Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1930)
- Date
- 1930-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9. Januar 1930 / 1 Die Verhältnisse sollen weiter von dem Preußischen "Landesverband unter Zuziehung der kleinen Landesverbände geprüft, alsdann soll der Arbeitsgemeinschaft über die Sache Bericht erstattet werden. Eine Erklärung der bayrischen Rabbiner. München, -30. Dez. /Eine'Erklärung, von sämtlichen Rabbinern Bayerns' unterzeichnet, ist in allen großen -Heilungen Äayerns ver-, ' öffentlicht. Sie hat folgenden Wortlaut: „In einer Strafverfolgung heim Schwurgericht Nürnberg waren auch die jüdische.Sittenlehre und das rabbinische Schrifttum Gegenstand der Erörterung. Zu diesen Fragen, mit denen Gericht und Sachverständiger sich in ' ernstester Weise befaßt haben, kann man auch von uns eine Erklärung erwarten; ist doch zur Feststellung der Lehren eines Religionsbekenntnisses vor allem nötig, daß fachkundige Vertreter dieses Bekenntnisses selbst zu Wort komnien. Als die berufsmäßigen Lehrer und Vertreter der jüdischen Lehre im Staate Bayern stellen wir deshalb folgendes fest: i 1. Im Einklang mit den alten, unverbrüchlichen Grundsätzen des Judentums lehren unsere Rabbiner in t»en Gotteshäusern, unsere Lehrer in den Schulen stets Lauterkeit und Redlichkeit und unbedingte Wahrhaftigkeit r in Händel^ und Wandel.,, „Dein Ja, fei. Ja, Dein Nein ■? sei Nein" ist eine Forderung des Talmuds. Das Gebot der Nächstenliebe ist eine Grundsäule der jüdischen Lehre. Lein Rabbiner oder Lehrer unseres Bekenntnisses wird lehren oder erlauben, daß von diesen Grundsätzen abgewichen wird, mag es. sich um Juden oder Nichtjüden handeln. Unsere Gebetbücher und Lehrbücher stehen jedem zur Einsicht offen. Es ist jedem freigestellt, unserem Gottesdienst beizuwohnen. 2. Nach jüdischer Lehre ist der Eid unverbrüchlich heilig, ganz gleich, wem gegenüber, er geleistet wird. Meineid gilt als schwerste Sünde. Wenn Talmudstellen — wie auch christliche Moral- . theologen — sich mit dem Fällen eines erzwungenen Eides befassen, so beziehen sich solche und ähnliche Erörterungen auf die rechtlosen Zustände jener längst vergangenen Zeiten und kommen gerade nach talmudischer Lehre für die geordneten Rechtszustände der heutigen Zeit überhaupt.nicht mehr in Betracht. Der Talmud selbst -erklärt, daß das Recht des Staates verbindlich ist wie ein Religionsgesetz. 3. Das „Lol,— nid re" am Vorabend des Versöhnungstages, das von Schwüren spricht, die im voraus für nichtig erklärt werden, bezieht sich nicht auf Eide, die einem anderen gegenüber geleistet werden, sondern nach seinem klaren Wortlaut nur auf Gelübde, die man persönlich auf.sich nimmt (z. B. zur Kasteiung und Askese), und auch dabei nach der allgemeinen Auffassung der jüdischen Lehre nur aus unbedachte Gelübde solcher Art. Ein Anrecht, das einem anderen zugefügt wird, sühnt nach jüdischer Lehre der Versöhnungstag nur dann, wenn es von dem Betroffenen selbst verziehen wird. 4. Daß man in unserem Jahrhundert sich noch gegen den Vorwurf des Ritualmordes wehren muß, ist ein trauriges Zeichen der Zeit.. Es war das Judentum, da? der Welt die zehn Gebote überbracht hat, mit dem machtvollen Worte: „Du sollst nicht tötten". Da das Vorgeben vom „Ritualmord" sich nicht