Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 46 14. Nov. 1929 und dann wird die Stimme derer Gehör finden, die treu zur Thora hielten. * Gegenwärtig fehlen noch jegliche Anzeichen einer Wendung zum Bessern. Als nach den Pogromen im Monat Aw das Rabbinat zu einem Fasttag aufrief, da fastete auch der neue Jischuw, — aber fünf Wochen später, am Jomkippur, war für die Tausende, die im Jahre vorher auch gegessen hatten, vom Fasten keine Rede mehr. Es war in dem Verhältnis zur Religion alles beim alten geblieben. Die jüdische Geschichte weiß von Zeiten zu erzählen, in denen die Frauen die Situation retteten. Im neuen Jischuw scheinen aber gerade die Frauen die von religiöser jüdischer Betätigung Entferntesten zu sein. An der Erziehung der weiblichen Jugend hat die osteuropäische Judenheit sehr gesündigt. Ein Mädchen braucht nichts zu wissen, sie soll heiraten, Kinder zeugen und den Haushalt leiten, so lautete die Philosophie der Judengasfe im Osten. Es ist das nicht hoch genug einguschätzende Verdienst der Agudas Jisroel, in der Nachkriegszeit in Osteuropa eine Mädchenschulorganisatior.) gegründet und in wenigen Jahren zu einem imponierenden Schul n e tz entwickelt.zu haben. Doch die Ergebnisse dieser durch Wissen von der Thora Begeisterung für die Thora und allgemeine Elementarbildung erzielenden Schulen werden erst bet einem kommenden! Frauengeschlecht sichtbar werden und dann auch durch eine künftige Einwanderung nach Erez Israel auf den neuen Jischuw wirken. Jedenfalls muß auch in Erez Israel selber eine Reformierung der Schulen des alten Jischuw ernsetzen. Heute gibt der religionstreue alte Jischuw dem neuen Jischuw von seiner heranigewachsenen Jugend ab. Mit einem imponierenden Schulwerk wird das aufhören und im Gegenteil auf manche Teile i>es neuen Jischuw ein religiöses Interesse erweckender Einfluß ausgeübt werden. Hier kann gerade die Agudas Jisroel die Entscheidung herb eiführen, da das SchulNjetz des Misrachi ohne ein ausgebautes, schultechnisch gleichfalls hochwertiges Schulnetz der Agudas Jisroel nur ein Torso des orthodoxen Erziehungswerkes ist. Eines Mädchenschulwerkes gleich dem in Polen bedarf die Agudas Jisroel auch in Erez Israel. Auch muß sie sich bemühen, die Führer ihrer Kreise im alten Jischuw zu überzeugen., daß auch die Jungen heute eine andere Ausbildung haben müssen wie bisher. Ist das Prinzipielle der Schulsrage gelöst, dann bleibt noch ihre finanzielle Ermöglichung. Vielleicht lassen sich für letzteres einige der immerhin religiös interessierten Führer der amerikanischen Judenheit gewinnen. . An den Pädagogischen Akademien und Instituten in Preußen, Hessen und Mecklenburg-Schwerin, die einen Ersatz für die geschlossenen Lehrerseminare darstellen, befanden sich innerhalb einer Gesamtzahl von 1326 (995 und 331) Studierenden 13 (3 und 10) jüdische, von denen je 2 männliche und, - weibliche, j Reichsausländer waren. , ' T ' Unsere Jugend ist ein begeisterter Freund der Sammelbilder. Eine Sonderstellung aus diesem Gebiete beansprucht die „Palmin-Post". Neuartig, wie ihr äusteres Gewand — sie bietet bk Sammelbilder in Form einer kleinen Zeitschrift ZDREM.) — ist auch ihre „innere" Gestalt. >D?nn sie. begnügt sich nicht mit der bloßen Aneinanderreihung irgendwelcher Themen; sie ist vielmehr nach ganz neuen pädagogischen Gesichtspunkten aufgezogen. Künstler von Ruf schufen die Bilder, bekannte Pädagogen und Schriftsteller die Terte, Lehrerschaft und Kinder sind sich einig über den großen, besonderen Wert der „Palmin-Post", die jeder Tafel Palmin (dem naturreinen Kokosspeisefett von Dr. Schlinck) kostenlos beigefügt ist. Familiennachrichken. Varmizwo! Walter, Sohn des Herrn Direktor Max Epstein, Freiherr, o. Steinstraße 26. Synagoge Unterlindau. , i? nsvj Vermählte: Guxhagen, Bez. Kassel, 17. Nov. 29. Jsidot Katz, Guxhagen mit Helene Neuhaus, Bäumbach. — Isidor Neuhaus, Baumbach mit Malli Katz, Guxhagen. Beide Hochzeiten finden in Guxhagen