Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 46 Der Israelit 14. Nov. 1929 sperren muhte. Dr. Landau erössnete die Sitzung bei Anwesenheit von 25 Natsmännern und teilte mit, daß die Listen des Präsidenten, der Gesetzestreuen und der Agudas Iisroel als verbundene Listen angemeldet snen. Es werden nun die Wahlen vorgenommen, die folgendes Resultat ergeben: Liste 1 erhält zwei Mandate, und zwar Dr .R. Landau und Dr. G. Oberländer. Die H a n d - werkerliste bekommt e i n Mandat (H. Goldschmidt). Die zionistisch-misrachistlsche L'ste erhält drei Sitze. Aut die Aguda fallen fünf Stimmen und drei Mandate. Es find gewählt die Herren Moses Deutscher, Chajim Fröhlich und Itsche B a u m i n g e r. Dazu kommen die unorganisierten Gesetzestreuen mit zwei Mandaten, und zwar David L a n d a u und Moses Wolf. Die Drthodorie ist somit in der Kehilaverwaltung mit fünf Stimmen vertreten. Interessant ist, daß Misrachi zuerst Fühlungnahme mit dem Bobower Chassidim suchte. Da aber Misrachi trotz seinem Versprechen keine «igelte Liste aufstellte, sondern mit den Zionisten ging, traten die Chassidim zurück. Die Orthodoxie, die allein über fünf Stimmen verfügt, stellt mit den anderen nichtzionistischen Gruppen eine Mehrheit von acht gegen vier Zionisten in der Kehilaverwaltung dar. Die Freude in dsn orthodoxen Kreisen ist durchaus berechtigt. Die Kehilamehrheit sucht aber mit allen Mitteln eine Arbeitsgemeinschaft auch mit der zionistischen Fraktion herzustellen, um Zersplitterung zu vermeiden und gedeihliche Arbeit zu leisten. Rumänien. Chissinau (Vessarabien), 5. Nov. Die hier zum ersten Male auf Grund des neuen Gesetzes stattgehabten umfassenden Wahlen in die Gerneinderepräsentanz entfesselten in den letzten Wochen einen lebhaften Wahlkampf. Es waren nicht weniger als 14 Listen von den Parteien eingereicht, die in den Wettbewerb bei der Wahl der 71 Mitglieder der Gemeindecertretung eintraten. Von orthodoxer Seite lagen 3 Listen vor, eine offizielle der Agudas Iisr o e l, eine der Synagogen und Bethamidrasch, an deren Spitze Oberrabbiner Z i r e l s o h n stand und endlich eine Sonderliste der Talmud Thoras, die ebenfalls agudistisch ist. Gewählt wurden auf die offizielle Agudistische Liste 5, auf die Synagogenliste 10 und aus die dritte orthodoxe Liste 4 Vertreter. Unter den übrigen Parteien sind ebenfalls eine ganze Anzahl streng gesetzestreuer Kandidaten, fodaß trotz der Wahl von 12 Zionisten und 6 Bundisten von Fall zu Fall auf eine orthodoxe Mehrheit gerechnet werden kann. Tschechoslowakei. Sechs Juden im Parlament der Tschechoslowakei. Prag, 29. Okt. Heute läßt sich endlich ein klares Bild über das Resultat der Parlamentswahl in der Tschechoslowakei gewinnen. Auf die Polnisch-Jüdische Liste wurden insgesamt 102 694 Stimmen abgegeben. Bei den Parlameutswahlen des Jahres 1925 entfielen auf jüdische Listen 115 288 Stimmen. Berücksichtigt man, daß von den erwähnten 102 694 Stimmen etwa 25 000 polnische Stimmen abzuziehen sind, so ergibt sich gegenüber 1925 ein Minus von mehr als 37 000 Stimmen. Als gewählt -erscheinen diesmal von jüdischer Seite aus Grund der Liste Dr. Ludwig Singer- Prag und Dr. Julius R e i s z - Bratislava. Endgültig