Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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KT‘ Der jsr aelit 'c*^2Tj£ Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märtyrergeschichte nach Mlnaer Akten. Von S. Schachrrorvih. (Fortsetzung). Sie standen jetzt 'in einem kleinen blitzsauberen Raume mit saubergescheuertem Fußboden undweißgetünchten Wänden. Die niedere Decke war von braungrauen Balken quer durchzogene Ein kleiner roher, runder Tisch stand in der Mitte und davor ein brauner Holzstuhl. Aus dem Tische brannte zitternd eine kleine Oellampe, die mattes Licht auf die gelben Schriftzeichen eines ausgeschlagenen Folianten warf. Ueber das Buch gebeugt saß auf dem einzigen Stuhle ein älterer Mann, dessen Gesicht von den wildwuchernden Kopf- und Barthaaren so bedeckt war, daß man darin nur die grauen Augen sah. Diese hoben sich aus dicken Brauen unwillig! und mißtrauisch zu den Eintretenden. War das der große Rabbi Elie? Der Mann schrak zusammen«, wie sie ihn so anredeten, als hätte etwas Ungehöriges sein Ohr gestreift. Nein, das war er nicht. Er wollte schon Gott danken, daß er ihn für würdig befand', dem Gaon Rabbi Elie als letzter der Diener zu Füßen zu sitzen. Was sie vom Gaon wünschten? „Wir wollen den großen Rabbi Elie sehe n." „Der Gaon Rabbi Elie sitzt in seiner Lernstube bei seinen heiligen Büchern. Wer zu ihm will, muß seine Wünsche m i r sagen, daß ich sie dem Gaon mitteile. Rabbi Elie kann nicht Jeden empfangen." Sarembo suchte dem Diener ein Geldstück in die Hand zu drücken. Er wies es zurück. „Habt Ihr etwas für unsere Armen übrig, so wohnt auf der anderen Seite Jossel, der Gabbe und Israel Kaftan, der Armeniverwalter. Mit aber müßt Ihr Namen und Begehr sagen." Der Schammes sagte es ohne Stolz, aber unerbittlich. Die jungen Leute sahen sich unentschlossen an, dann aber nannten sie irgend einen Namen. Der Diener stutzte ein wenig. „Berliner?!" „Nein, wir stammen! von hier, kommen aber von der anderen Seite, von der Gasse der Ostrobrama." Jetzt verwandelte sich das Stutzen und' Staunen des Dieners in heillosen Schrecken. Da war etwas im Anzüge. Die Sache mit dem Manne aus Jlije. Er verfchwand mit raschen Schritten im Jnnengemach, aus dem, wie den Fremden schien, beim Oeffnen der Türe wie seltsames Leuchten und Duften drang. Schon nach wenigen Minuten ging die Türe ganz auf. Auf der Schwelle stand der Mann hochaufgerichtet in etwas verblaßtem, aber peinlich sauberen Atlasgewand, das, um die Lenden mit einem Gürtel zusammengehalten, bis zu den Füßen wallte. Er mußte erst vor kurzem Mit Nachtanbruch die Teftllingehäuse abgelegt haben, «denn die runde große Samtkappe saß noch ganz auf dem Hinterkopfe und ließ eine Stirn frei, auf der, wie auf weitem sonnenb eleuchtetem Felde, lange mrd tiefe Furchen gezogen waren. Obwohl man Bart und Schläfenlocken ansah, daß sie nie mit Schere in Berühruinig gekommen waren, umrahmten sie dicht und rabenschwarz und wundervoll symmetrisch ein längliches, feines Gesicht, wie es d die Jünglinge nie im Leben gesehen. Wie Heiligenglanz umflutete dieses Antlitz. Betroffen fuhren die .jungen Leute zurück vor dem Strahle aus diesem Gesichte und' diesen Augen. Valentin näherte sich, wie im Zwange, schüchtern der Erscheinung und suchte die Hand des Rabbi an den Mund zu führen. Rabbi Elie zog die Hand rasch weg und sah streng aber nicht abweisend