aufrecht erhalten ließ, haben nach Presseberichten die Angeklagten beim Schwurgericht vorgebracht, daß es eine „geheime jüdische Sekte" geben soll, die dem „Blutmörd"hüldigt. Feierlich erklären wir, daß es eine solche Sekte nicht gibt, auch nie gegeben hat, und nicht geben kann. Sie stünde zu dem Geist und zu den Geboten des Judentums in stärkstem Widerspruch. Es ist auch nie in der Geschichte des Judentums etwas von einer solchen Sekte bekannt geworden. Es gibt auch keine Stelle im gesamten jüdischen Schrifttuin, die im Sinne eines Blutmordes zu deuten wäre; wer anders sagt, fälscht. 5. Wir danken allen Behörden und Personen; die in Erfüllung gesetzlicher und menschlicher Pflicht die Verbreiter beschimpfender Angriffe gegen unsere Religionsgesellschaft zur Rechenschaft gezogen haben. Unsere Glaubensgenossen möge dies in dem Vertrauen bestärken, daß nst Kampfe gegen Haß und Lüge immer noch Recht und Wahrheit sich durchsetzen werden." - , Der Delegiertentag der deutschen Zionisten. . ' , Jena, 30. Dez. Der D e l e g i e r t e n t.a g der deutschen Zionisten wurde hier im Volkshause am 25. Dezember unter An- D e r Israelit_ Wesenheit des Präsidenten der zionistischen Weltorganisation, Ehajim Weizmann, abgehalten. Kurt B l ue m f e l d erwähnte in. seiner Eröffnungsrede Louis M a r s h a l l, Franz Rosen zweig und Simon Schokken, die Nichtzionisten, neben einer Reihe von zianistischen Persönlichkeiten, die seit dem letzten Delegiertentag heimgegangen sind. \; Darauf hielt Professor We i z m a n n eine p o l i - t ische Red e über das^Verhältnis zur Mandatarmacht und das Anrecht der Juden auf das Ration a l h e i m. Er betonte das Recht des jüdischen Volkes Die Woche. Berlin. Offizielle Nachrichten-Agenturen in Europa verbreiteten aus New York die Meldung, daß der berühmte amerikanische Physiker und Nobelpreisträger - Albert Abraham M i - chelson verstorben ist. Auf Rückfrage an die New Porker ITA wird von dort telegraphiert, daß die Nachricht falsch ist; Professor Michelson lebt. Nürnberg. Aus dem israelitischen Friedhof in G u n z e n h a u s e n bei Ansbach wurde eine neue Friedhofsschändung entdeckt. Man fand 18 zertrümmerte Grabsteine. Die Täter konnten nicht gefaßt werden. Auf ihre Ergreisuwg ist eine. Belohnung, von 500 Mark ansgesetzM Ludwigslüst. Das große Schöffengericht in Ludwigslust verurteilte einen Führer der Hitler-Partei in Mecklenburg, den Kassenrendanten Ahlgrimm, wegen fortgesetzter Amtsunterschlagung zu 21/2 Jahren Zuchthaus. Ahlgrimm hatte aus der ihm anvertrauten Kasse 62 000 Mark unterschlagen. Wien. Die jüdischen Gruppenführer der Wiener Heimwehr meldeten ihren Austritt aus der Heimweh r an und begründeten diesen ihren Schritt mit der Ueberhandnahme antisemitischer und faschistischer Gewalttendenzen. B.lgrad. Im Zusammenhang mit der Verlautbarung des Gesetzes über die Religionsgemeinschaft der Juden, verlieh König Alexander von Jugoslavien dem Großrabbiner Dr. I. Alkalay den K a r a - georg-Orde.n und den Mitgliedern des Präsidiums des jüdischen Gemeindebundes, sowie Vertretern der Orthodoxie und anderen prominenten jüdischen Persönlichkeiten den Weißen Adler, resp. Sankt Sava- Orden. Rom. Am Sonntag, den 5. Januar, wurde in Livorno das „Museum der jüdischen Nation", das erste