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Der Israelit · 1929-11-14 · Heft 46 (14.11.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 46 (14.11.1929)
Date
1929-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. Nov. 1929 Der Israelit nicht versprechen. Ebenso wenig, hält er im gegenwärtigen Momente eine A u s s p r a ch e i m Par ln mente oder eine E r k lärung de r Regierung über Palästina für trmlich und ratsam. Dagegen fand eine Anregung des Sekretärs Ser Unabhängigen Arbeiterpartei,! Fermer Brockway, eine K o n f e r e n> z r e -' p r ä s e ri t a t i v e r jüdischer und a r a b i - scher Führer zur Verlegung des Konfliktes einzuberufen, großes Verständnis auch bei den Vertretern Der Regierung. Der Unterstaatssekretär versicherte, daß die Möglichkeit einer solchen Verständigungskonferenz im Augenblicke von der Regierung reiflich erwogen werde. Man wird auf jüdischer Seite gut tun, einer solchen Konferenz nicht allzu optimistisch entgegen zu sehen — schon deswegen nicht, weil die Araber im Grunde ihres Herzens wenig Vertrauen zum englischen Vermittler zeigen. Immerhin werden wir auch diesen Versuch zur Herbeiführung einer Verständigung urid Versöhnung begrüßen. Wo ist die Brücke? Zum Problem «Alter und Neuer Jischuw". SBonv Sally Geis in Tel-Awiw. „Die Kinder Israel handelten böse vor Gott und dienten den Baalsgötzen. Sie verliehen den Gott ihrer Väter, Öer sie aus Mizrajim hinausgeführt hatte urtfr folgten den Göttern der sie um- §eb enden» Völker ... Da entbrannte Gottes Unwillen gegen sie, und er gab sie in die Hand ihrer Feinde . . . Als dann Israel zu Gott schrie, half Hm Gott . . Diese Worte durchziehen rythmisch die Geschichte unserer Vorfahren in dem Jahrtausend, das die Bibel festhält. Charakteristisch schließt die Bibel mit dem Satze: „So sprach Cyrus, der König von Persien: Der ewig waltende Gott, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche d>er Erde gegeben, und er hat mich beauftragt, ihm ein Haus zu Jerusalem in Iehuda zu bauen. Wer von euch, von seinem ganzen Volke, mit Gott, seinem Gotte, ist, der ziehe hinauf!" Was das Jahrtausend unter der Führung von Propheten nicht vermocht hatte, erreichte das halbe Jahrhundert an den Strömen Babels: Israel wendete sich nun endgültig vom rohen Götzendienste ab. Ein anderes Israel, als es in das babylonische Exil gezogen war, führte der Befehl des Königs Cyrus nach Jerusalem zurück. Aber auch weiterhin vollzog sich der Werdegang des jüdischen Volkes in Kurven, und es bedurfte immer wieder und wieder der erziehenden Hand Gottes, um das Bewußtsein für die Verpflichtungen als das Volk Gottes wach zu halten. So bleibt die jüdische Geschichte reich an Perioden des Unheils, damit diesem das Heil entsprieße. Eine Reihe von Fasttagen mit ihrer Liturgie künden von den Tagen der Prüfung. Doch wie auf Taanith Esther Purim folgt, so auf jede Katastrophe ein innigeres Wiederanschließen an Gott und seine Thora. In dieser Weife reagierte die jüdische Psyche bis in die Neuzeit. Nun erst vollzog sich die radikale Aenderung, daß das Verständnis für die religiös-ethische Besonderheit des Judentums bei einem fortgesetzt anrpachsenden Teile der Iudeniheit überhaupt schwand. Wo aber das jüdische Gewissen nicht mehr klopft, kann sich die Reue nicht mehr einstellen. Eine Kluft der Entfremdung tut sich auf, über die keine Brücke führt und nur wenige den Sprung zurück tun. Darum ist heute der Schofarton an den- „Ernsten Tagen" beim Beginne des Jahres für viele Ohren nicht mehr vernehmbar. * Man ist heute in Erez Israel gewöhnt, von einem „alten" und von einem „neuen" Jischuw zu sprechen. Der tiefere Sinn dieser Ausdrücke j läßt sich aber auf das ganze Galuth anwenden. Der alte Jifchuw basiert, anschließendden Generationen der Vergangenheit, -auf dem Sinai-Gesetz, der neue Jifchuw hat diese Verbindung zu seinen Vorfahren zerschnitten. In Erez-Isräel bezeichnet man all die, die vor der nationalen Bewegung kamen, als alten Jifchuw. Diese kamen aus religiösen Motiven. Der nationale neue Jischuw soWe eigentlich auch an Väter-Brauch und Väter-Denken anschließen, — aber scheinbar liehe er sich