Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450598--76552-2534136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

j9. Dezember 1929 Dsr 3 s r flj l i t Nr. 51. Seite 3 Die von der jftegtermig bewilligten Gehaltszuschüsse aber werden in allen Fällen vom Gelnerndeetat g,edeckt und wird es der Regierung gleich sein, wie und unter welchen Voraussetzungen die Gelder an die Führer der Gemeinde ausbezahlt werden. In dem Aufruf werden warnende Stimmen der großen Männer, wie Rabbi Chajim Volsker, Rabbi Hirfchel, Rabbi Dowid« Karlmer, Rabbi Josef Löb Telfcher und b"n2nb Rabbi Chajim Oser wiedergegeben, die von dinier Rabbinerbehärde eine unheilvolle Erstarrung des litauischen Judentums befürchten. Wir haben in Westeuropa Präzedenzfälle genug, so daß wir uns mit vollem Herzen den Warnungen anschließen können. Wir zweifeln auch keinen Augenblick daran, daß die versammelten Rabbiner in Kowno alle Gesichtspunkte in Erwägung ziehen und sich nicht von Drohungen oder Lockungen zu einem Schritt bestimmen« lassen, der rn der erste Schritt zum Untergange des litauischen Judentums sein könnte. Franz Rosenzweig Bon Iofeph Earlebach in Altona. „Dort, wo die Baate Teschuwa stehen, können' selbst die vollkommensten Gerechten nicht stehen." Dieser Satz ehrfürchtiger Anerkennung dessen, der sich selbst verleugniet, der die natürliche Entwicklung seines Selbst mit machtvoller Hand zurückwirft und, Vergangenheit und Milieu und Gewohnheit nicht achtend, die neue-alte Bahn zu der seinen macht; dieses Wort hoher Vewundsrung gegen jene Charaktergröße, die Trotz, in Treue zu verwandeln die sittliche Kraft hat, es gilt vor allem d«emjenige>rii,der ein Baal Teschuwa auch im Geistigen ist, der das Problematische aller Erkenntnis und allen philosophischen Denkens, die den Intellekt fesselnde Kraft voraus-! setzungsloser Wissenschaft zutiefst ersaßt hat und doch den Mut, den ungeheuren, aufbringt, zu Israels hochmütig verachteter Wissenschaft in Liebe sich zu wenden uir.fr zu seiner Lebensaufgabe sich zu bekennen. Solch ein großer Heimkehrer war Franz R o s e n z w e i g , in der Offenheit und Selbstlosigkeit seiner geistigen Umkehr wohl von keinem in unseren Tagen erreicht. Nimmt man noch hinzu, daß sein ganzes äußeres Schicksal tveftragisches Gepräge trägt, und daß er sein Schicksal wie eir> Knecht Gottes tu messianifcher Erhabenheit getragen hat, dann frarf man auf! ihn in dieser schmerzerfüllten Woche, da wir um ihn trauern, die Worte sprechen: Er, der die Ehre gegeben dem Gotte Israels, er war dorthin gelangt, wo wir nicht zu stehen vermögen. so fern dem Ideal der Thora, nicht so erdverbunden, wie es im stumpfen Spiegel des Alltagskampfes euch selber und Anderem scheinen will. Kleines Feuilleton. Doktor und Jude. Mitgeteilt von Z>. Schreiber, Antwerpen. Der zu seiner Zeit vielbeschäftigte Breslauer Arzt, Dr. Friedländer, befand sich im Empfangssalon eines wohlhabenden Kranken, zu dem er hastig gerufen worden war, da stürzte unversehens dessen Tochter ins Zimmer und rief in ihrer Erregtheit über den Zustand ihres kranken Vaters: Ist denn der Jude (sie meinte Friedlünder) noch immer nicht da?! Nach geschehener Konsultation übersandte der brüskierte Arzt folgende Verse der jungen Dame, die ich in den nachgelassenen Papieren meines sel. Vaters fand und dem Leserkreis des „Israelit" nicht vorenthalten möchte. Ich glaube, daß die treffende, m. W. bisher noch nicht im Druck erschienene Improvisation es auch verdient. Sie lautet: Tausend. Dank Dir, tausend Segen, Daß Du Jude mich genannt. Was ist am Doktor mir gelegen, Haft Du nur den Jud erkannt. Der Titel „Doktor" ist erstanden Vor Kurzem erst, aus Eitelkeit, Der Titel „Jud" .ist vorhanden Lange schon, eine