Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14: Nov. 1929 Der Israelit Nr. 46 weile 5 „Stürmer" den Eladbecker Gymnasiastenmord und den Fall des bei Manau ermordeten Knaben als „jüdische Ritualmorde" bezeichnet, die jüdische Religion und die Juden, aus gefälschte Talmud-Zitate sich stützend, unflätig beschimpft. Nachdem der Hamburger Professor für rabbinisches Hebräisch und der Dovent am Breslauer Rabbiner-Seminar, Dr. M. Guttmann, auf Antrag der Verteidigung mnd der Völkische; Dr. Erich Bischofs, auf Antrag des Staatsanwaltes als Sachverständige abgelehnt wurden, gab der katholische Prälat und Professor Göttsberg e r aus München ein vernichtendes Gutachten über die 'Ritualmordlüge ab und wies nach, daß alle Zitate des ,„Stürmer" aus dem Talmud aus dem Zussammenhang gerissen und völlig sinnwidrig wiedergegeben worden sind. Neue antizionistische Offensive. Berlin, 12. Nov. Ein Komitee deutscher Juden aus dem Kreise derer, die vor kurzem die bekannte „Erklärung deutscher Juden" in der Tagespresse veröffentlichten, hat für Montag, den 11. November, abends, zu einer geschloffenen Kundgebung „Gegen die zionistische Agitation und den nationaljüdischen Palästina-Ausbau" nach dem ehemaligen Preußischen Herrenhaus geladen. Vor Beginn der Kundgebung war der Sitzungssaal überfüllt, sodaß in einem der größten Couloir-Raume eine Parallelversammlung veranstaltet werden muhte. Es kamen nur Persönlichkeiten aus dem liberal-jüdischen Lager zu Worte. Die Kundgebung im Sitzungssaal leitete Herr Direktor O st - berg, der ausführte, die deutsche Oeffentlichkeit gewinne durch die hemmungslose Propaganda der Zionisten ANd das Wirirken der Jewish Agency ein vollkommen falsches Bild von der geistigen Eiirstellung des deutschen Judentums. Der erste Redner, Dipl.-Ing. Bruno W o y d a, er- Härte; so lange die Jewish Agency für die Schaffung einer nationalen jüdischen Heimstätte eintrete, werden sie die deutschen Juden bekämpfen. Die Pflicht gebiete, die deutsch-jüdische Jugend vor schwersten Enttäuschungen zu bewahren. Es hat sich deshalb ein „Aktionsausschuß deutscher Juden" gebildet, der, wenn auch verschiedene Anschauungen in seiner Mitte vertreten werden, sich darin einig ist, daß die Abwehr gegen Zionismus und nationaljüdische Anschauungen unentwegt geführt werden müsse. „Wir haben keine nationale Heimstätte in Palästina, wir haben eine solche nur in Deutschland." Der Schriftsteller Julius B a b führte aus, die jüdischen Gräber in Deutschland seien älter als die Türme des Doms zu Worms. In Deutschland haben die Juden länger gelebt als in Palästina. Palästina habe nur hohen Symbolwert. Gefährlich sei es, aus diesem Symbol des Glaubens eine nationale Realität zu machen. Rabbiner Dr. Gallinger sagt, die Bestrebungen der Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat Zu gründend,: werden'den mesfl'amschen Verheißungen des Judentums widersprechen- Es sprechen noch R.-A. Dr. Blankenfeld, Studienrätin Dr, Gertrud Klausner und Referendar Dr. Werner Rosenberg. Als letzter Redner be- Zeichnete der Prediger der jüdischen Reformgemeinde, Dr. Karl Ros enthal, die nationalsüdifche Bewegung als das „Pseudo-Judentum derer, die den Glauben an die religiöse und kulturgeschichtliche Ausgabe des Judentums verloren haben." Einer Aufforderung des Vorsitzenden folgend, stimmte die Zuhörerschaft durch Erheben von den Sitzen der „Erklärung deutscher Juden" zu. Wahlfrieden im Deutsch-Israelitischen Synagogenverband. Hamburg, 12. -Nov. Durch die Wahl vom Dezember 1927 hatten die der Achduth nahestehenden Herren im Delegiertenkollegium des Synagogenverbandes die absolute Majorität erlangt und in der jetzt zu Ende gehenden Wahlperiode auch eine absolute Herrschaft ausgeübt. Anträge, die von der Minorität ausgiugen, hatten von vorneherein keine Aussicht durchzugehcn. Zu der in diesem Dezember bevorstehenden Neuwahl von 3 ausscheidenden Delegierten hatten n'nn die beiden bisher im Delegiertenkollegium vertretenen Gruppen den Wahlkampf propagiert. Eine Anzal beiden Gruppen angehörender Herren hat es nun unternommen, die beiden Gruppen zu bewegen, von einem Wahlkampf