Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1929)
- Date
- 1929-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450594--76479-2534058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 47 Set Israelit 21. November 1929 lichkeitssinn Ml Urteilen und femer Treffsicherheit im Erforschen von Talmud und Halacha. Er war ein Gaon und ein Zaddik im alten und hergebrachten Sinne und er war es doch noch in einer ganz neuen und! eigenartigen Bedeutung, als — Telfcher Raw! Denjenigen, die ihn wirklich gekannt haben, sagt dieses Wort mehr als eine große Trauerrede. V. Am omarin m1 wurde das Schicksal des Rabbi Joseph Löb besiegelt. Im Augenblick, als man ihn am 2"' zur Thora aufrief, begann eine Blutung, die den Tod erschreckend ankündigte. — Bolle vier Wochen nach D"1 ein neuer nmorjn dt»! nn»* Rabbi Simcha Süßl Vst meinte einmal, daß in manchen Jahren ein einziger 2"' nicht ausreichen kann, daß dann noch ein zweiter 3" eingesetzt werden müsse, um dem ersten zur Hilfe zu kommen. Daß die Flut nicht weitersteige, Daß biie Rücken nicht brechen vor persönlichem Leid, Daß die Freude nicht erstickt in der Rot. Roch ein 2"' war vonnöten. Der Tod des Telscher Raw war ein solcher. Var allem — glaube ich — für die, die es ri'idjit wissen und glauben . . . mm:»1? xi.i rvi mim*? uns ntsr S—b. Wochenrundschau. Oie Kommunalwrrhlen. Die Kommunalwahlen haben am letzten Sonntag das gebracht, was man schon lange mit Sicherheit erwartet und befürchtet hat: eine unheimliche Zunahme der Nation alsozial i st i s ch e n Stimmenzahl und eine Vermehrung ihrer Mandate in einzelnen Stadtparlamenten auf ein Dreifaches. Das kann nicht wundernehmen in diesem Winter des Mißvergnügens, in dem Unzählige die GelegenheA benutzten, mit dem Stimmzettel ihrem Aerger, ihrer Not und Verbitterung drastischen Ausdruck zu geben. Davon profitieren naturgemäß die bMen extremen Parteien rechts und links, die Kommunisten und die Nationalsozialisten. BÄ Licht besehen, ist der Teufel nicht gar so schwarz, wie ibn die Wahlziffern zeichnen. Woher kam der Zuzug zu den Nationalsozialisten? Vornehmlich aus der deutschnationalen Verwandtschaft. In manchen Städten, so auch in Frankfurt, haben die Deutfchnaiionalen genau so viel verloren, wie die Nationalsozialisten g e - wonne n haberi. Unter diesen Umständen kann das Wahlresultat nicht schlechthin eine Steigerung der antisemiiltischen Gesinnung im Volke bedeuten. Die Männer und Frauen, die am letzten Sonntag den Ruck von den Deutschnationalen nach ber rad ikalrechten! Ecke mitgemacht, haben keinen Gesinnungswechsel vollzogen, sondern nur ihrer Gesinnung schärferen Ausdruck gegeben. Ihre antisemitische Einstellung war in der ersteren Partei genau so gut geborgen wie jetzt bei den Nationalsozialisten. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, daß sich die nationalsozialistischen Sitze in den Stadtparlamenten verdoppelt und verdreifacht haben. Diese Vertreter „des Geistes, der alles verneint und alles zerstört" werden aber auf sich allein gestellt sein, wenn sie keinen Rückhalt finden bei ihren stark geschwächten Gevattern, von der deutschnationalen Seite und werden sich nach wie vor in der Opposition und Obstruktion austoben und ausleben, ohne dem sozialen und Wirtschaftsleben i>n Stadt und Land ein neues Gesicht zu geben. Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, daß ein Programm der Nngation, dessen positive Bestandteile einzig Sw einer Politik des Hasses, des Boykotts, des Ausschlusses, des „Numerus clausus" für den Geist und die Wirtschaft bestehen, daß ein solches Programm der Zerstörung viele Zehntausende in Großstädten, Hunderttausende im ganzen Ländle auf sich einigen konnte. Ein trauriges Symptom. Das ist aber keine jüdische Frage, sondern eine Schicksalsfrage für Deutschland, für Mitteleuropa (in Oesterreich liegen üie Verhältnisse nicht viel anders), für die Weltkultur, der -es nicht gleich sein kann, wie man im Lande von Kant und Goethe zu Menschenrecht und innerer Freiheit steht. Wir bangen nur um die n ä ch st e n Auswirkungen dieser traurigen Wahlresultate. Darüber hinaus gehen diese Erscheinungen Deutschland an und die Welt. Der organisierte Antisemitismus oder, sagen Bei Kopfschmerz* Zahnschmerz Erkältung«, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimetl ylp..l| 4 nn Acetyisai., Coff. Irl. I.Hi in allen Apotheken wir, der Parlamentsantisemitismus in Deutschland ist so alt wie das Deutsche Reich und der Deutsche Reichstag. Schon in den siebziger Jahren steht Stöcker an der Spitze einer christlichsozialen Partei, die ungefähr 20 Jahre später mit der Ausnahme des R a s s enp rin z i p s von einer rein wirtschaftlichen fast zu einer „wissenschaftlichen", einer kulturellen Sache avanciert. „Die Kultur, die alle Welt beleckt, hatte sich nun auch auf den Teufel erstreckt." 1893 zogen 18 Antifemitenl in den Reichstag ein, die Folge einer geschickten Agitation, Ae den Antisemitismus zu einer Mittelstandsbewegung machte und ihm damit einige positive Inhalte gab. Nach mancherlei Wandlungen haben es die reinsten Antisemiten, die auf die Faust eingestellten N a t i o n a ls o z i a l i st e n, nach Krieg und Revolution zu einer FraMon von 12 Mitgliedern im Reichstage gebracht. Man nahm sie nicht ernst. Aber ö'te Zeit und ihre schweren Röte arbeiteten und arbeiten für sie. Die Kommunen in den Großstädten werden fortan mit ihnen zu rechnen haben. Noch sind Soziadlemokraten, Zentrum, der linke Flügel der siegreichen Deutschen Volkspartei und die wiederum dezimierte D e m o k r a t i [ tfy e Partei fast überall stark genug, um das Schlimmste zu verhüten. Wir werden diesen Hütern von Recht und Freiheit stets Dank misten und jegliche moralische und materielle Unterstützung angedeihen lasten. Darüber hinaus aber auf Ihn vertrauen, der das niiw nur allezeit heil durch Nacht und Not geführt hat. Die TvsZgsdie in der Tragödie. Muß es denn fo sein, daß bei jedem Weltunglück der Jude den Hauptteil abbekommt und von jedem Unheile, das die Judenheit trifft, auf den gesetzestreuen Teil ein doppeltes Maß fällt? Eine Katastrophe kam über Palästina, wie sie der heilige Boden und seine jüdischen Bewohner seit Titus und den- Kruezzügen nicht erlebt haben. Die jüdische Welt erzitterte von Pol zu Pol. Noch ist die Ruhe nicht eingetreten, es ist eine Ruhe nach dem Sturm, erzwungen und leidlich gehütet von den englischen Bajonetten, Panzerautos und Kreuzern. Wo der Engländer ein Auge zudrückt — und er tut es sehr oft — da ereignen sich Raubüberfälle undeinzelne Morde. Die Gerichte sprechen Recht. Eine englische Untersuchungskommission arbeitet gut, vernimmt Schuldige und Unschuldige, Betroffene und Außenstehende, Angreifer und Opfer und rollt so die Tragödie in ihren Einzelzügen wie ihrem erschütternden Gesamtbilde von neuem auf. Die Welt, doppelt die jüdische Welt, erlebt Ein Jesajas-Kommentar?) Em Kommentar, der zum mindesten den Vorzug der Originalität im gleichen Matze besitzt, in weichem die Einleitung ihn ankünvigt. Die Urwüchsigteil der -sprach- Schöpsung entspricht dem Eigenwert und der Neuheit der meisten Gedanken. Pines bleibt dem ossiziellen Neuhebräischen so fern wie dem Idiom der klassischen Kommentare. Auch der Inhalt geht manchen entscheidenden Standpunktssragen aus dem Wege. Die traditionellen Erklärungen kommen in breitem Ausmatze zur Geltung. Lexikalische Eigenwilligkeiten fehlen (so zu 1, 31) zwar auch nicht. Ethmologisches, geographisches und mythengeschichtliches Material, das zum Verständnisse der aus den Götzendienst usw. bezüglichen Stellen beiträgt, ist gleichfalls fleißig und sinngemäß herangezogen, so zu 5, 9 und öfters, besonders zu Kapiteln 56—58. Die an letzterer Stelle benannten^ mythischen Hinweise erinnern an einen Aussatz von Feiichenseid im Magazin 1889; sie enthalten aber neues Material gegen die Deutero-Icsaja- Theorie. ohne datz aus diese näher eingegangen wird. Die profanen Quellen Pines sind o,t (so zu 21, 2 Spengler'.) sekundärer Art. Mit besonderer Liebe nimmt er sich der sozialethischen Kapitel an (Ans. V unter Vergleichung aus Amos). Die Knecht-Gottes-Kapitel sinv *) ■p-nx ,or>s jaVr nnbv nun, bv wvvd* Menora, Wien 1927. 