Ewigkeit. Jenen kann man sich verschaffen Durch Geld und Schule, oft so leicht: Die Lebensbahn Franz Rosenzweigs ist deshalb von so unsagbarer Bedeutung für die ganze Jufrenheit, weil er eiintzig und allein ein Phil osoph war. Sein Leben, Leiden upd Sterben mar das eines Philosophen, und als Philosoph, d. h. nur und allein aus philosophischen Gründen hat er mit der Weltanschauung der Kathederwissenschast gebrochen, ist er zur Religion, zur Bibel, zur Offenbarung zurückgekommen; als Philosoph, d. h. nur aus philosophischen Grünfreir« hat er sich zum jüdischen Leben, zur jüdischen Tat gekehrt. Die Geschichte feines Lebens ist ein Denkprozeß, ist die Geschichte einer philosophischen Entwicklung. Kein Anstoß von außen, keine Gruppen- oder Massenbewegungen, kein Amt und keine familiäre Beziehung haben auf ihn eingewirkt. Die Bahr:! seines Sterns gehorchte allein der Gravitation, der von Wenigen gekannten, des Gei st e s , mit einzigartiger innerer Konsequenz und Folgerichtigkeit. Daß es ein Gravitationsgesetz des Geistes gibt, ein Gravitationsgesetz des jüdischen Geistes, und daß dieser, sofern er nur unbeeinflußt durch äußere Störungen seiner eigenen inneren Gesetzlichkeit folgt, zur jüdischen Wahrheit gravitiert, das ist die gewaltige Lehre seines Lebens, das nunmehr nach ,43 inhaltsschweren Jahren abgeschlossen, früh vollendet, vor uns liegt. ' Rosenzweig entstammt einer Kasseler Familie und war von Haus aus dem Judentum eigentlich ganz entfremdet. Ein kluger, schöner, mit äußeren Glücksgütern gesegneter Jüngling, kam er an die Marburg er Universität, in einer Zeit, als die Königin Philosophie durch die Fehden der Hegelschen Schulen ihren Weltkredit zu verlieren drohte, als man ihre von dem Stürmer Nietzsche herausbeschworene Krise nur mit dem Ruf: „Zurück zu Kant!" beschwören zu können glaubte, und speziell durch die Marburger Schule der! Stern Kants zu neuem Glanz geführt wurde. Hermann Cohen, ihr Begründer und Führer, hatte seinen Lehrstuhl, müde von unzähligen antisemitischen Angriffen, aufgegeben und mit einer Lehrtätigkeit über jüdische Religionsphilosophie in Berlin vertauscht. Die junge Philosophenwelt war im BaU'N'e des himmelstürmenden Meisters des Zarathustra. Die Lehre vom U e b e r m e n s ch e n, der seinen Ethos in sich trägt, der die vom Idealismus gelehrte allgemein gültige Ethik als Herdenmoral verabscheute, solche jeden bindende Moral als etwas Feiges und Sklavisches ablehnte, hatte die Lehre vom Menschen, das Verhältnis allgemeiner Ethik und des individuellen Ethos in den Vordergrund gerückt. Sie hatte gezeigt, daß es hier etwas gibt, nämlich 'das menschliche Selbst, da§ sich jedem Manch leere Schädel, ferchte Affen Siaben ihn so oft erreicht. Diesen kann nur jener tragen. Der gewiß von Jakob stammt. Und in den-ersten Lebenstagen Schmerz und Blut am Leib empfand. Jener schirmt vor Aberglauben Und Götzendienst den Träger nicht, \ Dieser heischt den reinsten Glauben An Einen Gott, zu Lieb und Pflicht. Willst Du kennen lautre Sitten Und bestaunen häuslich Glück, Laß in arme Judenhütten Prüfend schweifen Deinen Blick. Wo von Glaubensband Umschwüngen Alle Glieder Liebe sind, Wo noch Untreu nicht gedrungen, Strenge Zucht hält das Gesind. Wo an Festen manche Stunde .Betend man in Tempeln weilt. Und den Bissen svart dem Munde, Der den kranken Bruder heilt. Wo der Arme Ruhe findet Und die Not ein fühlend Herz, Wo das Wort den Mann noch bindet. Dessen Schwur kein fader Scherz. Drum, mein Mädchen, laß Dir danken, Daß Du Jude mich genannt, Völker schwanden, Throne wanken. Sieh', der Jude hat Bestand. Mag ich Dir was . an vertrauen, Doch beschwere jetzt Dich nicht! Darf man denn auf Namen bauen Oder Zügen im Gesicht? Du bleibst ja Jüdin trotz der Taufe, Die Mitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angestelltenbund erhalten bei jedem Versicherungs..-Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die Lebensverficherungsgelelllchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. UMIlörbeiler zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gebait, höbe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an PKönlx, Berlin, Meinekestr. 10 Aufgehen ins Allgemeine widersetzt. „Eine Zelle hali'e gemeutert," daß die Throne der Philosophen „von Jonika bis Jena" wackelten. Cs ließ sich nicht mehr alles Menschliche aus generelle Formeln, gewissermaßen auf ein Schema bringen, was doch Voraussetzung für die Wissenschaft der Ethik war, daß sie sich aus allgemeinen Prinzipien auf Grund eines Prinzips eilmer „allgemeinen Gesetzgebung" ableiten lasse. Die Lehre vom Uebernienschen — Rosenzweig nennt ihn später den metaethischen Menschen — führte zur Verzweiflung an den Lehren der zünftigen Philosophie. Damals im Jahre 1913 hörte Rosenzweig durch einen Zufall eine Vorlesung Hermann Cohens in Berlin. Diese Vorlssung übte einen unverwischbaren Eindruck auf den schon innerlich schwer mit den philosophischen Problemen ringenden Gast. Es drängte sich ihm die erschütternde Erkenntnis auf, daß Cohen \em eigenes philosophisches System eigentlich — verlassen hatte. Er erkannte in dem großen Meister der kantifchen Philosophie gewissermaßen einen Kolumbus, der ein ganz anderes Ziel erreicht hatte als das, zu dem er ausgefahren war, der ein System entdecken wollte und in Wahrheit „fräs verlorene Paradies der Menschheit" wiederentdeckt hatte, der irl seinem philosophischen System nur den Menschen allgemein, nicht den Juden kannte und jetzt, auf sein Judesein stoßend«, den Juden in sich entdeckte und erst darüber den Menschen in Allen. Diese Wandlung Cohens bestätigte sich, als aus dem Nachlaß fein großes Werk: „Die Religion ’frer Vernürft aus den Quellen des Judentums" Denn Dein Ahn war Jud wie ich, Er, der einst im Zeitenlaufe Durch falschen Eid dem Tod entwich. (Heschmacksproöe) In den humoristischen Geschichten eines norddeutschen jüdischen Blattes mokiert sich der Witzeonkel in nicht wiederzugebender Weise über die allerdings etwas grotesk amerikanisch geäußerte Besorgnis eines überseeischen Frommen, in einem nach unjüdischer Art polierten Sarge bestattet zu werden und über dessen Eifer, sich einen unpolierten Sarg bereitzuhalten. Dabei bedieut er sich des Wortlauts, wenn auch nicht im Entferntesten des Sinnes eines alten Witzes und sagt: „Lachen möchte ich, wenn der Mann eines solchen Todes stirbt, daß er überhaupt keinen Sarg gebraucht". Wir haben dazu nichts zu bemerken, sondern stellen nur fest, daß ein jüdischer Witzereißer es lachhaft fände, wenn ein Jude eines Todes stürbe, der geordnete Sargbestattung unmöglich macht. (Hellenistische Synagogenbauten?) Die Architektin Ralm Wischnitz er - Bern st ein sprach ain 28. 9to* vember in der Akiba Eger-Loge in Berlin über das Thema „Hellenistische Synagogenbauten". Frau Wisch- Nltzer illustrierte an Hand eines reichen Lichtbildermaterials die Typen der synagogalen Architektur von her vorchristlichen Synagoge in Delos bis zur neu nusgegrabenen Synagoge in Bethalpha in Palästina aus dem 6. Jahrhundert. Sie schilderte die Formen des antiken Synagogalen Gerätes und entwickelte interessante Theorien Über die Entstehung des fiebenarmigen Leuchters, sowie der Chanuckalampe, deren Vorbild in der Antike zu finden ist. An die Ausführungen über das noch wenig erforschte Gebiet der synagogalen Kunst in hellenistischer Zeit schloß sich eine angeregte Diskussion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.