zu den Fremden hin. „Ihr seid vom geistlichen Berufe", redete sie Rabbi Elie an. „Ihr seid die Männer, die den Juden und feine Tochter vor der Menge geschützt haben. Seid gesegnet!" „Ihr wißt es, Rabbi?" „Ich habe Euch nach der Erzählung Zemachs immer so vor Augen gehabt." „Können wir den Mann und seine Tochter noch einmal sehen und sprechen?", wagte Valentin zu sagen. „Ich wußte es, daß Ihr noch einmal mit diesem Wunsche kommet und habe ihm daher befohlen, rasch mit seinem Kind' nach Hause zu fahren." „Fürchtet uns der Rabbi?" „Nein. Ihr habt gute Augen, seid' guten Sinnes. Ich segne Euer Tun. Aber ich sehe etwas kommen und weiß nicht recht was. Darum sollen die Leute rasch aus dem Auge." „Dürfen wir Fragen stellen?", bat Sarembo. dem es am Wiedersehen mit dem Juden aus Jlije viel weniger lag. „Ja, wenn Ihr reinen Herzens kommt." „Wir sind ja kerne Juden," sagte Valentin mit Zweifel in der Stimme. „Das macht mir leichter, Euch Rede und Antwort zu stehen," sagte Rabbi Elie und' bat sie mit einer leisen Bewegung sei>n«er zarten, fast durchsichtigen Hand in die innere Stube. Er schloß die Türe hinter ihnen. Dieses Zimmer, das Allerheiligste, das zu betreten den wenigsten gegönnt war, sah womöglich noch einfacher und ärmlicher aus, als die Vorräume. Die Wände waren ebenfalls weiß getüncht mit blauer Borde an der Decke oben. An» der Ostwand' hing ein altes Bild mit der Ansicht der heiligen Stadt Jerusalem. An einer Tafel darunter waren mit Kreide geheimnisvolle Zeichen und Formeln in hebräischen und fremden Lettern angebracht, auch verschiedene Zahlen und Zeichnungen!. Ans Fenster gerückt war der viereckige kleine Tisch, darauf sich zu Berge die Bücher, Schriften und Papierbogenchäuften. Weitere Bücherregale waren nicht zu sehen'. In der Mitte des Tisches brannte in einem blankgeputzten Sabbatleuchter eine Wachskerze. Das helle Licht im Zimmer schien mehr vom Gesichte des Rabbi auszugehen, als von der winzigen rötlichen Flamme. Ein einfacher Holzstuhl stand vor dem Tisch, zwei andere an die Wand gelehnt. Sofa und Sessel waren nicht vorhanden. Ein aufgeklapptes Brett, schien die Aufgabe zu haben, sich nachts in ein Bett zu verwandeln. Jetzt standen die Reste des Nachtmahles darauf, die der Diener durch die Aufregung des seltsamen Besuches hinauszutragen.- vergessen« fjatte: eine (Scfyeibe Schwarzbrot und ein zur Hälfte geleertes Glas dünnen Tees. Das war die Residenz, der Thronsaal des großen Rabbi Elje, dessen Namen im jüdischen Wilna mit mehr Ehrfurcht genannt wurde, als der des russischen Zaren. Die fremden Jünglinge wurden eingeladen, Platz zu nehmen«. Rabbi Elje saß, den Kopf in beide Hände gestützt, saß da, als hörte er über die Männer hinweg in weite, höhere Welten hinauf, hörte aber jedes Wort, und sie fühlten, daß ihm keine ihrer Mienen entging. Die Unterhaltung bestritten! die Gäste. Sie entwickelte sich erst langsam, unsicher-und schleppend allmählich zu einer Aussprache über die höchsten und tiefsten Fragen des Glaubens und Denkens. Sarembo bekam zuerst seine volle Sicherheit wieder und bereitste sich mit der ihm gegebenen Redegewandtheit über die Dinge mit Behagen aus. Valentin wog die Worte und ging mehr in die Tiefe. Rabbi Elje ließ sie bis zu Nr. 4$ >»r- Ende reden und warf dann zwei oder drei Worte ein. Sie wirkten wie wuchtige Kolben. Jedes Wort war ein Licht, ein Stern», der ganze