Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1929)
- Date
- 1929-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Dezember 1929 Der Israeli! Nr. 50 Seite 3 der Mrzwuus so viel Ungelöstes und Unerlöftes, was nur mit Hilfe, allgemeinmenschlicher Kätegörien zu lösen ist, daß wir schon um der Taüroh willen das rem Menschliche so pflegen müssen wie das spezifisch Jüdische. Diese Zweiheit unserer Lebensaufgabe hat ihren Grund auch m der Vorstellung des Juden von seinem höchsten Mldungsideal, m der Vorstellung von *"twi als dem Realgrund alles Seins und demJdealgrund allesSollens, als dem Vater aller Menschen, dem wir nicht gerecht werden mit Daseinsformen und Lebensbetätigungen, die sich tiiur auf uns beziehen. Das Entwicklungsgiel jüdischer Geschichte ist untrennbar vom Strebensziel aller Menschen. Aus dieser unserer Aufgabe als Menschen und als Juden ergibt sich auch unsere Aufgabe tibw nnwa, an der Kultur der Welt zu arbeiten. Die Erde als Schauplatz unseres Lebens und Wirkens kann uns nicht gleichgültig fein, die Welt als Offenbarung göttlichen Schöpferwillens darf uns nicht kalt lasten. Kultur so verstanden, ist nichts anderes, als die dem Menschen eigenste Betätigung seines Geistes und seiner Seele in der Richtung auf ein Ganzes, auf eine Einheit, auf ein- Innerliches, Ewiges, Göttliches. Wenn nicht alle jüdischen Großen sich so energisch wie Maimonides und Hirsch für die Arbeit an der Kultur der Welt leingesetzt haben, ja, manche sogar strikte dagegen waren, so waren zeitlich und lokal bestimmte Gründe dafür vorhanden. Immerhin lasten sich genug Beispiele dafür erbringen, daß viele v'von die Förderung der Weltkultur mit der Tauroh begründeten,*) um vor Sünde zu. schützen, die Schönheit zu pflegen, der Wahrheit zu dienen, Gottes Namen zu heiligen. Wenn wir im Gegensatz zu gewissen Gruppen des Jud'entums im Galuth nicht nur eine Epoche der Verkümmerung sehen, sondern eine Aufgabe zur Bewährung unserer Kraft, so soll sie nicht nur im Ghetto, sondern auch im Zusammenleben mit den Völkern durch Beeinflussung des allgemeinen Külturprozestes in Erscheinung treten. Nur so kommen wir zur n mn zur Erkenntnis Gottes in der Welt feiner Schöpfung und zum 'i tmp' zur Heiligung Gottes im Wirken zu seiner Ehre. *) Aboth II, 2. Sotha 49, Gittin 28. Baba kama 83 1. Megilla 16a. Jerus. Megilla 1, 8. Sabbat 75a. Wochenrundschau: Weimar. Am vergangenen Sonntag, den die kaufmännische Welt den kupfernen nannte, gab es in Thüringen und in Bayern Landtagswählen bezw. Kommunalrvahlen. Immer das gleiche Bild: Die bürgerliche Demokratie in absteigender Linie, die Deutschnationalen erleiden Verluste, Sozialdemokratie und Zentrum behaupten ungefähr ihren Status. Die Rational f o z i a l i st e n vermehren sich gewaltig, verdoppeln und verdreifachen die Zahl ihrer Mandate und erringen neue Positionen an Stellen, wo man bis jetzt diese neue politische Firma gar nicht kannte. In Thüringen mit der Hauptstadt Weimar stieg die Zahl der nationalsozialistischen Stimmen von 27 000 auf annähernd 100 000. Im Thüringischen! Landesparlamente zu Weimar werden 6 Nationalsozialisten sitzen, neben einer erklecklichen Zahl von Antisemiten anderer Observanz, darunter der rühmlich bekannte Herr Dint er, der sich als "wild" bezeichnet, und dem es letzthin gelang, seine dents ch e St a a ts a n g e h ö ri g k eit, die von verschiedener Seite angezweifelt wurde, nachzuweisen. Deutschland mag jubeln! . . . Die Entwicklung geht von rechts nach rechts, bis zur Partei des w ü st e st e n Radauantisemitismus. Wir tun den Herren kein Unrecht, wenn wir sie fo beim richtigen Namen nennen, nach den Erfahrungen, die man in Altenburg, in Jena, auch in Frankfurt mb Umgebung machte und noch Woche für Woche macht. Das Programm ist gegeben: Versammlung an irgend einem Denkmal