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Der Israelit · 1930-01-09 · Heft 2 (9.1.1930) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 2 (9.1.1930)
Date
1930-01-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 2 Der Israelit 9. Januar 1930 Berliner Lhanuckaimpressionen. Die Chanuckatage verlebte ich in Berlin W., etwa zwanzig Kilometer von dem Mertel entfernt, das man früher jüdisches Zentrum nannte, heute höchstens noch Zentrum der Jüdischkeit ist. Herrliche Verbindung: Wer gut zu Fuß ist, erreicht in einer knappen MertelstUnde dfe Stadtbahn. Diese rast mit D-Zugtempo eine halbe Stunde lang bis zu einem kleinen Bahnhof. Don hier geht man nur eine Viertelstunde bis zur Omnibushaltestelle, um nach 20 Minuten auf einem freien Platz abgesetzt zu werden. Dann ein wenig rechts um die Ecke bis zu einem anderen freien Platz. Und dann — „fragen Sie bitte noch einmal! ..." 4e 3«e So ist Berlin von heute. Wer einige Jahre die Stadt nicht gesehen und ihr gigantisches Wachstum nicht verfolgt hat, kennt sich nicht mehr aus. Ms ich vor zehn Jahren zuletzt in Berlin war, War der Omnibus noch ein Ungeheuer, das von Pferden gezogen wurde. Man sprach damals noch von einem „Sechser für den Omnibus", obwohl die Inflation dem „Sechser" schon em paar Nullen angehängt hatte. Heute ist am Omnibus nur noch der Name plump, er ist schön vollschlank, hat einen elektrischen Motor und eine elegant geschlungene Schärpe um die Schulter. Diese Schärpe ist eine Wendeltreppe zum Dache, von wo aus man, wenn man schwindelfrei und gefeit ist gegen Hochseesieber, auf das buntq Leben der Stratze hinabsehen und ergötzliche Dinge erleben kann. Wie der Heernkessel kocht und brodelt, wie sich die Brandung hebt und . fenft! Und alles geht so glatt und reibungslos von stattten, als würde ’ eine geheime Hand mit den Schachfiguren auf dem Brette spielen, sie ineinander-, durcheinanderwerfen, und noch im allerletzten Augenblicke voneinander lösen, datz Kollissionen ausbleiben. So ganz geheim ist eigentlich die Hand nicht. Der Verkehrsschupo lächelt mit dem ganzen Großjungengesicht, und vollsührt graziöse Bewegungen, als dirigiere er einen Tanz. Rotes Licht strahlt 'auf. Stop' Alles hält still; gelbes: es kommt Bewegung in die tote Masse, der Knäul löst sich in hundert Ausstrahlungen Der Amerikaner hat entdeckt, datz Zeit Geld ist; Berlins großer Bürger, Albert Einstein: die Relativität der Zeit; der Durchschnittsberliner: den Doppelrhythmus der Zeit. Tempo, Tempo! standen. Die einen sahen es auf den Leib, die andern auf den Geist Israels ab. Dieser Prediger ist nicht einer von Vielen. Er kennt sich in der Geschichte aus und greift etwas tiefer. Er sagte: Vor 1900 ‘ Jahren kam das Christentum, auf als Bundesgenosse des Judentums in seinem Kampfe gegen das Heidentum. Es lobte unseren Kampf und half uns. Kaum aber merkte es, daß wir ihm den gewünschten Preis verweigerten, wandte es sich gegen uns. Fünfzehnhundert Jahre später kam der Mann aus dem Kloster, der uns recht gab in unserer Opposition gegen das alte Christentum. Er wollte Schieds richter sein zwischen uns und der Völkerreligion, trat als unser Freund auf. Kaum aber merkte er,' daß wir auf das, was er in unsere Bibel hineindeutete, nicht eingingen, . verwandelte sich der Freund in einen Feind. So ließen wir alle Stürme über uns ergehen und blieben trotz Drohung und Lockung, was wir waren. Datz wir auch fernerhin bleiben, was wir waren, ist die Predigt, die Mahnung des Lichtes. — Ist das nicht hübsch?" „Schön gesagt. Aber mit Verlaub, werter Freund Blieb er was er war? Wer unsere Gebete umgestaltete Zion, Jerusalem und Moschiach aus dem Ritual verbannte, die alten Werte umwertete und anstelle der alten festen jüdischen Hoffnung mit Frauenchor und Orgel das verschwommene Lied einer Welthoffnung hinaussang blieb er was er war. oder hatte er etwas anderes getan, als was der Reformator von Eisenach damals vbn 'ihm wollte?" „Einer von den Frankfurter Stockfrommen, mit denen sich nicht rechten läßt", schüttelt unser Begleiter den Kopf und verschwindet irgendwo im Schatten der großen Bogenlampen. Und wie ruhig und reibungslos, bei allem Tempo, dies alles vor sich geht.