Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1929)
- Date
- 1929-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Israelit Seite 4 Nr. 50 12. Dezember 1929 S. & D. LÖWENTHAL Schillerstrasse 1 SILBERWAREN CHANUKA-LEUCHTER schen Volke keinen Sinn haben, wurde belehrt, daß es in der Skala antisemitischer Wahrheitsverrer.ckungen und Sinnverwirrungen auf eine Sinnlosigkeit mehr gar nicht mehr ankommt. Der Haß wird heute im Orient wie Okzident aus gleichen Quellen genährt. Ludendorff und H i tl e r , die Anbeter des Wotan unter dem Zeichen des Hakenkreuzes, treffen sich mit den Lehrern des Koran unter dem Zeichen des Halbmondes bei einer „jüdischen Weltverschwörung", ausgeheckt und in allen Einzelheiten bearbeitet, empfohlen und befohlen von „jüdischen Weisen", die einmal im Geheimen irgendwo tagten und ihre Beschlüsse in Geheimprotokollen festgelegt hätten. Der grobe Schwindel ist längst zweifelsfrei aufgedeckt. Was machts? In unzähligen Exemplaren hat die Verleumdung in arabischer Sprache den Weg auch zur islamitischen Welt gefunden. Freilich hat der Großmufti genau so viel Menschenverstand, wie die Herren in München und anderswo, um diesen Unsinn für einen Unsinn zu halten. Aber das dumme Volk bedarf solcher Köder, in Mekka sowohl wie in München . . . Beachtung verdient in den weiteren Aussagen dieses ersten Führers der palästinensischen Araber der Hinweis auf den Züricher Kongreß, auf die Gründung der I e w i s h Agency, auf die Beschlüsse in Sachen der Klagemauer, auf Aeußerungen von Sacher, Lovd M e l ch e t t und Albert E i n st e i n. Auch hier darf man ruhig annehmen, daß der bestens eingeweihte Großmufti recht gut weiß, was Melchett und Einstein unter einem „Tempel in Jerusalem" verstehen, daß sich dieser imaginäre Tempel ganz weit von der Omar-Moschee, nämlich auf dem Skopus erheben soll. Immerhin! Es ist doch nicht so, wie man uns nach unserer ersten Glossierung der Ereignisse entgegenhielt, daß die Katastrophe in Palästina in gar keinem Zusammenhang stehe mit Zürich und der Jewish Agency, mit den hohen Worten im Kongreßsaale und dem Echo, das sie in den Liedern der Chaluzim fanden. Man hatte in den führenden arabischen Kreisen ein offenes Auge und ein aufmerksames Ohr füo alles, was in Zürich vor sich ging, nur sah man durch das Vergrößerungsglas des Hasses alles anders, größer, in Riefenumriffen. Freilich ist es nach wie vor wahr, daß diese Geräusche im Weltenraume nicht den wirklichen Grund für den Ausbruch abgaben. Die Gärung war da und um eine Lunte für das Pulverfaß war die Welt noch nie in Verlegenheit. Eines der Beweismittel gegen Juden ist dort das Misrachbild, auch das Simchasthorafähnchen des jüdischen Kindes. Das besagt Bände. Niemals ist zur Türkenzeck dort Jemand eingefallen, in unseren Misrachbildern etwas mehr zu sehen, als eine seelische Verbundenheit mit dem Lande der Väter und Propheten, mit dem Lande des Messias. In den Zeiten der schlimmsten Verfolgungen in den Ostländern, beim Hochgehen der antisemitischen Welle in Mitteleuropa in den letzten Jahren hatte man gewiß kein Mittel zur Hetze verschmäht, auf die Misrachbilder wäre man doch nicht gekommen. Vielleicht wird' es jetzt anders. Morgenland und Abendland im edlen Austausch. Das Morgenland bezieht von Europa die „Weisen von Zion", Europa erhält dafür die „Misrachbilder". Um unsere mesfianische Hoffnung wird uns kein Großmufti im Abendland und im Morgenland bringen. Das sei unser Trost!