8. 106. dagegen recht oberflächlich ausgeschöpst. Auch die i-iyafr 'nnnn erscheinen teils (so 44) zu kurz gestreift, teils (so 45, 14 und 52, 11) historisch in einer Weise ausgedeutet, die der oft zitierte Abarbanel gewiß nicht gebilligt hätte. Im Ganzen eine für urteilsfähige Leser aufschlußreiche Schrift. In der breiten Mittelschicht wird sie sich sicher zahlreiche Freunde werben; doch kann auch der orthodoxe Kreis trotz des Wiirersvruches, den er in der oben angedeuteten Richtung oder eben wegen des Mangels jedweder merklichen Richtung gegen manche Parteien dieses Heftes erheben mutz, nicht ohne Dank für viele originelle Anregungen von der Lektüre dieser Schrift scheiden. B. E. Kleines Feuilleton. Kapitalismus in Synagogen. Es ist fraglos, datz viele jüdische Gemeinden in der heutigen Zeit schwerer Wirtschastsnöte einen erbittterten Kampf unr ihre Eristenz führen. Ebenso fraglos ist es daher, datz jeder Interessierte an den Lasten seiner Gemeinde. moralisch sowie pekuniär, mit vollster Kraft mittragen muh. Die Ausgaben der jüdischen Gemeinschaften sind so große, so heilige und so zukunststrächtige daß jeder einzelne verpflichtet ist, mit Gut und Blut an ihren Hochzielen mitzuarbci'en. Darum kann es auch keiner Gemeindeverwaltungverdacht werden, toenn sie alle ihr zustehendeu Rechte anwendet, um den Bau der Gemeinde zu stützen. Besonders diejenigen Gemeinwesen altsüdischer Observanz, die sich die Wahrung der von ihren Vätern überkommenen Tradition und die Pflege altgeheiligter Institutionen zum unverrückbaren Zielegesetzt haben, würden sich am Klallgeiste versündigen, riefen sie nicht alle Mitglieder ihres Gemeinwesens zur tätigsten, hingebungsvollsten und opferreichsten Mithilfe an diesen Aufgaben immer wieder und immer dringender auf. Es ist klar, datz um dieses Zieles willen alle zweckdienlichen, berechtigten und »würdigen Maßnahmen mobilisiert werden dürfen. Von einer der Einnahmequellen konservativer Gemeinden soll hier ein wenig gesprochen werden. Gemeint ist das sogenannte Schnodern. Es sind dies die Spenden, die die „Ausgerusenen", also die bei der Thoraverlesung mit Ehrensunktionen Bedachten zugunsten der Gemeindel'nstitutionen zu stiften pflegen. Prinzipiell wird sich, gegen diese Einrichtung des Schnoderns gewiß nichtssagen lassen. Sie besteht seit langem und ist von Großen und Edlen der jüdischen Vergangenheit, ob gewünscht oder geduldet, jedenfalls sanktioniert. Cs ist auch durch-- aus zu begreifen, datz man sich im Weihemoment, da man den Segensspruch an der Thora, dem Urborn unseres Volkstums, gesprochen, angeregt und bestimmt fühlt, weiteres Scherflein zur Stützung der Gemeinde beizutragen. Läßt sich also grundsätzlich wohl kaum etwas gegen diese Gepflogenheit konservativer Gemeinden einwenden, so mutz aber doch einmal an der etwas allzu kapitalistischen Betonung dieses Brauchs Kritik geübt werden. Durch die Art der heute beliebten Hebung dieser Einrichtung wird das kapitalistische Moment doch wohl eLoas zu stark in den Vordergrund gerückt. Man mutz es einmal aussprechen-. Der Akt des Schnoderns tritt im Rahmen der Liturgie oft, sowohl zeitlich als auch inhaltlich, so stark in Erscheinung, als ob nicht die Verlesung der Thora das Wesentliche sei, sondern eben der praktische Gesichtspunkt. Es ist erstaunlich, datz dir geistigen Führer der Gemeinde gegen diesen Mitzstand nicht schon einmal emgeschritten sind. Es wäre unehrlich, zu leugnen, datz der Eindruck, den die Verlesung der Thora bei vielen Andächtigen.