jüdische Museum in Italien, eingeweiht. Es enthält, Objekte und Dokumente über die Geschichte der Juden in Spanien, Portugal und Italien und ist sehr reich an Kunst- und Kultobjekten. Es ist in den Räumen des alten Rabbinischen Gerichtes untergsbracht. London. In der Ehrenliste, die in England von Jahr zu Jahr am Neüjahrstage erscheint und Titelverleihungen und Auszeichnungen enthält, stehen diesmal, die Namen von vier Juden: Louis Bernhard Baron, der Sohn des vor kurzem verstorbenen bekannten jüdischen Philantropen Bernhard Baron, wurde in den Baronettstand erhoben; die Privalsekretärin MacDonalds, Miß Rosa Rosenberg, erhielt den Orden des British Empire: der Präsident der JCA, Leonard Lionel Cohen , wurde Ritter des Königin "Victoria-Ordens,-und Honourable Michael Myers, Oberrichter von Neuseeland, Ritter des Ordens von St. Michael und St. George. — TInter Führung von R. H. Joseph begaben sich am letzten , Sonntag 400 jüdische Soldaten der britischen Armee auf den Heldenfriedhof und legten dort einen Kranz nieder, der die Inschrift trug: „Dem Andenken unserer jüdischen Kameraden, die im Weltkrrege die höchsten Opfer brachten". Am Abend fand im First Avenue Hotel ein Chanucka-Bankett stallt, Major Lionel de Rothschild verlas als, Vorsitzender ein Telegramm des Königs Georg. Budapest. Der Vorstand der Pester Israelitischen Gemeinde hat in seiner jüngsten Sitzung aus Vorschlag des Präsidenten der Baukommission, Oberhausmitglied Dr. Samuel Glücksthal, beschlossen, daß neben dem Tempel ein Kulturhaus gebaut werde, in dem das jüdische Museum nebst Bibliothek untergebracht werden sollen. auf Erez Israel, das weit älter fei, als die Balfourdeklaration. Die britische Regierung habe in letzterer Zeit jede Gelegenheit wahrgenommen, zu erklären, daß an ^ihrer Mandatspolitik in Palästina sich nichts ändern würde. Die Mandatspolitik und die Methoden der Verwaltung werden nun genau geprüft. Die Organisation wird ein praktisches Programm im Einvernehmen mit der britischen Regierung für die nächsten fünf oder zehn Jahre festzulegen haben. Die Leistungen des Aufbaues werden entscheidend sein für die Palästinapolitik der Re- Nr. 2 Seite 5 gierung. Das Verhältnis zu den Arabern würde sich bessern und klären auf der Basis, daß sie das jüdisch«! Recht anerkennen, mit ihnen. ein gemeinsames Vaterland ausbauen, „Das können wir ohne sie so wenig, wie sie ohne uns".. Die Wege zu dieser Verständigung werden gesucht. Die Mandatarmacht' könne dazu helfen. Ihre Bajonette können auf die Dauer keinen Schutz bieten. Die beste Sicherheitsgarantie wäre , ein mit Hilfe der Regierung herbeigeführter Modus vivendi. Er wehrt sich scharf gegen diejenigen, die angesichts der schwierigen Lage sich auf die Forderung eines „kulturellen Heimes" beschränken wollen. „Es muß nationale Heimstätte sein!" Er tadelt die geringen Leistungen für Keren Hajessod und die anderen Fonds und sprach zuletzt — ein Novum in einer Weizmannschen Rede — von „Vertrauen zu Gott" und von der „Hilfe Gottes". Es kommen dann zwei palästinensische Redner, der Führer der jüdischen Arbeiter, Berk K a tz n e l s o n und der Arzt Dr. Danziger zu Wort. Ersterer spricht gegen. die Revisionisten, die. viel Schuld am Unheile haben, aber auch gegen die Idee eines gemeinsamen