Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-01-09 · Heft 2 (9.1.1930) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 2 (9.1.1930)
Date
1930-01-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450602--76612-2534198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märlyrergefchichle nach Vilnaer Akten. Von S. Schachnomitz. ' (Fortsetzung). Ein dickes, in Leder gebundenes Gebetbuch, lag auf dem. Pulte vor dem Thoraschreine. Der eine Deckel war Zurückgeschlagen und ließ ein verschnörkelt umrandetes Vorderblatt sehend Unter Menora und Handfaß war in zierlicher Schrift zu lesen: „Siddur Schaar Hafchomajim von- Jaakow ämden". - Rabbi Jakob sah von den alten Blättern auf. Rabbi Halberstamm? Er runzelte die Stirn unter der runden großen Samtklappe, die dem Kopf spitze Form gab. Wie es seinem Schwager gehe? fragte er. Und Chacham Elias? Ein vielfach verdienter Mann. Aber der Glanz der Thora sei doch mit „Chacham Zewi" aus Amsterdam gewichen . . . Während er sprach, nahm er die strähnige Vartspitze in den Mund. Die Worte wurden dadurch nicht deutlicher. Dann zog er die Brauen zusammen, als spreche er in die Weite: „Amsterdam? Was sagen sie dort zu der Sache Jonathans? Mein letztes Buch wird ihnen die Augen geöffnet haben, was? Und hier — er wies auf Bogen voller Lettern — diese Schrift wird bald die ganze Wahrheit an den Tag bringen. Sie werden Augen machen in Amsterdam. Sieben Kameoth, hier ..." Abraham hatte von dem Altonaer Streit einiges gehört, aber nicht so viel, um mitreden zu können. War auch weiter nicht nötig. Rabbi Jakob redete für ihn unö1 für alle, redete und redete, überstürzte sich in steigerndem Eifer. Der schmächtige Mann war eine lodernde Flamme. Es kamen Beter, Jünger, Freunde, Gemeindemitglieder,' die mit sich oder mit Vorstand und Rabbinat nicht eins waren. Abraham sah: Hier war die Ablagerungsstätte für allen Aerger und alle Verstimmung in der Gemeinde. Rabbi Jakob, trug das tägliche Pensum vor. Aber schon die ersten'Sätze gaben das Stichwort zu dem täglichen Thema: Jopathan and seine Kameoth! Gram und Bitterkeit''verzerrten Rabbi . Jakobs Gesicht, verwirrten seine Sprache. Er griff sich an die Brust, die ihn . anscheinend schmerzte und hüstelte. Lehrstoff war nicht mehr der Talmudband, sondern der Bogen der neuen Schrift,, der nun von»Hand zu Hand ging. Dieser Empfang erfüllte Abrahams Herz mit tiefem Weh. Streit hatte es stets gegeben, feit Zerstörung und Zerstreuung die Lehrmeinungen aus dem festen Grunde der Ueberlieferung rissen. Talmud und Mischna sind voll davon. Aber damals saßen sie sich Auge im Auge gegenüber und sprachen und stritten Miteinander. Und „Liebe war am Ende". Warum spricht sich hier der Rabbi nicht mit seinem Gegner aus? Warum spricht er vor einer Schar von offenbaren Feinden des Gegners? Konnten nicht die beiden Männer zufammengeführt werden, wie es allezeit bei Lehrern Brauch und Sitte war? Am Ende war das seine Mission, zu.der ihn eine innere Stimme rief! Er besuchte am folgenden Morgen Rabbi Jakob noch einmal in seinem Lehrhause. Er war allein. Bücher, Manuskripte, Korrekturbogen lagen , zu Häuf vor ihm. und unwillig nahm er' die Störung hin, um so mehr, als er allem mißtraute, was von Amsterdam kam. Er hatte, klagte Rabbi Jakob, in