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Der Israelit · 1929-12-05 · Heft 49 (5.12.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 49 (5.12.1929)
Date
1929-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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5. D-ezemb-er 1929 Der 3sr«clH Nr. 49. Seite 3 Zelle sich als das Ganze betrachtet. Der lebendige Organismus ist eben nicht die Summe seiner Glieder; er ist mehr; er ist durchs das in ihm steckende Leben eine selbständige lebendige Einheit. Darin beftetjt der Gegensatz zum toten Organisierten. Das Organisierte ist allerdings die Summe seiner einzelnen Glieder; nicht mehr. Ein Haus bleibt die <Bumme seiner Steine und Bauteile. Im Organisierten wird also das Neben- und Gegeneinander der einzelnen Teile nicht aufgehoben. Wenn es also gelange, den einzelnen Menschen «US den künstlichen Organisationen herauszuheben und ihn als Zelle in ein>e natürliche lebendige Gruppengemeinschaft, in einen natürlichen lebendigen kollektiven Organismus einzureihen, als Zelle, die ein so lebendiges Glied des kollektiven Organismus ist, daß -auch bei ihr der Anspruch auf em individuelles Sein, auf ein Mehr-Können undenkbar ist, dann würden der Trieb zur Gewalt und die Gewalt selbst aus der Menschheit verschwunden sein. Und gerade dies ist der Kern des ob seiner nationalen Begrenzung so verschrieenen Thorajudentums. Cs lehrt, daß jeder Mensch als Zelle einer chm übergeordneten kollektiven Gemeinschaft von Natur aus angehürt, einer Gemeinschaft, die nicht willkürlich entstanden oder künstlich gebildet ist, sondern die genau so natürlich entstanden und gewachsen ist wie der einzelne Mensch; der Jude ist Zelle der jüdischen Gemeinschaft, der jüdischen Nation, der Nichtjude jeweils der Nation, in die er hineingeboren ist. Jede dieser Gemeinschaften besitzt, wie jedes Lebewesen, ihre von Natur und Geburt her gegebene natürliche Struktur und lebendige Bewegung, die sie und ihre Zellen vor Anarchie bewahrt und ihr das Leben erhält und kräftigt. Die natürliche Struktur und die lebendige Bewegung des jüdischen Volkes ist die Thora. Will der einzelne Jude in sich den Trieb zur Gewalt aufheben, dann muß er eine möglichst lebendige Zelle des jüdischen Volkes werden. Dies kann er dadurch, daß er möglichst lebendig in der Thorabewegung des jüdischen Volkes mitschwingt, daß er die Thora nicht als seine individuelle Pflicht und nicht als Gesetz,, sondern als die lebendige G e s a m t b e w e g u n g des jüdischen- Volkes erfüllt und jede einzelne M i z w o h d e m e n t f p r e cf> e n b erlebt. Auch der einzelne Mensch atmet ja nicht, weil es seine Pflicht ist oder weil es ihm gesetzlich vorgeschrieben ist; er atmet, weil er eben instinktiv atmen muß, weil der Drang zum Leben ihn dazu treibt. So atme das jüdische DE die Thora! Die jüdische Aktion gegen Esaus Hände, ge- -tureller Arbeit oder für die Entwicklung des jüdischen Geistes wird nichts getan. Dös dor-tigen- Juden find zumgrößten- Teil Musleute, auch ein M-inisterposten ist von -ein-em Juden namens S p r >i {c s besetzt. Bis auf diese Ausnahme lebt aber die Glitte des Volles streng reserviert, -und ist es für jeden Einzelnen sehr schwierig, sich zu dieser Gesellschaft Hutritt zu verschaffen. CigenMchM Antisemitismus gibt es ill Venezuela forme in -ganz Südame-rila nicht, doch werden die Inden gleich den Türken und Syrier wenig! geachtet. . Die in den letzten Jahren -emgewandevten- Oftjuden sind bis Nüf wenige Aufnahme, nn-geM-dete M-e-nfchen, welch-e den Klei-nhande-l b-etverü-en, doch find allerletzter Zeit bessere Elemente in das Land gekommen und haben Ex- und Import-Geschäfte gegründet. Nachdem Herr W-einfeld das Land und die Verhältnisse bloß -einen Monat lang studiert hatte, sah er-, daß eine jüdische Gemeinde dh Erfordernis für die dortige Judenheit sei und fäjntt zur Gründung, derselben. Auf seine Veranlassung wurde am 27. Oktober 1929 einstimmig die jüdische Gemeinde in