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Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Israelit 19. Dezember 1929 Seite 2. Nr. 51 TOTAL-AÜSVERKAÜF wegen GESCHÄFTSAUFGABE Trotz unserer billigen En gros - Preise Oil0/ M v/o Rabatt auß alle SEIDENSTOFFE UBd SAMTE L.&W.LEVY Kaiserstrasse 1" Ecke Salzhaus Wochenrundscchau. Weltbewegung gegen die ReUgionsneesolgnngen in Sowjetrutzland. Vor kurzem besprachen wir an dieser Stelle die Möglichkeit, in Anlehnung an die römische Aktion für die Religionsfreiheit der Katholiken in Rußland etwas auch für unsere hartbedrängten Brüder im Lande der Sowjets zu erreichen. Als vorige Woche Lord Mel che tt im englischen Oberhause die bolschewistischen Untaten streifte, wurde ihm von offizieller Seite geraten, sein „jugendliches Temperament" mehr zu zähmen. Man will nämlich in England mit Sowjetrußland einen Handelsvertrag abschließen und scharfe Politik — verdirbt das Geschäft. Von anderer Seite in England wurde aber die Sache aufgegriffen. Der Erzbischof von C a nterbury leitete im Oberhause eine Debatte über die V.e r f ol g un g der Religion in Rußland ein und „Morning Post" veröffentlicht einen Prote staufruf vom Earl of Glasgow, in welchem die Führer a l l e r Kirchen aufgefordert werden, sich zu einer gemeinsamen Aktion gegeni die Religionsverfolgung in den Ländern der Sowjetunion zusammenzuschlietzen. Dieser Ausruf wird befürwortet vom Erzbischof von Armach und Primat von Irland Dr. C. F. D'A rcy, vom Erzbischof von Glas- Zweierlei Rückkehr. Nach Abarbanel. Von Rabb. Dr. Cohen in Friedrichstadt. Im großen, an Verheißungen reichen dreißigsten Kapitel des Buches cmai sehen wir die ganze Geschichte unseres Exils und unserer Rückkehr prophezeit. Es fiel unseren Weisen aber auf, daß trotz der sonstigen Kürze und Gedrängtheit dieses Kapitels einzelne seiner Prophetieen in ihm wiederholt scheinen. So ist die Rückkehr Israels in den beiden Anfangsversen, „du wirst es dir zu Herzen nehmen" und „du wirst zurückkehren" zweifach enthalten: auch Gottes Wiedererbarmen ist im dritten Verse durch ein zweimaliges am verheißen. Wir wollen von allen den Lösungen absehen. Der heutigen Zeit aus der Seele gesprochen ist nur die historische Erklärung Abarbanels. Hier sind in der Thora beide Möglichkeiten, versorgt, zu denen das Exil uns führen konnte. Viele haben dem unerträglichen Drucke nachgegeben, den die Verfolger auf sie ausübten, und haben zum Scheine Religion und Gesittung der Umwelt angenommen. Im innersten Herzen sind aber auch diese Anußim (Marannen) oder Zwangsäbtrünnigen dem Glauben und sogar dem Gesetze unserer Väter treu geblieben. Die Anderen, — in Abarbanels Darstellung die Minorität, — sind innen und außen Der aow, von den Bischöfen in Gloucester,j Guildford und Cholmssord, vom früheren Bischof von Manchester, Knox, und anderen, hohen kirchlichen Würdenträgern. „Morning Post illustriert diesen Aufruf durch eine Anzahl Photographien über Religionsverfolgung in Rußland, von denen eine ein „blasphemifches SM in der Synagoge von Tfcherkifowo" zeigt. Man sieht darauf Gebetmäntel tragendeMär.iner und Frauen. Und die jüdischen Religionsbshörden? Im Zusammenhang mit dieser Kampagne erklärte der Ehiefrabbr, Dr. Hertz, einem ^Vertreter der „Jüdischen Telegraphen-Agentur", er habe jede Gelegenheit ergriffen, um gegen die schmachvolle Verfolgung der Religion m Rußland und gegen die Erdrosselung der jüdischen Seele durch das Verbot religiösen Unterrichtes zu protestieren urd versucht, die Laienführer der westlichen Judenheit dazu zu bewegen, eine Aktion gegen die Intensivierung der religiösen Verfolgung von Juden und Judentum durch jüdische Abtrünnige einzuleiten. Seinem Versuch war kein Erfolg beschieden. „Unser einziger