Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 48 Der Israelit t: tf. 28. Noo. 1929 Dicht an der russischen Grenze sitzt der heldenhafte Vorkämpfer für d-as religiöse Recht der russischen Juden-, Rabbi S ch n e i e r s o h n aus Lubawitsch. Vonda aus muß sich die Hilfsquelle, von überallher gespeist, über die Ostgrenze ergießen. Materielle und moralische Hilfe. Erstere gewiß nicht im Gegensätze zu den Sowjetgesetzen, aber dahin gerichtet, daß die drakonischen Gesetze gemildert werden und die Grundbedingungen eines menschlichen und jüdischen Lebens für Einzelne und Gemeinschaften unangetastet bleiben. Das ist gar nicht so aussichtslos, wie manglaubt. Die „Unversöhnlichen" und „Unbeugsame-m" sitzen nicht im Kreml, sondern in der Redaktion des „Emes" und in den jüdischen Kommunistenbüros zu Minsk und Charkow. In Moskau selbst ließe sich mancherlei mit Geld und guten Worten erreichen. Rußlands Juden selber könnennicht einmal den Versuch dazu machen, ohne ihr Letztes damit zu wagen, 'im lasy im» tman p#, die Hilfe muß von außen kommen. Moralisch sollte ihnen, aber unsere Unterstützung in v o l'l st e m Maße werden. Sie sollen wissen, daß die Gesamtheit ihrer Brüder, wenn sie auch -micht nach Herzenswunsch helfen kann, mit ihnen fühlt, mit ihnen leidet und — mit ihnen hofft. lvochenrundschau. Verratene Jungen. Nicht von Lampel wollen wir hier reden, nicht von „Revolten in Erziehungsheimen", auch nicht von dMjklen Forts, in denen Opfer einerschwarzen Feme solange gequält werden, bis sie ein Gnadenschuß von den Leiden befreit, nichts von alldem, der ver raten e n I un g e n im S t u d e n t e n w i ch s sei hier mit einem Worte gedacht, die zur gleichen Zeit, wie nach einer internationalen Parole, in Wien, in Prag, in Berlin, in H all e, in Lemberg, in Krakau und Warschau, wie früher schon in Budapest und- Bukarest, die Fakultäten belagert halten, daß keinjüdischer Fuß die heiligen Hallen der Wissenschaft entweihe; die mit Faust und Säbel und Knüppel die Freiheit, die Wissenschaft unddamit den Länder und Zeiten vereinigenden Weltengeist totzufchlagen suchen. Daß der Bazillus des Judenhasses wie die schwarze Pest so rasch und verheerend von Grenze zu Grenze übergreifen konnte, ist nicht so sehr verwunderlich. Seuchen werden im Zeichen des regen Völkerverkehres leicht verschleppt. Daß aber die EM-emie dm Weg hinausfmden kannte zu d-en Stätten des Geistes, die stets als gut desirifiziert und immun gegen solche Kinderkrankheiten aus der Werdezeit der Völker galten, daß Jünger der Wissenschaft, Me in- Zeiten großer Erhebungen stets auf den Barrikaden waren, um dem Volke die Freiheit zu erkämpfen, d-aß diese jugendlichen Künder eines neuen Morgenrotes nunmehr mit der Meute heulen: „Juden raus! Zurück zur Unfrei HM und Engherzigkeit!" dies gehört zu d-en allergrößten Enttäuschungen unseres neuenjungen Deutschlands. „Und die Männer von Sodom," so lesen wir in der Bibel, „ um r i n g t e n das Haus und schrieen: Heraus mit ihnen! — Gott aber schlug sie mit Wmdheit." Mit V l i -ni d h e i t geschlagen — dies ist die einzige Erklärung für die Untaten. Man könnte Mi-tleiid mit diesen verratenen Junge n haben, denn sie sind verraten undverkauft, von Anderen, die einen jugendlichen! Stoßtrupp, und zwar aus einer geistig höheren Schicht, für ihre gemeinen poMischen, Zwecke brauchen. „Cham gelang es wieder einmal, Jafeth vor seinen Triumphwagen zu spannen," würde ein S.' R. Hirsch sagen. Jnternatioinial! Den internationalen Einheitsfaden bei diesen gleichzeitigen Ausbrüchen auf den Hochschulen in Mittel- und Osteuropa bilden in Wirklichkeit nur die Juden, sonst sind diese Kämpfe verschieden-geartet undnuancenreich genug. Undhier tritt öie K o m i k zu der Tragik. In Budapest hieß vor kurzem der