unter freiem Himmel an einem Samstagabend, Demonstrationszug, Polizei und — die bedeutendste Errungenschaft einer Kulturmenfchheit: der Gu m m i k n ü p p e l. Die Polizei kann nicht zur gleichen Zeit überall sein. Darum, so berichten dann Sonntag morgen die Zeitungen, überfallen aufgelöste kleine Trupps „friedliche Passanten" und mißhandeln sie. Wir wissen schon, wie diese friedlichen Passanten aussehen. Wir könnten selbst dazu gehören, wenn wir es nicht vorzögen, um diese Zeit daheim „Wochenende" mit dem Aufblick zu Ihm zu begehen, der „unterscheidet zwischen Heilig DieMitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angosteiltenbund erhalten bei jedem Versicherungs-Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverlicherungsgeiellichaft PH UN IX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk« H Mitarbeiter ZU günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 und Unheilig, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und ..." Im Landtag zu Weimar wird nun ein halbes Dutzend von dieser Sorte neben 'einer Anzahl von Gesinnungsfreunden, die auf anderen Namen hören, die Politik des Landes mitbestimmen. In Jena wurde am Wahlsonntag ein Ibjähriger Junge namens Helmut Vogel, der das Unglück hatte, einem Hakenkreuzzuge in den Weg zu lausen, durch Messerstiche tödlich verletzt. Es wäre Zeit, daß die Hitlerleute die rote Fahne und Farbe der Linken annehmen und als Symbol f ü r s i ch in Anspruch nähmen. In der Fürstengruft auf dem Friedhofe zu Weimar werden sich Goethe und Schiller noch einmal im Grabe umdrehen. Sollen sich überhaupt in Acht nehmen, daß ihre Grabsteine nicht umgeworfen werden. Sie haben Lieder von Recht und Freiheit gesungen und Weimar in der Welt einen Klang gegeben, der in krasser Disharmonie zu „Deutschland erwache usw." steht, diese Judenknechte! ... Von München bis Mekka. Die „Weisen von Zion" haben nun die Weisen vom Morgenlande erreicht und dort gute Aufnahme gefunden. Mit erschreckender Deutlichkeit kommt uns die weltumfassende Seuche des Judenhasses zum Bewußtsein bei der im Korrespondenzenteil dieser Nummer mitgeteilten Vernehmung des Großmufti von Jerusalem vor der U n t e r s u ch u n g s - kommission. Wer da glaubte, das Wort .Antisemitismus könne bei einem femiti- Eindrück wieder, den diese Veranstaltung auf einen warmherzigen, dabet aber außerordentlich kritischen Beobachter macht und erörtert dann die Frage, ob Agudas Jisroel eine Wefensgemeinfchaft oder Zweckgemeinschast sein soll. Die Ausführungen des Verfassers werden wohl das Verdienst haben, daß man diese Frage im Anschluß an seine Kritik weiter diskutieren wird. Die große Arbeit von Dr. E. E. Hildesheimer: „Beiträge zum jüdischen Gesellschaftsrecht" wird fortgesetzt. Der Herausgeber steuert einen feinsinnigen Aufsatz: „Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere nach Bibel und Talmud" bei, der zu den früheren Darlegungen über die Stellung des Judentums im praktischchen Verhalten zum Tiere nun noch mehr in die Tiefe schürft und die unvergleichbare Eigenart der biblischen Einstellung ins helle Licht rückt. Dr. Kaatz bringt eine interessante Bemerkung zu der Redensart von „Splitter und Balken". Dr. Oskar Wolfsberg entgegnet in ausführlichster Weise auf den im vorigen Heft erschienenen Bericht von Dr. Mar Landau über den Zionistenkongretz und die Agencp- Tagung. Den Schluß bilden eine Reihe von wertvollen Bücherbesprechungen. Ein literarisches Ereignis. Vor ungefähr einem Jahre wurden alle Freunde der jüdischen Literatur durch die Nachricht erfreut, daß aus dem handschriftlichen Nachlaß des “isio orrn ungefähr 200 Reden veröffentlicht werden sollen. Das grandiose Werk liegt nunm zwei stattlichen Foliobänden von ungefähr 1000 Seiten vor uns und ist zum Preise von 3,70 Dollar von der Buchhandlung Abraham Schächter in Oradea (Rumänien) zu beziehen. (In Deutschland zu haben bei N. L. Ertel u. Hirschsprung, Berlin N. 54. Dragonerstr. 