Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©e4te 6. Nr. 52 Der Israelit 24. Dezembsv 192V Polen. Abrechnung in der Warschauer Kultusstube. Warschau, 15. Dez. Wir haben bereits berichtet über den Sturm, den die Sejmrede Grünbaums entfacht hat, in der die Orthodoxie als eine Gesellschaft der „finsteren Elemente" bezeichnet wurde, deren Schulen die Negierung nicht unterstützen dürfe. Die Orthodoxie sei früher mit den Russen, später mit den Deutschen gegangen und tanze jetzt nach der Pfeife einer jeden Regierung. Die Rede wurde selbstverständlich aus der rechten Seite mit größtem Behagen angehört. Nachträglich schämte man sich ein wenig, und der „Freknd", der die GrünbaumMe Rede „im Wortlaut" wiedergibt, mildert die krassesten Ausdrücke. An Stelle von „finsterer Orthodoxie" ist Hier das Wort „antiziontstische" gesetzt. Außerdem ist hier zu lesen, „die Orthodoxie geht mit jeder augenblicklichen Regierung" (statt mit Russen, Deutschen usw.). Am Sonntag rechnete der Ratmann und Führer der orthodoxen Aktion im Kehilarat, I. M. Lew in, in der Versammlung des Kehilarates in wirkungsvoller Rede u. a. auch mit Grünbaum ab . Anlaß dazu bot die Dsbatte über das Budget. Lewin gibt einen Ueberhlick über die Verhandlungen mit den Zionisten und zeigt, wie alle Verständigungsversuche an den Zionisten, die immer mit neuen, für die Orthodoxie unerfüllbaren Forderungen kamen, scheitern mutzte. Herr Farbstein, dessen Verdienste für die Kehila anerkannt werden müssen, dürfe nicht die Kehila als Privatbesitz behandeln. Seit dem Tode von Rabbi Jesaja Rosenbaum ist die Stelle des Agudavertreters im Präsidium noch unbesetzt. Rach der Katastrophe in Palästina hat die Orthodoxie den Moment für gemeinsame Hilfsarbeit für gegeben angesehen und sie ries ihrerseits alle Schichten zur Beteiligung an der Sammlung auf, unter der Abmachung, daß ein neutrales Komitee für die Verteilung gebildet werde. Sattdefsen wurde die ganze Sammlung der zionistischen . Zentrale überwiesen. Die orthodoxen Forderungen sind klar und offen. Der Einfluß der Orthodoxie mutz der numerischen Zahl der orthodoxen Eemeindemitglieder entsprechen. Selbstverständlich stimmt die Orthodoxie auch für die Speisung der Kinder in den nichtorthodoren Schulen, aber es könne nur eine Kofcheroerpflegung sein. Er geht dann aus die Reden der Zionisten im Sejm gegen die orthodoxen Schulen ein, die er als Denunziationen bezeichnet, und kritisiere besonders die Rede Grünbaums. In einer Zeit, da es nötig war, der jüdischen Not kräftigen Ausdruck nach außen zu verleihen, steht der Mann, der die Verantwortung für die jüdische Politik für sich in Anspruch nimmt, vor der großen nichtjüdischen Oeffentlichkeit und verleumdet die Anhänger des Thorajudentums als Finsterlinge, noch mehr als politisch unzuverlässige Menschen, die es früher mit den Russen und Deutschen hielten. Mit den nachträglichen Korrekturen in den jüdischen Zeitungen ist diese Schmach nicht ausgewischt. Der Hatz, mit dem Grünbaum hier gegen seine eigenen Brüder vorging, ist nur noch mit einer Psychose zu erklären. Solange die zionistische Organisation sich durch einen solchen Wortführer vertreten laßt, ist sie mitverantwortlich. Die Rede Lewins machte gewaltigen Eindruck auf das gesamte Haus. Tschecho-Slowakei. Der Preßburger Jeschi wotag. ^Pretzburg, 23. Dez. Am 15. Kislew war der Tag, dem Viele mit,Freuden entgegsngssshen haben, und keiner war enttäuscht. Der Gedenktag der Preßburger „Ieschiwa!" Viele Hunderte von Rabbinen und Laien, früheren Schülern und Freunden der Ieschiwa waren dem Ruse gefolgt. Die Teilnehmerzahl dürfte 600 betragen haben, die aus aller Welt, besonders aus allen Teilen des früheren Ungarns herkamen. Ganz Pretzburg, besonders aber das Judenviertel, standen im Zeichen des Festtages. In der vollgefüllten Synagoge hielt Herr Oberrabbiner Schreiber die eindrucksvolle Begrüßungsrede, daran anschließend eine tirfgehende Sugia. Darauf fand eine Konferenz im großen Saale des Bellevue unter Vorsitz des Herrn Oberrabbiner Schill aus Pecinok statt. Rabbiner Mosche Weiß begrüßte die Versammlung im Namen des Vorbereitungskomitees. Huldigungstelegramme