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Der Israelit · 1930-01-16 · Heft 3 (16.1.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 3 (16.1.1930)
Date
1930-01-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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> - *■ Seite 2 Nr. 3 Der Israelit 16. Januar 1930 höchst bedrohlich. Man braucht nicht zuzugeben, daß eine einigermaßen energische Admimstratian etwa nicht sertigbringen könnte, selbst in dieser Lage M Palästina Ordnung zu halten. Die indische Grenze bietet viel viel schwierigere Aufgaben dar, die wir unter dem Zwange des Selbstgefühls und des Selbstinteresses im fatalistischen Geiste hinnehmen. Die Ordnung kann aufrecht erhalten werden, aber nur durch Bajonette und zwar durch viel mehr Bajonette als die Administration sie im August besaß und es müssen loyale Bajonette sein, die durch einen besseren Geheimdienst unterstützt werden. Das wird, wenn wir an der oben angegebenen Voraussetzung sesthalten, die normale und ständige Lage in Palästina sein, bis volle Selbstregierung konzediert werden kann. Wie entfernt mag nun dieser wünschenswerte Zeitpunkt sein? Selbstverständlich kann man — immer unter der oben vorausgesetzten Annahme — sie nicht gewähren, bis die jüdische Bevölkerung in der Majorität ist und es genügt nicht einmal eine einfache Majorität, sie muß zahlreich genug sein, um sich selbst ohne Unterstützung gegen physische Angriffe zu verteidigen. Sie muß ein solches Uebergewicht im Parlament Haben, daß sie alle Versuche, ihre Bestrebungen zu sabotieren, niederstimmen kann. Bei dem gegenwärtigen Maßstab der Einwanderung, scheint dieser Zeitpunkt, unendlich fern zu liegen. Es waren- bis zu den Unruhen dieses Sommers starke Fortschritte erzielt worden, auf die die Pioniere in Palästina und ihre Bundesgenossen in allen Ländern stolz sein können. — Es ist keine kleine Leistung, daß die Juden heute 18 Proz. der Bevölkerung ausmachen. Aber wenn man die Ziffer der Einwanderung analysiert, ist es schwer, optimistisch zu sein hinsichtlich der Erlangung einer Majorität innerhalb einer Zeitperiode, die selbst ein sehr geduldiger Mensch akzeptieren möchte. Die Nettoeinwanderung von 1919 bis Ende 1928 betrug 77 707 Personen. Aber fast die Hälfte dieser Summe (31000 Personen) entfällt auf den plötzlichen Aufschwung von 1915, dem prompt ein finanzieller Zusammenbruch folgte, eine Periode schwerer Arbeitslosigkeit und des Abebbens jedes Zuzuges von außen. 1927 war der Ueberschuß der Auswanderung über die Einwanderung 2358 Personen. 1928 war der Nettoeinwanderungsüberschuß 10 Personen. Man kann auf diesen Ziffern keinen Durchschnitt aufbauen. Was evtl, unter einer freundlicher gesinnten und tätigeren Verwaltung der jährliche Gewinn der jüdischen Bevölkerung sein könnte, ist sehr schwer zu vermuten. Aber die Erfahrung des ersten Aufschwungs und des ersten Zusammenbruchs zeigen, daß ökonomische Grenzen für den Prozeß vorhanden sind. Selbst wenn die Elektrifizierungsarbeiten vollendet sind und selbst wenn die Administration der Vorschrift des Mandates entspräche, unbebaute öffentliche Ländereien der Jewish Agency zur Verfügung zn stellen, kann man nicht sicher sein, daß ein stetiger jährlicher Zuwachs durch Einwanderung von sagen wir 4- oder 5000 Personen erreicht werden könnte. Aber selbst wenn man die Höhe dieser Zahl, die Weizmanns eigene Schätzung ist, konzediert, so müßten ungefähr 160 Jahre vorübergehen, bevor die Juden, deren natürliche Vermehrung etwas geringer ist als die der Eingeborenen, die Araber beider Konfessionen übertreffen könr.te. Nun hatten die britischen Staatsmänner eine Periode von etwa einem Vierteljahrhundert im Auge, als sie das Mandat erstrebten und ännahmen. Nach einer Generation, so nimmt man an, wird Palästina wenigstens in allen äußeren Dingen den Namen eines zivilisierten, vielleicht sogar eines fortgeschrittenen Landes sich verdienen können. Kann man nun ohne moralische Hemmungen der Aussicht ins Auge sehen, ein zivilisiertes Land noch weitere anderthalb