Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1930)
- Date
- 1930-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Seite 3 9. Januar 1930 ' . Künstler, die zufällig Juden sind, malen. Es ist schwierrg, ge nau zu definieren, was berechtrgt i ft, j ü d i s ch g e n a n n t z ü. w er d e n. Aber wenn man unter jüdisch, das versteht, was sich auf alle Juden bezieht, oder eben auf eine-Mehrzahl der Juden, so können die spezifischen Probleme der Zionisten nicht jüdische Probleme genannt werden." , Was hier vom Zionismus gesagt wird, stimmt. Aber warum sollte es so schwierig sein, zu desiMerer., was j übt'sch sei? „Jüdisch" kommt von Jude. Und Judesem hat seine Prägung am Sinai erhalten, ist in Thora unA Tradition fest verankert, bleibt in seinem Wesen und seinen Ausdrucksformen unwandelbar. Es ist von den jüdischen Weisen und Gesetzeskündern genau definiert, was „jüdisch" ist, und die Definition ist bündig und giltig für alle Zeiten. Möchte es dennoch heute manchem schwer fallen, zu definieren, was „berechtigt ist, jüdisch genannt zu werden", so ist es doch leicht zu sagen und sonnenklar ergibt sich für jeden!, daß em Tempel, in dem S o n n t a g s das rein deutsche Lied» zum Preis des Sabbat ertönt, Bach und Händel am Jomkippur aus Schallplatten eine andächtige, b a r h ä u p t i g e Gemeinde erbauen, daß ein solcher Kreis nicht berechtigt ist, jüdisch genannt zu werden. Das Sabbakproblem. Von G. E. in F. In den letzten Monaten sind zum Sabbat- Problem wiederholt Veröffentlichungen erschienen,, die verschiedene Vorschläge und Ratschläge brachten, wie die Heilighaltung des Sabbats und insbesondere die Anstellung von jüdischen Angestellten gefördert werden könnte. Jedoch dürften alle noch wenig geeignet sein, eine wirkliche durchgreifende Besserung auf diesem Gebiete, herbeizuführen. Schreiber dieser Zeilen, ein im praktischen, kaufmännischen' Leben stehender Geschäfsmann, der die Nöte des jüdischen Angestellten an sich selbst erfahren hat und, seit Jahren selbständig, nun selbst jüdische Angestellte beschäftigt, möchte hier zur Sabbatfrage einige Vorschläge machen, deren Ausführung nicht so schwierig ist und die bei der in Fluß kommenden Sabbat-Aktion gefördert werden töMten. Die Agudoh hat sich inJwischen mit der Frage befaßt und die Förderung der Sabbat-Idee in ihr Programmausgenommen. Der Schomre-Schabbos-Verband und die Stellenvermittlungs-Organisationen müssen hierfür 'durch einen Kreis arbeitsfreudiger Mitarbeiter aus den Reihen selbständiger Geschäfs- Meister und Philosophen des Mussar, in den Weg. Und auch von ihm erhielt er die Prägung seines Lebens und seines von Liebesgluten zur Thora getriebenen Wirkens. In jungen Jahren folgte er, nachdem er kurze Zeit als Rabbiner in Samter gewirkt hatte,' dem Ruf nach Fulda. In einem Menschenalter rastloser Arbeit machte er das Fuldaer Rabbinat zu dem, was man darunter in all den Jahren in der. jüdischen Welt verstand. Sein kluges weitblickendes Auge umfaßte in Liebe alles, was seine Gemeinde anging und was zur Erstarkung des Judentums in" Stadt und Land dienen konnte. Ob Synagoge oder Schule, Schechita oder Mikwah, ob es galt für die religiöse Erziehung der Jugend zu wirken, die Wahrung des Sabbats, die soziale Hebung und politische Besserstellung seiner Brüder herbeizusühren, immer und überall war der Fuldaer Raw auf dem Plane mit unerschütterlicher Energie und mit einem Optimismus, der sich auf die Behörden bis zum Minister übertrug und oft, allen widrigen Umständen zum Trotze, von vornherein . den Erfolg sicherte. Freund eines jeden seiner Gemeindemitglieder, konnte er ohne Aufdringlichkeit die Häuser für die Mizwohtat entflammen. Besuchte er eine Landgemeinde, so war es für sie ein Festtag, der ihr im religiösen Leben bleibenden Werte hinterließ. In Fulda selbst hatte er sich im Beshamidrasch des Märara m Schis, wo heute noch unter Leitung seines Sohnes und Nachfolgers täglich und intensiv gelernt wird, ein ewiges Denkmal errichtet. Man hat Beweise dafür, daß Menschen, die die religiöse Strenge des Provinzialrabbiners fürchteten, so sie ihm einmal menschlich näher kamen und von einem Strahl aus seinem goldenen Herzen erfaßt wurden, ihm willig auch zu geistigen Höhen folgten, die ihnen fortan ein Leben nach den Gesetzen der Religion vorschrieben und sicherten. Rabbiner