Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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SST Der Israelit Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märtyrergeschichte nach Vilnaer Akten. Von S. Schachnomih. (Fortsetzung). Es fing damit an, daß ein halbwüchsiger Bursche Zemach den Hut vom Kopfe riß und dabei polnische oder litauische Zischlaute (Zemach verstand weder die eine noch die andere Sprache) ausstiieß, dis wie Dolche stachen. Zemach deckte mit der Linken den Kopf, bückte sich und wollte mit der Rechten den Hut aufheben. Wie durfte ein Jude entblößten Hauptes auf offen!er Straße stehen! Da erhielt er einen Schlag auf die Hand, daß chm mit dem Hut beinahe auch der Arm vom Rumpfe zu Boden fiel. Man hatte hier ohne Hut zu gehen, wurde ihm mählich klar. Warum ohne Hut? Es war ja keine Badeanstalt. Aber es war keine Zeit zum Nachdenken. Schon sammelten sich Burschen, Bauern und allerlei Gesindel um ihn. Er stand mit seinem Kinde, den Hut unsicher über dem Kopf lüftend, mitten in einem großen wachsendien Haufen, aus dem heraus sich Fäuste und Stecken erhoben. Ein Gewirrs harter Worte umschwirrte seine Ohren. Esther, das zehnjährige Provinzmädel, hatte sich mit erschrockenen Augen, wie ein gehetztes Jungwild, hinter dem Rücken des Vaters verkrochen, hob aber ihre kleinen! zarten Hände, um die Schläge, die auf ihren armen Vater regneten, abzuwehren ober aufzufangen. Ein Stockhieb traf sie am Kopf, und da lag sie blutend, hilflos, wimmernd am Boden. Ein Wurm, zertreten vom Getrampel wilder Bestien. Aus dem Klostertore des St. Johannes kamen zwei junge Männer in der langen Sutane der Seminaristen auf die Straße getreten!. Der schwarze Langrock gab den geschmeidigen jungen Gestalten eine Feierlichkeit, die schlecht zu den frischen, heiteren Großjungengesichtern paßte. Der eine war etwas stämmig mit verträumten dunklen Augen, der andere groß und schlank mit einem Lächeln um die Mundwinkel unb mit einem Gesichte, das sich gerade zu einem Spaße zu verziehen schien. Beide trugen ein Bündel Bücher untet dem Arm und schienen in ein anregendes ' Gespräch vertieft zu sein, das der eine, der Lange, auf die heitere! Seite zu bringen sich mühte. Als das Geräusch und Gewühl gm Tore der - Kathedrale tl)re,: Augen Md! Ohren erreichte, sahen sie ein wenig auf. Der" Größere schritt sofort mit feinen langen Beinen aus, begierig, was den Menschenhaufen hier im Banne hielt, der andere folgte ihm etwas lässig und ärgerlich über die Störung.' „Wir sollten," sagte der Kleinere, „wie man uns gelehrt,uns um die Geräusche des Lebens und das Gesumme der Menge weniger kümmern, .Sarembo! Was schert uns der Menschen Schwall und Schwarm? Wir haben Höhen bestiegen und sollten uns'nicht durch gemeine Rotte aus allen Himmeln werfen 'lassen," „Sprich nicht so, Valentin," erwiderte der Andere. „Sollten wir wahre Geistliche werden, so müssen 'wir die Kunst erlernen, in die tiefsten Niederungen hinab den Halt und den Trost der Kirche zu tragen. Wir müssen das Volk in feiner Not und seinem kleinen Tun kennen», es erziehen oder ihm helfen'." - ' 1 „Wir sind' noch fo jung>" wandte Valentin ein. „Haben noch reichlich Zeit für die Schute bei Lebens. Erkennen wir zuerst uns selbst. Man wird uns auch nicht hören." „Die Weihe wohnt in unserem Gewände, danach das Volk mehr sieht, als auf unsere jungen Gesichter." Schon standen