abzufshen. In einer Versammlung, zu der auch der gesamte Vorstand und das Delegiertenkollegium des Verbandes erngeladen und größtenteils erschienen war, wurde einstimmig beschlossen, den Wahlkampf zu vermeiden und und aus den Kreisen der Einberuser eine1 Kommission gewählt, die im Verein mit Herren der bisher vertretenen Gruppen eine Einheitsliste ausstellen soll. Hoffentlich hat damit der jahrelange, dem Ansehen und dem Einfluß der Orthodoxie in der Eefamtgemeinde so abträgliche Kampf ein Ende genommen. Oesterreich Die Wiener Sludenkenunruhen hören nicht auf. Wien, 5. Nov. Am Dienstag, den 5. November, wiederholten sich in Wien die Ausschreitungen gegen die jüdischen und demokratischen Studenten. Wie am Montag die Technische Hochschule war am Dienstag die Universität Schauplatz wüster antisemitischer Szenen. Die völkischen Studenten postierten sich auf der Rampe und forderteil alle Studenten, die die Rampe passierten, zur Ausweisleistung auf, diejenigen, die sich nicht als Mitglieder der Deutschen Studentenschaft ausweifen konnten, wurden verprügelt und die .Treppen hinuntergeworfen. Anr Fuße der Rampe kam es zu einer ernsten. Schlägerei, als sich eine Gruppe Hakenkreuzler mit den Rufen: „Hoch den Me Woche. Warschau. Im Alter von 72 Jahren verstarb hier der frühere Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde Stanislaw Rathanson. Er war ein Wortführer der Assimilation im polnischen Judentum. Vudaprst. Aus S o p r o n meldet man das plötzliche Ableben des Oberrabbiners der dortigen orthodoxen jüdischen Kultusgemeinde, Emanuel Erünwald, der ein Alter von 67 Jahren erreichte und volle 57 Jahre das Rabbineramt in Sopron bekleidete. Belgrad. Der jugoslawische Justizminister hat im Zusammenhang mit dem Wechsel- und Scheckgosstz, welches am 19. Dezember d. I. in Kraft tritt, eine Verordnung erlassen, laut welcher in Orten mit 10 Prozent Einwohner jüdischer Konfession auch die jüdischen Feiertage in Bezug auf die Fälligkeils- und Protesttermine berücksichtigt werden. An diesen Tagen können Proteste im Sinne des Wechsel- und Scheckgesetzes gegen jüdische Schuldner nicht gemacht werden. Zürich. Die „Neue Züricher Zeitung" erinnert daran, daß der jetzt 69 jährige in Genf lebende Schweizer Bürger Emil >D r e y f u s vor 80 Jahren als erster mit dem Plan der Schaffung einer europäis chen Zollunion vor die Oeffentlichkeit getreten ist. Basel. Am Dienstag, den 11. November, vollendete Herr I. D r e y - füS-Brodsty, Präsident des Schweiz. Jsr. Gemeindebundes und der Jsr. Gemeinde Basel sein 70. Lebensjahr. Paris. Am 9. November nachmittags wurden in dem großen Amphitheater der Sorbonne unter dem Vorsitz des Rektors der Universität Paris, Professor Charlety, und im Beisein der Professoren sämtlicher Fakultäten und des gesamten wissenschaftlichen und geistigen Paris die Urkunde und die Insignien eines Ehrendoktors der Univ e r s i t ä t P a r i s an Professor Albert Einstei n feierlich überreicht. Konstantineprl. Das SchuldDepartement der türkischen Negierung instruierte die Leiter der jüdischen Schulen dahin, daß Hebräisch-Unterricht in diesen Schulen nicht mehr erteilt werden ° d a r f. Diese Verordnung hat die jüdische Bevölkerung in Aufregung versetzt. Jerusalem. Dem Organ der arabischen Exekutive. der Zeitung „Felestin", wurde wegen Verbreitung falscher Nachrichten eine Geldbuße von Lstr. 30 äuserlegt. Numerus clausus! Pfui Juden!" auf eine kleinere Grupste jüdischer Studenten stürzte. Die Polizeiwache trennte die Studenten, indem -sie mit den Gummiknüppeln dreinschlug. Schließlich zogen die Inden, Sozialisten und Demokraten unter lauten Protestrufen ab, während die Hakenkreuzler die Rampe weiter besetzt hielten. Die Bewegung für Rehabilitierung Halsmanns. Wien, 5. Nov. Die in den österreichischen Bundesstaaten ausgekommene Bewegung für Rehabilitierung von Philipp Hals- Mgnn, der vom Innsbrucker Schwurgericht zweimal wegen angeblicher Ermordung seines Vaters zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilt wurde, nimmt an Umfang immer mehr zu. Der Dichter Jacob Wassermann richtete einen offenen Brief an den