Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1929)
- Date
- 1929-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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21. November 1929 Frankfurt a. ZTL, den 18 Marcheschwan 5690 Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum llfmm \ WJMmmm! |i| Begründet oon Dr. Lehmann in Mainz. »» » / Begründet van Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement - ab Juli 19£9: Deutschland 1.30 M«! monatlich: Ausland: Bierteliahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis »uruglich Kosten des Nreifband-Berlandesi DeAtsch-Lmrreich: Schilling 6^—; Amerika I Dollar; England 1 sh.: ab 1. Juli Frantteich WFr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 51 Hollands fl.; Italien ab 1.1 88.18 Lire; Jugoslawien 68 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37.186 Lei; Polens deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schwei» 6 Fr. Tschecho-Slowakei WKrone«: Nngarn Pengö 5 ab l.Juli 1937; DänemaÄ 8.60Krön.;Norwegen8.80 «ron.; Schwedens.«) Kro». Der Israelit erscheint irden Donnerstag. Inserate 68 Doldpf. für die stebengespälteu» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeige» nur 40 Bf. Die 73 mm breite Rettamezeile r letzte Tertsrtte 3.- Mi., vorletzte X«rtseite 8.50 Mr.; Tüiffregedühr in Höre eines dspv. FernSriefportos. Rabatt «ach Tarif. Bet laufenden Jnferataufträgen iar!fm. Preiserhöhung jwerz. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch de« Verlag des Israelit <8. m. b. tz., Frankfurt a.M.. Rechneigrabenstratze 7. Tel. Sans« 6348 sow. durch fämtl. Annoncen-Deved. des In- und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Frankf. MesckSttsan,.:S«l. SckmIdtTüanaellr. 7. ll. Tel. Sanfa4S41. Platzvorlchr. ohne Verbindlich!. aymngen arfchauRr Bukarest lanb & Co. t« Frankfurt a. 8» Der Telscher Koto, Rabbi Joseph Löb Bloch I. 'psa Tiay^> D’naa'nnK:n:»K’araK! asrr av»n nvnvbi 12b im —• irncm isDK3 'vnnatz lämsaiYa Ahnungslos hat am vorigen Donnerstag, anläßlich des ^'»nnnsn'die jüdische Welt des Ostens obige Werst gebetet, ohne es zu vermuten, wie wirklichkeitswahr, wie traurig-zeitgemäß diese Worte sich aussprechen ließen. Einer uinfrer ganz Großen ist von uns gegangen. Wir besitzen nicht viel. Nur eine Handvoll noch. Einer jener einzigartigen Einmaligen, deren Größe in ihrer Besonderheit besteht, deren spezifisches historischgeistiges Neues die Umwelt meist verkennt; verkennen muß —eigentlich — weil ihr häufig nur bas Anderssein in den Vordergrund rückt und das So-Sein hinter dem fremdartigen Ausder-Art-schlagen verblaßt. Ohne zu wollen und ohne zu wissen hat die jüdische - Welt am üv» miapn des Rabbi I. L. Bloch b"XT über ihn und seinen Heimgang Worte gesprochen, die noch nicht im kleinlich - banalen Verbrauch» entweiht sind, Worte, die über ihn speziell gedichtet sein dürften, Worte, die — vielleicht bei manchem — dem Scheidenden unbewußt zollten, was dem Lebenden bewußt nie gewährt wurde. Es mag in Deutschland recht wenige geben, di-e ihn gekannt haben, doch, die ihn einmal kennen lernen durften, denen war er eine tief im Leben sich eiinjzeichnende Erfahrung, ein bis ins Innerste erregendes Erlebnis. Ein Mensch von einer schwindelnd machenden geistigen Höhe, von einer geradezu aufregenden logischen Denkexaktheit, mst einer bis zum explosiven Entladen gesteigerten immeren Spannung und' einer immerzu sinnenden und singenden Seele. Die zwei Hauptmale dieser Persönlichkeit: nemp und! ji. - Rabbi Joseph Löb wurde im Jahre 5619 (1859) in Rassein in Litauen geboren, er lernte bei seinem späteren Schwiegervater, dem berühmten Verfasser dermin^ 'Y7 nimwn Rabbi Mestr Gordon b"i, in Kelmt und wurde, nachdem er sich noch recht jung mit dessen- Tochter verheiratet hatte, von dem inzwischen in Telfch amtierenden Schwiegervater an die Telscher Jefchiwa als Leiter berufen. Später nahm er dann in Wornyy und Schadowa Rabbinerstellen an, doch kehrte er nach dem im Jahre 5670 (1910) erfolgten Tode des Rabbi Eliefer endgültig nach Delsch zurück, als Raw und Rektor dier dortigen Jefchiwah. In» Telfch wirkte er bis zu seinem Lebensende, über die schweren Und schwersten Kriegsjahre hinaus; mit einer