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Der Israelit · 1929-11-21 · Heft 47 (21.11.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 47 (21.11.1929)
Date
1929-11-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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21. November 1929 ' Der Israelit Nr. 47 Seite 3 seelÄch das Unglück int allen Einzelheiten noch einmal. Inzwischen aber dringen Notschreie zu uns aus dem alten Jifchuw, aus der Masse der Meistbetroffenen, aus den Kreisen der Bet- und Lehrhäuser im alter! Jerusalem und anderen Städten, daß man sie in der schwerenNot ganz verlassen hatte. Der Strom der Hilfe, der sich aus den jüdischen Herzen in Amerika und Europa ergoß, dieser Goldstrom erreicht sie nicht. dk zionistischen Instanzen haben es verstanden, das Hilfswerk zu zentralisieren, und sie verwenden die Gelder so, daß die Aermsten der Armen, die bei der! Unruhen und infolge der geschaffenen Lage ihr Letztes verloren, nichts zur Erleichterung ihres Kampfes gegen des Tages Not, für das tägliche B r o t, e r h a l t e n. Wenn wir uns auch nicht alle Anklagen! die in der Erregung und Erbitterung erhoben werden«, zu eigen machen, so steht doch das eine fest: Das zionistische Zentral hi l f s k o mite e behandelt die Sache weniger philantropisch als vielmehr politisch, parteipollti'sch und fmargpolitifch. Sein Aufbau- und Kulturbudge't aufbessern zu wollen, ist kein Verbrechen, aber es barf nicht auf Koste n d e r Darb e nd e n u n d Obdachlosen g e - s ch e h e n. Reservefonds für spätere Notfälle anzulegen, ist vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus löblich. Aber diese weise Vorsicht ist kein Ersatz für Brot und« Milch, danach tausende hilflose Kinder in d«en alten Siedlungen hungern und lechzen. Es ergibt sich ganz von selbst, daß bei der Verterlungspolitik der zionistischen Leitung die Institutionen und die Menschen zunächst gesehen und berücksichtigt werden, die ihr am nächsten stehen, obwohl nachweislich die Dollars in Amerika in der Hauptsache aus Taschen von Leuten! flössen, die, durch die zwölf amerikanischen Edelopfer in Hebron angeregt, d a mit d e n Stätte n u n d M e nf ch e n Thora helfen wollten. Gegen die Diktatoren des Waad Haleumi ist aber mit folckven Argumenten nicht auszukommen. Ihm gegenüber kann sich auch Oberrabbiner Kuk, dem der Eintritt in das Verteilungskomitee glatt verweigert wurde, nicht durchsetzen. „Oberrabbiner absolut, solange er unseren Willen tut!" In! dieser Sache denkt und handelt Rabbi Kuk nämlich ganz in unserem Sinne, und er klagt in einem Schreiben an den Vorsitzenden! des Rabbmifchen Rates, Rabbi Chajim Oser Grodzendski, bitter darüber, daß es d er W aad« H al eumi kategorisch ab gelehnt hätte, die religiösen^ hervorruft, durch die störende Prozedur, wie sie heute geübt wird, einfach verloren geht. Dem Schreiber dieses ist es jedenfalls oft passiert, daß das Netz von Emotionen und Gedanken, das durch die Thoraverlesung gewoben wurde, .durch die lange, ernüchternde Dauer des materiellen Intermezzos zerrissen wurde. Die Sitte, beim Akte des Schnoderns Namen von Verwandten, Freunden und Bekannten einzuflechten, ist in vielen Gemeinden durch einen Aufmarsch von oft 30o der 40 Nennungen bestimmt zu einer Unsitte geworden. Ich plädiere also für eine Zusammenballung des Schnoderaktes auf die kürzeste Formel. Zn diesem Zusammenhänge sei auch noch auf einen zweiten llebelstand hingewiesrn, der einen Teil der Herren Synagogenvorsteher betrifft. Das System der Verteilung der Ehrnefunktionen, wie es heute gehandhabt wird, ist, besonders in größeren Synagogen, reformbedürftig. Diese Verteilungsbefugnis ganz in die Hände der Vorsteher zu legen, muß zu Unzuträglichkeiten führen, zu Bevorzugungen und zu Zurücksetzungen. Es mühte einmal eine systematische Norm geschaffen werden, durch die der Unzufriedenheit vieler Uebergangener eine Unmöglichkeit würde. Die Lösung dieser Frage ist nicht ganz leicht, aber sie müßte angestrebt werden. Jedenfalls Wird es von der Majorität der Synagogenbesucher als erne rm Eotteshause unangebrachte Verneigung vor dem Geldbeutel angesehen, wenn es vorwiegend immer 'wieder die Besitzenden sind, die von den