^/Hoch geht zuweilen — nur die Untergrundba hl.«. Die Menschen sind höflich, geduldig, gefällig und alle Zeit zu Hilfe und erschöpfender Auskunft bereit. Mir scheint, der Berliner hat keine Zeit für Nervosität, Aufregung, sauere Gesichter .harte Worte. Tausend Autos, vollgepfropfte Omnibusse, elektrische Stratzenwagen, ratternde Bahnen im Untergrund und hoch über den Köpfen, dichte Menschenschwärme, das alles ist gutes Heilmittel für die Nerven Man sollte Leuten aus Dorf und Kleinstadt, wo die Hähne schon in aller Frühe krähen, die Hühner gackern, die Gänse schnattern und im Stalle die Kuh macht Muh, Muh . . ., die durch Langeweile, kleinliches Geplänkel und Nachbars Bosheit mit ihren Nerven herunter sind, ein paar Tage Berlin verordnen, einige Male im Tage durch die Leipziger Stratze bis zum Potzdamer Platz und von da zum Bahnhof Alexanderplatz — sie würden sicherlich heil und gesund nach Hause kommen. Am Donnerstag Nachmittag ist Chanuckabeginn, auch zweiter Weihnachtstag. Rasch und unvermittelt fällt die Nacht über die Riesenstadt, eine halbe Stunde früher als in Frankfurt; stülpt die schwarze Kappe über die ruhigen, etwas ländlichen Seitengassen des Westens. Auf dem Kurfürstendamm leuchten^ tausend Bogenlampen auf und geben doch nicht das, was wir von unserem Lichtfeste erwarten. In einer ganz kleinen Prwatsynagoge nach ältestem Ritus verrichten wir unser schlichtes Gebet und hören von einem Vorbeter alten Stiles, der mehr will, als er kann, die Segenssprüche beim Entzünden des ersten Lichtes. Es stimmt feierlich und heimelig dieses zitternde Flackern, in Berlin W genau so, wie im letzten Judendorfe Litauens oder Galiziens. Auf dem Rückwege kommen wir in einer breiten Stratze mit Vorgärten vor den monumentalen Häusern an einem riesigen Kuppelbau vorbei. Elegante Autos parken vor dem Eingang. "Die Türen sind weit geöffnet und daraus fluten Menschen, ergießen sich brausende Töne eines Orgelpräludiums. Hier in der größten Synagoge des Westens war grandiose Chanuckafeier. „Dreitausend Menschen mindestens!" begeistert sich ein Freund meines Begleiters, der mit der Menge hinausgeschoben wird und sich uns anschlietzt. „War das eine Feier! Kein Wunder: Chanucka an Weihnachten! Weihnachten und noch Chanucka dazu. Rund herum läuten die Glocken aus' Kirchtürmen. Die großen Kaufhäuser mit lichtdurchfluteten Schaufenstern sind geschlossen. Nur die Restaurationen und Cafes sind offen und gefüllt. Vor Kempinsky gegenüber stehen zwei betreßte Diener und rufen den anfahrenden Autos zu: „Alles besetzt!" „War das ein Gottesdienst!" begeistert sich unser Begleiter. „Diese Chöre, die Orgel; eine der besten in Berlin. Und dreitausend Menschen, bedenken Sie nur, und die Predigt erst!" „Was hat der Herr Prediger zwischen Chorgesang und Orgelklang den dreitausend Menschen gesagt?" „Er sprach schön und einprägsam von den vielen verschiedenen Feinden, die Israel in der Geschichte ent- „Gilgul Mechiloth", die Höhlenwanderung der kabbalistischen Schriften genießt der Berliner schon zu Lebzeiten in, der Untergrundbahn. Ich nehme Freitag morgen die Leiden auf mich, um zum Alexander platz und von dort nach dem Scheunenviertel zu ge langen. Wir fahren mitten in ein unbeschreibliches Menschengewimmel hinein. Die Straßen sind enger, schmutziger, düster und trostlos. Und die Menschen! Sie sind aus dem Bilderbuch von Zille geschnitten. Aufgedunsene halbrasierte Gesichter, Kragen der kurzen Joppe hochgeschlagen, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, die Beinkleider stülpen