- Oberrabbiner Chajlm Sonnenseld über die Lage in Erez Zisroel. Ein Interview. Jerusalem, 26. Nov. Der bekannte politische Redakteur des „Journal de Geneve", William Martin, hatte sich an Oberrabbiner Josef Chajim Sonnenfeld mit der Bitte gewandt, ihm ein Interview zu bewilligen. Herr Martin wurde am 20. Cheschwan von Rabbi Sonnenseld empfangen und wünschte zunächst die Ansicht des greisen Führers der Jerusalemer Orthodoxie über die politische Ursache der letzten arabischen Ueberfälle auf die Juden zu erfahren. Rabbiner Sonnenseld antwortete, daß er die Ursache dafür, daß die Araber sich mit Vorliebe auf die wehrlosen, ganz der Thora und dem Gottesdienste gewidmeten Kreise gestürzt haben, eben in, ihrer Wehrlosigkeit erblicke. Aus die Frage, ob der Gegensatz zwischen Zionisten und Antizionisten sehr stark sei, erwiderte der Rabbi: „Die Orthodoxie erblickt den Existenzgrund des jüdischen Volkes in der Beiwahrung der Thora und der Mizwos. Die Zionisten stehen auf nationaler.Grundlage und betrachten die Wahrung des Thoragesetzes als eine Privatangelegenheit. Solange'sie nicht den Versuch unternehmen, uns zu 'beeinflussen, haben wir unsererseits nichts gegen sie und jeder kann gemäß seiner Weltanschauung leben. Unser Widerstand wendet sich bloß gegen den Versuch, uns zu ihren Anschauungen zu bekehren. Wenn sie beispielsweise auf dem Gebiete des Erziehungswesens Schulen gründen und für diese Schulen Kinder aller Kreise zu gewinnen suchen, um sie unreligiös zu erziehen, so muß das natürlich unseren Abwehrkampf heraufbeschwören. Ich habe den Zionisten oft gesagt: Ihr seid es, die die Einheit des jüdischen Volkes zerstört. Ihr selbst gebt zu, daß das jüdische Volk niemals in seiner Gesamtheit aufhören wird, die Thora zu wahren. Dadurch daß ihr euch dieser Verpflichtung entzieht, erzwingt ihr die Trennung. unaufhörlich und wenn ihr euch nur um dieses Gesichtspunktes der Einheit willen, entschließen wolltet, die Thora zu respektieren, so wäre schon viel gewonnen." Ueber das Problem der Kothel Maarowi äußert sich der Rabbi in gleichem Sinne wie in seinem bekannten Sendschreiben an die Araber. „Ich bin sicher," so sagt er, „daß jeder weiß, wie unbegründet der Verdacht ist, die Juden könnten ihre Hand nach dem Terrain der Omar-Moschee ausstrecken; ja, noch mehr: auch nach der Mauer selbst tragen wir kein Verlangen, ohne daß ich damit sagen möchte, daß uns dafür kein Anspruch zustande." Auf die Frage, was Rabbiner Sonnenseld über das Verhalten der Regierung denke, antwortete er: „Die Regierung tut sicher alles, was in ihrer Macht steht, aber das Herz der Könige ist in.Gottes Hand und über der Regierung steht ein Höherer. Wenn die Ereignisse abgelaufen sind, hegen wir die tiefe Ueberzeugung, daß alles Geschehene providentieller Natur ist. Das entschuldigt natürlich die Mörder nicht, die unschuldiges Blut vergossen haben. Aber trotzdem sehen wir in allem die Hand des Höchsten." „Ich habe gehört," so bemerkt der Journalist, „daß die orthodoxen Juden gegen die Besiedlung des heiligen Landes sind." „Das ist unbegründet," erwiderte Rabbi Sonnenfeld, „Jischuw Erez Jisroel ist eine wertvolle Mizwoh und ich erblicke in jedem einzelnen Juden, der aus Liebe zum Lande und seiner Heiligkeit rach Erez Jisroel hinaufzieht, eine Rückkehr von Kindern zu ihrer Mutter. Deshalb existiert für uns nicht die Furcht, daß der Raum zu eng werden könnte und ich sage das nicht nur in Bezug auf Juden, Der jüdische Museumsverein ins Leben getreten. Am Donnerstag, den 28. November, fand in Berlin die konstituierende Versammlung des Jüdischen Mu'seumsvereins statt. Eine große Zahl im öffentlichen Leben tätiger Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin füllte den Saal. Rechtsanwalt Dr. S. Gronemann begrüßte die E schünenen im Namen des Gründungsausschusses und führte aus, der Museumsverein soll nicht nur die Liebe zur Vergangenheit, sondern auch die Hoffnung auf die Zukunst dokumentirren, die Hoffnung^ daß das Judentum selbst nicht in ein Museum gehört. Zum Vorsitzenden wurde Herr Generalkonsul Eugen L a n d a u , zum Echristsührer Dr. Karl Schwarz, zum Schatzmeister Herr Eugen Easpary, zu Beisitzern wurden Adolf Donath, Dr. Mar Osborn, Dr. Aron Sandler, Georg Tketz und Arnold Zweig gewählt. Der Vorstand erhielt das Recht, sich durch.Heranziehung weiterer Persönlichkeiten zu kooptieren. Generalkonsul Eugen Landau schlägt die Wahl von Pros. Mar Liebermann -um Ehrenpräsidien vor. Der