Unentrvegtheit ohnegleichen wußte er dort ein Wisches Zentrum für Litauen zu schaffen. Sein Lebenswerk, an dem er mit jedem angespannten Nerv, mit jedem verhaltenen Atemzuge hing, war seine Jefchiwa, die Telscher Jefchiwa. Seine 'erzieherische Kunst war, „aus jungen Menschen Gedaulim schaffen zu können". Und die gesamte pädagogische und Führerarbeit, die fein volles Leben der na'V darbrachte, wollte von vornherein nicht den einfachen Menschen, den Dutzendmenschen Herstellen, vielmehr den Außergewöhnlichen, den Größer-als-die-Uebrigen, den Hma- — Hunderten und Aberhunderten» seiner in allen Dellen ß [Italiens und Polens lebenden Schülern war er der seelische Mittelpunkt ihrer lernenden Jugendjahre, und bei den Allermeisten ist die Brücke der Beeemflussung nie tatsächlich abgebröckelt. Hi. Dem jüdischen Leben in Litauen der letzten und vorletzten Jahrzehnte hat Rabbi I. L. Bloch b"'!! den Stempel seines Wesens, seiner Persönlichkeit aufgeidrückt. Ohne ihn hätten vielleicht selbst die Führer dort versagt. Ein Riese an Festigkeit und Unerschrockenheit, körperlich schwach und hinfällig, doch seelisch heroisch und eisern' im Kampf, mehr als irgend einer. Ein Wort von ihm, bedächtig und halb flüsternd ausgesprochen, grub sich wie ein wuchtiger Klotz in die Massen ein, faß — oft recht unbequem — innerlich fest und wirkte mehr oder weniger intensiv, aber es war eben einmal d a, und unmöglich zu versuchen, über es hinwegsehen zu wollen. Er hatte sich selbst eine eigene Art oder Methode der „Rede" zu schaffen gewußt, ohne rhetorische Voraussetzung; eine ganz eigene Wort- GedankemBindung, deren seltsamem Zauber sich wohl schwerlich einer zu entziehenwußte. Er sprach immer höher, als es das Niveau der meisten Zuhörer gestatten mochte. Er wollte ja nie Mundgerechtes bieten, er wollte immer nur erziehen zum „höheren Menschen". „Die nmi versteht es ja doch", war die ständige Antwort auf diesen Vorwurf. Sein Rat und seine Zustimmung bestimmten die jüdische Entwicklung der litauischen Orthodoxie, sein Mut und seine ständige Bereitschaft zum Aufopfern verbandenmanchen Mauerritz und' retteteni verloren geglaubte Positionen. Er war >ein ethischer Politiker, durch und durch real, und doch von einem spezifischjüdischen Wtrklichkeitssmn, 'wie er sich nur aus Talmud und Midrasch, oder besser aus dem ehrlichen Eindringen in beides, ergeben kann. Die ihn kennen lernen durften, die übergroße Anzahl seiner Schüler, d-ie litauische Judenheit (soweit sie Wisch lebt und fühlt) wissen, oder werden es jedenfalls bald erfahren, was i h n e n an ihm verloren gegangen ist.? m-iivn rw Mb N'av •>»• Der Telscher Raw V"XT ist — soweit man augenblicklich überschauen kann — unersetzlich. Den Anderen, der jüdischm Welt. Aber er selbst? Was war er sich allein? - iv. Das Eigentliche feiner Persönlichkeit wird jedenfalls immer Geheimnis bleiben. Doch die Welt, die er sich selbst zurechtzinnnert, läßt Schlüsse ziehen. 'Worte können dies jedenfalls Nicht umfassen-. Einzelheiten verschieben das Gesamtbild. Und' doch haben selbst diese Einzelheiten für sich Eigenwert. Die geistige Welt, die -er sich selbst geformt hatte, war von einer seltenen, eimnaligen Geschlossenheit, von einer Bedürfnislosigkeit dem gegenüber, was außerhalb dieser Eigenwelt zu liegen kam. Eine Welt, die aus einer seltsamen Verschmelzung von Geheimnis und Realismus zustande gekommenwar. Eine Welt, in der das Kleine groß wurde, oder nie recht eigentlich klein war, weil es Ausfluß war des Großen seiner Persönlichkeit. Einheitlichkeit war wohl das Ausgeprägteste dieser Welt. Da war nicht, .was etwa stillos hätte feiiirt können, oder gar aus dem Rahmen zu fallen drohte. Sein täglicher peinlich emgehaliener Stundenplan, sein» minutiöser Ordnungswille war ebenso Ausstrahlung dieses Letzten, Geheimnisvollen, wie seine kosmische Welterfassung, wie seine w e s e n s a n a l y t r s ch e Lernmethode, wie seine logisch - philosophische Abgeklärtheit. Sein Gebet mit den eigens dazu erdachten Mel 0 d ien, feine kabb a f i st ische Entrücktheit, fern poetisches Erspüren der Dinge harmonierte innig und ehrlich mit seiner U n b e d i n g t h e i t >im Wollen, seiner Zweck Mäßigkeit im Handeln, seinem Wirk-