österreichischen Bundespräsidenten, in dem er ein Resümee des Prozeßmaterials gibt und leidenschaftlich ausruft, das Urteil sei nicht gegen die Tat, sondern gegen den Mann und feinen Stamm ergangen. Ein ungenannt sein wollender Herr stiftete 10 000 Schilling als Grundstock einer Sammlung, die zur Erforschung der Wahrheit im Falle Halsmann dienen soll. Auf den offenen Brief des Dichters Jacob Wassermann an den Vundespräsidenten Professor M i k - las antwortete Prof. Miklas ungefähr folgendes: Es ist richtig, daß ich mir eine gründliche Meinung mit Bezug auf Halsmann gebildet habe. Doch Zwingt mir meine Stellung als Bundespräsident Schweigsamkeit auf. Es ist mir auch unmöglich, zu der Frage einer Begnadigung Halsmanns schon heute Stellung zu nehmen, weil eine solche Stellungnahme von einem vorausgegangenen Begnadigungsantrag des Ministerrates abhängt. Auch jede andere Aeusterung ist mir unmöglich, weil der Fall Halsmann noch nicht abgeschlossen ist, möglicherweise es zu einem dritten Prozeß kommtwenn schon ein Eingreifen in ein schwebendes Gerichtsverfahren an sich unstatthaft ist, um so viel weniger kann der Bnndespräsident einen solchen Eingriff versuchen, mag auch seine Meinung über den Fall Halsmann noch so fest umrissen fein. (ITA.) Polen. Mrischaflssocgen in polen. Warschau, 1. Nov. In einer Aussprache des „Ort" interessierten besonders die Ausführungen des bekannten polnisch-jüdischen Wirtschafts- und Fiiianzpolilikers Prof. Adolf P e r e tz über die Verelendung der jüdischen Massen in Polen. Nach Prof. Pereh ist die gegenwärtige wirtschaftliche Katastrophe des polnischen Judentums auf die exklusive Einseitigkeit und Einförmigkeit seiner sozialen und beruflichen Struktur zurückzusühren. Diese Struktur ist gekennzeichnet durch einen übermäßig hohen Anteil der Handelstreibenden sowie einer Ueberwucherung der traditionellen jüdischen Handwerksbranchen. Allein vom Handel und Verkehr ernähren sich 1 229 986 Personen, d. h. 44,7 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens; von Industrie und Handwerk 937 073 (34 Pro;.); von freien Berufen 114 555 (4,2 Proz.); von Landwirtschaft 159 147 (5,8 Proz.); von Hausdienst und Lohnarbeit 63 324 (2,3 Proz.). Die sonstigen Beschäftigungen und die Bevölkerung ohne Beschäftigung machen insgesamt 9,0 Proz. (250 467 Personen) aus. In der Industrie ist, nur eine ganz kleine Anzahl jüdischer Arbeiter beschäftigt. Im Handwerk find die jüdischen Erwerbstätigen nur in einigen wenigen Branchen konventriert. Dies alles erklärt am besten, warum gerade die jüdische Bevölkerung von den Ereignissen der Nachkriegsjahre und der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik der polnischen Negierungen so schwer betroffen ist. Der wachsenden Verelendung steuern kann nur eine selbständige, klar umrissene jüdische Wirtschaftspolitik, deren Ausgabe es sein müßte; das Gebiet der jüdischen Erwerbstätigkeit zue rweitern, neue Erwerbsquellen zu erschließen und vor allem die jüdischen Handwerker aus den überfüllten Berufen in neue Arbeitsgebiete im -Handwerk wie in der Fabrikindustrie überzuführen. Auch in der Landwirtschaft könnte man eine größere Anzahl jüdischer Arbeitskräfte unterbringen. Zur Durchführung dieser Jndustrialisirruugsarbeit schlug Prof. Peretz die Gründung eines speziellen jüdischen F i n a n z i n st r u m e n t s mit einein Grundkapital von ca. 2 Millionen Dollar vor, vonde nen eine Hülste in Polen selbst, die andere Hälfte rm Auslands aufge-- bracht werden soll. Die 10 Millionen Zloty int Jnlande sollen durch Emisfivn einer entsprechenden Zahl von Aktien beschafft werden. So traurig die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen auch sind, so glaubt man trotzdent zur Annahme berechtigt zu sein, daß diese Sanierungsidee bei den jüdischen Massen Anklang finden wird, und daß es gelingen wird, die finanzielle Basis des Instituts zu sichern. Kehilawahlen in Krakau. Krakau, 10. Rov. In der Plenarsitzung des Krakauer Kehiloratcs stand anr Sonntag die Wahl der zwölfgliedrigen Verwaltung auf der Tagesordnung. Das JnterZss war so stark, daß man den Zuhörerraum vor dent Andrang ab-