dunkle Welten erhellte. Eine solche Art zu denken und zu sprechen, hatten sie noch nie gesehen und erlebt. „Ich wußte nicht, daß die Juden auch Wissenschaften pflegen," sagte Sarembo. „Bei uns sehen es die Geistlichen nicht gern. Die Wissenschaft, sagen sie, sei dem Glauben abträglich." „Das gilt von einer Religion des G l a u - b e ni s," sagte Rabbi Elje. „Wir halten zu Gesetz und Lehre. Unsere Wissenschaft ist die h e i l i g e L e h r e , der, wie ein großer Lehrer, Maimuni, sagte, alle anderen Wissenschaften als Dienerinnen zur Seite stehen. Mit einem Fache der modernen Wissenschaft, das sich uns verschließt, schließen sich uns so und so viele Pforten der Thoralehre." „Aber der Glaube?!" wandte Valentin ein. „Auch ihm dient die Wissenschaft," gab Rabbi Elie rasch zurück, als Hütte er auf die Frage gewartet. „Dringen wir tief in die Dinge, dann häufen sich die Rätsel, für die es nur eine Lösung gibt: Glaube an eine höhere göttliche Wallung." So kamen sie allgemach von Fragen des Glaubens aus exakte Gegenstände zu sprechen, aus die Gesetze der Natur, die Regeln der höheren Mathematik und die Grundlagen der Astronomie. Rabbi Elje hatte für all diese Dinge stets die kürzeste, prägnanteste Formel. Was sie in langen Jahren aus dicken Büchern sich mit fo viel Mühe erarbeiten mußten, es lag abgeschlossen und abgerundet in einem einzigen lapidaren Satz. Und die Welt der exakten Dinige sei nur Boden und Basis für die abstrakten Begriffe. Der Weg vom Exakten Abstrakten fei nicht so weit, wie die Menschen gemeiniglich glauben. Unter Meerestiefen dehnt sich fester Grund und unter der Oberfläche unserer Erde sprlldelt das Wasser. Das eine ruht auf dem andern!. Im Welträume berühren sich Luft und Masse, wie im Leben Geist und Materie. Was an einfachen konkreten Dingen ins offene Tor unserer Sinne emgeht, ist Nicht einfach, ist voller Geheimnisse, und was wir von den« höheren Sachen zwischen Himmel und Erde nicht verstehen, geht uns zuweilen in« begnadeter Stunde sonnenklar auf. Wir müssen nur sehen und hören, das Alphabet Gottes im Buche seiner Schöpfung zu lesen lernen. Was die Welt zusammenhält, das ist die große Liebe, die erste der zehn Ausstrahlungen der Goltesmajestät, die Liebe in der Kraft, die Kraft in der Liebe. Wer dieser dient, hat, ob Jude oder Nichtjude, Anteil an der zukünftigen Wett. „Hatte er, der Stifter unserer Religion, dessen Namen Ihr nicht hören, möget, nicht auch die große Liebe gepredigt, >ihr gedient?" „Vielleicht, wir kennen ihn nicht." „Warum haßt Ihr ihn dann? Haßt man jemand, den man nicht kennt und der möglicherweise der Liebe gedient wie Ihr selbst?" „Wir hassen nicht ihn, den wir nicht kennen und nicht kennen wollen. Wir hassen den Haß, den Haß, der sich an seinen, Namen knüpft, das Schwert, das seinen Namen trägt und zum Schwerte unserer Vernichtung geworden, das auch die Verwirklichung des Gottesplanes auf Erden aufhält." „Könnt Ihr nicht glauben, daß er der Gottgesandte, der Messias war?" „Wir kennen ihn nicht. Aber der Gesandte Gottes wird die Völker in Liebe zum Berge Gottes führen; die Völker tragen die Fahne des Hasses und sagen, diese sei der Messias." „Wie denkt Ihr von Eurem Messias, der die Welt erlösen soll. Wie soll er heißen?" „Er hat vier Namen, «wach den vier hebräischen Buchstaben des Wortes „Moschiach". Er heißt M e n a ch e m, S ch i l o, I 4 n o n, C h a-