Jahrhunderte hindurch mit Bajonetten! zu regieren? Der Leser antwortet, daß wir dies in Indien getan hätten. Wir werden es auch dort nicht mehr sehr lange fertigbringen. Wir taten es in Indien zu unserem eigenen Vorteil; in Palästina jedoch muß das Motiv, obgleich es nicht ganz frei zu sein braucht von Rücksichten auf eigene Interessen, doch im wesentlichen altruistischer Natur sein. Es hat immer Strategen gegeben, die Palästina zu halten wünschten, so wie wir Zypern halten als eine Garantie für die Sicherheit des Suezkanals. Diese Erwägung mag Gewicht gehabt haben — bewußt oder unbewußt — als unsere herrschende Klasse das Mandat annahm. Aber die Realisten dieser Schule würden ganz zufrieden sein, Palästina halten zu können o h n e die Juden. Sie würden die erstrebten Ziele erreichen können, indem sie mit den Arabern ein Bündnis schlössen und würden ihr Gesicht wahren, indem sie auf dem Papier Garantie verlangten für die Duldung einer stark beschränkten jüdischen Anfiedlung, die ungefähr auf den gegenwärtigen Stand eingeschränkt Webe. Sie würden wohl irgend eine Oberaufsicht im Völkerbund für die Rechte der jüdischen Minorität vorsehen, so wie sie heute in Rumänien und Polen besteht. Ein bescheidener Herd jüdischen Lebens und jüdischer Kültur könnte überleben, aber nichts was den stolzen Namen eines nationalen Heimes verdiente. (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau. Die Ankerstühungsgelder und der alte Iischuw. Unsere Brüder im rechten Flügel des Zionismus hören es nicht gern und Misrachiführer haben eine wahre Papierschlacht gegen uns und unsere Gewährsmänner eröffnet, als wir uns zum Dolmetsch des bei der Verteilung der Unterstützungsgelder zurückgesetzten und benachteiligten alten Jischuw machten. Unsere Leser sind durch die in der vorletzten und letzten Blätterausgabe veröffentlichte Korrespöndenz über den wahren Tatbestand vollkommen informiert, und wir haben dem heute nichts Hinguzusügen. Es hat aber doch einen eigenen Reiz, aus dem Munde unserer entrüsteten Ankläger die volle Bestätigung unserer Angaben zu hören. Im Jerusalemer Misrachiorgan „Hator" ist ein Offener Brief des Rabbiners der Aschkenlafimgemeinde zu Hebron, Rabbi Jakob Josef Slönim, an die Zionistische Leitung und das zentrale Hilfskomitee veröffentlicht? Nach Schilderung der Katastrophe in Hebron und der. schweren Leiden der dortigen Bevölkerung nach den Unruhen, richtet Rabbi Slonim die klare Frage an die Zionistische Leitung und das Hilfskomitee: „Gedenkt Ihr für das so schwer betroffene Hebron überhaupt etwas zu tun? Beabsichtigt Ihr das zerstörte Hebron wieder aufzubauen, oder glaubt Ihr vielmehr, dieser Wiederaufbau sei lediglich Sache derer, die Hebron zerstört haben?" Diese offene Frage, die in sämtlichen Zeitungen Palästinas zur Veröffentlichung kam, wird im genannten Misrachiblatte mit einem Kommentar versehen, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Hebron sei neben Jerusalem der älteste und h e ilig st e K e r n - Punkt desaltenJischuw. Seine jüdischen Menschen haben in einer Aera von 900 Jahren allen Leiden und Prüfungen heldenhaften Widerstand geboten. Eine Legende weiß zu melden, daß einmal nur noch neun Juden in Hebron den letzten Rest bildeten. Diese Neun weigerten sich aber, am Rüstetag zu Jomkippur die heilige Stadt zu verlassen, so daß Gott ihnen in letzter Minute einen fremden Greis — man sagte, es war Erzvater Abraham aus der nahen Machpela — schickte, damit sie am heiligen Tage die nötige Minjanzahl hatten.