wurden abgesandt an den Präsidenten der Republik, Mafsaryk, an den Landespräsidenten und den Kultusminister. Hervorragende Reden hielten der Gemeindepräses von Preßburg, Herr Krauß, und mehrere Oberrabbiner. Ein Festmahl hielt die Gäße lange zusammen. Ausführlicher Bericht folgt noch. England. Das „Balfour-Verfprechen". London, 11. Dez. In der zionistischen Wochenschrift „The New Judea" veröffentlichte der nichtjüdische Politiker Herbert Sideb o t h a m einen Aufsehen erregenden Artikel zur zwölften Wiederkehr des Jahrestages der Balfour-Erklärung. Er behauptet, daß die Absicht bei Abfassung der Valfour-Erklärung zweifellos daraus gerichtet sei, in Palästina allmählich ein jüdisches Staatswesen (commonwealtb) erstehen zu lassen, sonst hätte es keinen Sinn gehabt, in der Erklärung selbst ausdrücklich das Recht der nichtjüdifchen Gemeinschaften zu wahren. Das gleiche gehe aus der Präambel zum Mandat hervor. England habe nur den einen Fehler begangen, zu re-schleiern, was beabsichtigt war. Man hätte den Arabern von vorneherein klar machen müssen, daß sie mit Mesopotamien und Arabien vollkommen zufrieden fein könnten und kein Recht hätten, den Juden die Wiederaufrichtung ihres alten Staatswefens in Palästina zu erschweren. Der Verfasser ist überzeugt, daß die Araber sich diesem Gedankengang gefügt hätten und dann garnicht dazu gelangt wären, ihre heute so unangenehmen Ansprüche auf Palästina geltend zu machen. Sidebotham erörtert dann die Ursachen, die zu dem jetzigen Zusammenbruch der englischen Palästinapolitik geführt hätten in einer sehr gründlichen Untersuchung. Abgesehen von mnerpolitischen Triebkräften in England selbst, wie z. B. die Unpopularität von Lloyd George, sei es das mangelnde Verständnis für die Eigenart des arabischen Charakters und die antizionistische Einstellung der palästinensischen Verwaltung, die mit Notwendigkeit zu Mißerfolgen führen mußten. Man habe die Beamten falsch ausgewählt. So fei der britische Name jetzt in der ganzen Welt kompromittiert. Sidebotham verlangt, daß das Churchill-Weißbuch von 1922 widerrufen und statt dessen offen die Etablierung eines künftigen jüdischen Staates in Palästina unter voller Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte der Araber als Programm Englands verkündet werden solle. Das allem, so sagt er, ist unser Mandat in Palästina, und wenn wir davon abweichen, sind wir bloße imperialistische Eindringlinge. Gegenüber einer solchen Erklärung würde, nach Sidebothams Ansicht, die arabische Opposition zusammenbrechen in dem Bewußtsein, daß die Araber nicht die Kraft hätten, sich gegenüber einem festen englischen Entschluß durchzusetzen. Die Polizei muß reorganisiert und vornehmlich aus Juden zusammengesetzt werden. Auch müßte den jüdischen Kolonien Selbstschutz gewährt werden und die Palästinaadministration sei einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Als geeigneter High Commissioner für Palästina komme Lord Plumer in Betracht, wenn man nicht, was noch besser sei, von Südafrika General Smuts für diese Aufgabe gewinnen könne. Der Artikel Sidebothams dürfte allseitiges Interesse erregen, doch ist anzunehmen, daß man seine Stimme als die eines Rufers in der Wüste bezeichnen kann. England wird sich um des „national Home" willen nicht mit. dem Islam Überwerfen. Italien. Ein neues Gemeindegefetz. R o m, 15. Dez. Die Ministerialkommission, die vor einiger Zeit beauftragt wurde eine neue gesetzliche Regelung des jüdischen Gemeindewesens in Italien vorzubereiten, hat ihre Arbeiten abgeschlossen. Die Kommission hat zunächst die recht buntscheckige Rechtslage der jüdischen Gemeinden in den. verschiedenen Teilen Italiens geprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß sich eine einheitliche Regelung empfiehlt. Die Gemeinden werden als öffentliche Körperschaften anerkannt, die der Staatsaufsicht unterliegen, sodaß insbesondere die Gemeindepräsidenten von der Negierung bestätigt werden müssen. Die Verwaltung obliegt einem Vorstand von 3—15 Personen. Die Zugehörigkeit zur Gemeinde ist eine obligatorische. Es unterstehen ihr Kultus, Wohltätigkeit, Eheschließung und Wohlfahrtswesen. Die