Barsch aguird mit g otzem Bei,all ausgenommen. Rach Verlesung eines Glückwunschtelegrammes der Leitung des Jüdischen Museumsvereins inBeslau erörtert der Präsident die Ausgaben des Berliner Museumsvereins, die darin bestehen, das allgemeine Interesse für jüdische Kunst und Kultur zu wecken, - insbesondere aber die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zu fördern und zu einem jüdischen Museum cmszubauen. Indem der Verein helfen wird, die jüdische Kultur früherer Zeiten und der Gegenwart in ihren wichtigsten Dokumenten zu erschließen, Schätze zu heben und sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen, wird er eine empfindliche Lücke in dem jüdischen Geistesleben ausfüllen.; Dr. Mar Osborn, der bekannte Kunstkritiker der Ullsteinblätter, umriß die Geschichte des jüdischen Künstsammelns; er knüpfte an die erste Ausstellung vom Denkmälern jüdischer Kultur und Kunst, die 1887 in derMbert Hall zu London stattgefunden hat, charakterisierte - sie später in Paris unter dem Protektorat der Baronin Natalie von Rothschild ausgestellte Sammlung Strqus, das Entstehen des Wiener und des Prager jüdischen Museums, der Frankfurter und der Breslauer ^Sammlungen, die Ausstellung von Gegenständen der jüdischen Volkskunst 1896 durch die Henry John-Loge in Hamburg, die Bestrebungen des Nichtjuden Dr. Heinrich Frauberger für Zusammenfassung der gesamten Arbeit der jüdischen Kunst- und Kulturforschung, die Ausstellung jüdischer Kunstdenkmäler 1867 in Frankfurt a. M. (im Rothschild'schen Geschäftshaus), die jüdischen Abteilungen im Würzburger Museum, im hessischen Landesmuseum zu Cassel u. a. m. Schließlich gab Dr. Osborn eine Darstellung der hochwertigen Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, zu der der verstorbene Dresdener Industrielle Albert SBolff durch feine großartige Schenlung den Grundstein gelegt hat. Diese Schenkung wurde durch die Opferwilligkeit der Gemeinde und die Arbeit des Leiters der Bibliothek und der Kunstsammlung Dr. Stern und dem Kustos der Kunstsammlung, Karl Schwarz, stark bereichert und vermehrt. Der Redner umschrieb Rahmen und Inhalt des zu'schaffenden Museums, das sich nicht allein auf Kunstgegenstände beschränken, sondern auch ein Archiv synagogaler Baukunst, der. Schrift-, der Buchdruck- und Buchkiinst der Graphik und der Bildnisse bedeutender Juden sein soll. . . Zum Andenken an Salomon Sohn. ... Es sind 25 Jahre verflossen, daß der jüdische Schriftsteller und Romandichter Salonton K.o h-n im Mer von nahezu 80 Jahren verstorben ist. dakomon Kohn. war ein Prager Kind, Sohn wohlhabender Eltern. Er studierte Mathematik, ging aber später ins väterliche Geschäft über. In der Nähe von S. I. Rappaport, dem Manne, der vermittelnd zwischen Rabbinertum und Aufklärung stand, eignete er sich immenses talmudisches Wissen, wie profane Bildung an. Viele aus diesem Kreise versuchten sich damals schriftstellerisch. Aber Kohn zeigte bald mit seinem Erstlingswerke „Gawriel", wie weit und hoch er über seinen Kreis hlnausragte. Eine große Zahl von Erzählungen und Novellen kamen dann aus seiner Feder, in denen er sich als vortrefflicher Kenner des jüdischen Lebens und prachtvoller Schilderer zeigte. Er blieb Meister der Böhmischen Ghetto-Dichtkunst. Außer feinem „Eawriel" sind seine Romane bekannt: „Ein Spiegel der Gegenwart", „Ein deutscher Minister", „Fürstengunst" usw. Erst in den letzten Jahren, nachdem er s»in ganzes Vermögen, verloren hatte, mußte er aus feinem Wissen einen Broterwerb machen. Er blieb streng.orthodoxer Jude in seinen Büchern wie im Leben und zeigte, für damalige, Zeit als einer der Wenigen, wie sich Tradition mit moderner Bildung wohl vereinen ließen. Neue Zeiten kamen, neue Vögel-und neue Lieder. Der Literaturgeschmack von heute ist, längst nicht mehr der des vorigen Jirhrstunderts. Freünden einer beschaulichen. farbenreichen jüdischest Erzählungskunst wird Salomon Kohu auch heute noch manches zu sagen und zu bieten haben.