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Der Israelit · 1929-11-28 · Heft 48 (28.11.1929) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 48 (28.11.1929)
Date
1929-11-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 48 Der Israelit 2Y. Nov. 1929 Denn die Pubertät wirft ihre Schatten voraus. Die Entwicklung des Ichbewußtseins zeitigt ihre Folgen. Von jetzt an> läßt sich eine Absonderung der Mädchenvon dem bis dahin gemeinsamen Interessengebiet feststellen-. Das Verlangen nach Wirklichkeit, freilich einer die Phantasie beflügelnden Wirklichkeit, d. h. einer fernen farbenfrohen grenzenlosen Wirklichkeit, macht sich geltend. Das Leben der engeren Umgebung bietet nicht genug Abwechslung, ist zu abgesteckt und eingedämmt, zu sehr dem eigenen gleich. Je weiter weg der Schauplatz der Geschichte liegt, je weiter er sich von dem gewohnten und vertrauten Leben entfernt, desto besser. Aber es kommen noch andere Momente hinzu, denn dies ist das Alter, in dem das Kind sich seiner Körperkraft bewußt wird, dem Abenteuerlichen und- Heldenhaften sich zuwenüet. Und hier wird sich die größte Schwierigkeit für eine jüdische Jugendlektüre ergeben. Woher sollen wir aus unserer Geschichte die Gestalten des Achilles und Ajax, des Kortez und Kolumbus nehmen? Das Buch soll m atemloser Spannung erhalten, in wilden Farben glühen, Abenteuerliches und Heldenhaftes schildern». Wo aus unseren Erfahrungen sollen wir Coopers Lederstrumpf und Sonnleiters Höhlenkinder schöpfen? Das angelsächsische Schrifttum, das den Robinson hervorgebracht hat und besonders reich an solchen Abenteuerbüchern ist, brauchte nur seine geschichtlichen Erinnerungen hervorzuholen. Wir aber haben ähnliche Erinnerungen nur aus der Zeit der Richter — und die ist uns nicht ideal. Unsere Helden sind nicht Helden der Abenteuer und Kriegsfahrten, sondern Helden des Entsagens, des Lernens und Leidens. Earlebach konnte sein Buch für Kinder dieses Alters nicht besser benennen, als „Von Kämpfern und Duldern", aber außer dem Titel ist in dem schönen Buch nichts, was diesem Alter entgegenkommt. Nichtsdestoweniger haben auch wir in der großen tränenreichen Geschichte unseres Volkes Gestalten und Epochen, welche dem Aktivismus und dem nach außen gerichteten Interesse der Jugend entgegenkommen. Die Gebrüder Tüdela, David Reubeni, der Herzog von Naxos, die Familie Abarbanel und andere geben genug geeigneten Stoff für Darstellungen, die diesem Jugendalter Zusagen würden. Nun kommt eine Zweite, die Pubertät einleitende, Uebergangszeit, die das 13. oder 14. Jahr umfaßt, in welcher die Kriminal- und Detektivgeschichten, die durch das Kino noch geförderte Neigung des Kindes bilden, das feine Kraft erproben-, mutig, willenskräftig und stark sein will. Hier liegt evr.ie große Gefahr, da die übermäßige Hingabe an berauschende Stoffe zur Ueberhitzung der Phantasie und beim triebhafteren Kind zu Wach- und Tagträumen führt. Die Vorliebe für das Abenteuerliche artet danach leicht in Großmannfucht und Renommisterei aus, die Selbstdisziplin und Herrschaft über die Triebe geht verloren. Weitaus verderblicher ist die übliche Lektüre für die Mädchen dieser