b. Kassel statt. Der Israelit Nicht das politische Geschick der Judenheit Palästinas ist dos Wesentliche. Das Schicksal ruht in der Hand Gottes. Die innere, jüdische Entwicklung — das Produkt unserer Arbeit — ist entscheidend auch dafür, daß Gott das politische Geschick günstig gestalte. Aber auch unabhängig von der äußeren Gestaltung gewährt eine gesunde innere, jüdische Entwicklung Kraft, Dauer, Befriedigung. Darum muß einmal die Stunde kommen, daß selbst die Wlderstrebendsten des neuen Jischuw sich den Traditionen zuwenden. Diese Stunde vorzubereiten, ist eine Aufgabe würdig der Besten. Mögen sich diese Besten „einer mit dem andern besprechen," Gatt wird auf sie merken und die Geulah herbeiführen. v ü_*_V Korrespondenzen « ßacbricftten. Deutsches Reich. Ein Anschlag auf die jüdischen Volksschulen Berlins. Berlin, 10. Nov. Der neuernannte Dezernent für das Volksschulwestn beim Berliner Prorinzialschulkollegium, Regierungsdjraktor König, ein Sozialdemokrat, hat feine Amtstätigkeit damit begonnen, daß er eine Verordnung erließ, die den S ch u l unterricht an Sonntagen verbietet. Dadurch find die bestehenden jüdischen Volksschulen aus das schwerste betroffen, da bei einem nur fünstäigen Unterricht in der Woche das Lehrziel nicht erreicht werden kann. Und mit solchem Gesindel ... Berlin, 12. Nov. In einem uns vorliegenden Wahlprogramm der Berliner Nationalsozialisten versprechen diese ihren Wählern, die ihnen am 17. November ihre Stimme geben, im Magistrale durchzusetzen, daß alle Juden aus Presse, Theater, Kunst und Kino herausgebracht und zudem alle in Berlin wohnenden Juden aus ihren Wohnungen exmittiert werden. — Helmuth v. Eerlach nennt in der „Welt am Montag" dieses Wahlprogramm einen „faulen Witz" und fügt hinzu: „Man möchte lachen, wenn es nicht schauerlich wäre, daß immer noch viele Tausende unserer Mitbürger auf die niedrigste Demagogie hereinfallen. Dieser Demagogie dient, wer aus Faulheit oder Gleichgültigkeit der Wahl am 17. November fernbleibt." Es ist wirklich nicht zu lachen, wenn man bedenkt, daß die Nationalsozialisten mit solchem Programme im Badischen Landtag sich sechs Sitze erworben haben und erst letzten Sonntag bei den Wahlen ins Lübecker Parlament ebenso viel Mandate erhielt. Umso größer die Pflicht auch der jüdischen Staatsbürger, nächsten Sonntag an die Urne zu gehen und mit ihrem Wahlzettel dazu beizutragen, daß Stadt und Land in Deutschland vor dem Chaos bewahrt' bleiben. Vom Jüdischen Reformgymnasium Iawne. . Köln, 8. Nov. Auf der 15. Rheinischen Direktorenkonserenz, die vom 28.—30. Oktober in Düsseldorf tagte, wurde die Frage der Stellungnahme gegenüber dem verstärkten Zustrom zur höheren Schule besonders eingehend erörtert. Zur Begründung der nicht wcgzuleugnenden Tatsache wurden von verschiedenen Seiten nicht nur die Entwicklung' der Wirtschaftslage in den letzten Jahren hervorgehoben und die damit zusammenhängenden, sich immer mehr steigernden Ansprüche an „Berechtigungen", vielmehr wurde auch daraus hingewiesen, daß die Akademisierung der Volksschullehrerbildung im Zusammenhang mit dem in etwa 4—5 Jahren zu erwartenden Mangel an Junglehrern dahin führen würde, daß dann fast ein Mertel aller preußischen Abiturienten sich der Volksschullehrerlaufbahn widmen müssen, wenn nicht ein fühlbarer Mangel eintreten soll. Gerade aus diesem Grunde wurde von dem Direktor des Jüdischen Reformrealgymnasiums Iawne in Köln, Herrn Dr. Klibansky, in diesem Zusammenhang der Wunsch geäußert, daß einer Anstalt, deren Oberstufe vornehmlich im Dienste der Heranbildung zukünftiger Volksschullehrer stehe, wie dies bei der Iawne der Fall ist, die Möglichkeit geboten werden müsse, freie Arbeitsgemeinschaften für Grundfragen der Pädagogik und Jugendpsychologie aus der Oberstufe solcher Anstalten einzurichten. Dieses Bedürfnis ist auch von anderer Seite, kürzlich in der Monatsschrift für das höhere Schulwesen hervorgehoben worden. Es ist anzunehmen, dast