Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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vrzie^umj und Lei; age zum,/ Organ -es Kvn-es grseyestrrurr Mischer Kehrer Deutschian-s Was geben wir unserer Zugend zu lesen? Referat auf der Erzrehungskonferenz des Keren Hathora anläßlich der Zweiten Keneffio Gedauto. Bon Dir. Dr. M. Elias in fZrankfurt «. M. (Schluß.) Eine Frage für sich wird durch die belehrende I u g e mr b i i t e r a i u r aufgeworfen; gerade in neuerer Zeit fetzt man sich sehr für sie ein, die man zur Zeit Wolgast glatt abgelehnt hätte. Auch hierin können wir mit den Jugenüfchriftenkrvtikern von heute^ einig gehen. Es ist ein Unterschied zwischen einem Lehrbuch , und einer belehrenden Jugendschrift. Daß wir sie aber auf den verschiedensten Gebieten jüdischer Wissenschaft dringend notwendig hätten, wird jedem klar, der in der Schule schon bemerkt hat, wie das nebenbei Aufgenommene viel bester sitzt als eine direkte Belehrung. Wir müssen in der jüdischen Geschichte sowohl wie in der Ltteratur die Haupttypen der verschiedenen Altersstufen» und die Wesensmerkmale ihres Interesses zu Grunde legen. So in der ersten Periode den Tätigkeitstrieb beschäftigen, in der zweiten Periode die Neigung fürs Märchenhafte ausnutzen und in einer dritten den Erlebnisdrang des Kindes befriedigen. Freilich müssen wir wissen, daß Wissenschaft nichts mit Dichtung zu tun hat. Daß sie aber unterhaltend und dabei sehr erfolgreich fein kann, zeigt die Jugendzeitschrift. Neben dem Jugendbuch hat die Jugendzeitschrift große Bedeutung im literarischen Leben des Jugendlichen. Denn das Buch wird' gelesen und weggelegt, aber die Jugendzeitschrift bringt mit jedem neuen Heft den Inhalt des Vorhergehenden m Erinnerung. Wenn aber Prof. Kühner von der Musterschule Frankfurt daher urteilt, daß das zufällige, sprungweise Lesen der Privatlektüre die Absicht eines wohlgeordneten Schulunterrichtes direkt durchkreuze und' die Gefahr 'einer enzyklopädischen Biel- und Halbwisserei heraufbeschwörte, gilt das in erster Linie für die Jugendzeitschrift und kann sie direkt schädlich erscheinen lasten. Wohl besteht noch die Möglichkeit, Tageszeitungen und' Wochenblättern Unterhaltungsbeilagen für Kinder anzufügen, doch ist dieser Versuch mit Vorsicht zu machen, da die Frage, ob die Jugend zur Zeitung, geführt werden soll, noch nicht gang geklärt ist. Die jüdische Zeitung hat zwar vor der nichtjüüischen voraus, daß sie sich von Sensationsnachrichten und Sittenbildern trübster Art, sowie Feuilletonen Zweideutigen Inhaltes fernhält. Darum kann man hier eher für einen solchen Versuch sein. Zusammenfastend darf man sagen, daß das Buch bester ist, 'als die Zeitschrift, die Jugendzeitschrift bester, als eine Beilage. - Die Forderung: „Erziehung vom Kinde aus!" muß für jede erziehliche Maßnahme berücksichtigt! werden. Sie führt, wie wir gesehen haben, erstens zu Untersuchungen von Selbstzeugnisten der Kinder über ihr Lieblingsbuch, zweitens zum Studium der Wesensart der allgemeinen Ideale auf bestimmten Altersstufen und drittens zur Berücksichtigung > der Lebensbedingungen,, unter denen das Kind lebt. Nach diesen drei Gesichtspunkten stellen heute die Jugendschriften-Kritiker ihre Bücherlisten auf. Der Rückstand, in dem wir uns vielfach zu den modernen Erziehungsbeftrebungen befinden, zeigt sich nun auch darin, daß wir keine ausgedehnte, fortgesetzte und stetige Sammlung von Selbstzeugnisten oder statistischen Angaben über die von jüdischen Kindern gewählte Lektüre habeni. Cs bleiben also für uns drei Forderungen, als Erste: Regelung der Jugendschriftenauswahl nach Altersstufen und Typen. Der Wert eines Buches liegt ja nicht allein in feiner objektiven Bedeutung, sondern darin, daß es im richtigen Alter mr das richtige Kindherangebracht wird. Ein Beispiel statt vieler. In der Zeit der Entwicklung des Ichbewußtseins greift das Kind je nachdem, ob es dem geistigen oder dem erotischen Typ angehört, nach ganz bestimmten Büchern, die es besonders beeinflussen. Da gilt es, ebensosehr darauf zu sehen, daß bei der Aufstellung einer Liste der Inhalt charakterisiert und die Schreibweise beurteilt, wie daß die Altersstufe genannt wird-, damit es dem Jugendpfleger möglich fei, zu entscheiden, ob ein Buch für dieses oder jenes Kind geeignet wäre. Charlotte Bühler hat vier Entwicklungsstufen im Verhalten des Kindes zum Buche aufgezeigt: Das Struwwelpeter-, Märchen-, Robinson- und Heldenalter. 