Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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®fäffei* Kerausgegeben von der Candesorgnnifafion der flgudas- Jiseod In Veutfekland. ^5. Jahrgang Hamburg, 2^ Dezember is929/22. Rislew 5690 Nummer 25 ^-chriftleitung: Iöokf S. Aacobson in Hamburg. Das Blut deines Bruders. „Jedermann in Israel habe Acht auf feine Kinder und feine Familie. Er leite sie den Weg echten Judentums. Er unterweise sie in der Lehre, im Gesetz, festige ihre jüdische lieber* zeugung. Stadt um Stadt, allerorten sollen die Frommen und Gewissenhaften ihre Kraft stählen, einmütig Sorge zu tragen um die Hut des Sabbat, die Reinheit der Familie, die peinliche Beobachtung jüdischer Keuschheitssitte. Ein Jeder sorge für sich, sorge aber auch für die Andern. Mit aller Kraft sei man bemüht, Hindernisse Md Hemmungen wegzuräumen, alles, was diese Grundlagen des Judentums gefährdet. Tuen wir das Unsere, finden wir uns in Wahrheit und ungeteilten Herzens zu Gott zurück, zu Gott und Seiner Lehre, dann tut Gott, unser Vater , im Himmel, das Seinige. Aus heiliger Höhe schaut Er auf uns hernieder, segnet sein Volk Israel, gewährt ihm Glück und Lebensmöglichkeit, nimmt Goluslast vo-n> unfern Schultern und führt uns als aufrechte, starke Menschen heim in unser Land." Mit diesen Worten schließt der Aufruf, durch den sich der Rabbinische Rat der Agudas Jisroel an die Gesamtheit des jüdischen Volkes wendet, sich im diesen Zeiten schwerster Not seines Sinnes und feiner Berufung bewußt zu sein: und in einer Sonderproklamation heißt es wörtlich: „Rabbiner, Lehrer, alle einflußreichen Persönlichreuen sind verpflichtet, zu den vom Rabbinischen Rat festgesetzten Terminen propagandistisch für den Kern Hatorah zu wirken. Jeder ist verpflichtet, im Umkreis seines Wohnortes für die reiche Förderung des Keren Hatorah-Werkes zu sorgen." Einer dieser vom Rabbinrschen Rat festgesetzten Termine ist die Channkah-Zeit. Wir haben in früheren Jabren versucht, das herzliche Interesse und die Gebebereitschaft der jüdischen Welt aus die Chanukah-Aktion des Keren Hatorah Wir wollen ehrlich fein. Wissen wir es nicht, warum Rabbi Mansche Mordechai Epstein einen Teil seiner Jeschiwah ins heilige Land überführte? Gewiß zum Teil auch, weil die Liebe zttm Vaterland in seinem Herzen mächtig war, weil er nahe sein wollte den Gräbern unserer Allergrößten. Dies aber nur zum Teil. Er ging nach Chebron, weil die Liebe zur Thora allein im Herzen der Geber nicht stark genug war, diese große Lehrstätte zu erhalten. Die Liebe zur Lehre mußte von der Liebe zum Lande gestärkt und vervielfältigt werden. Darf dies fein? Sind wir so nicht in Wahrheit mitschuldig geworden an dem Blut der m Chebron gemarterten Brüder, das zu Gott rief? Unsere Liebe zum heiligen Lande muß riesengroß sein, zu jedem Opfer uns bereit machen, aber unsere Liebe zur Thora, sie muß ebenso groß sein, allein muß sie die Kraft haben, die Thora und ihre Stätten, wo immer diese sind, zu erhalten. Slobodka in Slobodka muß den gleichen Kreis der Freunde finden, den gleichen Ovsersinn auslösen, wie Slobodka in Chebron. Die Märtyrer im heiligen Lande fanden unsere Herzen offen, weil wir ihr Blut zum Himmel schreien hörten. Denkt daran, daß es auch Märtyrer bei uns in Europa gibt! Verbluten sie nicht, so verhungern sie, verhungern sie nicht, so