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Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 51 Der Israelit 1000 schreibfertige Füllfederhalter zur Auswahl mit 14karat. Goldfeder ab Rmk. 3.75 Hausmarken: Ceka und Juwel Parker-Duofold, Wahl, Waterman, Osmia Pelikan, Montblanc und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 1919 erschien. Damit hatte Cohen den Bruch mit seiner philosophischen Vergangenheit besiegelt. Das Buch ist das Zeichen .„einer vollendeten Heimkehr, wie es ihre Frucht ist." Es war daher bezeichnenderweise „keiner Schule mehr gewidmet, sondern dem Vater, dem er den leiblichseelischen Zusammenhang mit der Heimat des Geistes rind des Blutes verdankte." Das waren die beiden entscheidenden Ainstöße in Rosenzweigs geistiger Entwicklung. Zwei Jahre später, 1921, trat er dann mit dem bedeutsamsten Werk seines Lebens an die Öffentlichkeit, mit dem „Stern der Erlösung". Es ist nicht leicht, im engen Rahmen die tiefgreifende, revolutionäre Wandlung, die durch dieses Werk das philosophische Denken erfährt, zu kennzeichnen und es auszusprechen, wie jetzt bei Rosenzweig das Judentum, die Religion, zum Herzstück seines philosophischen Gedankengebäudes wird. Einige kurze Striche mögen aber das Wesen der Sache etwas verdeutlichen. Der herrschende philosophische Idealismus hatte „das All" zum Gegenstand, als wenn alles Seiende ein einziges Ganze wäre, beherrscht vom Logos, oder richtiger, als wenn das philosophierende Ich durch die ihm innewohnende Vernunft und durch seine Denkgesetze der Welt das Gesetz ihres Seins vorschreibe. Dieser „Pan", dieses All wurde wie ein ewig sich Gleichbleibendes behandelt, alles Zeitliche in ihm war eigentlich nur zufällig, nur durch die Konstitution des betrachtenden philosophierenden Subjekts hineingetragen. Raum und Zeit, Tod und Vergänglichkeit, Wachsen und Abnehmen sollte es nur in der Welt der Erscheinungen geben, denen unsere Vernunft ihre Grundlegung, ihre Gesetzlichkeit gibt. Die Welt der Dinge an sich, auch unser uns unbekanntes Ich an sich unterliege der Zeit nicht. (Wenn das nicht- 'nutzt?) Das Fest der Makkabäer naht heran und auch der „Makkabi" unstrer Zeit zeigt, was er kann. Er'shlägt Rekorde, er spielt, er bork, ex kämpft um Pokale, er gewinnt Preise. Nur eines wird er, werden sich seine begeisterten Heldensänger in der Presse nie erringen, nämlich das Wissen um den wahren MaUabäerpreis, der „nicht mit - Kraft und nicht mit Macht" gewonnen wird. Die Jüdische Telegraphenagentur bringt zwei Tagesnachrichten auf einmal. „Im Saalbau F ie'ürichshain zu Berlin fand die Endrunde um den Goldstein- Pokal zwischen dem jüdischen Borklub „Makkabi" und dem Borsportklub „Heros" statt. Der Kampf gestaltete sich außerordentlich hart. Im F iegengewicht si:gte Ball (Makkabi) einvandfrei gegen Czapla (He"os), während Hopp (Heros) im Bantamgewicht drnch Punk'sieg über Ba'sam (Makkabi) wieder g'eichzog. Der deutsche Federgewichtsmeister Fuchs (Makkabi) konnte durch einen enormen Schlußsport eine knaope Pnnktentscheidung gegen Moehl (Heros) erreichen. Dir Makkabi-Mannschast konnte ihre große Form auch in den oberen Gewichtsklassen Weiter: Tennksmeister Dani:l Prenn, der bekanntlich ein ans dem Osten stammender Jude ist, ist erster der deutschen Tennis-Rangliste, Sieger über prominente Vertreter der Weltklasse, taktisch einer der rafslniertesten Spieler Eu-oxas. Brachte gemei sam mit Moldenhauer in den Kämpfen um den Davis-Cup Deutschland auf den dritten Platz unter den Tennis-Nationen. Wenn das nicht nützt! Diese Auffassung, 'die dem Menschen über die Sorge vor dem Tod und der Vernichtung hinwegyelfen sollte, steht aber im kratzen Widerspruch zu jedem natürlichen Denken, in dem die Zeit und die Entwicklung etwas ungeheuer