Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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beide 2. Nr. 52 Der Israelit 24. Dezember 1929 der anderen Seite 650 Millionen Christen, 250 Millionen Mohammedaner und 14 Millionen Juden, das sind 914 Millionen Menschen. Ohne weitere Zahlen anzugeben, lehrt eine einfache Ueberlegung, daß vor 2000 Jahren das Verhältnis von Monotheismus zu Heidentum noch ganz anders war. Es liegt weder in unserer Ausgabe noch in unserer Macht, zu entscheiden, ob in der Befreiung der Menschheit vom Heidentum durch Christentum und Islam das jüdische Vermächtnis an die Völker sich in u n s e r e m Sinne auswirkt. Hier eben setzt ein unerschütterlicher Glaube, eine Bejahung der irdischen Welt, verbunden mit einem starken Sehnen nach dem zukünftigen Heil, dem gläubigen Juden Schranken seiner Spekulation. Israel, ein zerstreutes und unterjochtes Volk, nahm im römischen Staat einen höheren Prozentsatz ein als etwa heute die Juden in den Vereinigten Staaten. Zu einem gewissen Teil beruhte das zahlenmäßige Anwachsen der Juden zur Zeit der Hasmonäerkönige auf den Massenübertritten aus den heidnischen Stämmen der Palästm-a umgebenden Staaten. Einen starken Anreiz für den beträchtlichen Proselytismus bildete damals die schnelle Verschmelzung der weitverbreitetenchellenistischen Ideen mit der Gedankenwelt des Judentums. Auf der einen Seite war der Hellenismus für den Fortbestand der jüdischen Religion sehr bedrohlich gewesen und hatte die mutigen Makkabäerkämpfe ausgelöst,' die einen Sieg des Judentums über die momentane Gefahr brachten, ohne jedoch diese Gefahr voll zu bannen. Andererseits hat die Vereinigung, die griechischer und jüdischer Geist miteinander eingingen, anstelle des durch die griechischen großen Philosophen längst erschütterten Glaubens an die olympische Götterwelt etwas Neues gesetzt. Dem Judentum waren viele Seelen zuerst äußerlich, dann innerlich zugeführt, Aristoteles' Schüler, bewunderten zuerst den fremden kleinen Staat, in dem das Leben durch einen ihnen neuartiges Gesetzesfystem geregelt war. Der Anblick des Gottesdienstes in den Synagogen riß sie zur Bewunderung des Volkes hin, das in einer ihnen unverständlichen Sprache fang und betete, und ungleich dem Bilderkult in griechischen Tempeln in einer seelischen Beziehung zu seiner Gottheit stand. Am ehesten konnten die staunenden Griechen das, was sie in den jüdischen Bet- und Lehrhäusern sahen, mit den Gesprächen in ihren philosophischen Schulen vergleichen. Die Juden waren ihnen ein Volk von Philosophen. Die Griechen näherten sich ihnen, um zu lernen und zu empfangen. Die Juden ihrerseits wandten sich mit Eifer diesen neuen Freunden zu und wurden von deren Gedankenwelt agneregt und befruchtet. Aber sie zahlten einen hohen Kaufpreis für die neuen Ideen, das religiöse Judentum hat lange Zeit an der Schuldenlast tragen müssen, und dem Griechentum fiel das „Vermächtnis Israels" nahezu umsonst in den Schoß. Nur ein Teil der Juden schritt dem Griechentum freudig entgegen, die anderen schlossen sich desto schärfer von den fremden Einflüssen ab, denn sie erkannten rechtzeitig die große Gefahr der Hellenisierung und wollten sie meiden. Das war die Ursache für einen neu einsetzenden, damals im alexandrmrfchen Reiche unbekannten Antisemitismus, der auch einen starken Niederschlag im Schrifttum der damaligen Zeit fand. Bekannt ist die Schrift des Jofephus gegen Apion. Der Antisemitismus der heidnischen Welt entsprang dem Mißbehagen gegen die sich gesellschaftlich abschließende Schicht der religionstreuen Juden. Die Antwort auf diese Abschließung war