Parlamentes. Mit. den Effendis, die das Blutvergießen ver-- schuldet haben, wollen wir nicht verhandeln, mit dem arabischen Volke wollen wir sprechen. Dr. Danziger sieht trübe in die Zukunft und fordert energisches E-stgegenwirken. In der Generaldebatte kommen alle Gruppen zu Wort. Von verschiedenen Seiten wird die Haltung der „Jüdischen Rundschau" und ihres Redakteurs, Dr. Robert Welt sch, scharf abgegriffen. Letzterer und Kurt Blumenfeld vertreten ihren Standpunkt. * Jena, 31. Dez. Den Abschluß der großen politischen Aussprache auf dem Delegiertentag'bildete in der der Nacht zum 30. Dezember eine zweite politische Rede des Präsidenten Weizmann, in der er u. a. ausführte: „Ich glaube sagen zu dürfen, daß in prinzipiellen Dingen zwischen Blumenfeld, Weltsch, der Exekutive und mir kein Unterschied besteht. Unterschiede gibt es vielleicht im Ton. Es wurde schon hervorgehoben, daß wir bezüglich des Verhandelns mit den Arabern, wegen des „Wann" und „Wie", kaum einen freien Willen haben. Der arabische Standpunkt. ist heute: Sie betrachten. Palästina als ein arabisches Land, sie wollen es einverleiben einem System von Föderationen arabischer Staaten vom Euphrat bis zum Indischen Ozean. Wir aber sagen: Palästina ist nicht ausschließlich ein arabisches Land und nicht ausschließlich ein jüdisches Land, es ist ein Land, das uns beiden gehört. Es ist verständlich, wenn ein Volk wie die Juden, das in der Balfour-Deklaration den Schofar schel Moschiach gehört hat, dessen Phantasie entzündet ist durch ein Martyrium sondergleichen, allerlei Dinge in dieses Dokument hineinlas. Es klingt mir noch jenes „Judea for the Jews" in den Ohren, das Cecil und andere Staatsmänner sprachen, und wenn sie so sprachen, was durften wir von Juden in Kowno oder Wilna erwarten. Sich den Realitäten anzupassen, ist ein Prozeß, dessen Langsamkeit. man nicht den Juden zum Vorwurf machen darf. Er bedarf vieler Jahre und er geht unter großen Schmerzen vor sich. Vielleicht, sollte man unseren Partnern vor Augen halten, daß sie aus dem Kriege hervorgegangen sind mit vier Staaten: Pemen, Hedschas, Transjordanien, Irak. Wieviel nationale Heime braucht Ihr? Da gibt es einen Winkel, der heilig ist für uns, den görmt man uns nicht, nicht einmal in der Form, die wir angeboten haben mit allen Chancen für die eingeborene Bevölkerung, sich national auszuleben. Und da legen manche Juden es der Welt in den Mund, daß wir als Bedrücker ins Land kommen. Nichts davon ist wahr. Uns hat man etwas versprochen, was mehr ist als was man uns gegeben hat. Wirsrnd bereit, uns den Verhältnissen anzupassen. Aber man soll einem bedrängten Volk wie uns nicht den Vorwurf machen, daß es die Anpassung l angsam vollzieht. Es ist nicht richtig, daß wir nicht den-Versuch machten, mit den Arabern zu verhandeln. Ich will nicht in Einzelheiten eingehen. Schon 1918 haben wir versucht, mit dem einzigen Vertreter der Araber damals zu verhandeln. Ich fuhr in die Wüste, ging zu Feisal, sagte ihm, was unsere Absicht ist und was wir in Palästina wollen, „Du vertrittst vor der Welt Heute die, arabische Nation. Ich komme in derselben . Mission wie.meine Vorväter vor 4000 Jahren". Er verstand, er unterschrieb. Sein Bruder behauptet, er hättte es vergessen, ich habe es nicht vergessen,