in seinem Durchschnitte eher für den Buddhismus der Inder als für das Judentum gewinnen. Sicherlich lebt noch viel Jüdisches im neuen Jischuw. Seelen spinnen» sich aus Generationen von Vätern- und Mütternzu Menschenpersönlichkeiten. Doch dieses Erbe bleibt beim neuen Jischuw im triebhaften Gefühl, ohne zur bewußten Einsicht zu werden. Humanität, Geistigkeit, Familiensinn sind z. V. solche jüdischen Werte des Gefühls. Es ist Tatsache, daß die überwiegende Mehrheit des neuen Jifchuw ,nicht einmal am Jomkippur fastet und eine Synagoge betritt. Von koscherem Haushalte ist schon gar nicht zu sprechen. Bis zur Zeit der jüngsten Pogrome haben tausende Juden bei Arabern ihren Fleischbedarf gedeckt. Die durch den Zionismus angefachte natio- —IHM Die Mitglieder der I Agudah I Jugendorganisation I und Angostelltenhund § erhalten bei jedem Versicherungs- Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die LebensverlicherungsgeleKllchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. H Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zw&t Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 nale Bewegung hatte in Osteuropa häufig gerade diejenigen Menschen ergriffen», die das Denken und Tun ihres Milieu, des Milieu der von tausendjährigen- Traditionen durchwirkten jüdischen Gasse, um das Linsengericht der europäischen Kultur aufgegeben hatten. Aus derartigen Elementen rekrutiert sich in der Hauptsache der neue Jischuw in Erez Israel. Ist es da -ein Wunder, wenn das Nationale als Ersatz für ftie mit dem jüdischer, Volksdasein stets untrennbar verflochtenen religiösen Ideale gilt, trotzdem dies beim klassischen Volke der Religion eine Unmöglichkeit sein sollte? Im Galuth sind auch noch die letzten Fäden der Bindung religiöser Natur. Wer im Galuth bereits über die Grenze des Jomkippur hinaus ist, der stellt sich außerhalb der jüdischen Gemeinschaft auch, wenn er ihr noch nominell angehört. In Erez Israel jedoch löst man in den Kreisen des neuen Jischuw jegliche Beziehung zur Religion des Judentums und fühlt sich trotzdem als einen „guten Juden". Bewundernswert ist freilich, wie diese Menschen häufig mit Erez Israel ein Leben größter Entbehrungen auf sich genommen haben, wie sie den Boden von» Erez Israel lieben, und wie sie bereit sind, sich zu opfern. Im- Galuth ist der Abfall von der jüdischen Religion ein gleichzeitiger Vorgang mit dem Willen der Assimilation, mit dem Aufgeben des jüdischen Seins. In Erez Israel aber will selbst der der jüdischen Religion Entfremdete die Erhaltung des jüdischen Seins. Darum besteht die Hoffnung, daß es für den neuen Jischuw eine Brücke zurück zum alten Jifchuw geben muß. Einmal wird der Dag der Einsicht leuchten, — register zusammenstellen. Es umsatzt fünf Generationen nnd reicht nahezu auf 200 Jahre zurück, bis nahe der Zeit, wo die Juden ihre für gut Geld erkauften „Beinamen" noch gar nicht so lange besahen. In dieser umfangreichen Chronik der Familie Bollag fand ich nun deutlich und klar die Namen in vier verschiedenen Variationen wie folgt beurkundet: Der Ururgroßratsr Leopold Joseph Po lag, geboren am 26. Februar 1747, gestorben am 14. Februar 1838; der Urgroßvater Eetsch Leopold P o l l a g , geboren am '24. September 1780, gestorben am 24. März 1837; der Großvater Ekiba Kilian Getsch P o l l a k, geboren am 17. November 1809, gestorben am 2. Januar 1872; der Vater Salomon Seligmann Bollag, geboren am 9. Apil 1849, gestorben im November 1926; der Sohn Charles Kilian Bollag, geboren am 28. September 1884. Wir ersehen aus dieser Statistik, daß . erst die vierte Generation beginnt, das harte P mit dem weichen B zu vertauschen und fortan nur das weiche B benützt. Ich sage absichtlich das Wort „benützt", weil meines Erachtens bei der damaligen Namensangabe und Bestimmung — wenn auch nicht Leichtfertigkeit — immerhin eine gewisse Willkür mitspielte. Aehnkiche, etwas weniger auffallende Namensvariationen treffen wir bei D r e i - us - Dreifuß; Dreyfus-Dreyfuß; Gideon- Gidion; W y l e r - Wieler; Meier-Meyer; W eil l- Weil - Weckl; Picard- Vigard - Vikkart. Ein unverbrüchliches Thoragefetz — und aus ihm ~ ift der