eine verschärfte Ausschließung durch die Griechen. Trotzdem die Juden bewundernswerte Proben militärischer Tapferkeit gaben, wurden sie doch bei dem Kampfe des aufsteigenden Roms gegen das sterbende Griechentum die Prügelknaben', die, auf keiner Seite gern gesehen, jeden Rest staatlicher und nationaler Selbständigkeit einbüßten und Land und Heiligtum verloren. Die Gestalt des Märtyrers, wie sie die frühchristliche Kirche so gern verherrlichte, hatte ihr Vorbild in jenen glaubensstarken jüdischen Männern und Frauen, die unter den Verfolgungen des Antiochus ihr Leben für den Glauben hingegeben hatten. Alle folgenden Duldererzählungen gehen zurück auf die jüdischen Schriften, die die Leidensgeschichte dieser Zell berichten. Das Leben dieser Helden bekam durch ihr Opfer eine neue, bis dahin unbekannte Weihe, ja, noch mehr, der unerschütterliche Glaube an ein Fortleben nach dem Tode wurde von neuem in den Vordergrund allen religiösen Philosophierens geschoben. Diese jüdische Gedankensolge führte später m den frühchristlichen Zeiten zu jener weltverneinenden Askese und mönchischen Entsagung, die der jüdischen lebensbejahenden Weltanschauung so fern liegt. Von der Askese zur Intoleranz, und von da zu den schonungslosen Glaubensverfolgungen, dem' Vermitteln der Hellswahrheiten durch Feuer und Schwert, ist nur noch ein kleiner Schritt. Die Bestätigung dessen ist mit Tränen auf den Blättern der jüdischen Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit geschrieben. (Schluß folgt.) Naturgesetz und Leben. Eine EnEgiegnung zu dem Artikel „Naturgesetz oder Leben" des Herrn Sr. L. L. Von stud. phist. W. £. -irt: München. Keineswegs kann das Schlagwort: „Fort mit dem Naturgesetz, der Kosmos, die Natur, alles ist lebendige Bewegung" dve Probleme, welche Philosophie und Religion dem Menschen stellen, Lösen. Der Verfasser streitet gegen eine Auffassung der Natur und ihrer Gesetze, die in> Wirklichkeit heute nicht vorhanden ist, und überhaupt nur in den Ze-iiten des Tiefstandes der Naturbeobachtung, etwa von der Ze'vt des Aristoteles bis iins Mittelalter hinein, möglich gewesen war. Das Naturgesetz ist tmm und allem die Deschreibnng eines bestimmten Natur Vorganges. Es stellt die wesentlichen Bedingungen fest, di>e der Erfahrung gemäß bisher stets zu dem Eintritt eines bestimmten Naturereignisses geführt haben, und zeichnet fie auf, häufig in abgekürzter Schreibweise als mathemalische. Gleichung. Es ist, der Naturwissenschaftler ist sich dessen voll bewußt, dve Beschreibung eines Jdeatfalles, denn die unenWiche Zahl der Bedingungen.eines N-asturvorganges lassen sich nicht in wenigen Worten aufzählen, die einzige Instanz für die Gültigkeit des Gesetzes, welches ja nur Beschreibung der Beobachtung sein will, ist die Natur. Nicht weil das Gesetz da ist, ist die Natur so oder so, sondern weil die Natur so ist, ist das Gesetz da, welches also nie die Unendlichkeit der Naturerscheinungen beschränken will. Der Verfasser behauptet: „Der Kosmos ist lebendig". Beweis: „Er ist der lebendige Ausdruck des Nur Lebendigen. — (Gott wird also als der Nur-Lebendige desiniert*) — d. h. der Begriff Gott wird eingeschränkt — die Schöpfung Gottes. Lebendiges kann nur Lebendiges schaffen,." Der Verfasser behauptet also:. Gott ist unfähig. Totes zu schaffen, Gott kann e s im ch t 1 Dieser Beweis wäre also eine Begrenzung! der Allmacht Gottes, die natürlich jedem Gotiiesbegrifs widerspricht. Ebenso mißlingt der Beweis für die Lebendi-gLvit der Außenwelt, wenn der Verfasser einerseits behauptet: „Auf das Lebendige wirkt allem das Lebendige. Infolgedessen müssen die Eindrücke