Synagogenvor- "stehern zu den Ehrenfunktionen herangeholt werden. In der Tat gibt es keinen ideellen Grund, den schlichten Handwerker, den wackeren .Händler un" Tempeldienst hinter den Millionär und Eroßkaufmanu zurückzusetzen. Vielleicht ließe sich im Sinne edelster Moral dann schon eher eine Bevorzugung der Armen vertreten. Mag also der Bemittelte die Vorteile seines Besitztums genießen wo immer sonst. Vor der Thora, dem ältesten, heiligsten, I u d e n« u n d die fromm e n Elemente zu. unterstütz e N, All seine Bedingungen wurden von Verteilungskomitee ignoriert, so daß er sich entschließen mußte, eine eigene Unter st ü tz u n g s u k «t i o n einguleiten. Rach all dem ist zu ersehen«, daß von dieser Seite für uns nichts mehr zu erhoffen, ist. Das jüdische Gewissen darf sich aber bei dieser Feststellung nicht beruhigen. Es muß aufgerüttelt und aufgerufen werden, diejenigen öffentlich anzuklagen, die es wieder einmal fertig brachten, in der Tragödie eine Tragödie, eine Tragödie der Thorage m e inschaft i.ni Palästina, zu schaffen. Aber mit der Anklage allein ist es auch noch nicht getan. In Jerusalem arbeitet, wie schon gemeldet, ein eigenes, auf großer Basis auf gebautes gesetzestreues Hilfskomitee, das sein Augenmerk ganz auf die Stätten und Menschen gerichtet hat, die von den Fmanzpolitikern des Zionismus übersehen werden. Roch reichen die Mittel des Komitees bei weitem nicht aus, den Ausgleich zu schaffen. Es ist daher unsere Sache, die Sache der gesamten G o l a, die Mittel aufzubringen, «in Amerika und in Europa dafür zu sorgen., daß die Hilfsgelder, die von vornherein für den alten Jefchuw bestimmt find, auch an diese richtige Stelle abgeführt werden. Der Unheilzustand in Palästina ist noch in keiner Weise beseitigt, unser Mitgefühl darf ,nicht schweigen, muß sich in Opfertaten kundtun, und zwar in solchen, die die Rot, wo sie am größten ist, treffen. Wer soll die ungarländische Orthodoxie im Oberhause vertreten? Von Oberrabbmer PH. Fischer in Sarospatak, Ungarn. Es sind noch kaum die Q'tpVw um den verewigten orthodoxen Oberrabbiner von Pest, R. Koppel Reich Vst, dahin, und schon brennt hinter den Kulissen! der Kampf um seine Erbschaft als Vertreter ber Orthodoxie im Oberhause. Man fühlt schon recht die Wahrheit jenes Weisenausspruches: ö.t'mb ini' onirart ö'p’*7X D'^ra Erst jetzt stellt sich heraus, was die ungarische Orthodoxie in der überragenden Persönlichkeit des Verblichenen besaß und — verlor! Nicht bloß seine verwaiste Gemeinde zweifelt, daran, ob sie wird vollen Ersatz für den Verblichenen finden können. Wir sagen mit Bedacht: vollen Ersatz! Denn Ersatz wird sie wohl finden. Da ist vor allem der älteste Sohn des Heimdemokratifchsten Gesetze der Welt,, vor dem Worte Gottes, der die irdischen Güter nach seinem unerforschlichen Ratschluß verteilt, gilt der Mensch nicht nach dem was er hat, sondern nach dem was er ist! Mag bei allen Veranstaltungen der Menschheit, bei allen Ausdrucksformen des Lebens die Note der Geldnote die Hauptrolle spielen -und in der Differenzierung von reich und arm sichtbar werden, im Tempel, beim gottesdienstlichen Vorgänge sollte diese unheilige Scheidung fortfallen. Mag ans allen Märkten des Lebens dem Götzen Mammon gehuldigt werden, an der reinen Sphäre des jüdischen Gebetes sollte jede Reverenz. vor ihmiv «erpönt sein. Secharjahs herrliches Prophetenwort, daß im Hause des Ewigen kein Krämergeist walten möge, sollte in jüdischen Tempeln ernsteste Beherzigung finden. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß durch eine gerechtere Verteilung der Funktionen im Gemeindebudget ein finanzieller Ausfall entstehe, so ist doch die allgemeine Zufriedenheit aller Synagogenbesucher ein moralischer Gewinn, dessen Auswirkung dem Gesamtwohl der Gemeirschaft letzen Endes Segen bringen muß und bringen wird. H a k a t a n. (Professor Ludwig Stein 70 Jahre oll.) Die deuts:e Presse veröffentlicht aus Anlaß des 70. Geburtstages von Professor Ludwig Stein Begrüßungsartikel in denen Leben und Werk des Gelehrten und Politikers gewürdigt werden. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" hält es für ein unbestreitbares Verdienst des Jubilars, daß er bedeutende Politiker und Diplomaten aller Länder zu Vorträgen und nutzbringenden Debatten heranzuziehen versteht. „Berliner Tageblatt" erinnert daran, daß Stein in Hannover wertvolle Leibniz-Dokumente entdeckt hat, die über die Beziehungen des großen deutschen Gelehrten zu Spinoza interessanten Aufschluß geben. Stein begründete das Archiv der Philosophie und DieMitglieder der Agudah Jugendorganisafion und Angesfellfenbund erhalten bei jedem Versicherungs-Abschluß wesenfiiche Vergünstigungen durch die lebensverficherungsgefeSSfchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents * Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. «Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 gegangenen, der mit seinem klassischen Werke bx-nL" mxsn auf die schwerste ■pnvr»» rDoa in den Augen aller Kundigen dokumentiert, daß er in bezug auf talmudisches Wissen wie eine ebenbürtige Säule neben der herrlichen Gestalt seines Heimgegangenen Vaters emporragt, und auf den sämtliche a'j:n Ungarns als auf den Mann rnx mp» nirrbvi? 'irvnr? Hinweisen! Und doch wird die Gemeinde allsobald keinen vollen Ersatz finden können. Denn- R. Koppel Reich war in feiner unvergleichlichen Allseitigkeit ein mm N'N'- e inzig! Er war nicht bloß der ausgezeichnete Talmudgelehrte, sondern er war auch «ein geradezu klassischer Kanzelredner, dessen Beredsamkeit s. Z. die hochgefeierte Redekunst des Kollegen im Pefter Orgeltempel, des berühmten Dr. Kayferling, nach Urteil vieler Taufender noch weit übertraf. Und er war nicht bloß ein großer Talmudgelehrter und Kanzelredner, sondern auch ein seingebildeter Diplomat und liebenswürdiger Mensch, der Orthodoxe und Neologen bezauberte. Und «eben jene, zu dem umfassenden jüdischen und weltlichen Wissen hinzukommenden, in seltener harmonischer Einheit sich ergänzenden glänzenden Fähigkeiten und Charaktereigonischaften machen den Vrelust von R. Koppel Reich zu einem unersetzlichen, sowohl für seine Gemeinde, wie für die Gesamtheit. Ja, vielleicht noch mehr für «die Gesamtheit der ungarischen Orthodoxie als für seine Gemeinde! Ja, wir haben keinen zweiten R. Koppel Reich b"xr, in dem man den Vn* den hinreißenden! Redner, den modern gebildeten übt publizistisch wie gesellschaftlich em weitreichende politische Wirksamkeit aus. In der „Vossischen Zeitung" würdigt Prof. David ftoigen den Philosophie-Historiker, Soz'alphilosophen, Soziologen und llulturpolitiker Stein und führte aus, seine philosophiegeschichtlichen Arbeiten umreißen fast den gesamten Kreis dieser historischen Forschungsart. Koigen führt Steins erste Schrift „Die Willensfreiheit und ihr Verhältnis zur göttlichen Präszienz und Prooidenz bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters", seine späteren Schriften über „Friedrich Nietzsche" und „Philosophische Strömungen der Gegeenwart", sein Hauptwerk „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie", seine Schriften „Sinn des Daseins" „Der soziale Optimismus" „Anfänge der menschlichen Kultur", „Einführung in die Soziologie" und sein englisch verfaßtes Buch „Evolution and Optimism" schließlich seine 41 Vorlesungen über Sozialphilosophie an und kommt zu dem Schlüsse: Die Erkenntnis der richtigen Interessen des Menschengeschlechts ist sein Hauptgedanke und der beinahe messianische Glauben an die Möglichkeit, jene zu befriedigen, das Zusammentragen von Tatsachen und Bekenntnissen, die den Optimismus künden, der „soziale Optimismus" ist sein zweiter Lieblingsgedanke. „B. Z. am Mittag" teilt mit, daß von überall in der Welt in der Wohnung des Jubilars Bekundungen der herzlichsten Sympathie eingetrofsen sind. Freundschaftliche Beziehungen verbinden ihn mit Führern der Politik und der Wissenschaft im Inland und Ausland. Im Verlag Carl Haymann, Berlin, ist aus Anlaß des 70. Geburtstages Ludwig Steins eine Festschrift erschienen, in der hervorragende Gelehrte und Politiker Persönlichkeit und Wert des Philosophen und Soziologen würdigen. Prof. Stein ist Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, der Wissenschaftlichen Akademie in Genf und des Internationalen Instituts für Soziologie in Paris. Ludwig Stein ist aus einer orthodoxen Rabbiner-

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