jüdisch-volkstümliche Wahrspruch entstanden — lautet: „Schoinaua bein Acheichem". Bei jeder Sache nie -einseitig vorgehen und urteilen, sondern unter Brüdern erst Umschau halten. Ich war neugierig, wie Lengnau als Schwestergemeinde seine Pollag's und Bollag's zivilstandsamtlich verzeichnet hatte. Wie erstaunte ich aber über die Merkwürdigkeit, in den alten Chroniken auf der Lengnauer Gemeindekanzlei keinen einzigen — weder harten noch weichen Bollag zu finden . Wohl praktizierte hier in gutem Rufe jahrzehntelang der beliebte jüdische Arzt R. Bollag, aber er war nicht unser, sondern Endinger Bürger; hier in Lengnau nur seßhaft gewesen. So sehen wir bei allem Nefuma dieser Namens- Schreibänderung, daß es in den meisten Fällen — wie bereits erwähnt — nur persönliche Willkür war. In rein jüdischen Sachen, wie bei Ehe-Ehaliza- und Scheidungs- Briefen (Pakten) wird die Beibehaltung der ursprünglichen Namen in Schrift und Wort strenge gehandhabt. Auch die Zivilstandsämter von heute nehmen es mit einer Namensänderung nicht mehr so leicht. (Jüdische Studierende in Deutschland.) Auf Grund der Mitteilungen der ofl'iellen preußischen „Statistischen Korrespondenz" stellt A. Mahler Betrachtungen über die jüdischen Studierenden in Deutschland an. Im. Sommersemester 1929 waren an den deutschen Hochschulen unter einer Gesamtzahl von 123 700 immatrikulierten Hochschulstudierenden 4642 jüdische Studierende, und zwar 3549 männliche und 1093 weibliche. Von diesen entfielen auf die Universitäten 3921 (2680 männliche nnd 1033 weibliche). Die Zahlen für das Winterhalbjahr 1926/29 lauteten: Gesamtzahl aller jüdischen Studierenden 4336 unter 113 042 Studierenden überhaupt. Unter den 3921 jüdischen Universitätsstudierenden des letzten Sommerhalbjahres befanden sich 655 Reichsausländer (685 männk. und 170 weibk.). Es Es studierten nach Gruppen von Studienfächern und nach dem Geschlecht: Rechts- und Staatswifsenschaften 1065 männl. und 166 weibl., Volkswirtschaftslehre 139 und 60, Betriebswirtschaftslehre 78 und 19, Allgemeine Medizin und Zahnheilkunde 953 und 388, Tierheilkunde 1, Philosophie und Pädagogik 106 nnd 39, Alte und neue Sprachen sowie Germanistik 159 und 165, Geschichte nnd Geographie 74 und 33, Mathematik und Physik 95 und 44, Chemie 100 und 33, Landwirtschaft 22 sowie schließlich sonstige Fächer 96 und 86. Das Berufsziel Rabbiner gaben 46 Studierende an. Für dre von den jüdischen Studierenden gewählten Universitäten ergeben sich folgende Zahlen: Berlin 1177 <863 männk. und 314 weibl.), Bonn 192 (137 und 55) Breslau 287 (229 und 58), Frankfurt a. M. 357 (271 nnd 86), Göttingen '42 (29 und 13), Greifswald 7 (0 weibl.), Halle 26 (22 und 4), Kiel 14 (9 und 5), Köln 211 (170 und 41), Medizinische Akademie Düsseldorf 13 (11 und 2), Königsberg 87 (61 und 26), Staatliche Akademie Braunsberg 0, Marburg 24 (17 und 7), Münster 17 (9 und 8), Preußen insgesamt 2454 (1835 und 619). Erlangen zählte nur 26 jüdische Studierende (19 und 7): München 217 (151 nnd 66), Würzburg 152 (128 nnd 24), Leipzig 209 (174 'und 35), Tübingen nur 19 (14 unb 5), Freiburg 247 (156 und 91), Heidelberg 362 (235 und 127), Jena 26 (21 und 5), Eietzen 43 (37 und 6), Hamburg 144 (99 und 45) und Rostock 22 (19 und 3). Technische Hochschule: Aachen zählte 9 (8 und 1) jüdische Studierende, Berlin 292 (263 und 9), Breslau 24 (22 und 2), Hannover nur 12 überhaupt, darunter keine Frau; auch im Wintersemester 1928/29 gab es in Hannver keine jüdische Studentin, dagegen noch 15 Studenten unseres Glaubens! Preußen insgesamt 337 (325 und 12). München zählte 29 (28 und 1), Dresden 45 (41 und 4), Stuttgart 16 (13 und 3), Karlsruhe 36 (lediglich männl.), Darmstadt 46 (desgl.), Braunschweig 13 (12 und 1). Technische Hochschulen des Deutschen Reiches insgesamt: 524 (503 und 21), darunter 269 Reichsauskänder. An den Landwirtschaftlichen Hochschulen studierten IS — nur männliche — Glaubensgenossen, von denen 15 Ausländer waren. Die Tierärztlichen Hochschulen zählten 3. die Bergakademien einen ausländischen Studierenden unseres Glaubens, die Handelshochschulen 161 (132 und 29).

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