entscheiden wird über die Besetzung der jüdischen Mandate die für den 1. November nach Mährisch-Ostrau einberusene Sitzung des Zentralwahlkomitees der Jüdischen Partei. Die Polen haben durch das Zusammengehen mit den Juden ihre Mandatszahl von eins auf zwei erhöhen können. — Auf den Listen nichtjüdischer Parteien wurden die folgenden Juden in -as Parlament gewählt: Der ehemalige tschechoslowakische Iustizminister Dr. Alfred Meißner' (kschech. Sozialdemokrat), Robert Klein (lschech. Sozialdemokrat), Hugo Bergmann (lschech. Nationalsozialist), Senator Jakob Po lach (deutscher Sozialdemokrat. — Bei den Wahlen in den Senat konnte die polnisch-jüdische Liste, die freilich nur in wenigen Wahlkreisen aufgestellt war, mit 27 823 Stimmen kein Mandat erringen. Palästina. Alüchtlingselend in Palästina. Jerusalem, 1. Nov. Das Elend der jüdischen Flüchtlinge ist unbeschreiblich. Don der Regierung, leider auch von den zionistischen Instanzen, wird aus sie ein Druck ausgeübt, in ihre 'Quartiere zu-ückzukehren, während von Eingeweihten einstimmig bezeugt wird, daß die gefährliche Lage nach wie vor anhält. Man hat die Verteilung von Lebensmitteln eingestellt oder eingeschränkt, um sie so zur Umkehr zu zwingen. Viele aber erklären, lieber zu verhungern, als sich dem Dolche der Araber auszuliefern. Flüchtlinge aus der Altstadt Jerusalems, die geschäftliche Beziehungen mit Arabern hatten, sind buchstäblich an den Bettelstab gekommen. Aus der Umgegend gibt.es einige Farmer, die ihre ganze bewegliche Habe wie die Ernte verloren haben. All ihre Bitten, ihnen gegen Sicherheiten kleine Kredite zu gewähren, bleiben unerhört. Sie werden evakuiert und vegetieren ohne Brot und Obdach. Die Klagen gegen die Regierung, gegen die Hilfskomitees und Instanzen mehren sich. Es wird auch über schlechte Behandlung von' Seiten der Beamten geklagt, die die Flüchtlinge wie einfache Schnorrer behandeln und oft grundlos beschimpfen. Aehnliche Klagen in noch schärferem Maße kommen aus den Flüchtlingsquartieren in S a f e d. In diesem Zusammenhänge interessieren die Erlebnisse Herrn Abrahamow, des Vertreters einer großen Handelsfirma. Cr reiste vorige Woche nach Gaza. Mit ihm zusammen reisten mehere jüdische Rechtsanwälte, britische Soldaten und Poliznbeamte. In Gaza wurden die jüdischen Reisenden aufs Polizeirevier gebracht und einem Verhör unterzogen, warum sie nach Gaza kamen. Ob sie nicht wüßten, daß es Juden verboten sei, nach Gaza zu reisen. Abrahamow wies nach, daß er Geschäfte seiner Firma in Gaza zu erledigen hätte. Der Sergeant telefonierte nach Jaffa und bekam vom Gouverneur den Befehl, zwei Polizisten Herrn Abrahamow milzugeben, die ihn nach Gaza und von dort nach B e r s e b a, wo er ebenfalls einiges abzuwickeln hatte, begleiten sollten. In Berseba besuchte er einen alten arabischen Handelsfreund, der ihn gut aufnahm, sofort aber rottete sich eine wilde Menge um das Haus des Kaufmanns zusammen, die den Araber schmähten und Abrahamow bedrohte. Kein arabisches Geschäft ließ sich herbei, Abrahamow Lebensmittel zu verkaufen. Ein arabischer Schuldner erklärte glattweg, daß er einem Juden keine Schuld bezahle und sich von keinem Gerichte dazu zwingen ließe. Weitere