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Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. öl. Seite ö 19. Dezember 1929 Der Israelit ein schöpferisches, das kein bloßes Wissen mehr ist, sondern eine Kraft, die Kraft der Erneuerung geistigen Judentums. Alles Wißba-re sei noch Leine Lehre; diese beginnt erst dort, wo das Wißbare aufhört; aber ohne diese Voraussetzung und Grundlage des Wißbaremi, die umfassende Kenntnis des Judentums, habe niemand die Gewähr, daß das Originelle, Neue, auch zu jüdischer Lehre führe. Denn Israels Große „müssen erst die Seinen sein, ehe sie schöpferisch weriden" können. Ist es, fragt nun Rosenzweig,, für das Gebiet des Gesetzes, der Tat etwas anderes? Alles „Tubare" ist noch keine Tat; keine gestaltende, bauende am Judentum. Aber alles, vom Thoragesetz bis zum letzten Paragraphen des Schulchan Aruch ja bis zum kleinsten Minhag, ist das Fundament, das uns zu eigen werden muß, wollen wir anders die Gewähr haben, daß unsre Tat — auch jüdische Tat, daß das Gesetz sich uns zum Gebot, zum unmittelbaren Ausdruck des nach Tat dringenden Augenblicks werde. Nur so erhält das Gesetz seine „Heiligkeit", die Bewährung seiner Ewigkeit wieder. Wie kein Weg zur Lehre führt als über die Gesamtheit des W iß baren, so keiner zu jüdischer Tat als über die Summe d es Tub ar e n. Wir können eben nicht Bauleute sein, ohne zugleich Söhne zu sein. Aber, so stellt Rosenzweig nun sich und den Genossen die große Entscheidungssrage: sind wir 'denn noch Söhne, können wir es wieder werden? Ist nicht romantische Schwärmerei eine — Lüge, bezüglich der Lehre eine gesagte, bezüglich des Gesetzes eine getane? Darauft gibt er eine herrliche, meorestiefe Antwort: Wir sind' ein geschchtloses, d. h. ewiges Volk. „Unsre Ewigkeit macht uns alle Augenblicke unsrer Geschichte gleichzeitig. Die Rückwendung . . . (zur jüdischen Vergangenheit) wird uns zur ständigen Lebensnotwendigkett. Aber freilich zur Lebens Notwendigkeit — wir. müssen m> unsrer Ewigkeit leben können. Deshalb genügt uns gegen die Gefahr jener Rückwendung nicht der Schutz, der den Völkern sonst genügen darf — der Schutz ihres Instinkts für das Lebenskräftige, Gesunde der Vergangenheit — der Schutz des Instinkts muß uns mit stärkeren Sicherheiten umgeben. Diese Sicherheiten liegen in unsrem Können. Die Einsetzung dieser Berufungsinstanz könnte höchste Frivolität sein, wenn sie nicht höchster Ernst wäre. Im höchsten Ernst. hat fcier Midrasch Israels freies Annehmen des Gotteswortes „unterm" Sinai in ein gezwungenes, g o t t gezwungenes umgedeutet . . . Die letzte Wahl ist unsrem Willen entzogen und unsrem Können vertraut." „Freilich, sowie das Können kann, kann es nicht mehr anders, es wird Richtanderskönnen, Müssen. . . . Wie unser ganzes Sein vor die Aufgabe der Heimkehr gestellt ist, so muß auch das Aufnehmen durch unser ganzes Sein geschehen. Die Cnscheidung, die aus dem Könne-n ,geschieht, kann nicht irren, weil sie gar nicht zu wählen, nur Zu gehorchen hat. . . . Nur daß uns allen die Möglichkeit zu können gegeben ist, das wissen wir. , Es ist uns das Grundgefühl des gemeinsamen — und auch des einsamen — Lebens: das Gefühl, Kinder der Väter zu fein und Ahnen der Enkel. Darum dürfen wir erwarten, uns . . . in jedem Wort und in jeder Tat der Väter wiederzufinden, und hoffen, daß unser Wort und -unsre Tat für die Enkel nicht ungesprochen und nicht ungetan fein wird." Wir glauben, daß ernster und tiefer die seelische Bestimmtheit und Verpflichtung des historisch prädestinierten, des wählfreien