Dr. Michael Cahn konnt.e streng und unerbittlich sein, wenn es um den Kampf gegen diejenigen •_Der I s r g e l i t lenke, Handwerker, Gewerbetreibende und Angestellten aus allen Berufen erwellert werden'. Als erstes soll die Frage nach vermehrter Unterbringung von jüdischen Angestellten betrachtet werden. Daß leider viele jüdische Geschäftsinhaber aus Ersparnisgründen oder Gedankenlosigkeit nichtjüdische Angestellte beschäftigen, ist schon oft gerügt worden; trotzdem kann man reicht sagen; daß sich hierin etwas gebessert hätte. Eine Besserung wäre nur zu erhoffen durch eine persönliche Bearbeitung der betreffenden Geschäftsinhaber durch die Organisationen bezw. ihre Zweigstellen sowie auch durch fortwährende entsprechende Zuschriften an die betteffenden Geschäftsinhaber, welche geeignet sind, das Gewissen aufzurütteln und die Pflichten eines jüdischen Kaufmannes oder Gewerbetreibenden gegenüber den jüdischen Angestellten und der jüdischen Gesamtheit in. Erinnerung zu bringen. Abgesehen hiervon liegen jedoch Gründe vor, die die Anstellung von nrchtjüdischen Personen manchmal in etwas milderem Lichte erscheinen lassen. Der kleinere jüdische Geschäftsinhaber, der oft selbst schwer um seine Existenz zu kämpfen hat, ist oftmals nicht in der Lage, jüdisches Personal einzustellen, wenn er geeignete Kräfte, die am Platze wohnhaft sind, nicht finden kann, weil jüdisches Personal von auswärts, falls nicht Kost und Logis im Haufe gewährt wird, ein bedeutend höheres Gehalt verlangen muß, um die beträchtlichen Kosten für Kost und Logis bestreiten zu können. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Tarifgehälter für jüngere Angestellte, mit welchen nichtjüdische Angestellte auskommen müssen, für einen jüdischen Angestellten nicht einmal dazu reichen, Kost und Logis zu bestreiten. Eine Besserung in dieser Beziehung wäre nur zu erhoffen, wenn an den betreffenden' Plätzen Gelegenheit für billigeren Mittags- und' Abendtisch, wie z. B. die Mittelstandsküchen geschaffen würde. . Ferner fehlt es an.den mittleren Plätzen, wo sich eine größere Anzahl am Sabbat geschloffener Geschäfte und Betriebe befindet, meistens an einer örtlichen Stellenvermittlung, so daß die jüdischen Geschäftsinhaber, die mitunter gerne am Platze wohnende Angestellte einstellen würden, von den Stellesuchenden keine Kenntnis haben, was umgekehrt ebenso der Fall ist, indem der Stellesuchende nicht erfährt, daß am Platze selbst eine Stelle zu'besetzen ist. Von beiden Seiten werden entsprechende Anzeigen in den Lokalblättern mit Betonung des freien Sabbats meistens "gescheut. Deshalb muß ein Hauptaugenmerk auf Errichtung von örtlichen Stellenvermittlungen gerichtet werden. ging, die Begriffsverwirrung ins jüdische Leben brachten. Er. schrieb ein umfangreiches, kampfesmutiges Buch über und gegen die Organisationen und eine Organisationspolitik, die das Judentum wie ein totes Gebilde in ein Konsistorium 'einzusargen bestrebt ist. Aber all diese Strenge kam aus einem Herzen voller Liebe zum Judentum und allen jüdischen Menschen, voller Begeisterung und froher Hoffnung für den Sieg der letzten jüdischen Wahrheiten.; Jeder Jehudi sollte ein Träger dieser Wahrheit sein und in Leben und Gesinnung sich als solcher fühlen. Mit diesen Träumen schlummerte er vor zehn Jahren in der Nacht zum 10. Tebeth hinüber in die Welt der Wahrheit. Aus seinem Grabe werden uns weiterhin Liebe und Hoffnung, Stärke und Wahrheitsmut erblühen. (Der 89jährige Eduard Bernstein über fernen Austritt aus dem Judentum.) Eduard Bernstein, der dieser Tage 80 Jahre alt wurde, gewährte einem Mitarbeiter des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" eine Unterredung, in der er sich über seine Stellung zum Judentum u. a. folgendermaßen äußerte: „Wenn ich auch in den siebziger Jahren still und unbemerkt der jüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt habe, so bin ich doch immer Jude geblieben und bin stolz darauf, von Juden abzustammen. In den siebziger Jahren hat Stoecker, der Vater der heutigen Nationalsozialisten, ganz besonders in Berlin den Rassenhaß geschürt, und da hielten wir als Gegenwehr es für richtig, den Kirchenaustritt zu empfehlen. Wenn ich auch als Redner nirgends den Kirchenaustritt propagiert habe, so hielt ich mich doch, da ich dem Büro jener Austrittsversammlungen angehörte, für verpflichtet, auch für mich den Trennungsstrich zu ziehen. Ich habe es damals im Stillen getan und niemand hat etwas davon erfahren. Heute wurde ich es nicht mehr tun. Denn man Julius Giessen Ecke Bockeeb. landslr. 