Entsmeldendes, das Realste allen Realen ist. Es ist ein Unding zu sagen, wir tragen die Zeit als eine Funktion in das All hinem, sondern die Zeit ist ein beherrschender, alles regelnder, entscheidender Ausgangspunkt für alle Weltbelrachtung. Diese kann nicht anders erfaßt werden wie als eine Weltgeschichte mit einem Anfang, einer Entwicklung, mit einem Ende, einem Ziel. , Ebenso unerträglich ist es aber, das „All" in solcher Einheitlichkeit zu fassen, wie der Idealismus es will; das hatte der metaethifche Mensch, die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Seins unwiderleglich gezeigt. Der Logos gilt nur für die Welt, nicht für den Menschen und kann infolgedessen ebensowenig vom Menschen in die Welt hmeingetragen sein, sondern ist das Charakteristische der Welt im Gegensatz zum Menschen, der in die Welt mit seiner aioQi\d)en Besonderheit, mit seinem Selbst nicht ausgeyen kann. Und so wenig wie Mensch und Welt in em All aufgehen, so gewiß dieses in zwei Elemente sich spaltet, so bleibt dann auch kein Recht der Philosophen, Gott in die Welt aufgehen zu lassen. Gott, Welt und Mensch stehen sich als die drei aufeinander nimmermehr zurückführbaren Elemente des Seins gegenüber. Indem diese drei Elemente aus ihrer metaphysischen, metaethischen und metalogischen Erstarrung und Verzauberung heraustreten, um aufeinander zu wir k e n, werden Schöpfung, Offenbarung und Erlösung die drei großen Abschnitte der Weltgeschichte, die Kategorien alles Weltverstehens, indem einmalig Gott die immer gleichbleibende Dauergestaltung des Kosmos schafft, indem derselbe Gott in immer erneuter Liebe sich dem Menschen offenbart und ihn zum Empfänger einer höheren Lebens- und Weltbestimmung macht, indem endlich der Mensch, durch die göttliche Liebe zur Weltbeseelung, zur Bruderliebe und schöpferischen Gestaltung an der Welt berufen, diese ihrer Vollendung, der Erlösung, entgegenführt. In diesem großen, neuen Weltaspekt, den das Rofenzweig'fche Werk gibt, gehen Natur und Geist, die Geschichte der Erde und der Religion in eine einheitliche Weltbetrachtung ein. Jede von Adam an beginnende historische Offenbarung, jede religiöse Erweckung von Einzelnen und Völkern, sind ein neuer Beweis für die immer wieder erneute „Geburt der Seele" im Menschen. Von dieser hohen Warte aus werden alle Religionen an ihrer Stelle verständlich, hat jeder Mensch und jedes Volk und jede Gemeinschaft notwendig ihre eigene religiöse Geschichte, ihre eigene Gotterweckung, durch die sie Diener an der Erlösung werden. So steht alle Befand erung und Eigenart der Menschen, auch Israels einzigartige S.t e l l u n g i m Weltganzen im natürlichen großen Zusammenhänge der „messtanischen Erkenntnistheorie". Von solchem Standpunkt aus vermag Rosenzweig in gerechter und freimütiger Würdigung aller religiösen Kräfte in der gesamten Menschheit sein jüdisches Bekennen, feine jüdische Eigenart, die jüdische Lebenshaltung ganz unverkürzt in das volle Licht seines philosophischen Gedankenganges zu stellen. Gottes Wissenschaft oder die Theologie ist nicht mehr Gegensatz zur Philosophie. Ja, so umfassend ist die Weltör.schau, die sich auf diesem Sechsstern der Begriffe: Gott - Welt — Mensch einerseits und Schöpfung - Offenbarung — Erlösung andererseits aufbaut, daß auch alle philosophischen Systeme und alle sogenannte natürliche Religion, wie sie sich unter den Menschen gebildet hat, wie alle weltgeschichtlichen Religionsformen ihre Deutung und Erklärung, ihre Stellung im System erhalten. Nicht zu beschreiben ist die Fülle des Lichts, die dieses Buch auf die Worte der Bibel und die Worte unserer Weisen wirft. Ich persönlich muh bekennen, daß es mir für die Erfassung der „Gelb. Dezember 1929 hermnisse unserer Tauroh" ein Wegweiser und Erleuchter