mitbestimmungsrecht in Sachen von Synagoge, Kultus, Wohlfahrt und Ritual kann nicht durch die Geburtsmatrikel bedingt sein, sonderr.' ist durch den Kultusbeitrag und die innere Verbundenheit mit den religiösen und sozialen Belangen der Gemeinde gegeben. Gegen solche Entrechtung sollten gerade die deutschen Mitglieder, die sich heute überall in den deutschen Landen im Verteidigungsk-ampfe um ihre bürgerlichen Rechte nach außen befinden, schärfste Verwahrung einlegen. Oie Wirtschaftslage Amerikas und die Sabbatheiligung. Von Rabbiner Jul. Samuel, Generalsekretär des Weltverbandes „SchoMre Schabbos". Für die Menschen, die mit dem kritischen Blick des Beobachters die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage der Gegenwart überschauen, um daraus bestimmte Bewegungsgesetze ihrer Entwicklung abzuleiten, wird es sich bald erweisen, daß es für ebendiese Bewegungsgefetze kaum einheitliche Gesichtspunkte gibt. Während etwa für ein Land mit geringen Arbeitskräften der Siegeszug der Technik im allgemeinen und der Maschine im besonderen einen Segen bedeuten kann, gibt er sich in Ländern mit großen Arbeitermassen, wie z. B. Nordamerika, immer mehr als ein Unsegen kund. Die beste Illustrierung, die wir dieser Behauptung geben können, geschieht durch die Tatsache, daß, laut einer Mitteilung des Präsidenten des größten amerikanischen Eisenbahntrusts, Mr. Alex Whitney, in den letzten fünf Jahren infolge der Erfindung neuer arbeitsparender Maschinen über 150 000 Arbeiter entlassen werden konnten. So kommt es, daß es auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt ziemlich trostlos aussieht und daß die Arbeitslosigkeit überhand nimmt. Eine Zeitlang schien es, als ob durch das Eingreifen des Präsidenten Hoover, der die „Prosperity" der Wirtschaft durch Vergebung öffentlicher Staatsarbeiten fördern will, in der Tat ein wirtschaftlicher Umschwung herbeigeführt werden könne. Doch die führenden Kreise der amerikanischen Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften haben bald erkannt, daß die Rot auf dem Arbeitsmarkt nur durch eine viel umfassendere gesetzgeberische Aktion gelöst werden kann. Wie wirkt sich nun diese wirtschaftliche Entwicklung inbezug auf den Sabbat aus? Während der Ruhetag des jüdischen Volkes sonst der materiellen Not zum Opfer zu fallen pflegt, scheint die gleiche Not in Amerika als einzigartiger Finger Gottes in der Wirtschaftsgeschichte zu einer verstärkten Arbetsruhe gerade für den Sabbat dem Schreine, in dem die Thorarolle ruht — Weint« i sie in ihrem Schreine nicht bei all den fremden Klängen und Worten? — predigt der Hutlose Mann vom Glauben an den Geist, vom Glauben an die Idee, vom Glauben an die Kraft in uns. — Von allerlei Glauben, nur nicht vom Glauben an Gott. In welcher freireligiösen Kirche hätte man schon nicht diese Worte gehört.?! Der alte Stöcker sagte einmal von diesem Tempel: Das leere Blatt zwischen dem alten und neuen Testamente ... Daneben ein Artikel mit Riesenüberschrift: „Die Papageienkrankheit in Berlin". Dieser Artikel gehörte nicht zum Bericht und stand in keinerlei Beziehung zu irgend einer Berliner Kanzel . . (Ein neues halachisches Buch.) Von dem Werke iso e=p des gelehrten Rabbiners in Kopenhagen, M. S. Winkler, der unseren Lesern wohl bekannt ist, ist nun der dritte Teil zu nviv 'on, erschienen (Verlag Josef Schlesinger, Wien I, gedruckt bei S. Neufeld in Galanta). Ein flüchtiger Blick zeigt, daß sich dieser Band den früheren harmonisch und würdig anschlreßt. Auf 160 Seiten ist eine Fülle von halachischem Material enthalten, darunter wahre Perlen talmudischer Erklärung. Uns liegen zustimmende, zum Teil begeisterte Zuschriften an den Autor vor den bekannten Rabbinern Rabbl Jeschaha Fürst , Wien; Rabbi Lew in, Bendin; Rabbi Alter Jechiel Nebenzahl in Stamslau;Rabbi S. I. L ew itan , Oslo und Rabbi Chajim Ehrenreich in Deva (Rumänien). (Autounfall des „Gerer Rcbbe". Der Rabbi unverletzt.) Der Rabbi von Gura Kalwarja (Gerer Rebbe) erlitt einen Autounfall, als er sich von seinem Wohnorte nach Warschau begab, um an der Beschneidungsfeier für seine Urenkel-Zwillinge teilzunehmen. Das Auto kam ins Schleudern, stürzte in den Chausseegraben und überschlug sich. Der Rabbi und seine Begleiter kamen, wie durch zu führen. Fünftage-Woche heißt die Parole der besonders interessierten Kreise. In Cleveland haben sich im Anfang dieses Monats die bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Kapitals und die führenden Arbeitervertreter versammelt, um in gemeinsamer Beratung eine Lösung zu suchen für die brennende Frage der Arbeitslosigkeit und für andere Probleme, die sich als störende Faktoren in der ökonomischen Entwicklung des Landes gezeigt haben. Hier war es, wo man in einer Kürzung der Arbeitszeit übereinstimmend die einzige Heilung aus dem wirtschaftlichen Dilemma zu finden glaubte. Diese Uebereinstimmung fand Ausdruck in einer Entschließung, die oen Arbeitgebern die fünftägige Arbeitswoche anempfiehlt. Sowohl der Sabbat als auch oer Sonntag sollen als Ruhetage gelten. Besonders propagiert wird die fünftägige Arbeitswoche von Edgar Adams, einem der größten Unternehmer Clevelands. Mr. Adams ging so weit, dem Präsidenten Hoover den Vorschlag zu machen, die Initiative zu ergreifen und für die Regierungsangestellten die Fünftagewoche einzuführen. Dann solle der Kongreß den Sabbat als n a t i o nale r,> Ruhetag proklamieren. Es machte einen besonders starken Eindruck, als diese Forderungen von Alex Whitney, dem Präsidenten der großen Eisenbahngesellschaft, nachdrücklich unterstützt wurden. Nicht eine augenblickliche „Prosperity" sei anzustreben, vielmehr eine gesunde Basis für die wirtschaftliche Erholung des Landes. Der mit Sicherheit zu erwartende gesetzgeberische Akt würde sich als ein Segen erweisen, wenn er in den interessierten jüdischen Arbeitgeber- und -Nehmerkreisen den Sinn für die Heiligkeit des Sabbats vertiefen könnte. Es dürfte dann mancher erfahren, daß derjenige, der den Sabbat in der Not hütet, schließlich dazu gelangt, ihn in der Fülle zu hüten. Aus dem gesetzgeberischen Zwang und der ökonomischen Notwendigkeit soll die sittliche Freiheit des Individuums sich im Zurückfinden zur Sabbatidee erneuern, denn nur der Sabbat bedingt die wahre „Prosperity". Der Weltverband für Sabbatschutz Schomre Schabbos hat es von Anbeginn her erkannt, daß das radikalste und zu erstrebende Mittel zur Rettung des jüdischen Sabbat die Propagierung und Realisierung des Wochenendgodankens, wobei Sabbat und Sonntag als anerkannte Ruhetage gelten sollen, darstellt und mach dieser Richtung hin eine starke Aktivität eingesetzt. Wenn er dabei auf die Mitarbeit der ganzen Judenheit wird rechnen können, muß das Werk der Sicherung des Sabbat und damit auch die soziale Heilung der Judenheit gelingen. i ein Wunder, mit nur geringen Kontusionen davon. Sie setzten ihre Fahrt nach Warschau im Autobus, fort. Ich Warschau veranstalteten die zahlreichen Chassidim des Rabbi eine große Feier, bei welcher der Rabbi den „Gomel- Segensspruch" aus Anlaß seiner Lebensrettung sprach. (Thomas Mann liest aus seinem Joseph-Roman.) Thomas Mann, der soeben in Stockholm 'als der Empfänger des Nobelpreises für Literatur im Mittelpunkt der Huldigung der 'geistigen Welt gestanden hat, weilte auf der Rückreise nach seinem Heim in München wenige Tage in Berlin, wo er von den offiziellen Kreisen und dem deutschen Pen-Klub gefeiert wurde. Während dieses kurzen Aufenthaltes hat er sich bereit gesunden, vor einem größeren Kreise von Männern und Frauen der Berliner Gesellschaft zum Vesten, der Jüdischen Altershilse Groß-Berlin aus seinem unveröffentlichten Roman „Joseph undseine Brüd e r" zu lesen. Thomas Mann las ein paar Abschnitte aus seinem im Entstehen begriffenen Joseph-Roman. Er sagte in einleitenden Worten, daß er erst im Verlauf der Arbeit die innere Notwendigkeit empfand, der Lebensgeschichte seines Helden eine Zeichnung der Gestalt des Vaters Jaakob vorangehen zu lassen. Aus diesem Jaakob- Abschnitt las er die Kapitel über die Flucht Jaakobs vor Esau. die Jagd des Esau-Sohnes Eliphas auf Jaakob und das Zusammentreffen zwischen Jung-Eliphas und dem Oheim; dann Traum und Erwachen Jaakobs und — ein großer Sprung — die Wiederbegegnung Jaakobs mit Esau nach 25 Jahren. Die Zuhörerschaft stand vom ersten bis zum letzten Wort im Banne der mächtigen dramatischen und bildkräftigen Schilderung, die sich in dem Wiederbegegnungskapitel in einen sphärischen Humor löste. Während des sich an den Vortrag anschließenden gemütlichen Beisammenseins im schönen Simonschen Heim, spann der Dichter Thomas Mann sein Thema in Gesprächen mit Professor Albert Einstein, Professor Ludwig Stein und Dr. Joseph Lehmann fort.

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