2 Das fachgescbäft fBr roraehme Einrahmung Die ItenslWIiing des giden Geschmacks Viele Unterkunftsmöglichkeiten für jüdische Angestellten könniten auch geschaffen werden, wenn jüdische Geschäftsinhaber, welche ihr Geschäft allein betreiben, sich entschließen würden, wenigstens einen Angestellten zu halten, wenn nicht gerade gänzlicher Mangel an Betriebskapital dies verbieten sollte. Sowohl ein Ladenals auch ein En-gros- oder Reisegeschäft läßt sich mit Hilfe von Angestellten besser und rationeller betreiben, als wenn der Inhaber sämtliche Arbeiten allein aussühren muß, abgesehen davon, daß das Geschäft bei vorkommender Verhinderung des Inhabers in Krankheitsfällen usw. jeweils eine größere Einbuße erleidet, als wenn eine Vertretung durch einen Angestellten vorhanden ist. Eine weitere Aufgabe ist die. Schaffung von Existenzen bzw. die Schaffung von Verdienstmöglichkeiten für solche Persönlichkeiten, die sich eine Existenz zu gründen suchen. Hier müßte nun darauf hingewirkt werden, daß jüdische Firmen, die Vertreter suchen, eine Niederlage oder Verkaufsstelle zu errichten gedenken, - jüdische Vertreter bevorzugen, die auf Heilighaltung des Sabbats bedacht sind. Selten findet man in einer orthodoxen Zeitung derartige Gesuche, obwohl solche nicht selten sind, weil sie ohne weiteres in einer beliebigen Tages- oder Fachzeitung aufgegeben werden. Zu vielen derartigen Vertreterposten bedarf es gar keiner Fachkenntnisse, so daß man gewiß jüdische Bewerber bevorzugen könnte. Des Ferneren muß die Vermittlung von Teilhabern ins Auge gefaßt und dafür gesorgt werden, daß Kapitalgeber und Kapitalsucher, die auf gesetzestreuem Standpunkt stehen, zusammen kommen. Die Vermittlung muß für die Beteiligten bis zu einem Abschluß kostenlos sein, damit sich möglichst viel Reflektanten melden und sich nicht an die Vermittlungssenisale wenden müssen, welche sehr oft Kostenvorschüsse verlangen und an der Sabbatfrage gar kein Interesse haben. Ein weiteres Tätigkeitsfeld ist die Schaffung eines Finanzinstitutes, welches Geldmittel aufbringen muß zur Stützung und Erhaltung solcher den Sabbat haltender Geschäfte, die in ihrer Exister.'z bedroht sind. Manches Geschäft, welches aus irgendwelchen Gründen in finanziellen Schwierigkeiten ist, könnte mit verhältnismäßig kann es einem Juden, der jetzt die Gemeinschaft verläßt, als Feigheit auslegen. Wer eine bedrängte und unterdrückte Religion verläßt, ist feig. Die heutige antisemitische Welle ist giftiger denn je. Und darum würde ich in - der Jetztzeit niemals den Schritt tun. Ich stehe nicht an, dies an meinem Lebensabend zu erklären. Als Parlamentarier und Politiker habe ich dann als „Konfessionsloser" immer die berechtigten Forderungen der deutschen Juden weitgehend unterstützt." . . . „Sie sehen", sagt Bernstein, zum Schluß, „daß ich trotz der äußeren Abkehr positiv zum Judentum stehe." Hinzuzusügen wäre, daß Bernstein der Austritt wenig genützt hat. Von den Antisemiten wurde dieser geistreichste Kopf in der derzeitigen Sozialdemokratie nach wie vor als Jude angesehen und bekämpft. (Wichtig für Le'er der C. V.-Zeitung.) Von rabbinischer Seite wird der C. V.-Zeitung geschrieben: „In der letzten Nummer ihres werten Blattes fand sich, wie schon meines Wissens wiederholt, eine Abbildung aus einer hebräischen Handschrift, welche sogar mehrfach den Gottesnamen entbleit. Es. dürste ihnen entgangen oder unbekannt sein, daß nach der religionsgesetzlichen Vorschrift ein solches Blatt zu nichts verwendet und nicht vernichtet werden darf, und daß mit Rücksicht hierauf in orthodoren Kreisen die Drucklegung derartiger Zeichnungen und Abbildungen. die dann überall Herumfähren und mißachtet werden, als schweres Unrecht angesehen wird. Ich gestatte mir daher die Anregung, in Zukunft bei der Auswahl von Bildern'und ähnlichem hierauf bedacht sein zu wollen." (Synagogen-Katakomben und Sarkophage.) Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hehandelte der Berliner Theologe Prof. Hans Lietzmann ein bisher nur wenig erforschtes Kapitel der jüdischen Antike: Das DiasporarJudentum der römischen Kaiserzeit. Er führte