sich wie Schraubenzieher über bas schlechte Schuhwerk. Gestalten aus der Berliner Unterwelt, wie eben aus dem Romane D ö b - l i n s getreten. Hier der Biberkop^f, dort der R e i n - hold. Und alle, die, dazu gehören. Die Grenadier st raße — Grenadufia nennt sie Berliner Volkswitz — enttäuscht mich. Von den jüdischen Typen, die noch vor wenigen Jahren diese breite trostlose Stratze füllten, sieht man nur noch einzelne. Darunter echte Apachengesichter, die von anderswoher kommen und in der Judengasse nur Gastvorstellungen geben. Es ist inzwischen Freitag mittag geworden. Auf beiden Seiten der' Stratze Händler mit Fischen und Früchten auf Drückwagen. Die Fleischläden, Gaststätten, Cafes und Bäckereien haben jüdische Schilder und zaubern eine Krakauer oder Wilnaer Illusion vor. Fliegende Buchhändler bieten jetzt schon, da Chanucka angebrochen ist, M e g i l - l o 1 h und Hagadoth feil. Alle paar Schritte ein Besch amidrasch. Eines trägt in großen Lettern den Namen „Agudas Jisroel". Ich gehe durch den dunkeln Hofeingang, um einen Blick in dieses Lehrhaus zu werfen. Es ist leer, aber in Bereitschaft für den nahenden Gottesdienst. Am Ofen, sitzt ein schwarzbärtiger Mann und singt in schmelzender Melodie Sätze aus dem Hohenliede, eine Melodei der Gottessehnsucht, vielleicht auch des einfachen menschlichen Heimwehs. Viele alte vergilbte Bücher und Bücherfragmente, auch einzelne, Blätter liegen auf Pulten und Bänken herum. E i f s i f ch o k oder Kasril e w k e aus dem Lande des Menachem Mendel mitten in der Riesenstgdt Berlin ... Rings herum Scheunenviertel, Apachen, Unterwelt, Polizei im Kampfe mit Verbrechertum, hier ein ~ fremder Jude in Inbrunst und Andacht, singt ein Lied der Liebe und der Sehnsucht seinem -Gotte. Mn westlichen Ausgang mündet die Grenadierstraße m die Münzstraße ein. Dort steht ein kleines Postamt. Es ist angefüllt mit jüdischen Männern und Frauen, die ihre Sabbatpost erledigen. Langröckige und langbärtige Männer haben kleine Pakete unter dem Arm. kommen wohl aus dem Tauchbad, eilen hinaus, die Stratze hinunter und verschwinden in den dunkeln Hofgängen. Ein Straßenhändler am Drückkarren packt rasch seine Siebensachen ein. 'Der Bäcker, den Kopf mit breiter Kappe bedeckt, stehtauf der Schwelle seines Ladens und ruft jemand etwas hinüber. Er möchte sich beeilen. Bald werden sie wohl alle, frisch gewaschen, im kleinen Vethaus sein und, wie jener an der Ofenwand, Gott ein Lied der Liebe und Treue singen. Das ist eine „Oberwelt" mitten in der Unterwelt des Scheunenviertels, von der Zille nichts zu malen und Döblin nichts zu erzählen weitz. (Schluß folgt.) Die Rosenkhaliauä in Amsterdam. Zum 40 jährigen Amtsjubiläum ihres Leiters Jeremias Hillesum. Von Louis Lamm in Berlin. Merkwürdigerweise sind die Namen zweier der schönten und reichhaltigsten jüdischen Bibliotheken der Welt mit der Stadt Hannover verknüpft, und beide befinden sich jetzt im Ausland. Die erste, die der berühmte R' David Oppenheim, einst Oberrabbiner von.Präg, sammelte, kam nach Hannover, weil der Gründer dieser Bibliothek in nähen verwandschaftlichen Beziehungen zum Hause Leffmann Behrens Cohen, Hannover, stand. Sie wanderte schließlich nach Hamburg und dann nach Oxford in England. Ueber ihr Schicksal existiert eine umfangreiche Literatur und es erübrigt sich, an dieser Stelle mehr über sie zu sagen. Weniger bekannt ist die zweite mit Hannover in Verbindung stehende jüdische Bibliothek und ihr Schöpfer Lesser Rosenthal. Ueber diesen Mann, der es fertig brachte, eine so kostbare und reichhaltige Bibliothek zu sammeln, trotzdem er sein Leben lang nur Lehrer und Privatgelehrter war, ist nicht viel bekannt. Er ist am 13. April 1794 in Nasielsk, Gouvern. Plock (Rußland) geboren, kam als Religionslehrer nach Paderborn und später nach Hannover. Dort erlangte er, vermutlich durch seine Verheiratung mit Sophie