Trost sei, daß es in Rußland noch einen Rest Judentumstreuer gibt, der sich durch nichts entmutigen läßt. Vielleicht werde, da nun die Welt noch einmal von dieser schrecklichen geistigen Tragödie Kenntnis erhält, auch unseren unglücklichen Brüdern in Rußland 'die religiöse Freiheit aufdämmern." Die Enttäuschungen entbinden die jüdischen Jnstcvrtzsn nicht von der Pflicht, sich den neuen Rettungsversuchen mit aller Kraft anzufchlioßen — und wäre es auch nur, um der Welt zu demonstrieren, daß bei diesem roten Feldzug gegen das Kostbarste im Menschen wir Juden — qualitativ — die größten Opfer zu beklagen haben. Ein jüdisches Konsistorium in Litauen? Die Kraft und die Autorität der Thorasührer in Litauen waren in all den Jahrhunderten und bis zu dem heutigen Tag einzig in der Souveräriiät der Thora begründet. An des Amtes gleichgestellte Uhr nicht gebunden, konnte der Rabbiner, der erste Lehrer und Führer auch im politischen und Wirtschaftsleben, führen und lehren, Recht sprechen, die geistig produktiven Kräfte in seiner Gemeinde um sich sammelrr und meistern. Wollte die Behörde einen beamteten Vertreter der Judenheit haben, so präsentierte man ihr den K r o n r a b b i n e r. Der „Raw" war vom Vertrauen der Gemeinde gewählt und von der Autorität der Thora getragen. i Es kamen andere Zeiten. Aus dem Welten brande ging Litauen als selbständige kleine Republik hervor mit eigenen Sorgen und eigenen nationalen Ambitionen. Auch, im Judentum regten sich neue Kräfte und neue Gelüste. Die Restbestände der in Litauen früher gut gedeihenden Haskala, jetzt in zionistischer Umschmelzung, hatten Oberwasser. Man brauchte Nicht mehr den weiten Weg nach Petersburg zu machen, sondern konnte gute alte Beziehungen zu den Aemtern in Kowno ausnutzen. Synode, Nativralrat, jüdscher Minister — man kennt den zurückgelegten Weg. Nun hält man bei dem I ü - d i sch e n Ko n s i st o r i u m. Es geht damit an die Seele des litauischen Judentums, es geht darum, aus dem litauischen alten Raw einen nicht mehr allein an die Paragraphen des Schulchan Aruch, sondern zugleich an hundert Verordnungen der Regierung gebundenen „Konsistorialrat" zu machen. Kein Wunder, daß das gute alte jüdische Litauen sich dagegen sträubt, sich zusammentut, um die drohende Gefahr abzuwenden. Diese Woche tagt in Kowno eine Konferenz sämtlicher litauischer Rabbiner, die sich mit der Frage des Konsistoriums befassen wird. Ein uns vorliegender Aufruf, unterzeichnet von einer Gruppe Kownioer Gemeind emsig lieber, spiegelt die Lage und die Befürchtungen deutlich wider. Es unterliegt keinem Zweifel, heißt es hier u. a., daß in. Verbindung mit dem Konsistorium der Bildungszensus vom Rabbiner verlangt wird, wenn nicht von den Akten so doch mindestens von den neu Anzustellenlden. Der werdende Rabbiner würde seine Ausbildung danach einrichten müssen. Ueberträgt sich diese Tendenz auf die Jeschiwoth, so würde sie eine wahre Katastrophe für den alten Geist bedeuten. Das Ganze würde darauf hinausgehen, aus den RabboniM „Kronrabbmer" zu machen. Die Glanzzeit des litauischen Rabbinertums, und damit des litauischen Judentums, wäre damit abgeschlossen. Auf der jüngsten Konferenz hatte sich der größte Teil der Mitglieder g e g e n den Gedanken des Konsistoriums ausgesprochen. Die Gegenseite antwortete mit einer Drohung: Man werde ohne Konsistorium den Rabbinern das Privileg d e r M i l i t ä r f r e i h e i t nehmen, außerdem werde das Bildungsministerium ihre Gehälter nicht genehmigen. Dazu ist zu sagen: Das Recht der Militärbefreiung wird den Rabbinen, wie den Geistlichen der anderen Konfession, mit oder ohne i Konsistorium bleiben, solange nicht von jüdischer Seite die Regierung auf eine solche allem Recht und aller Vernunft hohnsprechende