Geschäftsreisen in der Gegend wurden A. von Jaffa aus untersagt. Herr Abrahamow veröffentlicht seine Erlebnisse in den palästinensischen Zeitungen und ist außer sich darüber, daß die Aemter und die zionistische Leitung bei einer solchen Stimmung, den Juden aus der Gegend von Gaza und Berseba raten, ja befehlen, in ihre Wohnsitze zurückzukehren. Er'teilt ferner mit, daß in Berseba sich drei verwaiste Thorarollen schutzlos befinden. Die drei Thorarollen der Gemeinde von Gaza sind zerrissen und verbrannt. Mörder zum Tode verurteilt. Jerusalem, 7. Nov. Vor dem Gericht in Jerusalem hatten sich vier Araber aus Hebron unter der Beschuldigung, an der Ermordung des Rabbiners Kaste! in Hebron am Tage der Iuden- Massacres beteiligt gewesen zu sein, zu verantworten. Zwei der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, die anderen zwei wurden liegen Mangels an Beweisen für ihre Beteiligung an dem Morde sreigesprochen. Me Untersuchungskommission in Palästina. Jerusalem, 3. Nov. In der Sitzung vom 3. November wurden Dokumente verlesen, die die Heharbeit des Groß mufti in Ieru-- salem unmittelbar vor dem Ausruhr bewiesen. Die arabischen Anwälte bestreiten die Echtheit der Dokumente. Es finden sich arabische Polizisten, die bezeugen, daß der Großmufti am kritischen Freitag die Menge vor Aufruhr gewarnt hätte, aber die Menge schrie: „Tod den Juden! Nieder mit der Balfourdeklaration!" Wer die kommunistischen Aufrufe in die Moschee hineingeschmuggelt hat, läßt sich nicht feststellen. Auf eine Frage des Vorsitzenden sagt Kapitän Kingsley-Heath, es sei kein Zweifel, daß in der Jerusalemer Altstadt die Araber und nicht die Juden die Angreifer waren. Der nächste Zeuge ist Major Monroe, der Leiter der britischen Polizei in Jerusalem. Er konnte feststellen, daß das erste Todesopfer ein Jude war. Die eintrömenden Araber waren rebellisch gestimmt und grüßten die Polizei nicht. Alle warne bewaffnet. Er hatte den Erotzmusti ersucht, die Menge zu beruhigen, Dieser aberschickte den Scheich Hassan,'der als Judenfeind und Hetzer bekannt war. Die meisten dieser Araber hatten dem Gottesdienst in der Moschee garnicht beigewohnt. Es sei nicht glaubhaft, daß Hassan versöhnende Reden gehalten hätte. Die Prozessionen waren provozierend,, sowohl die zionistische wie die arabischen. Es ent^rtckelt sich eine Redeschlacht zwischen dem Vertreter der Arabers W. H. Stöcker, und dem Anwalt der Iewish Agency, Dr. Frank Merriman, über den Charakter des Balfourmandais. Letzterer erhebt schwere Anklagen gegen Major Luke, dessen Schwäche im gegebenen Momente unheilvoll wirkte. Am 4. November begab sich die gesamte Kommission: in die betroffenen Gebiete. In manchen Dörfern wurden sie von arabischen Gruppen begrüßt, die feindliche Ruf« gegen Juden und Zionisten ausstießen. Der Anwalt. der Araber suchte sie zu beruhigen und auf das Unstatthafte ihres Unterfangens hinzuweisen. Am 6. November setzte die Kommission nach ihrer Rückkehr von den Ausruhrgebieten ihre Arbeiten im Zollhause fort. Der arabische Anwalt kennzeichnet die radikale Einstellung der Revisionisten. Ein jüdischer Distriktsbeamtet aus Haifa, Baruch B i n e h, der in den kritischen Tagen in Jerusalem bedienstet war, stellt