Altersstufe, der literarische Unwert, die Sinnlosigkeit und die pädagogische Schädlichkeit der Backfisch- und Pensionsgeschichten. Hier wird die Liebe in ihrer testen Form üufgetischt und ihr Hauptwert in Flirt und Hochzeit gesehen. Was anderes aber sollen wir den Mädchen zu lesen geben? Die Jugendschriftenkrititer -empfehlen Lebensschilderungen praktisch tüchtiger und geistig bedeutender Frauen; Erzählungen hervorragender Schriftstellerinnen, die insbesondere das Alltagsleben mit seelischer Vertiefung zu gestalten vermögen; Darstellungen des Volkslebens, die zu sozialem Denken und Fühlen erziehen. Aber das alles ist für uns schwer zu beschaffen, da die jüdische Frau erst seit kurzem in der Oeffentlichkeit wirkt. Diese Frage berührt ture wundeste Seite im Leben der meftlicfyen uni) östlichen Orthodoxie: Nirgends gibt es so viel hysterische, so viel verwöhnte, von Illusionen erfüllte und am Leiden sich freuende und an der Verkennung leidende Frauen wikunter uns. Die seelische Pubertät, die an .sich bei den Mädchen früher einsetzt, als bei den Knaben, dauert bei der Kompliziertheit der objektiven Kultur heute viel länger, als früher. Dadurch erwachsen uns Probleme, die früher für die Judenhert nicht existierten!; um so dringender müssen wir den Ruf nach einer für dieses Alter geeigneten Jungmädchenlektüre erheben. Auch Knaben im ersten Abschnitt der eigentlichen Pubertät haben nicht mehr das Interesse am nur Stofflichen, lesen aber mit größerer Intensität. Das Abenteuerliche ist schon am Ende der Vorpubertät an Bedeutung zurückgetretM» und hat der Vorliebe für das Historische Platz gemacht. Jetzt werden historische Bücher ihres Wirklichkeits- und Spannungsgehaltes wegen hervorgeholt, Novellen, Romane, historische Balladen und Dramen. Ein glaubhaftes, seelisch wahr gezeichnetes Bild einer historisch merkwürdigen und großen Zeit, ihres Kämpfens und Ringens, zwingt der Jugend Vewunderurlg ab, während das Phantasievolle von dem inzwischen entwickelten kritischen Verstände abgelehnt wird. Aus der Beschäftigung mit dem eigenen Ich schreitet der Jugendliche allmählich zur Bildung eines Planes für fein Leben fort, und nur was er als objektiv möglich selbst in seinen Lebensplam aufnehmen kann, ringt ihm Bewunderung ab. Einfühlen und Nacherleben, Identifizierung mit den Helden und Stolz auf ihn bricht durch, das Nationale tritt hervor, oft geradezu übertrieben und überspannt, darum gerade für diese Zeit gefahrvoll, wenn chauvinistische Bücher — aber •ebenTs darum für diese Zeit wertvoll, wenn bewußt jüdische Bücher ihm in die Hände geraten. Wie groß gerade für diese Zeit die Verantwortung für die jüdische Jugendpflege ist, liegt auf der Hand, ebenso, daß gerade in dieser Zeit eifernde Verdammung und extreme Ansichten über einen Stand und eine Weltanschauung am leichtesten sich in das schnell fertige Urteil des Jugendlichen einschleicht. Aber der Lebensplcvni zerbricht, die Welt hemmt und drängt. Mit dem Hineinwachsen in die eigentliche Reifezeit wird auch das Hineinwachsen in die verschiedenen Gebiete des objektiven Geistes zur Notwendigkeit. Der Pubertisrende wird zum Allerweltskritiker, zur Plage des