unterschiedliche Behandlung gebracht wird. treue Juden geblieben und erdulden dafür auch weiterhin Leid und Verfolgung durch die Nichtjuden. Den Anußim, die, obgleich Sünder, Juden geblieben, wird hier, da ihre gute und redliche Handlungsweise und Treue heimlich und nicht offen geschieht, verheißen: „Du wirst es dir zu Herzen nehmen in allen den Völkern, wohin dich Gott, dein Gott verstoßen hat." Das heißt: Indem solch ein Jude mit den Völkern vermischt ist und mit ihrem Namen gerulen wird, erwacht er in seinem Herzen und ruft im Stillen unbemerkt zu Gott. Der anderen Art von Juden, die immer tteu zur Thora gestanden und ihre Art nie um einen Hauch verändert haben, git das Wort: „Du wirst zu Gott, deinem Gotte zurückkehren und auf feine Stimme hören nach allem, was ich dir heute gebiete, du und deine Kinder". Denn diese werden die Gebote aus» üben und auf Gottes Stimme hören, öffentlich mitsamt ihren Kindern und ohne Furcht, wie sie ja den Namen ihres Gottes nie verlassen haben. — So ist auch die Erlösung jeder dieser Gruppen eine von eigener Art. Den tteugebliebenen Juden ist gesagt: am „Gott wird deine Verschleppten heimführen und sich deiner erbarmen", weil sie für ihre Gttestreue den erbarmenswertesten Zustand des Exils, der Not und der Verachtung erleiden. Den anderen aber, welche ihren Glauben dem Zwange geopfert haben, ist verheißen: „Er wird — (das zweite am) dich wieder aus allen den Völkern sammeln, zu denen Gott, dein Gott dich verstoßen hat". Verschleppung, Knechffchaft, Elend und Erbarmungswürdigkett aber find bei ihnen nicht erwähnt, weil sie seit ihrem Zwangsüberttitte den Völkern an Ehre und Ansehn nicht nachstehen und nur Wiedersammlung aus allen Ländern ihr großes Sehnen ist. Allen beiden Teilen der.Judenheit aber ist das Weitere zugerufen: „Wenn dein Verstoßener am Ende des Himmels ist, — von dort wird Gott, dein Gott dich sammeln und von dort dich nehmen". Dich sammeln, wenn du tteu zu ihm gestanden und der Heimkehr harrst. - dich nehmen und losläsen aus fremdem Volke, wenn du ihm angeglichen warst. Soweit Abarbanel. DieGegenwart aber hat scheinbar noch vor Eintreffen der rb'm seinen Worten Bestätigung gezeitigt. Die Marannen Portugals haben in Scharen ihre Rückkehr ins Judentum vorbereitet. Sie haben unter der Hülle des Abfalls ihr treues jüdisches Herz in vier Jahrhunderten bewahrt. Es hat sie, wie schon Abarbanel beobachtet, unablässig geschmerzt, „mit den Namen der Völker gerufen zu werden", und stetig haben sie im Stillen zu Gott gefleht, bis ihnen die Neuzeit die Rückkehr ermöglicht hat. Und nun haben sie auch nicht um ein halbes Menschenalter diese Möglichkeit ungenutzt verstreichen lassen und dadurch als heimkehrende Brüder das Vertrauen der gesetzestreuen Scharen Israels sich erworben. Ihre Ehren und Würden haben ihnen diesen Impuls nicht gelähmt. — Möge ihren Wünschen Erfüllung werden. Warum aber nennt Abarbanel die Anderen, die keinem Zwange nachgaben und auch öffentlich Juden blieben, eine Minorität? Das stattstische Verhältttts damaligen Marannentums entspricht dieser Benennung, allen Quellen zufolge, nicht. Hierin sehen wir vielmehr eine Zurechtweisung, die, wie jeder Mussar^ den Ab. seinen geplagten Zeitgenossen erteilt, recht schonend und verblümt gesprochen, aber um so ernster gemeint ist: Nicht Jeder, der sich dem Zwangsabfall ferngehalten, ist ein grader Bekenner seines Judentums geblieben. Auch Kultur-Marannentum, auch Nachahmung allgemeiner nichtjüdischer Sitten und Unsitten ttübt den Glanz der inneren Seele. Nur verschwindend Wenige gibt es, an die sich nicht der Ruf richten müßte: Besinnet euch auf Euer besseres, bestes Selbst. Ihr seid nicht so unjüdisch, nicht

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