hungern sie, dursten sie, so friert sie, und Krankheit saugt an ihrem Lebensmark. Ihr, die Ihr in den friedlch umzirkten Wohnstätten Deutschlands Eurem Beruf, Eurem Erwerb nachgebt, Ihr habt keine Ahnung von diesem stillen Märtnrertum. Geht einmal in eine Jeschiwah des Ostens, geht hin, wohin es sein mag, dann krampst sich E"ch das Herz Zusammen. Ihr seht lebendige Thora, einen Idealismus, von dem Ihr Euch daheim keine Vvrstelluna machen könnt, und die Träaer dieser kostbarsten Werte — verhungerte Menschen, huna»rnde Lehrer, hungernde Schüler. ..Horch, das Mut deines Bruders schreit auf *11 Mir van der hinzulenken, indem wir darlegten, wie gerade Chanukah leuchtendes Zeugnis für die Unsterblichkeit des jüdischen Geistes, die ungebrochene Kraft der Thora sei. Viele unserer Freunde, viele der Menschen, auf deren Mitwirkung wir rechnen müssen, gingen über unfern Ruf hinweg, übersahen ihn oder mißverstanden ihn. Nicht weil Chanukah das Fest der Thora ist, forderten wir zum Geben auf, so daß der Gebemüde sich sagen konnte: „Ich gebe zu anderer Gelegenheit", nein, zum Geben forderten wir auf, weil wir wußten, wie riesengroß die Not fei, wie ur.'beschreiblich das Elend, wie. jammervoll die Lage der Thora überall. Ihr sollt geben, nicht deshalb, weil die Märtyrer von einst Euch anflehen für die Märtyrer von heute; Ihr sollt geben, Ihr müßt geben, weil Ihr, wenn Ihr nur einen Augenblick die Hast Eures Berufs- und Erwerbslebens unterbrecht, eine Stimme hört, die ruft: „Horch, d as Blut deines Bruders schreit auf zu Mir von der Erde." Von allen Enden der Erde schreit das jüdische Blut zu Gott und klagt an Jeden, d§r bei diesem Blut stille steht und ruhigen Herzens bleibt. Als vor wenigen Monaten das grausige Unglück geschah, daß in Chebron, in Rabbi Mansche Mordechai Epsteins Jeschiwah, unsere Edelsten und Besten . von den Märtyrern hingefchlachtet wurden, da flog die Angst und das Zittern durch unsere Seele, da spürten wir das furchtbare Weh, u>rd da öffneten sich sonst verschlossene Herzen und Hände zur Hilfe. Erde". Von allen Enden d»n Erde, wo Stötten der Tbora sind, ertönt der Schrei dieses Blutes, der Schrei des Hnnaers und der Not. Laßt unser siierz diesem Ruf doch offen sein. Heiß soll all diese Brüder umfließen d»e Welle unseres Mitleids, aber auch die Welle unseres Wohltuns. Und auch bei uns in Deutschland a'bt es solche Mörtnrer. Ein Vater, eine Mutter, die in jenen Industriestädten Rheirlands-W esUalens leben, vom Krieg dorthin verschlagen, mühsam den Groschen durch Wandern über Land in kärglichem Hausierhandel sich verdienen, und die dann abends dnnarm und durstig zu Bett sehen, um kür ihr Kind das Geld, das Lmmdgeld, Me niedrig es auch lei. in der Talmud Tbara des Keren ssatorcch befahlen zu körnen. Auch das sind Mörtnrer, auch das Blut solcher bvnaernden. ausaeinergelt«»n Menschen schreit eum Himmel; Tragödtm in der Stille einer Dachstube, eines engen Wohnraumes. Und wenn ein junger Mensch aus deutschen Landen, getrauen von „nbezwivabarer Liebe zur T'.hora, rntf eine Jelch'wah gebt oder in« eine sonstige Stätte des Lernens, kster oder im Ausland. und es gebricht ihm am N^osten; cmch er le'det oft in stolzemstummem Ertragen, aber er leidet. Und nun hören wir die Frage: „Ist der Keren Hatorah denn nicht da?, all dies Leid, das du geschildert hast zu stillen oder zu mindern, wurde