Hauses und zum Schmerzenskind der Schule. Künstlerisches Verständnis wäre da, wenn wir es nur zu pflegen verstünden! Wenn wir den Buchhändlern die Anschaffung der Bücher in einer jeder jüdischen Schule urid Religionsschule anzugliedernden Bibliothek , veranlassen. Durch Zusendung von Freiexemplaren eines jeden neu erscheinenden Buches am die Anstaltenwürden die Verleger sich ebenso wie der Allgemeinheit dienen, da eine von der Schule empfohlene oder vom Lehrer zum Teil vorgelefene Lektüre von den Kindern gern gekauft wird. 3. für die Pflege: Bei den Buchhandlungen eine den' Eltern sichtbare gesonderte Reche für jüdische Jugendliteratur zu halt-M, in den Elternhäusern keine Schundliteratur zu dulden und keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, beim Unterricht in der Schule und im gemütlichen Beisammensein in der Familie jüdische Jugendlektüre vorzunehmen, undso vorzulesen, daß sie die doppelte Bedeutung des hebräischen Wortes, mp verspüren und in dem Buch nicht nur ein Genußmittel seh.en>, sondern einen Ruf vernehmen an ihren jüdischen Geist und an ihre jüdische Seele und danach die Lektüre wertem! lernen. Jüdischer Geist in jüdischen Schulen. 2 Teil : Der deutschkundliche Unterricht. (Alle Rechte Vorbehalten.) Von Studienrat Louis Rosenvlatl in Kaiserslautern. (Fortsetzung), Für die Oberstufe schließlich -ist -der Poefi-estoff wieder iibemus reich. Bor allem müssen- >i-n- Oberst kunda, wie wir jüngst bei der Prosa sahen, miMeHochdeuffche Texte ge lese n werd en: Das , Hilldebvandsüedsiagmen'b. (Hiawsihs auf di-e Schicksalsauffasfun-g! hier, aus die biett OeÄipus (Sophokles) und bei Schiller m „der Braut von Mest fma"), Proben aus Nöttens Pstlmenb-uch,, A-nnos Welirchronik und aus dem- Mbnnegies-ängen. (auch des Juden Süßkind von Trimb-o-rni, stM-er des Müßten Sängers deutscher Minne, Walters von der Vo-gelweid-e), das Nibelungen- und Gudrunlied (germanische und jüdische Weltanschauung!), aus Hartmanns van Äsr Aue, Epen „Gregor auf dem Stein" und „Der arme Heinrich" (Ethischer Jdssuge-halt!), Proben aus Parzwal (christliches Ideal!), aus der reichen DidakM mitielalli-rstcher Dichter (Das Vorbild Mischsth und Koh-sle-th!), Gryphms Lust-- spiel „Horribilicvi'br-i-stx", aus Grimme-lhaustns „SiMpA zisfimus" (Die Schattenseiten des Krieges!), Probien aus Broke-s und Hallers „Alpen" (vg-l. die Naturpstömen), Ewald Kleists „Hymne", Gellerts „Ehre Gottes ans der Natur" und „Preis des Schöpfers" (lauter tstsr-Mgiöst Lyrik!), aus Klopstocks Oden, Schillers G-edauke-nly-rW (Mädchen aus der Fremde, Aus dem Liede andi-e aus der Fremde, Aus Dem Liede an- _ r _,_ __für ^Freude, Das verfchl-sverte Bild zu Sais-, Ideale. Eleusikeille andere Epoche den Wert des Aesibetischen Fest- Ideale und Leben, SpaKsr-g-ang, Hoffmmg, fürhi» fiiv s,;nL rrWtff,yn |-2>er G-snius, Worte des Glaubens-, Worte des Wahns für die Entwicklung, anerkennenfür diese muffen viele andere), Goethes „Gesang .der Schier Wer den wrr es. da -es sich jetzt darum handelt,.aus. der Wassern:", Goethes^ „Iphigenie" „Taffo" und „Faust". Unruhe zur Ruhe, aus der Kritik zur Bejahung, aus dem Verstandesmäßigen zum Gefühl, aus (Boi