und doch nicht ohne Selbstaufgabe wahlfreien jüdischen Menschen nicht ausgesprochen werden kann. Zu jedem Besinnlichen sprechen sie eine erschütternde Sprache. Diese historische jüdische Vorbestimmung steht bei Rosenzweig aber mittenl hinein verflochten in sein philosophisches Weltbild, ist nur ein Teil der Geschichte von der Verwirklichung der Offenbarung^ Aus der philosophischen Gesamteinstellung resultiert ihm alles Einzelne. Daher gehörte er keiner Partei und doch wieder allen an; darum ist er abseits der Heeresstraße der Vielen, einsam und doch mit allen vereint, seine Bahn gezogen. Keiner kann ihn für sich in Anspruch nehmen und allen hat er unendlich viel Neues zu sagen. Vor allem stehen Sein und Sollen im Judentum, sind Schöpfung und Offenbarung bei ihm, dem philosophisch blickenden, nicht in der Kontrastierung, zu der der Kampf der Nationalisten und Religiösen sie zugespitzr hat. Zu tief ist für ihn das Ideal in die Wirklichkeit eingebettet, zu weit streckt sich die Wirklichkeit, wie das oben angeführte Zitat es ausspricht, dem Ideale ihrer Bestimmung entgegen, als daß sie je getrennt werden könnten. Aus der Ganzheit des Juden und des Menschen nur erwächst chm die Verwirklichung des Ideals; nicht „aus einem Kanon ab grenzbarer „jüdischer Pflichten" — Vulgärorthodoxie — oder „jüdischer Aufgaben" — Vulgarzionismus — oder gar (Gott behüte!) „jüdischen Ideen" — Vulgärliberalismus". „Das Unbegrenzte versagt sich der Organisation".. „Das Jud-efem des Einzelnen karmi nicht auf der Nadelspitze des Warum tanzen", „Ein Volk -ist keine Rechtstatsache, Blutzeugentum kein Rechenexempel." Er hat den Atem seines Volkes verspürt, aber den heiligen glühenden Atme des wahren Israel, sein Judentum trat chm entgegen mit der großen naiven Selbstverständlichkeit und umfassenden Lebensganzheit, wie vmm er unsere klassische Zeit erlebt hätte. Es hat das Judentum geschaut, nicht forschend erarbeitet; es konnte daher so gläubig-kritisch, so frei-gebunden, so religiös-philosophisch sein. Rosenzweig war wohl Baal-Teschuba; aber seine jüdische Auffassung hat.keine Spur und Flecken des Kampfes, des inneren Ringens, der apologetischen Gewaltsamkeit; sein- Judentum, ward ihm, wie den großen Lieblingen Gottes, zum Geschenk, zur Gabe, zur Gnade. Für dieses Geschenk hat er Opfer des Dankes dem Gott der Offenbarung gebracht, hat er zehn schwere Jahre lang geopfert mit allem, was er war. Eine tückische Krankheit lähmte ihm Hand, Mund und Körperkraft; aber er nahm sie hin als Leiden der Liebe, ohne von der Thora zu weichen. Kein Wort der Klage, des Vorwurfs, des Rechtens mit seinem Geschick kam über seine reinen Lippen, bewegte feine reine Feder. Ja, -nicht einmal in schweren Ernst ging seine Betrachtung über. Nach wie vor atmen seine Worte den befreienden, beglückenden Geist eines genialen Erkennens und haben die Würze einer Ironie, treffsicherer Sprachgewalt, sprudelnder Lebensfrlsche und Lebendigkeit. Daß wi>r sie besitzen und uns ihrer freuen könrien, das danken wir seinem heldenstarken Weibe, die gesegnet sei vor allen Frauen, die seine Gedanken und Worte ihm abgelauscht, mit der Hellsichtigkeit der Liebe sein Stammeln zu deuten, seine Absichten zu erahnen gewußt. Wir stehen vor diesem heiligen Willen zweier,Wenschen, alle ihre Kraft dem Höchsten zu Nomen und der Menschheit zu schenken, wie vor -emem Rätsel. Ein Wunder ist Rosenzweigs Gesckfichte, ist vor allem die Geschichte dieser zehn Jahre des Ringkampfes mit dem Engel, der ihn nicht verließ, bis er ihn mit höchster