der AußenwÄtz die den Inhalt der Erfahrungbilden, ebenfalls aus dem Lebendigen stammen, d. h. die' Außenwelt muß auch lebendig sein," andererseits jedoch Staat, Kirche, kurz, jede künstliche Orgamsaiion, die doch sicher den Inhalt unserer Erfahrung bilden-, als unfähig hmstellr. Lebendiges zu erze-uaen-, da sie selbst unlebendig sind. o "A So ist es dem Verfasser nicht gelungen, seine Auffassung vom Kosmos zu beweisen und philosophisch zu begründen. Wenn er erklärt: „In keinem Augenblick sich gleichend und doch begabt mit einer nur ihm eigenen, ihn auf Lebenszeit unveränderlich begleitenden lebendigen Bewegung, das ist der lebendige Organismus. Ewig neu und dabei doch konservativ, ewiges Werden und dabei doch ein Bleiben, das ist das Wesen des Kosmos, das Wesen d-er Thora, das Wesen des jüdischen Volkes," so verdrängt diese Aufassung nie und nimmer das Naturgesetz, läßt nicht die Maschinen aus den Fabriken verschwinden, klärt kaum Widersprüche zwischen Natur und Thora und löst keineswegs das Problem der Freiheit. Sie steht überhaupt nicht im Widerspruch zum Naturgesetz, sondern ist eben die persönliche We-Metrachtungsweise des Verfassers. Die Unterscheidungen^ „nur lebendig, relativ lebendig-, absolut tot usw. sind sicher nur andere Ausdrucksweisen für tot oder lebendig. Wenn nämlich der Verfasser erklärt: das Kennzeichen des lebendigen Organismus ist die *) Vgl. Berg so ns Begriff des elan vital der den kosmologifch-organischen Prozeß heraustreibt. Der elan vital, hat kein Wesen, sondern wird sein Wesen. Jede Etappe ist ein völlig undeterminierter Akt (elan vital) wird gleich vieu gesetzt, und Bergsons Lehre lautet dann: ..vieu se fait". Dieser Gottesbegriff widerspricht dem unsrigen völlig, vgl. 2. B. M. Kap. 3, Bers 14. ihn auf Lebenszeit unveränderlich begleitende lebendige Bewegung, jv fragen wir, was ihn berechtigt^ den Toten, den diese Bewegung doch nicht mehr begleiten soll, noch als lebendig zu bezeichnen. Besagt dieser Umstand etwa: diese Bewegung sei unwesentlich zur Kennzeichnung des Lebendigen? Doch widerspräche Lassa der vom Verfasser selbst gegebenen Definition. So ist. also tot und Lebendig wesenhast unterschieden, nicht aber graduell l 1 Der Ruf, den der Verfasser an die „Gesetzestreuen" richtet, die Thora zu verlebendigen, hat sicherLch seine große, innere Berechtigung. Doch widerspricht sich der Verfasser, wenn er verheißt, daß, „je mehr wir unsere Lebendig beit kräftigen, desto mehr wir auch in der Lage--. sind, unsere Lebendigkeit aus unsere Umwelt ausstrahlen zu lassen.,, „Je lebendiger wir also sind, desto mehr sind wir auch -in der Lage, unsere Lebendigkeit aus den lebendigen Organismus der Natur auszustrahlen, die Lebendigkeit der Natur zu beeinflussen und siedem Rhythmus der -eigenen Lebendigkeit anzupaffen." Da nun nach dem Verfasser das Wesen des Lebendigen irr einer nur ihm eigenen lebendigen Bewegung" liegt, da „der Kosmas" ein lebendiger Organismus mit ihm eigenen Lebendigen Bewegungen" ist, und da „lebendige Bewegung Ausdrucksbewsgung" ist. kann die Leb-Lndigkeit des Menschen nicht' auf den Rhythmus, d. h. die lebendige Bewegung der Natur Einfluß haben-. So stößt man selbst innerhalb -der G-edankenweli des Verfassers auf Mdersprüche. Sicherlich wird, wenn wir die Kraft haben, die Thora zu ver-liebendigen und zu verinnerlichen, unser Lebsnsgkück wachsen,, doch nicht, wie der Vers, haupisäch: lich -anfü-hrt, durch eine Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse, nicht in der Steigerung des Boden'krtragieS, nicht in -der Herrschaft über die Natur und ihre Gesetze. Das Goltv-ertrauen, die Gewißheit: der Ewige ist mit mir; ich fürchte nicht; was kann ein Mensch mir tun? geben d>em Thoratreuen die innere Zufriedenheit und lösen für -ihn die Probleme der Philosophie, indem der Gottesfürchtige dann dort glaubt, wo der Philosoph zweifelt. Vücherbesprechuvgen. Hebräische Quadratfchrift miwrr ana. Don K. Rothschild: Berlin-Leipzig. Heintze L Blankertz. Kalmann Rothschild, Lehrer des Znch^ens und der Handfertigkeit an der Talmud Thora-Realschule in Hamburg, überrascht mit dieser Gabe von neuem die jüdisch-pädagogische Welt, in dir er sich durch seine mit Mandelbaum gemeinsam herausgegebene künstlerische Fibel bereits aufs glücklichste eingechhrt hat. Di.'ses Merkchen von insgesamt 44 Druckseiten ist die wunderbarste Bestätigung des von uns immer verfochtenen Satzes, daß sich alle Fächer des Schulunterrichts von jüdischem Geiste durchdringen und der Ersüllung der jüdischen Seele mit jüdischen Gestalten dienstbar machen lassen. Für die technischen Fächer fehlte es bisher an jeder Anleitung in dieser Richtung. Fetzt, greift Rothschild ein scheinbar ganz enges Spezialgebiet, den Schreibunterricht, heraus und zeigt, wie die hebräische Quadratschrift künstlerisch unerschöpjl'ches Material für die Phantasie des Schülers bietet, welche feinen Abwandlungen ihre Buchstaben ermöglichen, wodurch jedesmal ein eigenariiger Stimmungsgehalt. ein seelischer Formausdruck in das Ganze kommt. Welche Freude muß es dem Schüler sein, wenn er auf diese Weise lernt, die 22 Buchstaben des Alef Beth zu einem Ausdrucksmittel für sein Verständnis eines Tertes, zu einer äußeren Kenntlichmachung des Inhalts, zu einenr dekorativen Ausdruck seiner Liebe zur Sache zu machen. Da erwachen wieder alte Traditionen, die wir in deü herrlichen Hagada-Handschristen der alten Zeit antreffen, wie die nach Schönheit durstende jüdische Seele in die Schrift selbst ihre Freude und ihre Trauer zu ergießen weiß. Eine stimmungsvoll geschriebene Einleitung führt m das Wesen und die Entstehung der jüdischen Buchstaben ein, dann folgt ein Abschnitt über die Schristwerkzeuge, worin die Verwendbarkeit und Anwendung all der verschiedenen Tstpen von Federn, ganz besonders der von der Firma Heintze & Blankertz geschaffenen Redis- und B-Ly-Federn dargelegt werden. Nach einer weiteren methodischen Anleitung für den Lehrer des Kunstschriftunterrichts folgen dann auf Sekte 16—41, auf 24 Seilen, Proben solcher Kunstschrift, eine schöner wie die andere, eine lebendige. Illustration der Thesen des Verfassers; die letzten Seiten geben auch Proben für den Linol-' und Papierschnitt. Rügen niüssen wir nur den Titel des Buches. . Wie ist es denkbar, daß ein Lehrer zu glsichrr Zeit zum Wort um ein männliches und ein werbliches Attribut hinzufügt! Solch eine grammatische Ungeheuerlichkeit auf einem Titelblatt ist unerträglich. Hinzukommt, daß die beiden Begriffe 'msm und 'iay d nette Gegensätze sind,. daß die *ia? ana die alt-hebräische, durch die assyrische verdrängte Schrift ist, düse Zusammenstellung im Titel also eine contradictio in adjekto darstellt. Aber diese Entgleisung kann unsere große Freude über diese Schrift nicht vermindern, die gewiß allen Lehrern und allen Freunden jüdischer Kunstübung eine hochwillkommene Gabe sein wird. Qberrabb. Dr. Carlebllch. Srppurim, Prager Sammlung jüdischer Legenden, Preisgebunden M. 5.59, Wien, R. Löwit, Verlag. Unsere Mütter und Großmütter werden noch heute^ wenn sie das Wort „Sippurim" Hören, das der jüngeren Generation ganz unbekannt geworden ist, leuchtenden Auges froher und traulicher Stunden ihrer Fugend gedenken, in denen sie sich an dem Volksbuch des Prager