Gemeinden haben das Besteuerungsrecht. Sie werden durch eine Gesamtgemeinde mit einem obersten Rat in Rom zusammengesaßt. Es bleibt abzuwarten, ob der Entwurf in der vorliegenden Form vom Ministerium genehmigt werden wird. Schweiz. Ein Jude ins höchste Landesgericht berufen. Ver-n,, 15. In der in Bern tagiertiiten: BuMesvörfarninüM'g vom 12. Dezember a. c., wo zweiit« BunÄeskäte WwähÄ wurden, wurde auf Vorschlag der sozialdemokrat. Fraktion der Berner Rechtsanwalt Camille Guggenheim zum B an de sprich tvr miit großer Stimmenmehrheit gewählt. Reben den SoMödemokraien MMmcken. auch die Freffimvigen und Kacholi-ken für den noch jungen Mischen Anwalt Cs -ist Öres das erste Mat. daß -eito Jude in das höchste Landesgemch-t der Schwerz (wie Reichsgericht in Deutschland), und zwar ohne jeden Kamps berufen wu/rde. GuMenhetm gehörte feÄ Jahren auch dem Berner Großrat am. Er ist in Z-osstnsen geboren, sein Vaier stammt aus En bin gen, der ältesten jüdischen Gemeinde in der Schweiz. Rußland. Führer der Moskauer jüdischen Gemeinde )« Gefängnis verurteilt. Moskau, 11. Dez. (B. WidorowÄtsch und Z. Brands,, BecmÄe der AM fang bs. Js. von der Regierung ausgieWsten größten jüdischen KredÄgenossenschaift „Truid-Kredit" u/nö1 gleichzeitig Führer der Moskauer jüdischen Gemeinde, wurden v om Gericht unter der BeschuMigung, den MÄglLedorn der Krediit!g,enossenis'chasden zn hohe Zinsen für die ihnen knedÄtweise zur Derfügung gestellten Rohmaterialien ausgerechnet zu haben. Verurteilt. WidorowAsch erhvcW zweieinhalb, Brande eineinhalb Jahre Gefängnis zulMiierit. „Timd-KrisM" pslegte mehr als 3000 jüdische' KlEhandwerker und HeiMiarbeitier regelmäßig mit Kve>- Men und Rohstoffen zu versehen. Die VerurteiÄen sind beide ürc. der Moskauer Judenhsvt hoch geachtete Perfönf'ichtebten; WidvrowUsch ist ein SchwieFersohn des Moskauer Rabbiners. In dem AMageaLt wurde ausgesührtz daß „Trud-Kredid" 'durch eine Gruppe jüdischer nütiionalisKscher Bourgeois, die in enger Fühlung! mit der Verwaltung der Moskauer jüdischen Gemeinde arbeiteten, gegründet wurde; damit wurde angedeutet,, daß ine Beamten der Krediitgenossenschaft ihre Position ausgenutzt hätten, um die Jüdische Gemeinde mit Geldern der (Be* nofssnifchaft zu unterstützen. (ITA). Palästina. Die Untersuchung in Palästina. Jerusalem, 6. Dez. Am 13. Dezember erschien als zweiter zionistischer Zeuge vor der Kommission der Direktor der Anglo- Palestkne-Bank, Herr H o o f i e n. Cr vertrat mit Dr. Braude in der llnruhezeit die abwesende Zionistisch» Exekutive. Er schildert die jüdische Kundgebung als absolut harmlos. Bezüglich des jüdisch-arabischen Wirtschaftsproblems, berichtet er, daß die Juden 45 Millionen Pfund in der Wirtschaft Palästinas investiert haben. Mel Wisches Geld sei in arabische Hände geflossen. Aller gekaufte Boden wurde bar bezahlt. In Haifa zahlen jüdische Mieter an arabische Hausbesitzer 55 000 Doll, jährlich. Die Juden wollen keinen Staat, nur ein Nationalheim. Die Klagemauer ist unsere Heiligenstätte. Daß die zionistisch« Organisation den „Brith Trumpeldor" subventioniere, ist eine der Behauptungen, die aus der Lust gegriffen sind. Merriman bestätigt und unterstreicht dir Angaben Hoofiens über das Wirtschaftsproblem. Die Juden zahlen viermal so viel Steuern als die Araber. In vielen Fällen konnte sich der Araber nur mit Hilfe des Juden auf seinem Boden halten. Eine erregte Auseinandersetzung mit dem arabischen Vertreter setzte die Angabe über die Hebroner Metzelei ab. Es wird Braude und Hoofien zum Vorwurf gemacht, daß sie sich mit einem Telegramm direkt nach London gewandt hatten und Greuel in allen Einzelheiten schilderten. Hoofien sagt: „Das war unsere Pflicht. Der Bericht über die Verstümmelungen entsprach der Wahrheit." Merriman legt nun Photograsien vor, die die Angaben bestätigen. Er halte fest daran, daß Greuel, auch sexueller Natur, in Hebron vorgekommen sind. Nach der Vernehmung von Oberrabbmer Kuk, über die wir in voriger Nummer bereits berichtet haben, kommt der jüdische Bizebürgermeister von Jerusalem, Ehajim Salomon, zum Verhör. Er war zur Zeit der Anruhen der Vorsitzende des Waad leumi. Tr macht seine