6.) Es ist wohl überflüssig, in diesen Blättern etwas über die Bedeutung des isiv mm zu sagen. Er ist UNS allen als der „Größte unter allen im zeitgenössischen Andenken lebenden Größen" bekannt, als der ^,Mann mit dem hellen Auge, mit dem milden'Sinn, mit dem scharfen Geist, mit dem umfassenden Wissen, mit dem geradesten Urteil", als der Mann, „den die jüdische Welt m ^e? p*i ni»« den ■ „Lehrer der ganzen Judenheit" nennt", wie ihn Rabbiner S. R. Hirsch 5"xr charakterisiert. In diesem neuen großen Werke haben wir 'Gelegenheit zu sehen, wie zu all diesen herrlichen Eigenschaften noch eine seltene Tiefe des Gemütes und eine fast kindliche Innigkeit religiösen Fuhlens hinzukommt, um das herrliche Bild dieser seltenen Erscheinung abzurunden. Gute Agadah ist Poesie und nur ein poetisches (Sernüt vermag uns den poetischen Gehalt unserer Agadah zu erschließen. Nur die Seele, in der die gemütvollen Worte unserer Weisen eine verwandte Saite erklingen lassen, wird uns den Klang dieses Sanges der jüdischen Seele rein vermitteln. Es ist eine ganze Welt von jüdischen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen, die uns in diesen zwei Bänden erschlossen werden. Und wie alles Echte, Wahre und Gediegene Ewigkeitswert hat, so sind diese 200 Reden noch heute genau so aktuell wie zu der Zeit, da sie gehalten wurden. Es sind dieselben Probleme, die uns heute noch beschäftigen, die den Gegenstand der Reden bilden, und es ist interessant zu sehen, wie dieser große jüdische Geist nach einer Lösung der ewigen Probleme des jüdischen Geistes und des jüdischen Lebens ringt und wie er sie auch im Lichte seiner nw>n findet. Auch für den Historiker und Kulturforscher bieten sie eine reiche Fundgrube. Die großen Kämpfe, die die Reformbestrebungen im Judentums ausgelöst hatten, finden hier einen Widerhall und wir haben Gelegenheit, hier den scharfen Blick und das „helle Auge" zu bewundern, mit denen hier die Folgen dieser Bestrebungen erschaut werden. Es wäre ein Glück für das ganze Judentum gewesen. wenn es sich von diesem seinem großen Führer in diesem Kampfe hätte leiten lassen. Wir hätten nicht so viel unter der Unklarheit und der geradezu heillosen Verwirrung der Begriffe zu leiden, daß es heute so weit gekommen ifnnsn nsts> m yae»’ kinew— Die großen Gestalten der Lehrer des nsiv von und seiner großen Zeitgenossen erstehen aufs neue in diesem Werke, in den wundervollen r^insvn, den Nachrufen, die er den Heimgegangenen Großen gewidmet hat. Es find Denkmäler von unvergänglichem Wert, die er ihnen gefetzt hat und die jedem neu heranblühenden Geschlecht als leuchtende Vorbilder dienen sollen. Auch die Geschichte der Preßburger Jeschiwah, die gerade in jüngster Zeit zu einem Zusammenschluß aller alten Preßburger aufsordert, erfährt eine wundervolle Beleuchtung und Bereicherung durch die Veröffentlichung der sog. rinmo, der Eröffnungsreden bei jedem Semesterbegmn. Welch unendliche Liebe zur Jugend atmen diese Reden, welch herrliches no-a enthalten diese Worte und wir begreifen nun, daß aus einer solchen schule di« großen Männer heroorgingen, die sowohl durch ihr Wissen als auch durch ihre Eharaktergröße die bewunderten und verehrten Führer der vergangenen Generation geworden sind. Es wird sich für Jeden lohnen, sich in die Gedankenwelt dieses Großen in Israel zu vertiefen, ns i-mi ns na nbiDt- Besonderen Dank verdient auch der Herausgeber dieses Riesenwerkes, Herr Josef Raftali Stern aus S e - r e t h (Rumänien), der mit bewunderungswürdiger Hingebung sich in das Werk vertieft hat, wie feine zahlreichen Anmerkungen beweisen, und ein mustergültiges Inhaltsverzeichnis und Sachregister dem Werke beigegeben hat. Dr. Klein.