sie vor dem Haufen, -.itten drin stand der Jude, fast besinnungslos vor Angst und blutend aus vielen Wunden. Auf dem Boden lag das kleine Mädchen und stöhnte. Die Wut der Angesammelten war noch nicht gestillt, war noch im Wachsen. Von allen Seiten, aus allen dunklen Ecken strömten neue Menschen hinzu, die auch ihren Teil am Kampfe haben wollten. Alle gegen einen . . . „Was gibts da? Warum schlagt Ihr den Mann,?" Die Leute sahen die geistlichen Aspiranten und gingen ein wenig zur Seite. Kinder küßten ihre Hand. Andere aber sahen höhnisch und überlegen zu den jungen Leuten im unkleidsamen Priesterrocke hin. „Der Jude hat die heilige Mutter geschändet." „Er verweigerte ihr die Reverenz, zog nicht einmal den Hut ab." „Er hatte nach, dem Heiligeaibilde gespuckt." „Warf mit Steinen nach ihr." „Schlagt ihn tot!" „Wir ziehen mit seiner Leiche in die' Judenstadt und schlagen sie alle tot!" Hundert Stöcke erhoben sich, hundert Fäuste sausten durch die Luft.' Aber schützend, mit ausgebreiteter Sutane, standen die beiden Seminaristen vor dem Opfer und breiteten die Hände aus wie zum Segen — und zur Abwehr. Hätten die Leute weiter zugefchlagen, sie hätten die zarten Hände der jungen Geistlchen getroffen, oder gar das goldene Kreuz an ihrer Brust. Das wagten sie denn doch nicht. „Höret, Brüder," sagte der Größere mit klarer, wohllautender Stimme, „es ist nicht Eures Amtes, zu richten.. Hat sich der Jude gegen unsere Kirche vergangen, dann ist es Sache des Episkopats, zu prüfen und zu urteilen." „Wir find selber Christen und wissen die heilige Mutter zu schützen und zu rächen," schrie jemand. Ein Johlen folgte den Worten und' wuchs an wie Meeresrauschen. Da hatte aber Sarembo schon den fast geistesabwesenden und blutenden Juden am Kragen gepackt und rasch durch das Tor der Kathedrale gezogen. Der kleinere, der von seinem Freunde Valentin genannt wurde, hob das Mädchen auf und trug es auf weichen Armen in den Hof. Hier schlugen sie sogleich die schwere Eisentüre von innen der Menge vor, der Nase zu. Draußen schäumte die hundertköpfige Bestie, der die Beute entrissen wurde, in wilder Wut, zerstreute sich dann nach und nach mit Kirchenliedern und' Drohwortein. Drinnen setzten sie sich auf einen Steinblock und fragten den fremden Juden, nachdem er ein wenig zu sich gekommen war, aus. Was draußen vor sich gegangen war und womit er die Wut des- Volkes auf sich gezogen hätte. Ob er wirklich die Mutter Gottes beleidigt hätte und warum? Ob .er nicht wüßte, daß er damit fein Leben utiib vielleicht auch das seiner Brüder in der Wilnaer Gemeinde aus das Spiel setzte? Die guten Worte und die heiteren jugendlichen Gesichter beruhigten Zemach so weit, daß er wieder die Sprache gewann. Sie verstanden seinen jüdischen Dialekt recht gut. Er sei von auswärts, sagte er unter Tränen, aus kleiner Stadt, habe Wilna nie gesehen und kenne seine Gassen nicht. Wie er sich hierher verirrte, wisse er selber nicht, er wolle zum Arzt wegen der Lungenspitze. Er sei ja Zemach, der Tabakmacher von Jlija, weit und breit bekannt als ehrlicher Jude, der mit aller Welt Frieden hielt. Daß man hier den S)ut vom Kopf nehmen, daß manhier der Mutter Gottes eine Verbeugung machen müsse, das ßr. 44 i-r, I alles wußte er nicht. Er hätte sonst . . . nein, er wäre sonst nicht durch diese Straße gekommen. Er höre überhaupt zum erstenmal, daß der liebe Gott eine