Schlachtenruf: „Raus mit den Tschechen, R u m ä rj e n und Juden! " Die Antwort in Bukarest und Prag lautet: „Tod den Ungarn, Polen und Juden! " In W i e n und Berlin will man glattweg den Numerus clausus für die I u de n. In W a r s ch a u brüllt die Meute: „Schmeißt heraus die Deutschen und dis Juden!" „Wir wollen! keine Deutsch-en, keine Ukrainer und keine Juden.!", schreien BiOX’ULTBA Oh&fafk*<häumefld& Sauerstoff-Zahnpasta Wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 80 Pf. BIOX-NIUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Ml. Gegen lockere Zähne Drob e-Flasche gratis.Max Elb A. G., Dresden die lieben Kommilitonen in L e m b e r g. Also überall ein anderes Kampfobjekt, aber zu jedem kommt der Jude hinzu. Geht es so weiter, dann könnte es einem schon angst und bange werden um die Kultur von morgen in den vor.! der Seuche erfaßten Ländern, zu denen leider nunmehr auch das Land, das auf seiner Karte ein W e i m a r, in feiner Kulturgeschichte einen Kant und einen Goethe, einen L >e s s i n g undeinen U h l a n d hat, zählt. Aber die Wege Gottes und der Geschichte sind oft sonderbar. Vielleicht kommen dach noch Ereignisse, die der akademischen Jugend die Augen öffnen über den Frevel, der mit ihrer Seele und ihrer Jugend von gewissen politischen Führern getrieben wird. Arme, verratene Jungen!-- Sanft m die Augen In Jerusalem hat man auf den bekannten und hochverdienten Augenarzt Dr. T i ch o ein Attentat ausg-eübt, so daß man eine Zeitlang für sein Lebenfürchtete. Er liegt noch inbedenklichem Zustande in seinem eigenen Spital, dessen Augenabteilung er leitete und darinin einer Wirksamkeit von Jahrzehnten, Tausenden und Ab-ertausenden das Augenlicht gerettet underhalten hat. Er hat nun den Dank, den bekannten Wettenlohn, empfangen. Das ist eine der letzten Heldentaten der Araber in der Reihe der täglichenkleinen Ueberfalle, (die letzte ist das Attentat auf Norbert Beutln i ch) seitdem Polizei, Militär, Gerichte und Untersuchungskommission blutige Demonstrationen im Großen verhindern, und er wirkt geradezu symbolisch, dieser U e b e r f a l I a u f d e n Augenarzt. Dem Mann, dessen Wirken seit Jahr und Tag darin besteht, -in einem Lande, das mit seinem Klima ulld seinen früheren Fiebe-rherden dem Auge nicht dienlich ist, dem Volke das Auge n l i ch t zu erhalten, wirdmeuchlings ein Dolchstoß versetzt, der ihm das Augenlicht und zugleich das Lebenslicht rauben soll. Die Aufgabe Dr. Tichos war rm Grunde genommen die d es neuen jüdischen I: - s ch u w. Er brachte — leider mit einer reichlichen Dosis religiöser Farbenblindheit — Licht und Leben ins Land, zeigte, wie man den Acker bestellt, Städte und Dörfer baut. Die Lebenslage des Arabers besserte sich unter dem Einfluß des Juden. Er bekam Arbeit und Verdienst undwuchs aus dem Sklavenjoche der Eff-endts in ein freies, besseres Leben und eine höhere Lohnstellung hinein. Der Araber lernte auch bauen- und arbeiten-, fo daß Weihe des Diesseits. Betrachtung zu rm nn nms* (Zur ersten Jahrzeit von Dr. Meier Munk Vst und von R. I. Malina r'si-) (26. und 28. Cheschwan). Von Rabb. Dr. Cohen. 1. Das forschende Wort der Midraschweisen erörtert gar oft die Frage, weshalb die Zahl der Lebensjahre unserer großen Ahnen immer zuerst gezählt erscheint, bevor ihr Tod berichtet wird, und weshalb ihr hohes Alter mit den Worten bezeichnet wird: Er wurde alt und kam in die Tage. Einmal antworteten sie: Es gibt Alter ohne Tage und Tage ohne Alter. Gott aber kennt und schätzt die „Tage'' der Vollkommenen. Er weiß, wie sie alle ihre Tage zählen und jeden Tag verloren schätzen, an welchem sie nicht Gottgefälliges geschaffen und geleistet. So hing (B> b. 16) ein „Edelstein" am Halse Abrahams, den nach Abrahams Tode Gott an den Sonnenball hangle; dieser