- Josefs Vermächtnis. Das erste Buch der Thora schließt mit dem Berichte vom Tode Josefs, 'wi «jov nv'i Er starb als Joses, nicht als König, nicht als rms ms*, sondern als Sohn feines Vaters, Bruder seiner Brüder, unter dem einfachen jüdischen Namen, in den einmal eine jüdische Mutter die Hoffnungen ihres Lebens eingeflochten hatte. In Talmud „Sanhedrin" wird erzählt: Josef hatte vor seinem Tode drei Schätze in den ägyptischen Boden vergraben. Einen fand später Korach, und er gereichte ihm zum Unheile. Den anderen fand nach Jahrtausenden der Kaiser Antoninus, der geheime und fromme Freund des jüdischen Fürsten „Rabbenu Hakadosch"; schlechthin Rabbi genannt. Der dritte Schatz ruht noch im Boden und harret seiner Hebung am Ende der Tage. Talmud und Midrasch, aber auch früher schon die Propheten (siehe Jecheskel Kap. 37) bemühen sich,' die Josefsgeschichte zu der Geschichte des jüdischen Voltes, ja zur Geschichte der Menschheit zu symbolisieren. Unfrieden im jüdischen Volke, wie der Menschheit Leiden und Kämpfe, sind eine Vergrößerung des Bruderkampfes unter Jakobs Söhnen. „Unter Tränen fanden sich die Brüder wieder, so wird auch unter Weinen die Erlösung Israels vor sich gehen, wie geschrieben ist m Jirmijahu 31: „Unter Weinen kommen sie und in Flehen führe ich sie heim" (Tanchuma z. St.). Der Prophet Jecheskel zeigt an den bei den Hölzern, die in seiner Hand zu einem Holze werden, die Vereinigung von J'osef-Esraim mit den anderen Stämmen. Wenn es in Jesajas Cap. 65 heißt: iw«' ipoa "irri inna rorr» nVtn a«n prv so ist mit dem Wolf Benjamin Opo’ at^r pv'za), mit dem Lamm die Stämme Israels($>«*1»’n^irsmit dem Löwen Jehuda (nnrr 'na Ta), mit dem Rinde Josef ( iiiv *'iaa) gemeint. Die Erfüllung der jesajanischen Vision, da alle Erdenwesen Frieden mit einander schließen, erleben wir in der Josefsgeschichte, deren Schlußakt für das Ende der Tage aussieht. Vielleicht läßt sich in diesem Sinne auch die angeführte Agava von den „drei Schätzen" erklären? Josef ist der Name für Macht und Herrschaft, dann für hervorragende Weisheit, zuletzt bezeichnen wir mit dem Namen Josef Vereinigung und Verbrüderung. Diese drei Schätze sind alle unabweislich nötig für das erhoffte letzte Glück Israels und der Menschheit. K o r a ch hatte den einen Schatz gefunden. Er hatte den Reichtum und strebte nach Macht und Herrschaft, und er ging daran zu Grunde. Kaiser Antoninus hatte zu der Macht und Herrschaft auch dieWeis - he i t, damit auch den zweiten Schatz, aber noch war die erhoffte Verbrüderung nicht da. Auf geheimen Höhlenwegen mußte er zu seinem Freunde, dem jüdischen Weisen gelangen, damit sein eigenes Volk ihn nicht des Verrates zeiht. Erst wenn der dritte Schatz gefunden wird, will heißen: wenn zu der Macht, der Weisheit, die Josef repäsentiert, noch die Befriedung der Welt, die Einigung Israels und damit die Verbrüderung der Menschen kommt, erst dann ist das letzte Heil Israels und der Welt erblüht, im Sinne des Wortes: pn i>ax» npsa 'nxi inrra nrr nVm aien- Kleines Feuilleton. Berliner Chanuckaimpreffionen. (SchLüß.) Waren Sie bereits im „Vaterland"? Nein? Dann haben Sie das neue Berlin nicht gesehen. In Rom sein und den Papst nicht sehen, wäre nicht so' schlimnu Der Papst hat jetzt Bewegungsfreiheit und kann zu Ihnen kommen. Das „Vaterland" kommt gewiß nicht zu Ihnen. Sie müssen schon hin. Das ist eigentlich kein Vaterland, sondern Vaterländer. In einem gewaltigen Bau, der mit einer Summe von etwa 50 Millionen, ich glaube von Kempinsky hingeftellt ist, kann jeder Ausländer sein Land und seine Leute, sein Milieu und seine Lebensweise finden. Oesterreich mit Wien, der Donau und Wiener Apfelstrudel; die Schweiz mit Alpenglühen und Neuschnee und so fort und fort. Künstliche Orkane ziehen heran, Donner grollen, Blitze zucken, auf Regen folgt Sonnenschein. Das geht schön beinah automatisch. Selbstbedienung. Einwurs eines Geldstückes, es kommt eine Portion Gewitter. Wir ziehen inStambul ein, haben Ausblick auf den Bosporus, auf Brücken, auf Bogen und pittoreske Minarets. Wir fitzen auf Divan und Teppich, Boden und Wände sind mit kostbaren bunten Geweben bedeckt, wie an der Festtafel des Königs Achasveros. Einer der „Sorissim" bringt uns das Schälchen Kaffee. Ist schwarz wie der Satan und heiß wie die Hölle und kostet — welches Paradoxon — eine Mark und - zwanzig Reichs- Pfennige — ohne Trinkgeld, wollte sagen „Bakschisch". Der Mann ist so schwarz wie der Kaffee, hat Augen wie glühende Kohlen und einen umgekehrten Blumentopf von

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