Venezuela-, Sitz Caracas, gegründet. Gleichzeitig! wurde ihm -das Präsidium llbßritiragOT, Es ist Herrn M. Weinf-el-d geku-nge-n, n-ach vrerwöchen-W-chem Aufenthalt eine fo wichtiige Institution ins Leben zu rufen. Der Gemeinde wurde ein Wohltätig-kelits verein angeschlossen, und die Errichtung -eines Bethauses, Bib-llothek U-Nö Emführung diverser jüdischer Zeitungen wurde beschlossen; wofür die Vorarbeiten bereits geleistet werden. Nachdem Herr M. W e i ns-eld nicht ständig in Südamerika weilt, wurde sein^ erst 22 Jahre zählender Sohn -als gefchäftsführen-der Vizepräsident gewählt, was wohl einzig dastehendürfte und dessen Fähigkeiten kennzeichnet. gen Gewalt, gegen Unterdrückung und gegen Krieg besteht -also in -einer Belebung des jüdischen Volkes zu einem lebendigen natürlichen Organismus ohne staatliche oder kirchliche Organisation. Die Aktivität des Juden für Freiheit und Frieden ruht auf der Belebung der Thora zur natürlichen kollektiven Bewegung des jüdischen Dolksorganismus. Wenn erst einmal das jüdische Volk als lebendiger Organismus aktiv geworden ist, wird von diesem Organ des nächsthöheren Organismus Menschheit von selbst eine natürliche Wirkung ausgehen, ander der ganze Organismus Menschheit gesundet. Ein gesundes Organ/ kann durch die von ihm ausgehenden Säfte und- Kräfte den übrigen kranken Körper heilen. Auch die nichtjüdischen Menschen werden dann ebenfalls in den lebendigen kollektiven- Bewegungen ihrer Nationen, und schließlich im lebendigen kollektiven Rhythmus der Menschheit Mitschwingen. Die Gewalt wäre verschwunden von der Erde. Jakobs Stimme oder Esaus Hände? Ein Reich des ewigen Friedens -auf Erden? Wenn Ihr wollt, ist -es kein- Märchen! Dr. C. C.. Wochenrundschau. Rabbi Chajim Sonnenfelds Kundgebung an viearabifcheWelk. In den der vorigen Nummer beigelegten „Blättern der Agudas Jisroel" ist unter dem Titel „Worte des Friedens und der Wahrheit" eine Kundgebung Rabbi Josef Chajim Sonne n f e l d s im Wortlaute abgeöruckt, die ihren Eindruck im jüdischen wie im nichtjüdischen Kreise, in England, der arabischen Welt, wie inden Regierungsämtern- Jerusalems nicht verfehlen kann. Was der Greis, der mit Israel und Erez Israel M Liebe, in- Treue, in Kraft und Glauben verwachsen ist, hier ausspricht, ist die Klage, der Schmerz iwufr die Hoffnung der jüdischen Volksseele schlechthin. Achtzig Jahre zählt der g-r-erse Rabbi, sechzig Jahre davon verbrachte er auf dem heiligen Boden, und er hat in diesem Menschenalter viel Erhebendes und manche bittere Enttäuschung erlebt. Er sah wirtschaftlichen Ausbau und geistigen Niedergang; ersterer rang ihm den Dank- und Segensspruch ab: niaVa Visa Ym- und er weinte über den letzteren», klagte an, kämpfte ge- Schließlich wurde Herrn Fritz Steiner das SetretarM übertragen. Line Gedenkschrifk. Israel -auf der Flucht, Israel zum- Zwist durch das Galuth erzogen, Israel u nter Zwang s-tauss, Scheinchrcstentum und V-skehrun-gswut, — die finsteren- Kämpfe dos Mtte-lallers beim An-b-ruch der NenzM Mnbürgerliche Jud-enssindfchaft im streng lutherischen Norden-, — das -alles oft auf dreißig Seiten*) wWnfchäfMch -und zugleich populär dargesteM und ist -das un-bestreitbare Verdienst des jugendlichen Forschers, der sich hi-er-mi-t zum ersten Malis in bfe Oeff-enWchk-M begibt. Was sein, unseren Lesern durch wertvolle historische Be-it-rä-ge zum Mainzer Jahrbuch wohlbekannter Großvater sichtend und suchend b-vgonn-en, formt sich hier zu -einem wohlgelung-enen wirklichen Ju-bi-länmsge-schenk für fein-e G-e-- mieiinde, das trotz der gründlichen a-kbengemäßen Belegung jedes BerichEes auch der äuße-rm, AusstaiM-ng in keiner Hinsicht entbehrt. Hier liebt -ein Stück jüdischer Geschichte neu aus, in welchem sich gleichsam der ganze gefahrvolle Prozeß der Eingliederung Israels insmoderne Staatsle-b-en nochmals zusammendrängt zu grandiosem, doch fchme-rzve-rzer-rt-em- Bilde spiegelt. Dem in so gesei-erte-r Gemeinde beheimateten Leser werden die h in zugfü gten