er doch geschahen." Gewiß, der Keren Hatorah wurde geschaffen. Die größten Männer unseres Volkes, feine geistigen Führer präsidieren ihn. Angesehenste Persönlichkeiten versichern ihn ihrer Sympathie in Wort und auch in Tat. Gar Mancher zahlt seine Tagesspende unter größten persönlichen Opfern. Soll der Keren Hatorah aber allen Jeschiwoth helfen können, und nicht nur hie und dort, von Zeit zu Zeit, durch ganz ungenügenden Beitrag, der nur Aufmunterung aber keine Hilfe ist; soll der Keren Hatorah jedem Vater, jeder Mutter, die das Limudgekd nicht aufbringen können, dieses erlassen«, und nicht wie jetzt den einzelnen Talmud Thoras nur Zuschüsse gewähren können, die trotzdem monatlich in die vielen Hunderte gehen; soll er jedem Bochur, dessen Herzen nach der Thora sich sehnt, ein würdiges Stipendium geben können, nicht aber nur Einzelnen ein geringes und unzureickMdes, dann muß jedes Ohr dem Ruf offen fein: „Horch, dasBlutdeinesBrudersfchr eitauf zu Mir v 0 n b e r Erd e." 9lid}t weil je%t Chanukah ist, und nicht nur well der Rabbinische Rat so dringend an jeden Einzelnen von uns feine mahnende Stimme richtet, nein, weil die Not überall so groß ist, well von allen Enden der Erde der Ruf des Blutes tönt, darum vor allem, darum müssen wir Helsen, Jeder von uns. Keiner darf sich entziehen, überall herrscht Not am Ort. Jeder kämpft um seine Existenz, aber die Not der Thora ist größer, der Kamps um die Existenz ihrer Stätten, um das Leben chrer Jünger ist noch schwerer. Jeden Einzelnen bitten wir, daß er ein Helfer am Werke sei, daß er dem örtlichen Keren Hatorah-Stellen einen regelmäßige Beitrag zustelle, daß er vor allem jetzt uns helfe, durch einen einmaligen größeren Betrag über den schweren Winter hinwegzukommen. Helft unfern Brüdern, Ihr helft Euch damit selber. Wie sagt unser.Rabbiner Rat: „Tuen wir das Unsere, dann tut Gott im Himmel das Seine". Helfen wir, damit uns geholfen werde, damit Gott aunimmt das Wort unseres Gebetes: „Hilf uns, dann ist uns geholfen, denn unser Ruhm bist nur Du." Agllda - „Phönix-. Der Geschäftsführende Ausschuß der Agudas Jisroel hat beschlossen, mit der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix" einen Begüristigungsvertrag abzuschließen. Der Vertrag ist vor einigen Tagen unterzeichnet worden. Die Lebensversicherungsgesellschaft Phönix ist eine , der größten internationalen Lebensverstcherungsgefellschaften mit ihrem Hauptsitz in Wien. Mederlassungsrecht hat sie in folgsnÄen Staaten: Frankreich, Spanien, Deutschland, Belgien, Oesterreich, Italien, Tschechoslowakei, Kleinpolen, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Palästina und Aegypten. Laut Rechenschaftsbericht unserer Vertragsgesellschaft, der Lebensversicherungsgesellschast Phönix, waren bei ihr per Ende 1928 626.433 Personen auf ein Kapital von insgesamt rund 1800 Millionen Schilling versichert. Der Versicherungsbestand ist im Herbst ds. Js. auf rund 2200 Millionen Schilling angewachsen. Im Jahre 1928 hatte die Gesellschaft eine Prämien- und Zinseneinnahme von fast 98 Millionen Schilling. Die Gewäbrlsistungsfonds der Gesellschaft stellen sich ver Ende 1928 auf ruird 242 Millionen Schilling und werden mit Ende 1929 wahrscheinlich auf über 300 Millionen Schilling anwachsen. Die Lebensversicherunasgesellschatt Phönix gehört zu den wenigen mitteleuropäischen Ver-