1. Die S t r u w w e l p e t e r g e s ch i ch t e n mit ihren häßlichen Bildern und ihren maßlosen Uebertreibungen waren bis vor kurzem eine selbstverständliche und willkommene Lektüre der Kleinsten. Es sollte ernst nachgeprüft werden, ob besonders wir Jaden nichts Besseres zu bieten haben? Hier Anregungen und Ermunterungen zu geben, wäre verdienstlich. Die ein-fach formulierte häusliche Moral muß für diese Zeit des Vorsingens und Vorlesens jedenfalls festgehalten werden. 2. Was das Märchen alter betrifft, bieten sich gewöhnlich die germanischen und anttken Stoffe dar. Eigentlich waren das gar keine Stoffe für die Kinder, daß sie aber der Jugend, psychologisch betrachtet, besonders entsprechen, hat Charlotte Bühler hervorgehoben. Die Verkettung des Alltäglichen mit bem Wunderbaren, unkomplizierte, eindeutige, typische, gegensätzliche Zeichnung der Personen! ruft Sympathien und Antipathien hervor und verankert sie im Märchenreiche. Die Aufhebung der gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede entspricht der unerfahrenen Denkweise des Kindes. Der kunstlose Aufbau der schlichten, unmotiviertsn Handlung, das Fehlen von Zustandschilderungen, und die Auflösung seelischer Vorgänge in personifizierte Kräfte, das alles hat die Märchen der Jugend teuer gemacht. Auch der Pädagoge ist heute im allgeineinen für das Märchen und rechtfertigt die Hineinversetzung des Kindes in eine nicht existierende Welt mit dem kulturhistorisch wertvollen Einblick, den sie in die Urform der deutschen Volks- oder der Menschheitsgeschichte gewähren. Für uns ist aber die Frage, ob auch wir unseren Kindern diese Märchen als Jugendlektüre in die Hände geben sollen. Samson Raphael Hirsch ist bekanntlich dagegen gewesen — aus Gründen der Erziehung zur Wahrheit und aus Rücksicht auf die christologische Tendenz mancher derselben. Solcher Stücke gibt es natürlich in den Grimm'- schen Märchen eine ganze Menge. Wir sind aber unkritisch genug, jedes Buch, das den Titel „Märchen" trägt, als für unsere Kinder geeignet zu betrachten. Darum neige «ich dazu, Märchen den Kindern nur in einer ganz bestimmten Auswahl zu reichen, als Lektüre auf dieser Stufe aber lieber die Midraschim und Agadasammlung und die Bibel in schönen Darstellungen für Kinder zu geben. Das Märchen ist fteilich etwas anderes als der Midrasch — das Märchen wird von keinem Kind als heute noch in der Wirklichkett spielend angesehen. Der Midrasch aber ruht auf einer Wirklichkeit und wurzelt im Wahrheitscharakter der Thora. Es kommt also darauf an, baß die Midraschim nicht als Sagen und Legenden dargestellt nn<ddargereicht werden. Kunstmärchen, wie beispielsweise die von Irma Singer oder in dem von der Loge herausgegebenen Märchenbuch, sind unbedingt zu empfehlen! Im ersten, die Kindheit liquidierenden Uebergangsalter von 9—12 Jahren zeigen sich keine festgelegten Stoffinteressen, da gibt es ein Bielerlei, bei den Knaben noch mehr, als bei den- Mädchen. Das Kind fängt an, die Märchen als unwahr und nicht nur als unwirklich zu empfinden. Geschichten von Tieren, nicht mehr mit typischen und menschenähnlichen Zügen, sondern mit realistischen Schilderungen der besonderen Lebensweise, des Schicksals und Charakters des Tieres. Zwar haben wir auch in der Wischen- Ltteratur Tiersagen, aber diese gehören nach Darstellung und Motivierung der Märchenstufe oder der Mystik an. Darum können wir sie ruhig aus der nichtjüdischen Literatur nehmen. An sich ist dem Jude, der weder jagt, noch gern mit unreinen Tieren, zu denen auch Hund und Katze gehören, in häuslicher Gemeinschaft lebt, die Tiererzählung in der Art von Löns oder Jack London allerdings fremd. 3. Im 11. und-12. Jahre verlieren die Kinder die Lust am Märchen und damit auch die Lust an Midraschim. Es liegt nicht im Interesse des Kindes, daß man ihm über diese Zeit hinaus Legenden zu lesen gibt, weil sie dann nur zur Mystik erziehen.