Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1929)
- Date
- 1929-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450595--76491-2534071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
28. November 1929 Nr. 48 Frankfurt a. M 25. Nkarcheschwan 5690 kill Centralorgan tir das orthodoxe Judentum ||fl) Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 19L9 .Deutschland 1.30 Markmonalltch: Ausland: Viertel» tahrpreife (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Ssterreich: Schilling 8^-; Amerika 1 Dollar: England 4 sh. ab 1. Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab l. 7.27. Belga ö; Holland 8 fl.; Italien ab 1. < 28.18 Lire; Jugoslawien 88 Dtn^; Litauen 7.80 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 37. 180 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowakei 28 Kronen: Ungarn Pengö 6 ab I.Iuli 1827; Dänemark 8.80 Krön;Norwegen8.80 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfrurige. Der Israelit erscheint^ jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpf. für die stebeugespaltM» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familtenanzeige» nur 40 Pf. Die 75 nun breite Reklamezeile r letzte Tertseite 2.— Ml.. vorletzte Tertsette 2.60 Mk.; Thtffreaebühr in Hö'ie eines tiovr. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufende« Inseratausträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. inseratenannrhme durch de« Verlag des Israelit tS. m. b. H., Frankfurt a. M., Rechneigrabenstratze 7. Tel. Hansa 6848 sow. durch sämtl. Annoncen-Erprd. des In- und Auslands. Alleinige Inseratenann. mr Franks. Geschäftsan?.: Jul. Schmidtiöa rgellr. 7. N. Tel. Hansa 4841. Platzvorschr. ohne Berbindlichk. Lablunaen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr- 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. — PoMparkaflenämt BuvHest Nr. 18424^ Warschau Nr. IMTS?! — Postsch^mt ZuUch Nr. Vlll — SnlonWcml Rotterdam - s°stsch-Samt Amsterdam Nr. 84889 - Böhmische ttnfonji««!*«f vag - Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements odor^u^Inseraten^stch^ergebenden^gahlunasverpmchtungstt^Fraurmr^a^llll^ Glaube und Heimat. Zur Maffenflucht aus Rußland. Die Welt erlebt eine neue Völkerwan? 1) e r u n g. Einstens setzten sich Völkerscharen in Bewegung, um das Zeichen ihres Glaubens in ferne Länder zu tragen. Brand> Blut und Verwüstung zeigten ihre Spuren. Heute wandern ganze Volksstämme - aus Rußland aus, weil sie dort, im Lande, das feit vielen Jahrhunderten ihre Heimat war und dos unter grausamen despotischen Herrschern ihnen Brot und religiöses Sichansleben gönnte, keinen Boden mehr unter den Füßen haben; weiil sie das Zeichen ihrer Religion, das die Schwarzen Hunderte des Nikolaus respektierten, von den Roten Armee n des Statin umgeworfen sehen. Sie wollen, diese Hugenotten, des. zwanzigsten Jahrhunderts, das, was 'ihnen durch Glauben, Geschichte, Tradition und? Leiden heilig geworden ist, sich und' ihren Kindern erhalten. Darum verlassen sie ihre Scholle, chr Vieh im Stall, ihr Korn in der Scheune und greifen zum Wanderstab. Zehntausenide umringen, aus allen Gauen der Krim, des Kaukasus und an der Wolga strömend, m M o s k a u die Aemter, um dort ihre nötigen Ausrelsepapiere zu erhalten. Tausende harren in den Auswandererhallen in Kiel, Bremen und Hamburg des Schiffes, — vielleicht nur eines Märchenschiffes, das nie feine Segel lichten wird — das sie mit ihren hun!- gernden und krankgewordenen Kindern nach einer neuen Heimat in Kanada oder West- Amerika verbringen soll. Die Schilderungen von der Art, wie sie daheim ihre Habe verschleudert haben (2 Rubel für ein Pferd, 5 Rubel für ein Haus, einige Kopeken für ein Zentner Korn) glauben Mir schon, einmal irgendwo gelesen zu haben oder als schwache Erinnerung im Blute zu tragen. Nämlich damals, als zu Ende des 15. Jahrhunderts sich eine halbe Million Juden im christlich gewordenen Spanten in Bewegung setzte — Scheiterhaufen beleuchteten ihren Weg — damals wurden ähnliche Kaufabschlüsse gemacht und ebensolche reinirable Geschäfte getätigt. Es gibt kaum ein Ereignis oder ein Unglück in der Welt, das nicht 82v *?toup ctud) schon in seiner Geschichte irgendwo und irgendwie erlebt hätte. Aber nicht zu geschichtlichen Reminiszenzen reizt die Wandertragödie der Mennoniten. Sie briingt uns die Rot aller Nöte unserer Brüder in der G e g e n - wart nahe, greifbar nahe. Die Flüchtlinge, Opfer einer verbrecherischen K v l l e k t i v Wirtschaft, die mit