Edelstein war nichts anderes als Abrahams Freude über jeden Tag seines Lebens. Der Zaddik bereut in stiller Nachtstunde nicht nur Versäumnisse oder Missetaten des Tages; er harrt in ihr auch mit Sehi.sucht nach neuen Pflichten des beginnenden neuen Tages, und so wird ihm jeder Tag, den er im Diesseits erleben darf, zu einem gefundenen Kleinod,! zu einem ängstlich behüteten Schatze. Und diese Lebensfreude braucht sich nicht scheu zu verbergen, wie dis des Genußmenschen; sie sucht und grüßt das Licht des Tages, weil sie Mizwa-Freude ist. Sie wehrt gleich llnlauterem den Sterbegedanken ab; sie spiegelt Leben gleich der Leuchte des Himmels. Einst, wenn sie erlischt, ist ein Edelstein verblichen, der die Sonne spiegelt, und trägerlos, des Hüters beraubt, wird der Geist zurückgeschenkt Gott, der ihn gegeben, der Seele Edelglanz dem Sonnenball zurückgeschenkt. 2. Was aber kann eines Erzvaters Tod, einer Mutter Sara Ableben den Nachkommen, den Kindern solches Hauses Erhebendes bedeuten? Wie kann ihnen Trauer und Gedenken der Toten geboten sein, wenn nur Sehnsucht nach neuen Lebenspflichten und Freude an gottgefälligem Leben ihr Vorbild und ihr Selbsterziehungsziel geworden? Daraus antworten die Midraschim: Wohl steht es dem Zaddik an, über sein eigenes, ihm entschwindendes Leben zu trauern. Der pflichttreue, im Gottesworte sich mühende Mensch ist die Krone der Schöpfung und darf deshalb mit sogar von seinem leiblichen Dasein sprechen: po«a *!>:n - -wir? ->«n bv '»ri Wehe um dieses Schöne, das im Staube verfällt. Selbst wenn ein hmn als Märtyrer, um nicht Gottes Lehre 'und Gebot zu leugnen, den Tod wählte, dann konnte er nicht gleich dem Asketen anderer Bekenntnisse froh dem Verlassen des Erdengefängnisses der Seele entgegensetzen. Sondern als man seine Kopshaut bis zu dem Orte herab gezerrt hatte, an welchem der Jude das Gottesdieners ch a f ts b e ke n n t n i s der Tejillin täglich verwirklicht, da brach R. Jischmael in ein Wehklagen aus, das die Himmel durchschnitt und den göttlichen Ehrenthron erzittern ließ. Auch Rabbi Akiba erinnerte sich in der Stunde des Märtyrertodes mit Schmerz an die furchtbare -Leclennot ">2>- yosi bov nr piosn orwr» 'v m v' iw yVv: r« «in mit der ihn zeitlebens der Gedanke ge- \ peinigt hatte, daß man zum Dienste Gottes auch einmal genötigt sein kann, das Leben, das durch nun und mir» so schöne, so lebenswerte Leben wegzuwerfen. Und wer einmal einen wirklich gottbegeisterten Thorabeflissenen in den Wochen seines Lebensabends vor einer Reise, von der er nicht mehr mit voller Sicherheit die Heimkehr zu erhoffen wagte, von den rmv» hat Abschied nehmen sehn, die seinem Hause das Gottesdienerschaftsbekenntnis ausgeprägt und Zeugen seines allstündkichen und nächtlichen Thorastrebens und ihm auch Bürgen steter Gotteshut über allem Wohlergehen der Seinigeir gewesen, — der weiß, der. empfindet, weshalb ein Dienerunseres Gottesgrsetzes seines gottgesandten Geistes heilige Residenz in seinem Körper und seines gottgefälligen Älltagsschafsens Tempel in.seinen von der ms» gezeichneten festen Wohnsitze erblickt. (Schluß folgt.) Uleines Feuilleton. Jüdische Familienforschung. Die Gesellschaft für jüdische Familienforschung (Ber> lin W 9, Potsdamer Str. 5, Postscheckkonto Berlin Nr. 18326) wurde im Jahre 1924 ins Leben gerufen. Die Anteilnahme an der familiengeschichtlichen Forschung ist in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren in weiten Volksschichten außerordentlich gewachsen, in jüdischen Kreisen allerdings nicht in dem Maße, wie es zu wünschen wäre. Das mag darin liegen, daß es bisher an einer Zentralstelle hierfür fehlte. Durch die „Gesellschaft für jüdische Familienforschung" ist eine solche geschaffen. Immer und zu allen Orten hat es Juden gegeben, j