Mutter hätte . . . Sarembo mußte lachen. Er möge das ja nicht zu laut sagen, riet er. Mit der Unkenntnis solch grundlegender Dinge würde er sich bei der hohen Geistlichkeit wenig empfehlen. Aber die ehrliche, schlichte Sprache überzeugte die Seminaristen so sehr, daß sie gar nicht mehr daran dachten, die Sache vor den Prior zu bringen. Indes Sarembo den Alten ausfragte, befaßte sich Valentin mit Esther. Er bettete sie auf Decken und Kisten auf einer Rasenbank in den Baumalleen des Klostergartens und wusch ihr das Blut vom Gesicht. Sie sah ihn mit Augen an, die erst wie Dolche funkelten, dann den Glanz von Perlen erhielten. Noch saß die Angst in diesen Kinderaugen und das Grauen des Erlebten, und schon spielte darin der Dank gegen Gott und die Menschen, die er überall in seine Welt hinausfchickt, daß sie den Armen helfen, Unrecht und Grausamkeit verhüten. Unheimlich war es ihr ein wenig vor den schwarzen Röcken und goldenen Kreuzen. Aber in den Augen des jungen Menschen, der ihr Retter und Helfer war, saß so viel Liebe und Güte, daß die Angst wie das Eis im schönsten Sonnenglanz zerschmolz. Sie weinte die letzten Tränen, die ihr in der Kehle würgten, zu Ende und der Mund lächelte schon. „Vielen Dank, lieber Herr!" „Was haben sie dir, armes Kind, getan und warum?" „Wir sind Juden, und in der Verbannung! ..." „Ist das Eure ganze Schuld?" „Ich weiß es nicht. Es war vielleicht Strafe vom Himmel. Wir hätten diesen Weg nicht betreten dürfen. Aber der Vater ist unschuldig. Ich sah die schöne Kuppel und das goldene Tor und sagte, da wollen wir hinein und uns das alles anschauen. Ich, ich habe gefehlt ..." Eine Weile gruben sich die Augen des zwanzigjährigen Seminaristen in die jüdischen KiNderaugen der Zehnjährigen wie in einen Zauberspiegel. Ein reiner Quell sprudelte aus unberührter Seele durch dieses Auge und ergoß sich in sein Herz, in [-ein e Seele. Ein Engel aus hohen reinen'Regionen ließ sich herab und berührte ihn hauchfein mit zarter Hand. Ein Gewirre von Fragen, Zweifeln und Beschwerden, die sein Herz belasteten, seine Seele bedrängten, hob sich in diesem Glanze wie der Nebel, , und darunter war Freiheit und Friede. Er hätte stundenlang in diese Augen schauen können, daraus schöpfen wie aus einem reinen Bergquell, wenn man-im Wandern halb verdurstet ist. Sie brachten Vater und' Tochter aus Umwegen in ihre Zellereichten ihnen Brot, Wasser, auch Milch und Wein. Sie griffen! gierig nach dem Wasser, Brot hatten sie in ihrem Beutel. Auch Geldmünzen wies Zemach höflich und entschieden zurück. Nach einer Stunde fühlten sie sich genug erholt, um unter sicherer Führung ihrer Retter auf geheimen Wegen zuttt andern Tore hinaus und direkt ins Judenquartier zu gelangen. „Valentin," sagte der ältere Sarembo, „ich glaube, wir haben eine gute Tat begangen. Aber uns keinen Dienst geleistet . . . Die Menge .. J‘ „Die Menge," sagte Valentin, „soll wissen, daß die Kirche und" ihre Vertreter dazu da sind, Liebe zu geben uyd den Schwachen beizustehen. Hat es nicht der Herr am Kreuz ähnlich'getan?" „Der Herr am^ Kreuz!" lachte'Sarembo-bitter, „der ist weit . . . Ich fürchte, hätten wir die Sache nicht aufeigeno Facht erledigt, vielmehr uNfere geistlichen Vorgesetzten hinzugezogen, sie hätten sie nicht so leicht genommen. Es wäre den armen Juden nicht gut ergangen. Aber wenn die Geistlichkeit doch noch davon! was erfährt?!"