der Politik des „Sodomrtischen Bettes" Gleichmacherei um jeden Preis erstrebt, Opfer einer Religionsverfolgung, die sich gegen Gott, Natur und Gesetz kehrt, diese entwurzelten Menschen bringen ohne Auftrag stummen Gruß von zweieinhalb M i I l i o n e n I u d e n in Rußland, die unter n och w e i t schlimmeren Verhältnissen und Beding u ini g e n dort leben und denen selbst der Auswandererstab als letzter Halt und letzte Hoffnung versagt ist. Die Mennoniten hatten immerhin Boden unter den Füßen, der sie, bei allen Enteignungsschrkanen, doch kümmerlich ernährte. Als man ihnen die Sprache und die Schule, Kult und Kultur (ihre alte Kultur) nahm, da regten sich für sie die Herzen derraffen- und sprachverwandten Völker in Europa und Amerika. Die Glaubensbrüder in Kanada bereiten großzügige Ansiedlungen vor. Schweden nahm einen Teil der Auswanderer, soweit es sich um Nachkömmlinge der schwedischen Nation handelt, m Liebe auf. In D e u t s ch l a n d sind große Hilfsaktionen eingeteitet, um den heimkehrenden oder durch die alte Heimat ziehenden Brüdern zu Hilfe zu kommen. Der S t a a t hat zunächst sechs Millionen Mark bewilligt. Gang gewiß wird es nicht an diplomatischen Schritten in Moskau fehlen, um die. Zehntausende, die die Heimat aufgaben und die Grenze nicht erreichen konnten, vor dem Lose der Deportierung nach Sibirien zu bewahren, vielleicht sogar sie m die Heimatdörfer zurückzubrmgen, in die nunmehr etwas mehr Sonne geleitet wird, wenigstens soviel, als Menschen für ihr Leben und' Arbeiten unbedingt brauchen. Wer steht unseren Brüdern bei, denen als Händlern, Kaufleuten und kleinen Handwerkern von der roten Kollektivwirtschaft das Letzte genommen wird, ohne daß ihnen ein gütiger Bodoni das Brot des Tages reifen läßt; die für die geringste Umgehung einer das Leben einschnürenden Bestimmung sich Sibirien oder Todesstrafe zuziehen? Wer steht denen bei, bitte, wie beispielsweise in Leningrad, weil sie die Gemeinde und deren Institutionen erhalten wollten, zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt werden? Wer hilft denen, die mit dem Kinde und dem heiligen Buche sich in Keller und Dachkammer verkriechen, stets der Gefahr aussetzt, von den Häschern der roten Inquisition gefaßt und vor Gericht gestellt zu werden? Wer reicht die rettende Hand den Gemeinden, die zu Notgemeinschaften geworden sind, dieweil man ihnen Cheder und Schule nimmt, das Gotteshaus beschlagnahmt und das Tauchbad verstopft, denen man den Sabbat und den Kalender raubt, daß ihre Kinder in einer geistigen Wüste aufwachsen, wo es keinen Sabbat, kein! Fest und kein Fasten, keinen Gedenktag der Freude und der Trauer mehr gibt? Wer hilft ihnen, wer reicht 'ihnen die Bruderhand in dieser Not, wie sie kaum Menschen in der Geschichte in diesem Ausmaß erlebt und erlitten haben?! Hier geht es nicht um die Konservierung alter Konventikel und Sekten. Es ist Heiligengut, Zukunftssaat für die Menschheit, die von den Nutznießern eines Zusammenbruches mit Füßen getreten, ja bewußt zertrete n wird, damit alle Lichter erlöschen und alle Blüten verderben, die einer Wett in ihrer Nacht und Not noch etwas Freude und Hoffnung vorzaubern könnten. Wer hilft ihnen?! Wir habeni keinen Boden zur Ansiedlung. In unserem Erez Jisroel schreit frisches Blut aus-der Erde: „Noch keine Heimat!" Wir haben keine Staaten und Organisationen, die MMonenetats für eine Diaspora bereit hätten. Mitteleuropa ist verarmt und die Juden sind es doppelt. Amerika hat noch Millionen für Philcvntropie, aber auch sie reichen kaum aus für den Wiederaufbau in Osteuropa, für die Hilfe in Palästina, für die hungernden Arbeiter, Handwerker und Jefchiwajünger in Polen und Litauen. Eine Auswanderung der Juden aus Rußland hiieße, — solange nicht Amerika über die Quote hinaus neue Emwainderungsgebiete für weniger agrarisch eingestellte Elemente eröffnet — eine Vermehrung der Judennot in Europa und für Deutschland keine geringe Gefahr, mit Rücksicht auf den bitteren Haß, von dem wir hier schon ohnehin umflutet sind. Und dennoch! Trotz allem und allem sollte die Bewegung, die jetzt durch Deutschland' zu Gunsten der deutschstämmigen Auswanderer geht, unser jüdisches Vrudergefühl anregen, uns aufrufen zum Mitfühlen, Mitdulden, aber auch Mithelfen im Rahmen des Möglichen und Gegebenen. Die zweite Kenefsio Gedaulo hat in bündigen Beschlüssen Me Solidarität des Thorajudentums mit den Brüdern in) Rußland ergreifend zum Ausdruck gebracht. Folgen wir der Losung und der Weisung!