dm Worten Go-ethes muß der Lehrer stets auf den innerlich schwermit sich selbst k-ämpfend-en und die tiefste der ZerrWnh« zur Harmume zu «ihren °hn° öte es fernen Glauben und kerne Persönlichkeit Otto Ludwigs „Makkabäer", (bei den. beiden letztenmuß gibt. Jenes Büch wird auf di-e Seele des 16jähder Lehrer auf den- Unterschied zwischen historischer Forrigen Eindruck Machen, das ihm tw feinem Innern Üchwng und dichstrischer freier Ausgestaltung h-mweistn), eine über dem Alltaasleben wirkende erböbeNd-e ^^lllparzers „Libuffa und „Jüdin von Toledo , Hebvom -Lumgsieoen wirrenoe eryoyemst Epos „Mutter and Kind", Gerhwt Hauptmanns st¬ und verschonende Kraft Zeigt: Je mehr wir die ztaöe Dramen, schließlich ausländische Auto-vsnwie So- Aüswahl seiner Lektüre danach treffen, um so phokles, Shakespeare,. Ibsen und Tolstoi, mehr wird das Buch ihm zum Freund und Ret-, Man kann, natürlich in diesem Rahmen, den Lesestoff ter uns ÄUm wertvollen Mitarbeiter beim Er- > erschöpfen-; es sollten nur et-ntge Htnw-eist und Mchti s < t 'I, ünvsn gegeben werden. Vielleicht.könnte einer emwenziehungswerk und an der Ausgabe unserer Zeit . dis angegie-ben-e Le-M-re stl teilweise zuunmodern; IV. rochen -doch Ne pädaMgischen Fachschristen und Ta-ges- _u rix. ver s. jzeitungM darauf Ij-tim,. daß unsere hsudiae Juaend von Daraus ergeben sich ganz klar bte Forderunj Klassikern überhaupt nichts mehr wissen will und nur gen, die wir zu stellen Haben! 1. für den Jnhalt modernsts Literatur zeitgenössischer Dichter -und Probleme der Jugendlektüre: verlainFt.- Ich glaube, daß mlt dieser Fordeirung das Bad Als Ergänzung zu der unsere Anschauungen m-st d-em KHude an-sgeschllit-ot wirb. Man muß der Ju- IMlld -Mtge-g-mkommen, ab-er der hypermoderne Zua an Nicht verletzenden^ von mchtjudrschen PrufungS- ,Berlmsr Gymnasien,'daß die Schüler dem, Lehrer den ausschuffen empfohlenen. Jugendlektüre solche (Lesestoff vo-rschreib-m, «ist unnormal -und muß sich rächen. Bücher, welche jüdische Vergangenheit und Ge-,FEch soll und muß aus die Eigenavt-und Wünsche der genwart, jüUsches Pflichtenunid GemsiNschasts- Nuchichch t&mammwmeriwn (dies wird bet Neuuhon cr^^K JtrrS olis cmschasfmMfux tune Lese-b-chsto-thek, bMder WaWsr-cchMt leben, Freud und Lew> Kampf und Sr-eg m einer Auffatzthemen. in der Privatle-ktü-ve, bei freien Vorder nun gemäßen- und den verschiedenen Altersträg-sn und den eii-gens eMgerichteten Arbeitsgemeinschafstufen faßbaren Form gestalten. jten htnre'vchend berückstchtlrgt.), aber bei der Kläffenlektüre j 2. für die Verbreituna: Die. ständiae Ver-- :^r selbst die Entscheidung zu -tnefstnhaben, i össen-Wlbuno von BürbeEon. nni hypermoderne Vew-egun-g. hier Grohstadtjugend fällt ^'1 ™ ™ 9 DDtt Jett,eit ’ija -beijüdischen Menschen-, Ne >di.e AuckarMt MMber- ' '' mn (Nest JehuÄ-m nennl' sie Stadt und Land mabil rn' rnarb-n hnh Uo in Morlehen, wie -ihre Lchve-r aus die modvrE Pr-obleme eiNm 5 A 0aß,sie m Ber achen und sie stlbst M diesen Stellungnehmm vasten, bmdung mit Verlegern zum Druck geeigneter Ju- . /xnrtfekvna fnJ\ gendlektüre -ermuntern und in Verbindung mit _ ö sie-

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