die Schulbehörde den geäußerten Wunsch erfüllen wird. Aufklärungsverfammlung in Darmstadt. D a r m st a d t, 10. Nov. Etwa 1000 Besucher halten sich am Montag, den: 4. Novenrber, in Darmstadt zu einer großen, von der dortigen Ortsgruppe des C. V. einberufenen öffentlichen Versammlung eingefunden, in der der Direktor des Zentralvereins, Dr. Ludwig Holländer, über das Thema: „Innerer Friede, Deutschlands Rettung" berichtete und den Judengegnern, insbesondere den Nationalsozialisten ein Spiegelbild vorhielt, indem er Mf Grund rein wissenschaftlicher Darlegungen die vollkommene Brüchigteit ihres Programms und ihrer praktischem Betätigung nachwies. Die zahlreich anwesenden Nationalsozialisten kamen in der langausgedehnten Diskussion ausgiebig zu Wort. Bezeichnend ist es, daß auch hier von einer maßgebenden Persönlichkeit der Partei nicht der Versuch gemacht wurde, die Darstellungen des Referenten irgendwie zu erschüttern, sondern daß man sich lediglich auf die Ankündigung beschränkte, daß man mit Juden nicht diskutiere. Diese Feigheit machte auf den größten Teil der Versammlung den Eindruck, den jeder solcher Mangel au Mut unbedingt Hervorrufen muß,, nämlich der Unmöglichkeit, Dinge zu widerlegen, die geschichtlich und politisch als eindeutige Wahrheiten zu betrachten sind. Ein Redner, der sich als Nationalsozialist bezeichnete, wandte sich gegen einzelne Lehren des Judentums stellte Behauptungen über wirtschaftliche Fragen auf, die sich mit den bekannten Ausführungen der nationalsoz'alistischen Wirtschaftstheoretiker deckten. Rabbiner Dr.. M e r z b a ch konnte ihm aus dem religiösen Gebiet schlagend die Ilnhaltbarkeit seiner Auffassung Nachweisen,, während der Referent in seinem Schlußwort die anwesenden Gegner wiederholt aufforderte, ihm Gelegenheit zu geben, vor einem Forum unparteiischer Gelehrter über die einzelnen Abschnitte seines Vortrags zu diskutieren. Wenn die Gegner von der Richtigkeit ihrer eigenen Ausführungen überzeugt seien, so sollten sie auch den Mut ausbringen, mit ihm über das, was ihnen besonders am Herzen liege, kn Erörterungen einzutreten. Einen Höhepunkt des Abends bildete die Diskussionsrede von Dr. Earl Mierendorff, der auf die Herausforderung mehrerer Redner mit allem Nachdruck darauf hinwies, wie wenig die Nationalsozialisten ein Recht hätten, über die Vaterlandslosigkeit anderer zu sprechen, nachdem der Redakteur ihres Blattes im „Hessenhammer" vom 31. Oktober 1929 bei Besprechung der Arbeit des Reichsbanners seine Verwunderung ausgesprochen habe, daß „keine französische Behörde sich gegen die Hebungen des Reichsbanners, Memilitärischen Charakter hätten, auflehne". Dinse Eröffnung löste eine ungeheure Empörung gus. Vergebens ver-- suchten die Nationalsozialisten durch . Zwischenrufe diese- Stelle in rhrem Blatt von sich abzuschütteln. Der Erfolg der Hersammlung liegt zweifellosdarin,; >. daß Hunderten von Menschen die Augen über die Dinge geöffnet wurden, die sie sonst nur in einseitiger Be? leuchtung zu lesen und hören bekommen. Das Urteil im Nürnberger Talmudprozeffe. Nürnberg, 4. Nov. Das Schwurgericht Nürnberg sprach» wie schon gemeldet, am 4. November nachmittags das Urteil in Sachen der RituaImordh e,tz e des nationalsozialistischen.Hetzblattes „Der Stürmer". Wegen fortgesetzter Beschimpfung^ der jüdischen Religionsgesellschaft Md wegen Gotteslästerung wurden der Landtagsabgeordnete Stadtrat Holz zu drei Monaten und, 15 Tagen.und der Landtagsabgeordnete Streicher zu zwei Myuaten Gefängnis, beide auch zur Kostentragung, verurteilt. Der Staatsanwalt hatte gegeen Halz 10, gegen Streicher acht Monate Gefängnis beantragt. Der Mitangeklagte Drucker H i l z wurde freigesprochen. . .>'•-!< Sechs Verfahrens von denen vier auf Anzeigen der, Ortsgruppe Nürnberg und - des Landesverbandes Bayern d'esj 6entr alv er,eins deutscher Staatsbürger j ü d i s che n Glaubens eingeleitet wurden, führten zu diesem Urteil. Streicher und Holz hatten int