Blumenthal, gestorben am 16. Juli 1854, die eine Urenkelin des Hoffaktors Alexander Michael David war, eine Stelle als Klausrabbiner an der Michael—Davidschen Stiftung. An dieser wirkte er von 1826 bis zu seinem Tode (7. Aug. 1868), also volle 42 Jahre. Schon 1845 erwähnt Zunz in seinem Buche „Zur Geschichte und Literatur" (S. 244) die kostbare Bibliothek Rosenthals und 20 Jahre später finden wir sie von Julius Fürst (Biblioiheka Judaica Hl S. 28) genannt; dieser hielt sie für die größte damals in Deutschland vorhandene jüdische Bibliothek. Unbegreiflich ist es, datz anscheinend niemals der geringste Ber>uch gemacht worden ist, diesen -Schatz, für Deutschland zu erhalten, denn es finden sich, obgleich Rosenthal mit fast allen jüdischen Gelehrten seiner Epoche in Schriftverkehr stand — er schreibt selbst darüber in dem von ihm angefertigten Katalog — nirgends Spuren von Bemühungen nach dieser Richtung. Sein Sohn Georg, später baronisiert, wanderte nach Amsterdam aus und so kam die Büchersammlung, die schon damals aus mehr als 4000 Werken, worunter sehr viele Seltenheiten und eine große Anzahl von alten Handschriften waren, bestand, nach Amsterdam, wo sie zunächst bei Georg von Rosenthal, der ein Bankgeschäft be>atz, aufgestellt blieb. - Dieser hatte sofort, nachdem er die Erbschaft angetreten hatte, den Plan, einen vollständigen Katalog der Bücherei Herstellen zu lassen und er hatte oas große Glück, für diese Arbeit Maier (Markus) Roest zu gewinnen. Wie Rosenthal war auch Maier Roest zunächst Religionslehrer gewesen, aber eine leidenschaftliche Liebe zur jüdischen Literatur und zum jüdischen Buch, gepaart mit großen wissenschaftlichen Fähigkeiten, machten aus Roest einen Bücherkenner allerersten Ranges. Zuerst wurde sein Name durch ein 1857 erschienenes Wer? (Catalogue de Livres Orienteaur, das mir niemals zu Gesicht gekommen ist) bekannt und von 1869—1871 setzte er sich ein Denkmal, dauerhafter als von Stein und Eisen. Er fertigte den „Katalog der Hebraica und Judaica aus der L. Rosenthalschen Bibliothek" in zwei stattlichen Bänden,, die auch einen Anhang von L. Rosenthal selbst (Bibliographisches Verzeichnis iso sn«) enthalten und 1875 fertig gedruckt Vorlagen. Die Auflage hat Georg von Rosenthal in generöser Weise an Freunde seines Vaters und sonstige Interessenten verschenkt und ich darf hinzufügen, datz ich selbst das allerletzte Exemplar mit einer sehr liebenswürdigen Zuschrift von ihm, als ich noch ein blutjunger Buchhandlungsgehilfe in Frankfurt am Main war, erhielt. Den Beweis, datz er für eine derartige Ausgabe der richtige Mann sei, hatte .Roest vorher durch den im Jahre 1668 bei Frederik Müller in Amsterdam erschienenen Versteigerungskatalog "vson rra« gegeben. Es handelte sich um die Bücher und Handschriften aus dem Nachlaß von Giuseppo Almanzi-Padua, R' Jakob Emden- Altona und Oberrabbiner M. I. Lewenstein-Paramaribo (Südamerika), die im November 1868 zur Versteigerung kamen. Der Katalog, heute eine große Rarität, beschreibt 5547 Bücher- und Handschriften, worunter sich allein 128 vor dem Jahre 1540 (32 vor 1500) gedruckte Werke in einer bibliographisch so exakten und genauen Weise befinden, datz der Katalog zum wissenschaftlichen Rüstzeug der jüdischen Buchkunde geworden ist- (Schluß folgt.) ♦ n * n pKrrDS?» 28 np '1 8N"1181 IVWnn 281 '2 DnnrraV D’wn hdi *3 •anm MDian 8sani : p *i n s ('T x'2 mp "n) "nri" mb "psn-Dyb" innan «i Gro 8"' inibyrn) nwa mwa p jwirr 2 •H2i:n 3 «131 *3 Sally Rothenberg, Frankfurt a. M. Richtige Lösungen sandten ein: Golda Katz, Antwerpen; Kantor A. Davidsohn, Rastenburg; Eugen Nagel, Topolcany, Slov.; T. Zilbermann, Prostken; Schülern Turner, Frankfurt a. M.; Simon Spiegel, Leipzig; I: H. Tempelhof, Saarbrücken; Oskar Artmann, Remscheid; M. Streit, Kolomea (Polen); M. Grün, Berlin.

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