Gotteshaus - und Friedhofs-P h o tograph ier eine besonders willkommene Beigabe sein. Dem jugend¬ *) Ge-de-n-kschri.fr anläßlich .des 275jährigen- Bestehens der Po rlugie sisch-Jübifdjm Gemeinde in Hamburg, mit Aufzählung der portugiesisch-jüdischen- Rabbiner in Hamburg und der in Hamburg, Altona und Glückstadt gedruckten Bücher po-r-t-ugiesisch-jüdischer Aütor-en. Bon Alfonso Casfubo, Amsterdam, Hertzb-erger 1927, 31 S. 8". ..... ...BBHH Die Mitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angesteütenbund erhalten bei jedem Versicherung« - Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverficherungsgeleiilchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. »Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 gen ihn an mit aller Kraft, die ihm die Liebe und die Sorge um Israels Kinder und Israels Land ei-ngaben. Nach außen gab es keine Sorgen in diesem halben Jahrhundert. Politische Not kannte das heilige Land in der schlimmen Zeit" der Türkenherrschaft nicht. Zu den Arabern pflegte xnan freund nachbarliche Beziehungen, bedingt -durch gemeinsame Sorgen, gemeinsame Interessen, gemeinsame Zukunstshosfnung-en. Und nun dieses fürchterliche Unglück, das der greise Führer im Heldenalter erleben muß. Nach Krieg und Befreiung, unter dem Banner einer Mandatarmacht, die führend ist im Völkerchore der Welt, -als Hüterin der Freiheit und Toleranz. Er mußte es erleben, daß Männer und Jünger der Thora hingeschlachtet werden, jüdisches Leben und jüdisches Eigentum vor seinen Augen zerstört wurden, an -der Mauer, vor der er, wie er schreibt, oft genug um die Mieter nacht allein rm Gebete für sein Volk stand, heilige Bücher und Thor-arolleni geschändet wurden. Und nun die Verleumdungen, die vergiftete Atmosphäre. „Die Juden wollen die Omar- Moschee". Wo doch in Wahrheit ein Jude ohne die Reinheit, die ihm erst die Messiaszeit bringt, auch dann den Fuß nicht an diese Stätte setzen dürfte, wenn kein Mohammedaner ihn daran hinderte! So unid ähnlich ist in dieser mit Herzblut geschriebenen Proklamation zu lesen. Dabei wäre zu bemerken, daß Rabbi Joses Chajim Sonnenfeld seit dem Streite um die Klagemauer und dem Zwischenfalle am Jom Kippur 5689 der Einzige war, der mit der ihm eigenen abgeklärten Weisheit vor jeder Verschärfung und U-eberspitzung der Klagemauersordel-ichen Verfasser ist zu wünschen, daß seine weiterena-m Schluß (22) erw-ähn-ton Cn-tz-ifferungs- und Forschungsa-rbe-iten n-och mehr für di-e heutigen, Kämpfe der Judenheit aktuelles M-adöckak zutage fördernmöge. (Die Tragödie eines jungen jüdischen Mädchens.) Im Sommer 1926 war d-as jüdische Mädchen, Zucker, 15 Jahre -alt, -als Hausangestellte ,in- -einer Lodzer FamMe b-edi-emstst. Als das Mädchen einm-a-l im Dorfe Sch-i-rerado-w -ciiuf ei-imn Hochzertsfefte W-Srwe, mürbe es von christlichen Burschen verführ! und später der Kirche zug-eführt, wo sie -diie Taufe erhielt. Das Mädchen hatte keinen Bate-r mehr. Die Mutter ab-e-r ruhte u-n-d rastete nicht, gab das Suchen nach -ihrem Kbn-de nicht auf, u-n-d als man später den- Aufenthali-sorl d-es Mädchens -erfuhr, wurde -ein großer Prozeß wngestren-gt. Nach lang-en V-srhanÄlung-en -entschied das G-ericht, däß di<e Zuck-er als Minderjährige k-ein Recht hatte, ohne Erlaubnis der Eltern ein Eheverhäkrn-is ein-Wgeh-en- und einen- Glauben-swechfe-l vo-rzun-ehmen. Die Rückkehr zur Mutter wurde -aber dem jüdischen- Mädch-en vom Gerichte n-icht freige-geben. Dieser Tage erschien das nun 18jährige Mädchen in Begleitung e-i-ner jüdischen Frau vor dem Warschau-er Rabbinat. das feine Wi-ederaufnahm-e ins Judentum aus-- sprach. Das Mädchen wurde vom Frauenverein in Schutz genomm-en, der für Win weiteres Fortkommen sorgen will. Sprechsaal. Durch Rückstage bei Keltereien hat sich ergeben, daß in diesem Jahre unter Apfelmost und Virneumost, Trauben beigemengt wurden, so daß beim Genuß von Apfelwein größte Vorsicht geboten. Dr. A. M.

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