Sendschreiben nach Amsterdam alles so klar gelegt, all seine Anklagepunkte gegen Jonathan aufgestellt und begründet. Warum schweigen sie? Warum kommen sie ihm nicht zu Hilfe? Warum treten sie nicht wie ein Mann auf gegen den Mann, der in Amuletten den Namen Sabatai verherrlicht und dessen Irrlehre verbreitet? > „Man ist in Amsterdam skeptisch," wagte Abraham einzuwerfen. „Die Inschriften sind so und s o zu deuten. Außerdem wurde bekannt, daß Rabbi Jonathanmit seinem Bes-Din selbst den Bann gegen Sabbatais Anhänger erlassen habe: Eine Abschrift ist in Amsterdam angelangt". Rabbi Jakob zitterte vor Erregung. Aus seinen zusammengezogenen Augen drohten Blitze. „Was schwarz auf weiß geschrieben ist, wird keine Mache wegtuschen. Hier der Wortlaut der Kameö. Beth ist Schin, Schin ist Beth, Oleph ist Taw. Das kann ein Blinder sehen. Man kennt den Schlüssel. Der Heuchler ist entlarvt." „Der Gaon aus Wilna —" versuchte Abraham weiterzureden. Aber Rabbi Jakob unterbrach ihn in schäumender Erregung. „Der große Rabbi in Wilna! Er ist so weit vom Tatort, daß er sich lieber nicht hätte einmischen sollen.". Abraham erschrak ein wenig. In Wilna, in Paris in Amsterdam, und überall sprach man im anderen Tone vom Gaon in Wilna. Die persönliche Erbitterung Rabbi Jakobs schien maßlos. „Er hat aber die Inschriften gedeutet," ließ Abraham nicht nach. „Gedeutet? Nach einer Methode, mit der man alles und nichts deuten kann. Außerdem: er kennt Jonathan nicht. Cr ist von seinen Freunden in Rabbinat und Vorstand beeinflußt worden. Man sagt, es sei ein Sendbote nach Wilna gegangen." „Der Brief des Gaon," wandte Abraham voller Demut und in einer Ruhe ein, die gewaltig von der Erregtheit des Hausherrn abstach, „lag in beglaubigter Abschrift in Amsterdam vor. Ich sah ihn im Hause von Rabbi Halberstamm." „Auch er, mein eigener Schwager, gegen mich!", schrie Rabbi Jakob, als machte er den jungen Mann für alle ihm gewordene Unbill verantwortlich. „Rabbi Arje Löb Halberstamm sagt nicht so und auch nicht so. Der Brief geht dort von Hand zu Hand. Der Gaon schreibt von einer Thorarolle, die sich in Not befindet und meint damit Rabbi Jonathan. Hätte er Flügel wie eine Taube, er würde nach Altona eilen, um Frieden zu stiften." '; „Worte, schöne Worte," schrie Rabbi Jakob in höchster Erregung. „Möge ihm Gott diese Flügel geben, daß er hierher eile und die Wahrheit sehe. Er würde sich eines besseren belehren lassen." ' Rabbi Jakob redete sich immer mehr in Erregung hinein, als gälte es, den fremden jungen Mann, der wohl weit durch die Welt komme, zum Dolmetsch und Boten, seines Kampfes und seines Schicksals zu machen. Die Dreigemeinden feien irregeleitet, an den Rand des Verderbens geführt, krank bis auf die Knochen und „keine Kamea ihres Wunderrabbis würde sie gesund machen." Man streue aus, er habe selbst nach dem Rabbinatssitz ausgeschaut und er spreche aus Eifersucht, eine Lüge, der derzeitigen Parnossim würdig. Könne doch jeder in seinen Responsen Nachlesen, wie er dort Gott Dank abstatte, daß er ihn vor dem Amte eines Rabbiners bewahrt chatte. Habe er es nötig, nachdem, ihm durch die Gunst des Königs von .Dänemark Haus und Druckerei gesichert seien,? sein Gebetbuch allerwärts gekauft, seine Responsen überall benutzt werden? „Man sagt in