war wie kein zweites Werk der Gegenwart. Und daß ich mich in diesem Eindruck nicht täusche, das haben mir die Kurse gezeigt, die ich über das Rofenzweig'sche Werk vor vielen Denkenden meines Kreises abgehalten Habs. Ich betrachte mich von der Stunde an, wo ich das Buch tas, als ein Schüler dieses großen Meisters der Gedanken. | Hier wird nichts Jüdisches vertuscht oder um- ' gangen. Hermann Cohen kennt z. B. von allen jüdischen Festen nur Rosch Haschana und Jom Hakkippurim, weil sie allgemeinmenschliche religiöse Elemente zur Grundlage haben: die Gedanken von der Weltregierung, vom Weltgericht und der Versöhnung. Unsere drei Wallsahrtsseste mit ihren besonderen nationalen Inhalten kennt „die Religion der Vernunft" nicht. Bei Rosen«zweig reihen siefich in den Dreiklang der Weltkategorien ungezwungen ein, indem sie in unserem religiösen Jahr ein Abbild der Weltenentwicklung uns immer wieder vor Augen führen sollen, Peßach als das Fest unserer Volksschöpfung, Schwuaus als das Fest^der Offenbarung und Sukkoth als das Fest der Welternte, der Vollendung und Erlösung. Oder: Für Cohen konnte das jüdische Gesetz nur als Leib Israels, als äußeres Erhattungsmittel in seinem System einen Psatz finden, und die ganze wunderbare Geschichte unseres Volkes wird so gut wie verschwiegen. Bei Rosenzweig wird das jüdische Gesetz in seiner Gott, Welt und Menschen eilenden Kraft erfaßt, avh rrwoBY h"n XViip tin'' als Werk der Einung Gottes mit seiner Schechina, als ein Schritt zur Durchseelung und Durchgeistigung, kurz zur Erlösung auch der dinglichen Welt durch den zur Seele erweckten Menschen; hier wird die jüdische Geschichte zur Grundlage der Gewißheit und Sicherheit, daß alles persönliche religiöse Erleben von heute im Einklang mit dem historisch gewissen Erleben unseres Volkes steht. Mit diesem Werk, obwohl es keine Philosophie des Judentums und keine jüdische Philosophie sein sollte, sondern die Philosophie eines Juden, ein alle Erfahrungen der Menschheit und des Lebens würdigender Weltüberblick eines sein Volk und seine Vergangenheit als Fakten, als unerschütterlichen Tatsachen in die Weltbetrachtung einbeziehenden jüdischen Denkers, hatte er der Welt zum Ausdruck gebracht, wo er selbst seinen Platz suche und einnehme. Es hatte ähnlich dem Werke Hermann Cohens dem Judentum ein neues Ruhmesblatt hinzugesügt, denn auch Rosenzweig hatte ausgesprochen, daß er zuerst den Juden in sich und dann hm Menschen entdeckt habe. Als er sein Werk/vollendet hatte, das große Bekenntnis seines Lebens, da gründefe^erin Frankfurt am Main ein Haus. Da trat er dort in Beziehung zu Nehemias. Anton Pöbel, dem Rabbinerphilosophen, gleich ihm Schüler- Hermann Cohens, aber gleich ihm über Cohen zum Volljud entum hinüb ergreifend. Und yun bewies Rosenzweig, daß ihm seine philosophische These Lebensmaxime bedeutete.' Sein Haus, wie seine eigene Lebensführung, ward die eines echten, „antiken "Juden. Daß er das ganze I u.d e n tum meinte, daß er nicht eine bequeme Auswahl wollte, für die irgendeine Modephilosophie oder Lebensraison als Rechtfertigung ZU finden nicht schwer fällt, das zeigte er klar und eindeutig in seiner Auseinandersetzung mit Martin Buber: „Die Bauleute". Sw knüpft an das Wort der Weifen an: -pjn3 x^-x *pa •npn und sagt: mir können tt ich t Bauleute des I u d ent um s /gestaltend und fortbauendfein, ohne zu gleich seine Söhn e, Kin der f e iner Berg an genh eit zu sein. Jnbezug auf die L e hre I § ra eTs hatte Buber dies ausgesprochen; erst müsse man alles, was die jüdischen Schriften enthalten, mag es wesentlich zu sein scheinen oder nicht, alles „Wißbare" sich zu eigen machen; dann erst könne man ein Wissen vom Judentum haben. D. h. ein selbständiges,

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