Lebensverklärung, reinster, fast überirdischer Vergeistigung gesegnet hatte. So stieg er empor und erbeutete Beute; für uns brachte er von der Schau der Höhe das Köstlichste heim. Seine im „Zweistromland" zusammengefaßten Schriften zur jüdischen Erziehung, über das Wesen des Judentums, über die heilige Sprache, über altes und neues Denken sind der Niederschlag der Gedanken eines so strengen, nein so milden Geistesrichters, mntfi der .rückblickend seinen eigenen Werdegang leuchtend nachzeichnet. Die Schau trug ihn höher und; höher; er wurde zum Dichter, besser: zum Einfühler und Nachdichter des Größten, was wir Juden besitzen. Erft waren es Iehuda Hatevis Hymnen — wie kann man nur, ohne zu sprechen kaufen ihre Diätund Nahrungsmittel im REFORMHAUS Schäfergasse LS, Rufnummer Hansa 1484 Zweiggeschäfte; Höchst, Anioniterslrasse 31 Eschersheim, Am weißen Stein 19 D und zu schreiben, dichten! — durch die er zugleich in seinen Erklärungen grandiose Blicke ln die Seele religiöser Poesie uns tun läßt, den frommen Dichterphilosophen uns erschließend. Und dann gab er als seinen Schwanensang die Bibelübersetzung (gemeinsam mit Buber). Jedes Wort dieser Verdolmetschung der Schrift ist ihm Glaubensbekenntnis, künstlerische Neuschöpfung, demütiger Dienst im Höchsten. „Gottes Gedcmken sind nicht unsre Gedanken, aber Gottes Wort ist auch der Menschen Wort", jubelt es in ihm, der der toten Gedankenphilosophie seiner Vorgänger die Philosophie des Wortes, eine „erzählende Philosophie" entgegengestellt hatte. So will er Himmel und Erde in der Wiedergabe des göttlichM: Wortes vermählen. Jetzt, da er daran ging, Jesajas zu übertragen, daß „der Himmel höre und die Erde lausche", da siegten die Himmlischen über die Irdischen und trugen seine reine Seele davon. Rosenzweig suhlt sich als ein durch Hermann Cohen Erweckter. Wir wollen dem genialen Schüler und Vollender jene Worte weihen, die er von seinem Meister gesprochen: „Er hatte ein ursprüngliches, kem ungelerntes Verhältnis zu den -letzten Fragen. Das trieb ihn hinaus zum unmittelbaren Auge in Auge mit diesen Fragen . Hier brach das zutiefst Kindliche feiner großen Seele ganz ans Licht. Er war eben im Grunde ganz einfach Er war ein frommer Mensch." Korrespondenzen « Rach rieb len. Angara. Adolf Frankls Wahl zum Oberrabbiner. Budapest, 15. Dez. Irr Ergiün-zuns und teÄweiser Berichtigung des Berichts, der inde-r vovkstzlen Nr. Ihres Blattes über die Wahl von Herrn Adolf Frankl zum Oberrabbiner der orth. GemMnde M Budapest osröffentUchl wurde, tft sestzustellen, daß es sich hi-erbet leÄMch um dt Schaffung der Mietzlichen Vorbedingung für die Besetzung! der Ehreustelle des orthodoxen OberhausmiitizMede's h-anÄeG. Herr Frankl wird die Sielle emes Ober-rabbine-rs vollkommen -ehrenamtlich bekleiden- und es -ist nicht auzuniehmsn, daß h-trdurch die Wi-ederbefetzun-g des durch den heMN-MMMGenen Obe-rra-bb-iner Kappet Reich W be-kloi-- dete-n Amtes durch eiinie andere rabbin-ische Persönlichkeit vorweg Mnornnveir wird. Es ist also auch durch die setziig-e Wahl dem Chasoko-Recht, d-a-s -tu Ungarn be-ka-nutll'ch MgikM-Manerkannt wird, in k-eiiuer Weife prästidiziert. Tschechoslowakei. Annullierung der Prager Kultuswahlen. Prag, 13. Dez. Die Repräsentanz -der Prager Kü-ltusgememLe hat IBothetifalenöer. v. 21. — 28. -Dezember 1929 n. 19. — 26 Kislew 6690 Samstag 21 19 Sonntag 22 20 Montag 23 21 Vienstag Dez. 24 & 22 Mttwoch 25 23 Donnerstag 26 24 srettag 27 25 samstag 28 26 novo na» vnnn panav avn

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