Amsterdam," warf Abraham ein, „Rabbi Jonathan suche den Frieden . . „Kein Frieden, sprach Gott, den . . ." zitierte Rabbi Jakob aus den Psalmen, ohne das letzte Wort auszusprechen. „Er, Rabbi Jonathan, hätte sich anerboten, das Gebetbuch zu empfehlen .und in der Dreigemeinde einzuführen," ließ sich Abraham in feiner Friedensaktion nicht irre machen. „Anerboten! Und hinter den süßen Friedensreden lauert die Arglist. Er brauchte einen Jakob Emden für seine, Pläne.. Ich habe ihn durchblickt." „Weiß der Rabbi nicht, was in Berlin vor sich geht?" suchte Abraham abzulenken.. „Doick haben sich Freigeister zusammengefunden, um die Lehre neu zu deuten ..." „Berlin? Sie werden in Berlin alle aufgeklärt und mir beistehen. Von einem führenden Mann erhielt ich ein Schreiben" — er stöberte unter dem Stoße der Schriften — „hier, Mosche den Menachem D e s s a u e r heißt der Mann. Er stärkt meine Hand im Kampfe gegen Finsternis, hat viel anerkennende Worte für mich und bittet um meine Meinung über die „sieben noachidischen Gesetze." „Weiß der Rabbi, was der Dessauer und seine Freunde gls „Finsternis" ansehen?" „Was sonst, als den Sabbataischwindel und seine Verherrlichung durch Schriften und Amulette? Sie kennen dort meinen Kampf für Gott und seine Ehre ..." Besessen von einem Gedanken, von einer Flamme durchglüht, schien Rgbbi Jakob in diesem Augenblicke wenig zugänglich für eine andere Deutung des Berliner Annäherungsversuchs. Während dieses Gespräches-fiel es Rabbi Jakob gar nicht ein, den Gast nach seinem Begehr und Reiseziel zu fragen. Als er jetzt hörte, daß er eine große Reise vor sich Hatte, die über Frankfurt und Prag, auch Berlin, möglicherweise nach Polen führen würde, erhellte sich das Auge des Rabbi. Frankfurt, sagte er, kenne er. Seine Frankfurter Erinnerungen seien nicht von bester Art. Er habe dort kaum eines von seinen und seines Vaters Werken abgesetzt, als er sich auf der Irrfahrt durch die halbe Welt dort in größter Not befand. Manche hatten dort Mißtrauen gegen ihn, weil seine Frau eine Enkelin von Rabbi Naftali Hakohen war. Er aber, Abraham, könne für ihn in Frankfurt wie in Prag etwas wirken. In Frankfurt sitze zur Zeit Rabbi Jakob Josua Falk, der Verfasser des „Pne Jehofchua" auf dem Rabbinerstuhl, ein Mann .von scharfem Geiste und großer Gerechtigkeit. Rabbi- Jakob Josua sei Rabbi Jonathannicht gewogen, .denn er hätte ihn durchblickt üpd würde seine, Emdens. Hand stützen. Auch in Prag habe er großen Anhang. Sowohl Rabbi David Oppenheim, wie der Oberrabbiner, Rabbi Jecheskel Landau, kennten und schätzten ihn. Rabbi Jonathan kennen sie dort auch. Um so besser für ihn, Emden ... Rabbi Jakob streckte Abraham die Hand entgegen und sein Gesicht schien etwas heiterer. „Wollt Ihr für mich und meine Sache, für die Ehre Gottes und Seiner Thora tätig' sein?" Abrahym berührte nur leise die Hand > und sprach gedrückt: „Gott gebe mir die Kraft, Bote des Friedens zu sein." Ein Blitzstrahl aus dem gewitterdräuenden Auge des Rabbi traf ihn. Langsam zog sich Abraham zurück, ging, das Gesicht Rabbi Jakob zugekehrt, rücklings zur Tür. Mit einem Worte der Verehrung und einem Schalomgruß ging , er von dannen. Rabbi Jakob , würdigte ihn keines Blickes mehr. . (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.