die jüdisch« Demonstration an der Klagemauer als sehr harmlos dar. Er bestreitet entschieden, daß irgend ein Komitee sich in den Besitz der Klagemauer bringen wollte. Wenn auch die Stimmung bei den Juden sehr erregt war, so ver-- lief doch alles sehr ruhig. Der Vertreter der Araber bringt den Züricher Kongreß zur Sprache. Binehmöchte sich in politischen Auseinandersetzungen nicht einlassen, weiß aber ganz bestimmt, daß die Züricher Beschlüsse keinen Einfluß auf die Stimmung in Palästina hatten. Sir Merriman überreicht darauf der Kommission die Beschlüsse des Kongresses und der Iewish Agency^ Es werden dann noch mehrere Polizeibeamte vernommen. Polizeidirektor Burns kam zu einer Schlägerei, bei der 300 Juden gegen 250 Araber standen. Di« Polizei drängte die Juden zurück und geleitete die Araber aus dem Viertel. Vorher aber waren bereits in der Jafsastraße einige Juden getötet worden. Wer begonnen hatte, könne er nicht sagen. Ein arabischer Polizeiossizier, Daudi, sagt, die arabische Prozession habe ruhigen Charakter gehabt und Scheich Hassan hätte beruhigend auf die Menge eingeredet. Der Vorsitzende hält dem Zeugen entgegen, daß nach Aussagen hoher Polkzeibeamten die Menge in der Prozession Messer geschwungen und dauernd Flüche ausgestoßen hätte. Daraus kann der Zeuge keine Antwort geben. Er verwickelt sich auch sonst in Widersprüche utt& gibt endlich zu, daß Scheich Hassan von oidlen Moslsmiten als Lügner gehalten wird. Es folgen nun die Aussagen des Captain Fleif a y e r , des Kommandanten der Luftstreitkräfte, di« größte Aufmerksamkeit finden. Am 23. August traf er in Jerusalem ein, nachdem er Panzerautos dahingeschickt hatte. Eine Gruppe hatte die transjordanische Grenz« zu bewachen. Die Panzerautos reichten nicht aus, sodatz. man Infanterie aus Aegypten herbeiholen mußte. Di« britische Palästinapo'.izei wurde zur Bewachung der entfernten Distrikte abgcsandt. Zwei Panzerautos gingen, nach Tel-Awiw. Daß die Scheichs mit ihren Mannen, 'ich aus Transjordanien nicht auf den Weg nach Paläßina begaben, ist das persönliche Verdienst des E m i r Abdullah. In Nablus wurde die Polizei vo«: Arabern schwer angegriffen. Zur gleichen Zeit, anr Samstag, wurde - in Jerusalem die Vorstadt Talziottz egplündert. Als die Schreckensnachrichten von Hebron kamen, schickte man einen Trupp Soldaten dahin, der aber unterwigs von arabischen Horden aufgehalten wurd« und erst nachmittags dort anlaugte. Die britische Streits macht in Palästina bestand nur aus 175 Soldaten und 13 Offizieren. Die arabischen Angreifer bildeten ein« gewaltige Uebermacht gegenüber den Juden und auch den. Soldaten. Er, der Zeuge, mußte seine Hauptsorge der: Grenze widmen, um dort die einströmenden Beduinen» scharen aufzuhallen. Es war eine ungeheuer schwierig« Aufgabe für ihn, die 135 jüdischen Siedlungen, die ganz, verstreut liegen, zu schützen und zugleich die Grenze zu bewachen. An der syrischen Grenze wurde dieser Schutz, von der stänzösischen Streitmacht übernommen. Der Pol.'zriinspeltor des Norddistrikts, Major F o * ley, schildert die Ereignisse in Haifa in einer Weise, daß der jüdische Vertreter ihm vorwirst, er lasse sich von antisemitischen Gesichtspunlten leiten. Dev